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Full text of "Biographisches Jahrbuch für Altertumskunde"

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Biographisches Jahrbuch 



für 



Altertumskunde. 



Begründet von 

Conrad Bursian, 

herausgegeben von 

Karl Münscher. 



Vierund vierzigster Jahrgang. 

1924. 




LEIPZIG 1925. 
O. R. REISLAND. 



<4 



Alte Rechte vorbehalten. 



AlUnbar«, Thür. 
Pimnch« Uofbnohdruekirti 
Stophui 0«ib*l 4 Co. 



Inhaltsverzeichnis, 



Helte 

Juatua Hermann Lipsius. Von Franz Poland in Dresden . . 1 
August Brinkmann. Von Hans Oppcrmiinu in Bonn .... 37 

Thomas Stangl. Von J. Karl Schönberger in Nördlingen . . 62 
JWedrich Vollmer. Von Haus Kubenbauer in München . . 68 
Otto HirHchfeld. Von Ernst Kornemann in Breslau .... 104 

Otto Plasberg. Von Rudolf Helm in Rostock . . . . . .117 

Theodor Thalheim. Von Heinrich Schwarz in Jauer . . .138 

Alfred Gercke. Von Bruno Prebn in Breslau 161 

Franz Cnuner. Von Simon Widmann in Münster (Westf.) . . 193 
Verzeichnis der in den Jahrgängen 1908—1924 (Band 138—202) 

enthaltenen Nekrologe 206 



Justus Hermann Lipsius. 

Geb. 9. Mai 1834, gest. 5. September 1920 1 ). 
Van 

Franz Poland in Dresden. 

Selten erscheint in der Geschichte der philologischen Wissen- 
schaft ein angesehener Gelehrter schon durch seine Abstammung 
in dem Maße zum klassischen Philologen bestimmt wie Lipsius. 
Zwar der Zusammenhang mit dem großen Holländer, in Erinnerung 
an den ihm sein Vater offenbar den Namen Justus beigelegt hat, % 
ist nicht zu beweisen; wohl aber war Lipsius nicht nur der Sohn 
eines Gymnasialrektors, sondern auch Urgroßvater und Großvater 
mütterlicherseits waren Gymnasialrektoren , väterlicherseits Geist- 
liche. Der Vater, Karl Heinrich Adelbert Lipsius, war 1832 bei 
der Reorganisation der Thomasschule in Leipzig vom Gymnasium 
in Gera zunächst als Quartus und Religionslehrer dorthin berufen 
worden. Hier im Hause der altehrwürdigen Thomana, das heute 
vom Erdboden verschwunden ist, nahm er als Schwiegersohn des 
damaligen Rektors Fr. W. Ehrenfried Rost, der seinerseits ein 
Sohn des ehemaligen Rektors von Plauen und Bautzen Christian 
Jeremias Rost war, Wohnung, und hier wurde am 9. Mai 1884 
Justus Hermann geboren. 

Er war das dritte Kind; älter waren der am 19. August 1892 
als Professor der Theologie und Geheimer Kirchenrat in Jena ver- 



J) Jahresber. Grimmaer Fürstensch. 1861—1863. Nicolaigymn. 1857, 
63, 64, 66 und 78. Leipz. Tagebl. 1877 Nr. 277 (vom 4. Okt.). Haan, 
Sachs. Schriftstellerlexikon 1875, 8.200. Bursian, Gesch. d. klass. Philol. 
München u. Leipzig 1883, S. 865. 1156. E. Bisch off, Das Lehrerkollegium 
des Nicolaigymn. 1897, S. 27 u. 57. Brockhaus und Meyers Konversations- 
lexika u. d. N. [J. Poeschcl], Das Kollegium d. Fürsten- u. Landesschule 
Grimma von 1849 bis 1900. Zur Feier des 350jährigen Bestehens der Anstalt. 
Grimma 1900. S. 40 ff. Th. Sorgen frey, Die Abiturienten des Rektors 
J. H. Lipsius. Ein Beitrag zur Geschichte der Nikolaischule zu Leipzig 
im 19. Jahrhundert. Leipzig 1904. P. L. Fischer, Grimmaisches Ecce 1920. 
Dresden 1920, S. 20 ff. A. Körte, Worte znm Gedächtnis an Justus 
Hermann Lipsius (Ber. ü. d. Verh. d, Sachs. Akademie d. Wiss. zu Leipzig. 
Philol.- bist. Kl. 73. Bd. 1921, 2. Heft, S. 41 • ff. 

Nekrologe 192i. (Jahresbericht f. Altertumewieaenichaft. Bd. »03 B.) I 




■ . 



Hermann Lipsius. 



storbene Adelbert und der als Professor der Architektur an der 
Kunstakademie in Dresden am 11. April 1894 aus dem Leben ge- 
schiedene Constantin, jünger die einzige Schwester Maria, die 
unter den Schriftstellernamen La Mara sich bekannt gemacht hat, 
und aus deren Lebenserinnerungen 1 ) Bich manche wertvolle Mit- 
teilung entnehmen läßt. Einen so angesehenen Namen sich alle 
vier Geschwister gemacht haben, in Justus Hermann sollte die 
philologische Tradition des Geschlechts ihren Höhepunkt erreichen. 

Die Schilderangen der Schwester belehren uns in anschau- 
licher Weise Uber die Umwelt des Knaben, die Eigenart seine]» 
Eltern und Großeltern. Von seinem Vater heißt es (S. 5): „Aus 
dem elterlichen Pfarrbanse nahm Adelbert Lipsius eine vorzügliche 
Erziehung ins Leben mit. Vom Vater, einem bei aller Frömmig- 
keit frei denkenden Mann, der sich früh einen weiten Weitblick 
erworben und in auserlesenen Kreisen bewegt hatte, ererbte er 
den Scharfsinn, die logische Klarheit, die nie ermüdende Pflicht- 
treue, den bei allem Ernst zuweilen hervorbrechenden liebens- 
würdiger Humor, die feine Art, die ihn kennzeichneten. Die 
Großmutter, in der Herrnhuter Brüdergemeinde erzogen, Schwester 
des Dichters geistlicher Lieder Bernhard Garve, mit der schönen 
Literatur der Zeit wohl vertraut, verfasste selbst manches geist- und 
gemütvolle Gedicht. Der Sohn dieses Paares nun, Adelbert Lipgi UB> 
erstrebte bereits die akademische Laufbahn und habilitierte sich 
nach glänzender Absolvierung theologischer and philologischer Studi 
mit 22 Jahren an der Universität Leipzig. Um aber seine Braut 
heimführen zu können, verzichtete er auf die akademische Tätigkeit 
und nahm vor seiner Stellung in Leipzig eine Berufung als Kon* 
rektor an das Rutbeneum in Gera an. 

Von dem harmonischen Zusammenstimmen des jungen Gelehrten 
von milder, ruhiger Gemütsart mit seiner bei äußerer Gelassenheit 
von lebhaftem Temperament und starkem leidenschaftlichen Fuhlen 
begabten Gattin, dem dichterischen und musikalischen Treiben im 
Elternhause, dem Zusammenleben 4 er v i er Geschwister, das nach 
dem frühen Tode der Mutter (1842) sich nur noch inniger gestaltete 
hat Lipsius' Schwester ein anmutendes Bild entworfen. Neben dem 
Buche La Maras sollen aber auch die von Lipsius selbst im 
Alter von 81 Jahren gemachten Aufzeichnungen Uber sein 
und Wirken, die seine nun auch verstorbene Gattin in 






') Durch Musik und Leben im Dienste des Ideals. 
2 Bde. 



■ ■ 




werter Weise zur Verfügung gestellt hat, und die in ihrer schlichten 
Sachlichkeit so bezeichnend für den Verfasser sind, gelegentlich zu 
Worte kommen. 

So berichtet Lipsius selbst von seinem Bildungsgange: „Auf 
der Thomana habe ich auch meine Schulbildung empfangen. Nach 
kurzem Vorbereitungsunterricht auf einem Privatinstitut wurde ich 
Ostern 1849 in die Sexta aufgenommen und durchlief in sieben 
Jahren die Klassen bis zur Maturitätsprüfung, bestand sie aber erst 
zu Michaelis 1850, da ich meiner Jugeud wegen noch ein Halbjahr 
zurückgehalten wurde. Von meinen Lehrern habe ich namentlich. 

Stellbaum, den Herausgeber des Piaton, in dankbarer Erinnerung,, 
„„s 1835 meinem Großvater Rost im Rektorat gefolgt war." Dana 
aber ftbrt er fort — man wird geradezu an die Art erinnert, wie 
Horas seines Vaters gedenkt — : „Aber weitaus das Beste schulde 
ich meinem Vater. Nach dem frühen Tode meiner Mutter widmete 
er sich mit hingehendster Treue der Erziehung seiner Söhne . . , 
Per Fürsorge für uns hat mein Vater die Vollendung seiner wissen- 
schaftlichen Lebensarbeit, einer Grammatik der neutestamentlichen 
Gr&citKt, geopfert 1 ). Nach nur zehnmonatlicher Bekleidung de» 
Rektorats ist dann Adelbert Lipsius am 2, Juli 1861 gestorben. 
Per junge Student hatte sich nach dem Wunsche des Vaters für 
* logie und Philologie zugleich in Leipzig immatrikulieren lassen.. 
„ von vornherein", berichtet er, „stand mir die Entscheidung für 
- letztere Studium fest, so wenig günstig auch dafür die Verhältnisse 
Leipzig damals lagen. Otto Jahn und Mommsen waren eben wegen- 
iligung am politischen Leben ihres Lehramtes enthoben worden. 
Haupt konnte ich nur die erste Stunde einer Theokritvorlesung 

>) Ich möchte mir nicht versagen miUuteiien, was L. in pietätvoller 
Weise über die wissenschaftliche Tätigkeit seines Vaters berichtet: „Er 
hatte einen Vorläufer: De usu modorum in novo testamento P. 1., schon 
1888 als Habilitationsschrift der theologischen Fakultät in Leipzig vor- 
gelegt Nur einen kleinen Anfang des Ganzen hat . . . mein Bruder Adelbert 
zur Veröffentlichung fertiggestellt 1862, den weiteren Nachlaß hat er seinen? 
gehüler PAchmiedcl für die Neubearbeitung von Winere Grammatik übergeben. 
Auch eine Auawahl von Schulreden meines Vaters hat mein Bruder 1865 
herausgegeben und mit einem warm gezeichneten Lebensbilde eingeleitet» 
»offentlicht hat mein Vater nur in zwei Gelegenheitssehriften 
zur Erklärung seines Lieblingsautors Plutarch und eine Samm- 
der PlautUBprogramme seines Schwiegervaters Rost veranstaltet in 
zwei Bänden Opuacula Plautina 1836, von denen der aweite eine 
e Übersetzung von neun Stücken, der erste 28 Abhandlungen an? 
und Kritik des Dichters enthält." 

i* 



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Justus Hermann Lipsius. 



■ ...t.J-;.-}*;. 



hören, ehe ihn die gleiche Maßregel traf. Der zu 
füllung der Lücke berufene G. W. Nitzsch, den die Dänen «einer 
Kieler Professur entsetzt hatten, war zu alt geworden, um noch 
eine erfolgreiche Wirksamkeit auszuüben. Neben ihm lehrten 
Westermann und Klotz 1 ), von denen ich dem enteren und seinen 
zwar nicht besonders anregenden, aber durchweg gründlichen und 
gewissenhaften Vorlesungen das meiste verdanke." Rühmt er doch 
von Westermann*) an einer anderen Stelle (Nr. 90, S. 9), daß er 
die griechisch-antiquarischen Studien an der Leipziger Universität 
eingebürgert hat, also eben die Studien, in denen L. selbst das 
Hauptarbeitsfeld für seine ganze wissenschaftliche Betätigung ge- 
funden hat Ober seine Kommilitonen aber sagt Lipsius : „Im 
Seminar fanden Bich wenige, aber durch gleiches Streben sich 
gegenseitig fördernde Genossen zusammen, die alle, mit Ausnahme 
eines Frühverstorbenen, sich einen Namen in der Wissenschaft ge- 
macht haben, vor anderen Fr. Hultsch 3 ).* Dann äußert sich Lip- 
sius über seine damaligen weiteren Pläne: „Den Gedanken, auch 
eine auswärtige Universität zu besuchen und, was mir nahe gelegt 
wurde, mich für eine akademische Tätigkeit vorzubereiten, standen 
äußere Umstände im Wege." 

Nachdem Lipsius „durch eine Eins ausgezeichnet" (La Mara, I, S. 44) 
die Staatsprüfung am 18. März 1856 bestanden und am 18. April 
darauf den Doktorgrad erworben hatte, wobei damals an Stelle der 
Dissertation eine bei der Staatsprüfung günstig beurteilte Arbeit 
genügte, begann er Ostern 1856 sein Probejahr an der Thomas- 
schule und wurde bereits zu Michaelis als Vikar für den erkrankten 
Dr. Fritzsche an die Nikolaischule versetzt. Bezeichnend für die 
ihm eigene zurückhaltende Art bei aller Tüchtigkeit ist das Urteil, 
das Rektor Nobbe über den blutjungen Probandus abgibt : „Er war 

zwar etwas kalt in seinem Wesen, aber im Unterricht so umsieht 

— t -j 

») B. A. Müller glaubt in seiner Besprechung (PhiL W. 1923, Sp. 565) 
von Körtes Nekrolog wohl nicht ohne Grund für das sichere lateinische 
Sprachgefühl von Lipsius auf den Einfluß von Klotz hinweisen zu können. 

a ) Bezeichnend ist auch ein Urteil Westermanns über eine Seminar* 
arbeit des noch nicht 18jährigen Studenten, daß sie „das rechte Mai ein 
halte«; s. B. A. Malier a. a. O. — S. A. 3. 

■) Der seinem alten Studienfreunde 14 Jahre im Tode vorangegangen« 
von ihm durch Nachruf geehrte (Nr. 85) Friedrich Haltseh begegnete sich 
in seinem Urteile über die damaligen Universitf tsverhältnisse, auch in der 
Wertschätzung Westennanns, durchaus mit Lipsius. Vgl. meinen Nekrolog 
in diesem Jahresber. B4 CXLV B, 8, 142, wo auch des Zusammenarbeiten» 
mit Lipsius gedacht ist 




und eich sehr von ihm gefördert und gehoben fühlten* *). 

Im Mai 1857 trat LipBius, nunmehr endgültig angestellt, als 
dritter Adjunkt in das Lehrerkollegium der Thomasschule zurück, 
und für Oktober des Jahres berief ihn das Kultusministerium in 



.■ 



■ 




die Stelle des 9. Oberlehrers und Ordinarius von Unterquarta an der 
Fürsten- und Landesschule zu Meißen. Drei Jahre hat er an ihr 
gewirkt, unterstützt vom Wohlwollen seiner Kollegen und der Liebe 
seiner Schiller, aber auch reichen Segen an ihr und durch sie er- 
fahren, wie er bei seinem Scheiden hervorheben konnte (Ecce, 3. 21). 
Wenn er selbst seinen Aufenthalt in Meißen als „glückliche Jahre" 
bezeichnet, so trug zu dieser inneren Befriedigung gewiß mit die 
Freude an den ersten wissenschaftlichen Leistungen bei. Schon im 
Beginn dieser Betätigung läßt sich wohl die Beobachtung machen, 
wie bei Lipsius die wissenschaftliche Arbeit aus seiner Lehraufgabe 
zu erwachsen pflegte und wie er, stieß er auf Probleme, sie nicht 
beiseite schob, sondern kräftig in Angriff nahm, auch wenn ihn 
je Untersuchung über das nächste Ziel hinausführen mußte. Er 
igte sich damals eifrig mit den Tragikern, besonders mit 
Sophokles. Das zeigen nicht nur seine in diesen und in den kurz 
darauffolgenden Jahren so zahlreichen Besprechungen von Schriften, 
die es mit den Dichtwerken selbst oder verwandten Fragen wie der 
alten Musik und besonders der Theatereinrichtung zu tun haben, 
ein Interesse, das ihn bis in die letzten Jahre seines Lebens hinein 
die kritische Tätigkeit immer wieder aufnehmen ließ 8 ), sondern So- 
phokles waren auch seine ersten selbständigen Leistungen gewidmet. 
Über diese erste Arbeit De Sophoclis emendandi praesidiis (Nr. 2 : 
1860) sagt er selbst in seinen Aufzeichnungen: „Bei meiner Beschäf- 
tigung mit Sophokles war mir der Mangel einer kritischen Ausgabe 
fühlbar geworden und der Plan gekommen, dem Bedürfhisse abzuhelfen. 
Zunächst kam es darauf an, über die Grundlage unseres Textes 
und besonders über das Verhältnis deB LaurentianuB zur sonstigen 




i) Diese wie andere im folgenden den Schul* und Ratsakten ent- 
nommenen Mitteilungen verdanke ich Lipsius' treuem Schüler, Konrektor 
Dr. Ernst Bischoff, der seitdem auch verstorben ist. 

•) S. Nr. 1 (1859). 4. 5 (1861). 6. 8. 10. 11. 12 (1862). 14. 15 (1864). 18 
(1867); über die alte Musik: Nr. 19 (1867); über das Theater: 9 (1868). 73 
(1897). 100 (1916). 105 (1918t). Über die Fragen der dramatischen Auf- 
führungen (48. 49. 7a 91) s. u. 8. 21 f. Durch den Klassenunterricht wurde 
offenbar auch die Besprechung einer Lukian betreffenden Schrift (Nr. 7: 
im «^regt. 




,1 



ü-. ;: 



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Überlieferung Sicherheit zu gewinnen." Bezeichnend für Lipsius, 
dessen wissenschaftliche Eigenart sich früh herausbildete, erscheint 
das Urteil eines Rezensenten (GL W.) über diese Erstlingsarbeit 
(Lit. Centr. 1860, 8p. 491 f.) : „eine sorgfaltige, besonnene, in sehr 
hübschem Latein geschriebene Abhandlung", und mit Stolz konnte 
der Einundachtzigjährige in seinen Erinnerungen darüber fortfahren | 
-Daß diese (Überlieferung) nicht wie Cobet und W. Dindorf be- 
hauptet hatten und noch später Mekler und andere verfochten, aus- 
schließlich auf jenen (Laurentianus) zurückgeht, sondern vor allem 
in dem Parisinus 2712 eine selbständige Textesquelle vorliegt, was 
beute allgemein anerkannt ist, habe ich zuerst gezeigt," Da hier- 
mit eine sorgfältige Vergleichung des Parisinus notwendig geworden 
war, Heß sich Lipsius durch Fröhner eine solche besorgen, die er, 
als er sich später „einem anderen Arbeitsgebiete zugewendet hatte* 
in dem Programm Apparates Sophoclei supplementum (Nr. 17. 
1867) veröffentlichte, während er in der Tat noch mehr als ein 
halbes Jahrhundert später beklagen konnte, daß -die kritische Aus- 
gabe des Dichters bis heute ein unbefriedigtes Bedürfnis geblieben 
ist". Seine Gründlichkeit aber führte ihn zunächst über das be- 
tretene Forschungsgebiet hinaus. -Mit meinen Sophoklesstudien" 
sagt er in seinen Aufzeichnungen, „in engem Zusammenhang stand, 
meine Beschäftigung mit der antiken Metrik und ihrer Geschichte. 
Eine kleine Frucht von ihr ist außer Anzeigen im Literarischen 
Zentralblatt 1 ) der Aufsatz Iber Heliodor (Nr. 3: 1860). Der d* 
gegebene Nachweis, daß Heliodors Metrik einer älteren Zeit als 
Hephaistion angehört, ist später von Hense noch weitergeführt 
worden." 

Michaelis 1860 wurde Lipsius zunächst als vorletzter (8.) Ober« 
lehrer und Klassenlehrer der Oberquarta an die Fürsten- und Landes» 
schule zu Grimma versetzt, wo ihm als 7. Professor schon nach 
einem Jahre das Ordinariat der Sekunda anvertraut wurde. Wie sich 
damals sein Interesse durchaus nicht einseitig auf das klassische 
Altertum beschränkte, zeigen seine Schulreden: seine Antrittsrede 
vom 9. Oktober de sckolarum provincialium instituto etiam nostrac 
aetatt »aluberrimo und kurz darauf die Rede zu Königs Geburtstag 
(12. Dezember) über Dantes Stellung zum klassischen Altertum 
([Poeschel], 8. 42). Schon damals war es ihm vergönnt, in Prima grie- 
chische Schriftsteller zu erklären. Über sein Auftreten aber gibt ein maß. 



jafe 



») 8. 5 A. 2; dazu auch die Anzeige von Christ, Die V 
Horas im Lichte der alten Überlieferung (Nr. 21: 1868). 




gebender Zeuge dieser Zeit Oberkirchenrat P. L. Fischer (Ecce, 
8. 21) folgende bezeichnende Schilderung: „Nur 26 Jahre war er 
«|t, uns aber erschien er durchaus nicht jung in seiner kraft* und 
würdevollen, bei allem Ernste humanen Persönlichkeit. Schreiber 
dieses erinnert sich keiner einzigen jovialen Äußerung, die er getan 
hatte, utfd doch fühlten wir uns zu ihm hingezogen. Wir hatten 
alle den Eindruck, daß er ein gründliches Wissen besaß, uns fördern 
konnte und wollte, wir fanden sein Verhalten gegen uns wohl* 
wollend und gerecht Es gibt kaum einen Augustiner aus jener 
Zeit, der es nicht als Glück erachtete, zu seinen Füßen gesessen 
zu haben." 

Bereits Ostern 1863 wurde der Neunundzwanzigjährige als 
Konrektor an die Nikolaischule seiner Heimatstadt berufen, die 
fortan die Stätte seines Wirkens weit über ein halbes Jahrhundert 
bleiben sollte. Offenbar hatte man ihn schon damals als Nach- 
folger des zweiundsiebzigjährigen Rektors Nobbe ins Auge gefaßt. 
Freilich waren noch manche Schwierigkeiten zu überwinden, ehe 
das unglückliche, vom Rektor der Thomasschule Eckstein betriebene 
Projekt einer Vereinigung beider Anstalten zu Falle gebracht war* 
nfz.) und Lipsius sein Amt als Rektor antreten konnte. Auf 
en Fall aber wollte man sich schon vorher, wie es in der Rats- 
suschrift an die Stadtverordneten heißt, in ihm die „ausgezeichnete 
Kapazität sichern, die man durch eine auswärtige Berufung zu ver- 
lieren fürchtete" (Leipziger Tageblatt 9. 3. 66, Nr. 68, S. 1420), 
und dachte sogar einmal daran, ihn als Konrektor mit Rektoren- 
«»halt an der vereinigten Anstalt anzustellen. 

Damit aber dem Ernste das Satyrspiel nicht fehle, erschien 
ein gehässiger Artikel gegen Lipsius' Wahl zum Rektor in der 
Mitteldeutschen Volkszeitung (Februar 1866), auf den im Leipziger 
Tageblatt vom 28. Februar eine Kundgebung der Sekunda der 
Nikolaischule, eine recht merkwürdige Erscheinung für damalige 
Zeit antwortete. Sie schließt mit den Worten ; „Und so sei zuletzt 
noch der Freude, die die Nikolaischule jetzt durchdringt, Uber die 
Wahl gerade dieses Rektors ein Ausdruck gegeben ! Wir grüßen 
ihn im voraus als unseren Führer. Wir schauen mit Hoffnung 
unter solcher Leitung auf die Größe der Nikolaisehule. B 

Kit einer lateinischen Rede, der letzten lateinischen, die an 
der Nikolaischule gehalten wurde (Sorgenfrey, S. 6), trat Lipsius 
am 14. August 1866 sein Amt an. Bedeutende Aufgaben und eine 
gewaltige Arbeit erwarteten den jungen Rektor. Er nahm die 
Arbeit aber um so hochgemuter auf sich, als er damals in der 



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St£i : 



MfiV 



I 




Hermann Lipsius. 



geist- und gemütvollen Tochter des Rittergutsbesitzers Fohl auf 
Schmölen bei Würzen, Laura, die treue Lebensgefährtin fand. 

Bedeutend waren die Umgestaltungen im Schulwesen, die auf 
Lipsius zurückgehen. „Die Unzweckmäßigkeit der den sächsischen 
Gymnasien gemeinsamen Gliederung' in sechs Klassen mit andert- 
halbjährigem Kurs", berichtet er in seiner schlichten sachlichen 
Weise, „erheischte dringend eine sachgemäßere Regelung. Der von 
mir und Eckstein gestellte Antrag auf Einführung von neun Jahres- 
k ursen gab den Anlaß , diese Ordnung im ganzen Lande durch- 
zuführen" 1 ). Machte schon die Umgestaltung einen Neubau notig, 
so nicht minder die rasch ansteigende Schülerzahl mit der damit i Q 
Verbindung stehenden Vergrößerung des Lehrerkollegiums, das, 
er fühlte, „nicht bloß einer Ergänzung, sondern auch einer Ver- 
jüngung bedurfte". Mit berechtigtem Stolz rühmt er sich, daß von 
den 25 Mitgliedern des Lehrerkollegiums , auf die es von 11 g e . 
wachsen war, bei seinem Scheiden aus dem Rektorate (28. September 
1877) nur drei, die schon vor ihm im Amte waren, nicht von ihm 
ausgewählt wurden. Welche glückliche Hand er aber bei N©u- 
anstellungen hatte, sieht man daraus, daß unter den von ihxa 
gewonnenen Kräften sich Männer fanden, wie die späteren Uni. 
versitätsprofessoren K. Bmgmann , Erler, Spitta, die späteren 
Rektoren Gertb, Preuß, Berlit und Gelehrte wie Wustmann und 
Meister. 

Das neue Gebäude für die Nikolaischule wurde am 15. April 
1872 eingeweiht In dem zu der Feier einladenden Programm gafc 
Lipsius einen knappen zuverlässigen Überblick über „die Nicolai- 
schule zu Leipzig im ersten Jahrhundert ihres Bestehens" (Nr. 28 ; 
1872), einen wertvollen Beitrag zur deutschen Gelehrtengeschi« 
Wenn er aber in seiner Weiherede (Nr. 24 : 1872, S. IV f.) betont 
Schule müsse ihr Werk treiben „im alten Geiste mit neuem 
so sollten diese Worte die reichste Erfüllung finden. Mit wie Weit* 
schauendem Blick Lipsius an pädagogische Fragen damals heran- 
ging, verraten u. a. die Forderungen, die er aufstellte, das Gym- 
nasium habe der selbsttätigen Arbeit auf seinen obersten Stufen 
größeren Spielraum als bisher zu gewähren und vor allem die er- 
zieherische Tätigkeit mit gesteigerter Energie sich angelegen sein 
zu lassen, Forderungen, die gewiß auch heute noch modern genn» 
anmuten. 15 

Wohl 



selten hat ein Gymnasium sich so schnell vergrößert, 



i) Dekret vom 1. Juni 1870. 





wie die Nikolaischule in den 11 Janren *) unter Lipsius, Nach 




Beinen eigenen zuverlässigen Angaben stieg die Zahl der Klassen 
' durch die Neuorganisation und die Einrichtung von Parallelklasse» 
Von 6 auf 17, die Zahl der Lehrer von 11 auf 25, die der Schüler 
von 188 auf 551, vermehrte sich also um 863*). Schon diese 
Zahlen lassen erkennen, welche Arbeit bewältigt werden mußte* 
Was aber Lipsius als Schulleiter geleistet hat, davon zeugen die 
Akten der Schulbehörde. Seine Berichte an die vorgesetzte Behörde,, 
die gleichmäßig mit der ihm eigenen zierlichen Schrift geschrieben 
sind, erscheinen immer aus einem Gusse. Sie zeichnen sich durch» 
knappsten Stil, unübertroffene Klarheit und Bestimmtheit aus und 
erfreuen gelegentlich durch ihre durch die Sache gebotene Offenheit, 
So fanden sie denn stets die gebührende Beachtung, und es läßt 
tich kein Fall nachweisen, wo seine Anträge abgelehnt worden 
wären. Im Gegenteil, ihre Annahme wird gelegentlich zu einer 
ertrauenskundgebung ; so wenn Bürgermeister Dr. Georgi erklärt 
, 8. 75): „eine Gefahr sei in der Errichtung von Parallelklassen 
tens für die Nikolaischule nicht zu erblicken; diese Anstalt 
erfreue sich einer ganz vorzüglichen Leitung, der er öffentlich volle 
Anerkennung auszusprechen sich für verpflichtet erachte". Nicht 
nünder erfreulich war die Stellung des Rektors zum Lehrkörper, 
Nur auf das Wohl der Schule bedacht und unbestechlich in seinem 
Urteil, war er allen, denen er einmal sein Vertrauen geschenkt 
hatte, ein allezeit wohlwollender Vorgesetzter und suchte trotz vieler 
Schwierigkeiten stets auch die materiellen Interessen seiner Lehrer 
zu fördern. 

Erst Klassenlehrer von Sekunda, dann von Prima, seit Ostern 
1871 von Oberprima, lehrte Lipsius Deutsch, Lateinisch, Griechisch 
und Geschichte. Daß dem Rektor Lipsius, wie so manchem Rektor r 
der Unterricht mehr eine Erholung von Rektoratsgeschäften als eine 
- Belastung bedeutete, sieht man aus der Freudigkeit, mit der er 
selbst vielatündige Vertretungen übernahm (Sorgenfrey S. 9 f.). Wie 
er namentlich die Entwicklung der Praxis des klassischen Unter- 
richts immer im Auge behielt, zeigen auch einige seiner Rezensionen r 
so wenn er in weiser Voraussicht kommender Schwierigkeiten bei 
Besprechung von Curtius' Grammatik (Nr. 25: 1878), deren Wert 
als sprachwissenschaftliche Einführung er hoch anschlug (Nr. 16 t 



*) Über die Einzelheiten dieser Entwicklung von Jahr zu Jahr und 
die dabei xu fiberwindenden Schwierigkeiten s. Sorgenfrey, S. 7 ff. 
■) Bischoff a. a. 0. S. 27 spricht von 862. 




ff 



•iß 



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sf ■ ] 




1866), vor einem Zuviel des syntaktischen Lehrstoffes warnt oder 
sich scharf gegen das Fabrizieren neuer Auflagen von Schulbüchern 
(Nr. 20: 1867) ausspricht. Was aber war erst von einem Lehrer 
der klassischen Sprachen zu erwarten, der später in seiner Rektorats« 
rede als Akademiker (Nr. 58 : 1891 S. 32) das Bekenntnis ablegte, 
„daß das Studium des Alterthums seine propädeutische Mission auch 
noch an der Gegenwart zu erfüllen berufen ist , daß es als das 
wahrhaft humanistische, durch kein anderes zu ersetzende Büdungs- 
mittel darum zu gelten hat , weil es bei gleichmäßiger Berück- 
sichtigung der antiken Sprachform und des Gehalts der antiken 
Litteratur die beste Nahrung bietet für die Ausbildung aller Geistes- 
kräfte* ! Wenn daher auch noch immer viel Gewicht auf das 
Lateinschreiben und -sprechen gelegt wurde, so wirkte Lipsius doch 
kräftig dahin, daß beim Betrieb der klassischen Sprachen neben d< 
der große Inhalt zum vollen Verständnis gebracht 
mfrey S. 6 f.). Was er aber als Erzieher seinen Schulern 
wesen ist, das hat sein erster Famulus Theodor Sorgenfrey, 
seiner 202 Abiturienten, ihm zu seinem 70. Geburtstage in einer 
Weise besengt (a. a. O. S. 21), die uns so recht die merkwürdige 
altrömisch anmutende Gravitas des doch so gütigen Mannes kenn- 
zeichnet: „Nicht die Gelehrsamkeit des 27. Rektors, so groß sie 
auch ist, nicht die Energie, mit der er seinem Willen Nachdruck 
au verleihen verstand, sondern der sittliche Ernst setner ganzen 
Persönlichkeit hat die Erfolge seiner amtlichen Tätigkeit gezeitigt. 
Mancher seiner Schiller hat behauptet, er habe den Rektor Lipsiug 
niemals lächeln sehen; unter den Schülern ging diese Rede, aber 
hinter dem ernsten Antlitze des Rektors barg sich doch ein mit- 
fühlendes Herz, das für jeden seiner Schüler volles Interesse hegte. 
Glücklich der, welcher dem strengen Rektor näher treten durfte, 
glücklich der, dem er sein Wohlwollen und seine Zuneigung durch 
das ganze Leben bewahrte." 

Über sein gesamtes Wirken aber urteilt sein Nachfolger 
Theodor Vogel (Jahresber. 1878): „Seine energische und bede 
Persönlichkeit hatte dem Innenleben der Schule bis hinab 
unwesentlichsten Nebendinge ein bestimmtes Gepräge auf{ 
und der so rasch gewachsenen Schule den einheitlichen Geist und 
Irischen Zug zu wahren verstanden, ohne welche kein größerer 
Organismus, am wenigsten aber der einer Schulanstalt gedeihlich 
sich entwickeln kann," 

Es ist erstaunlich, daß es Lipsius „bei der Fülle organi- 
sierender Arbeit, die zu leisten war - , wie er selbst hervorhebt und 





! 







Hermann Lipsiu*. 




wie jeder bestätigen wird, der selbst einmal organisatorische Um- 
gestaltungen im Schalwesen durchzuführen hatte, noch ermöglichte, 
seit dem Wintersemester 1869 eine außerordentliche Professur an 
der Universität zu verwalten, „wie sie auch die früheren Rektoren 
beider Gymnasien bekleidet hatten 4 (Aufz.). Bezeichnend ist die 
feste Zielsetzung, die ihn schon damals in der Wahl seines scharf- 
umgrenzten Gebietes leitete, auf das er offenbar bereits durch den für 
Ihn maßgebenden Dozenten seiner Studienjahre hingelenkt worden war 
(8. 4). „Mein Lehrgebiet", betont er selbst, „wurde dadurch bestimmt, 
daß meine Studien schon seit Jahren sich vorzugsweise den griechischen 
Rednern und Geschichtsschreibern und dem Staats- und Rechtsleben 
4er Griechen zugewendet hatten, ein Gebiet, das seit Westermanus 
Rücktritt von der Professur ohne Vertretung geblieben war." 

Dementsprechend waren nunmehr auch in seinen Veröffent- 
lichungen die Tragikerstudien zurückgetreten (S. 5 f.). Noch als 
^-nrektor hatte er, angeregt durch die Schullektüre, wie er selbst 
, die Gelegenheitsschrift verfaßt: Quaestionum Lysiacarum specimen 
13: 1864), in der er Cobets unmethodisches Vorgehen zurück* 
t und eigene beachtliche Vorschläge macht, „eine Abhandlung, 
welche schätzenswerthe Beiträge zur Kritik des Lysias enthält und 
sich durch Gründlichkeit in der Kenntnis des griechischen, ins- 
besondere des Lysianischen Sprachgebrauchs, durch Besonnenheit 
und Unbefangenheit des Urtheils und durch eine lichtvolle und ge- 
fällige Darstellung auszeichnet" (Lit. Centr. 1865 Sp. 503 K. Sch.). 
Es folgte ein Aufsatz zur Textkritik des Andokides (Nr. 22: 1870) 
und namentlich eine „filr die Zwecke seiner Vorlesung berechnete* 
nft.) Ausgabe der Kransrede des Demosthenes (Nr, 29: 1876), 
1887 in zweiter Auflage erschien (Nr. 47). Sein gesunder 
nservativer Sinn zeigt sich hier namentlich gegenüber von Blaß, 
n »willkürlicher Textbehandlung, die er auf seine vermeintlichen 
ischen Gesetze gebaut hatte", er als „erster" entgegentrat 
i). Die Gewissenhaftigkeit und Gründlichkeit, mit der sich Lipsius 
während seines ganzen Schaffens stets mit den Arbeiten der Vor- 
gänger abzufinden pflegte unter Heranziehung der Literatur mit 
einer oft erstaunliehen Vollständigkeit, verrät sich schon damals in 
n Berichten Uber die Erscheinungen der Jahre 1873—1877 auf 
Gebiete der griechischen Staatsalt ertUmer in Bursians Jahres- 
ten (Nr. 26. 81) *). Von entscheidender Bedeutung aber für 

i) Für Demosthenes vgl. auch die Besprechung Kr. 30: 1876. 
>) Aus dieser Zeit stammen auch einige einschlägige Besprechungen: 
27» 1874 ? 28: 1875. 






■ 



-ja 





«eine ganze wissenschaftliche Einstellung war es wähl, wie auch die 
eigenen Aufzeichnungen erkennen lassen, als er die erste große 
literarische Arbeit übernahm. Es ist bezeichnend für die Achtung 
die er wissenschaftlichen Leistungen anderer stets entgegenbrachtet 
und die ihm eigene bescheidene Zurückhaltung in der Schätzung 
der eigenen , daß diese Arbeit nur eine Umarbeitung eines atier- 
kannten grundlegenden Handbuches war. Namentlich Lipsius' Bericht- 
erstattung über die griechischen Staatsaltertumer hatte den betagtem 
Schoemann veranlaßt, an ihn als Bearbeiter seines „Attischen 
zesses" zu denken. Erst in den Jahren 1888—1887 (Nr. 46) konnte 
freilich diese umfängliche Umarbeitung erscheinen. Sie forderte 
von dem Bearbeiter eine Entsagung, die wohl nur wenig Gelehrte 
aufgebracht hätten, da es galt, den bisweilen stilistisch wenig erfreu- 
lichen Text möglichst beizubehalten und ihn nur durch ausgedehnte 
Zusätze, besonders in den Anmerkungen, zu erweitern, die » n 
Klammern erkennbar waren. Daß Lipsius das Werk trotzdem nnf 
den Stand der damaligen wissenschaftlichen Forschung in «einer 
unbedingten Zuverlässigkeit gehoben hatte, beweist schon der tt 
stand, „daß das Buch bald nach seinem Abschlüsse im Jahre 1 
bereits vergriffen war* (Aufz.). 

Die Übernahme dieser großen wissenschaftlichen Aufgabe Ä(U 
brachte Lipsius zur Erkenntnis, daß es ihm auf die Dauer unmög- 
lich werden mußte, „den immer noch steigenden Anforderungen des 
Schulamts und den wissenschaftlichen Pflichten des akadem 
Lehrers zugleich zu genügen 14 . So legte er denn am 28. Sep_ 
1877 sein Rektorat nieder und ergriff „mit Freuden", wie er seihet 
gesteht, die Gelegenheit, sich ganz der Universität zu widmen. £| Ä 
treues Gedenken freilich hat er stets seiner alten Schule geweiht* 
35 Jahre später sich an der Festschrift für ihr Jubiläum beteiligt 
(Nr. 93), mit ernster Sorge freilich ihre Umwandlung in eine 
Reformanstalt betrachtet. In Verbindung mit der Leitung des wenige 
Jahre vorher (1873) unter Ritsehl eingerichteten russischen philo» 
logischen Seminars 1 ) erhielt er durch Berufung vom 19. Februar 
1877 ein Ordinariat für klaasische Philologie. Zwar wurde dann 
das russische Seminar (Institut) im Jahre 1890 aufgelöst, aber die 
Vermehrung der philologischen Ordinariate blieb gerechtfertigt durch 
das bedeutende Anwachsen der Pbilologiestudierenden und dadurch 
daß nach deren Abnahme die von Georg Curtius bekleidete 
fessur in eine solche der vergleichenden Sprachwissenschaft vtJr * 





') Über das russische Seminar s. Nr. 90, 8. 18 f. 





i 



Justus Hermann 



handelt worden war; Wenn er später (1886) einen „unter besonder» 
günstigen Bedingungen 8 an ihn ergangenen Ruf nach Heidelberg ab- 
lehnte, so wurde ihm das, wie er schreibt» „dadurch erleichtert, daß ihm 
gerade damals durch das Vertrauen der Collegen das Decanat der 
philosophischen Fakultät übertragen war". Im Kreise bedeutender 
Berufsgenossen ist denn auch offenbar dem ernsten, wohlmeinenden 
Manne stets das schönste Vertrauen entgegengebracht worden. So be- 
kleidete er im Universitätsjahr 1891/92 das Rektorat *) und gehörte 
seitdem mit kurzer Unterbrechung dem akademischen Senat an. 1885 
wurde er in die Sächsische Gesellschaft (spater Akademie) der Wissen- 
schaften aufgenommen und ist, wie ihr Sekretär Körte bezeugt (S. 41*), 
„86 Jahre hindurch eines ihrer treuesten und eifrigsten Mitglieder 
geblieben". Wie er langjähriger stellvertretender Sekretär der 
philologisch-historischen Klasse der Gesellschaft gewesen und die 
Wahl zum Sekretär nur aus Rücksicht auf sein Alter abgelehnt 
hatte, so hat er auch die Fürstlich Jablonowskische Gesellschaft als 
Präses geleitet und erwähnt in seinen Aufzeichnungen mit Genug- 
tuung die Lösungen zweier von ihm gestellter Preisaufgaben dieser 
Gesellschaft über das griechische Vereinswesen durch Ziebarth (1896) 
und den Verfasser dieser Zeilen (1909). Nicht minder betont er 
die Anregung, die er dem Curatorium der Puschmann -Stiftung 
ipzig gegeben hat, an die Neuherausgabe der Medici Latini 
.-zutreten, sowie die weitere fUr das 1914 begründete Forschungs- 
institut für klassische Philologie und Archäologie, die Herstellung 
eines Lexicon Polybianum in Angriff zu nehmen. Auf diese wissen- 
schaftlichen Verdienste legte der schlichte Mann offenbar mehr Ge- 
wicht als auf die äußeren Ehren, die er in seinen Aufzeichnungen 
ganz verschweigt 8 ) bis auf die, die ihm selbst für seine Stellung 
& der wissenschaftlichen Welt besonders bezeichnend erscheinen 
mußten (S. 27): daß er zur Feier des Leipziger üniversitäts- 
jubiläums (1909) zum Dr. jur. hon. c ernannt wurde, sowie bald 
darauf (1912) dieselbe Ehre von selten der Athenischen Universität 





>) Über seine Antrittsrede (Nr. 58) s. S. 10. 20 f. 28; über die hius- 
Verhältnisse bei seinem Amtsantritt s. La Mara II, 8. 193. Ver- 
ist bei Körte a. a. 0. S. 44* als Rektoratajahr 1892/3 angegeben. 
*) Ritter L Kl. des König!, Sicks. Verdienstordens, Königi. Sachs. 
Hofrat, Großkreuz jdes Kaiserl. Rosa. St Stanislausordens, Komtur» 
IL KL des Königi. Sich». Albrecbtsordens (1899), Königi. Sachs. 

t Bat (1903), Komturkrens II. KL des Königi. Sachs. Verdienst- 
(1907), Komturkreuz I. Kl. des KönigL Sachs. Albrechtaordena (1912). 




m3H 



•■Wi 





Fragt man nun, welche der beiden oft nicht mit gleichen» 
Glücke gelösten Aufgaben des Universitätsprofessors, die des ak a ~ 
demisehen Lehrers oder die des die Wissenschaft durch Beine Werk© 
fördernden Gelehrten, bei Lipsius in erster Linie stand, so hat er 
wohl selbst , wie anch seine Aufzeichnungen anzudeuten scheinen 
seinem Lehrberuf die schriftstellerische Tätigkeit untergeordnet und 
das in seinen Veröffentlichungen sich kundgebende Forschung*, 
gebiet sich fast ganz durch die ihm als akademischem Lehrer g«j~ 
stellten Aufgaben bestimmen lassen. Daher hing er ja auch an 
seinem geliebten Lehramte so fest, daß erst der Achtzigjährige sich 
von ihm im Jahre 1914 entbinden ließ, wahrend er seine Stimm* 
in der Fakultät sich bis zuletzt vorbehielt. 

Seine Vorlesungen erstreckten sich, wie seine eigenen 
bestätigen, zunächst auf das Gebiet der griechischen Prosa. Er ■ 
Geschichte der griechischen Beredsamkeit und der Geschiehtschreibunjr» 
von Geschichtschreibern und Rednern selbst kamen in Fra»U 
Thukydides, Andokides und Demostbenes ; dazu traten ergänzend 
die attischen Staatsaltertümer. Von Dichtern behandelte er de 
auch für die letzteren so wichtigen Aristophanes mit seineu Acharn 6tt * 
außerdem bezeichnenderweise die seiner ganzen Geistesrichtun*! 
nahestehenden erhabenen Dichter: Aischylos mit den Persern und 
Pindar, dem sich der neugefundene Bakchylides gesellte ; ergänze 
traten zu den letzteren Vorlesungen hinzu die Behandlung der 
alten Komödie und der griechischen Lyrik sowie des griechischen 
Bühnenwesens (in Verbindung mit Aischylos). In seinen Vorlesungen 
nun, die ihm nie Nebensache waren, spiegelte sich die ganze 
Wissenschaftlichkeit des zielbewußten Gelehrten wieder. öein 
außerordentliche philologische Akribie, die mit dem Fortschreite» 
der Forschung stets gewissenhaft Schritt hielt, stellte an seine Höret 
hohe Anforderungen; aber der erfahrene Schulmann wußte den 
immer auf das peinlichste vorbereiteten, geschickt zusammengefaßten 
und gut gruppierten Stoff 1 ) meisterlich den Bedürfnissen der 
Studenten anzupassen. Sein Vortrag war ein Muster von Klarheit 
und vermied alle Sprünge und gesuchte Gelehrsamkeit. Ihm geW 
es, einem freilich oft schwer zu vermeidenden Fehler des Katheder* 
lehrers zu entgehen und Beinen Gegenstand im Laufe der betreffenden 
Vorlesung wirklich einigermaßen zu erschöpfen und abzuschll 







») Es entsprach das wohl so sehr der ganzen Eigenart von UpaW 
dal man nicht nötig hat, mit B. A. Müller (a. a, 0. 8. 665) hierin eW 
besonderen Einfluß von Klotz xu sehen. ^* 



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,0:-. 




go konnten die Studierenden nicht nur die zuverlässigsten , ttberr 
sichtlichsten Kollegieuhefte gewinnen, sondern wirklich ein reiches, 
festes und klare» Wissen filr den künftigen Beruf mitnehmen. 
Wirkte such sein Vortrag nicht hinreißend durch poetischen Schwung 
überraschende geistreiche Pointen, schien seinem gewichtigen 
ite auch die Gabe des leichten, anmutigen Scherzes versagt 1 ), 
so fesselte er gleichwohl, namentlich in den Jahren seiner un- 
ebrochenen Kraft, wo auch ich zu seinen Füßen saß, durch die 
jbendige Hingabe an die Sache, die in den Vortrag die ganze 
Wucht seiner kraftvollen Persönlichkeit legte. 

Mit ganz besonderem Ernste und sichticher Befriedigung wid- 
mete er sich der Leitung der philologischen Übungen, wenn er im 
Proseminar und Seminar 1 ) mit der Zeit eine große Anzahl grie- 
chischer und lateinischer Autoren behandelte und seit 1870 in einer 
griechisch-antiquarischen Gesellschaft, der einzigen, die schließlich 
von einer größeren Zahl noch länger weiterbestand 8 ), epigraphische, 
literaturgeschichtliche u. a. Übungen abhielt, die oft recht hohe 
Anforderungen an die Leistungsfähigkeit der Teilnehmer stellten. 
Freilich ist es meines Erachtens nur wenig Gelehrten gegeben 
gewesen, mit so trefflicher Methode die Übungen zu leiten, jeden Stoff 
' zu beherrschen und so geschickt tastende Versuche des Anfängers auf 
rechten Weg zu leiten. Geradezu verblüffend wirkte dabei auf 
Studenten seine außerordentliche Belesenheit. Gewiß erinnert sich 
noch mancher mit mir daran, wenn Lipsius, mochte der vortragende 
it auch alle erreichbare Literatur gewissenhaft zusammen- 
getragen haben, aus der hinteren Bocktasche noch einen von ihm 




*) Blanche charakteristische Anekdote wird ja von Lipsius erzahlt. 
So verzog er, wenn er einmal sich versprach, was selten genug vorkam, 
keine Miene, sondern verbesserte sich mit würdigem Emst, auch als ihn 
einst der Schwung seiner wissenschaftlichen Begeisterung gewiß anm Ent- 
aetaen manchen Fuchses au dem Zitat fortriß: „Plutarch im Leben der 
zehntausend fiedner". — Bekannt ist ja auch seine merkwürdige Vorliebe 
für den Ausdruck „doppelt" (schon in einer seiner ersten Publikationen, 
Nr 11, ist au lesen: „die vorliegende Ausgabe wird au« doppeltem Grunde 
gekauft werden"), eine Eigenart, für die B. A Müller eine merkwürdige 
Parallele aus der alten sächsischen Schulgesehichte bringt (S. 566). 

*) Über die Entwicklung von Seminar, Proseminar und Institut in 
Leipzig hat Lipsius selbst zugleich im Namen von Bethe und Heime einen 
zuverlässigen und für die Gelehrtengeschichte des 19. Jahrhunderts wich- 
tigen Bericht in der Festschrift zum 500 jähr. JubiL der Univera. Leipzig 
(Nr, 90) gegeben. 

») Über die Stellung dieser Gesellschaften im Umversitatagetriebe s. 
estachrift (Nr. 90), 8. 18 und «6. 




unbeachteten wichtigen, aber entlegenen Aufsatz zur Frage hervor- • 
holte. Dabei verwendete er in den Übungen ein wunderbar klares, 
in seiner kraftvollen Eigenart auf den Studenten geradezu ein- 
dringendes Latein , wie es wohl wenig Dozenten beherrscht haben 
mögen und heute beherrschen 1 ). 

Mit wie berechtigter Befriedigung er sich selbst in seinen 
Aufzeichnungen von der Wirkung seiner langjährigen Lehrtätigkeit 
Bechenschaft gibt, das beweist die lange Liste von 58 sämtlich 
lateinisch geschriebenen Dissertationen, die auf seine Anregung 
zurückgehen, eine merkwürdige Zusammenstellung nach sachlichen 
Gesichtspunkten, wie sie nicht oft einem Universitätsprofessor hei- 
mkommen sein mag und die doch so anschaulich den weitgreifenden 
Einfluß des Kathederlehrers auf seine Hörer dartut und zugleich 
«in Stück Gelehrtengeschichte bedeutet, so daß es sich lohnt, dies« 
Liste der Vergessenheit zu entreißen , wenn "sie auch noch einige 
Lücken haben mag*). Eine große Zahl dieser Arbeiten ist in den 
von den vier Ordinarien 1878 begründeten Leipziger Studien er- 

*) Auch dafür weist ß, A. Müller (8. 565) auf den möglichen Einflug 
-von Klotz hin. 

*) Antiphon: J. Brückner, De tetralogiia A. Eh. adseriptis (1887) 
B. Brinkmann, De A. oratione de choreata (1888). Lysias: 0. Pabst, De 
-orationis wlp rov ojquiwtov causa authentia integrttate (1890). F. Q.. 
Nowack, De orationum qoae inter Lysiacat ferantarXIV et XV authentia 
<1889). M. Hentschel, De L. oratione Epicratea (1874). W. Weber, De L. 
quae fertur contra Andocidem oratione (VI) (1900). Isokrates: O. Gehlert! 
De elocutione Isocratea partic. prior (1874). E. Drerup, De codicum Iso- 
crateorum auctoritate (1894). P. Galle, De I. oratione Traperitica (1888). 
B. Ponickau , De I. Demonicea (1889). R. Mende, Prolegomena in I. 
Aegineticam (1899). C. Woyte, De L quae feruntur epistulis quaestiones 
jelectae (1907). Isaios: E. Lincke, De elocutione I (1884). Aeschines- 
J. Bawinkel, De Ute Ctesiphontea commentatio (1878). Demosthenes: 
•S. Schaffner, De tertia advereuB Aphobum oratione (1876), B, Schubse 
Prolegomena in D. quae fertur adversus Apaturium oratione m (1878). 
G. Kleindienst, De causa orationis in Nansimachum et Xenopithem D. 
(1913). B. Burgkhardt, De causa or. adveraui Spudiam D. (1908). w! 
Preibsch, Prolegomena in D. q. f. or. adversus Euergum et Mnesibulum 
r(1895). 0. Rüger, Prolegomena in D. q. f. or. adv. Olympiodorum (1885). 
J. Riehemann, De litis instrumentis qoae exstant in D. q. f. or. adv. 
Neaeram (1886). Dinar eh: P. Vogel, In D. curae grammaticae, rhetoricae 
criticae (1877). Griechische Staats- und Bechtsaltertümet • 
P. Panske, De magisrratibos Atticis, qui saec a. Chr. n. IV. pecuniaa* 
publicas curabant Pars L (1890). E. Koch, De Atheniensium logistu 
euthynis aynegoris (1894). K. Hille, De scribis Atheniensium publicie 
<187ö). J. Penndorf, De scribis rei publica« Atheniensiara (1897). G. Schubert 
De proxenia Attica (1881). A. Dittmar, De Atheniensium more exteros' 

t - Mi 





acblenen, die bis zum Jahre 1902 bestanden, eine Einrichtung, die 
die jnnge Pbilologenschaft wesentlich gefördert hat, da sie tüch- 
tigen Dissertationen eine weitere Verbreitung ermöglichte. (Nr* 90, 
S, 20). Es ist vielleicht nicht ganz dem Zufell zuzuschreiben, daß 



coronis publice ornandi qu. epigr. (1891). C. Scherling, Quibug rebus 
«ingulorum Atticae pagorum incolae operam dederint (1897). F, Poland, 
De legationibus Graecorum publicis (1885). Ed. Anthes, De emptione ren- 
ditione Graecorum quaeationes epigraphicae (1885). C. Euler, De locatione 
conductione atque emphyteusi Graecorum (1882). J. Rentzsch, De «ttxjj 
ti/tvdouaQTvptotv in iure Attico (1901). E. Bischoff, De fastig Graecorum anti- 
quloribua (1884). G. Förster, De Hell&nodicis Olympieis (1879). (X Schettler, 
De rebus Teiorum (1882). G. Scbwedler, De rebus Tegeaticis (1887). Th. 
Lenschau De rebus Prienensium (1890). Griechische Historiker, 
»betören und Scholien: F. Atenstadt, De Hecataei Miiesii fragmentia 
qnae ^ Hispaniam et Galliam pertinent (1891). B. Schulze, Do Hecataei 
M fragmentig , quae ad Italiam meridionalem spectant (1912). B. Hilde- 
brandt De Herodoti itineribus Europaeis et Africanis (1883). M. Brosch- 
mann. De y«e particulae usu Herodoteo (1882). H. Schmitt, Quaestiones 
chronologicae ad Thucydidem pertinentes (1882). O. Diener, De sermone 
Thucvdidis quatenus cum Herodoto congruens differat a scnptonbus 
Atticis (1889). B. Hammer, De « particulae usu Herodoteo, Thucydideo, 
Xenophonteo (1904). P. Eismann, De participii temporum usu Thucydideo 
(1892). G. Erler, De Xenophonteo libello de republica Lacedaemoniomm 
(1874)* G. Eichler, De Cyropaediae capite extremo (1880). B. Neubert, De 
Xenophontis Anabasi et Diodori, quae est de Cyri expeditione parte biblio- 
thecae (1881). W. Florian, Studia Didymea hiatorica ad saec IV pertinentia 
(1908). Th. Rößler, Dionys» Hai. »criptorum rhetoricorum fragmenta (1878). 
G Fraustadt, Encomiorum in litteria Graecia historia (1909). G. Brand- 
stätten De notionum »okruröV et cotpun^ nsu rhetorico (1894). E. Schwabe, 
De scholiorum Thucydideorum fontibua (1881), Th. Freyer, De scholiorum 
Aeachiueorum fontibus (1882). Lyriker: J. Schöne, De dialecto Bacchy- 
Hdea (1899). H. Mrose, De syntaxi Bacchylidea (1902). P. Brandt, De 
psrticularum subiunctivarum apud Pindarum usu (1898). — Die in mehr- 
tacher Hinsicht interessante Zusammenstellung ist in ihrer zeitlichen 
Haufigkeitskurye nicht nur für Lipsius beseichnend, sondern wohl auch 
überhaupt für das Leipziger Promotionswesen. Die seitliche Anordnung 
«riribt: 1873: L 1874 : 8, 1876: 1, 1877: 1, 1878 : 3, 1879: 1, 1880: 1, 1881: 3, 
1882: 5, 1883: 2, 1884: 2, 1885: 3, 1886: 1, 1887: 2, 1888: 1, 1889: 3, 1890: 3, 
1891t 2, 1892: 1, 1894: 3, 1895: 1, 1897: 2, 1898: 1, 1899: 2, 1900: 1, 1901: 1, 
1902: 1, 1904: 1, 1907: 1, 1908: 2, 1909: 1, 1912: 1, 1913: 1 Disa. Danach 
bat Lipsius schon in den ersten Jahren seiner akademischen Tätigkeit in 
der hier besprochenen Richtung anregend gewirkt; die achtziger Jahre 
«teilen, namentlich in ihrem Beginn, einen Höhepunkt dar, aber ansehnlich 
ist die Zahl der Dissertationen auch noch in den neunziger Jahren, wahrend 
t ie seit der Wende des Jahrhunderts spärlicher auftreten. Immerhin hatte 
der last Achtsigj&rige noch die Freude gehabt, swei Diasertationen er- 
seheinen zu sehen, au denen er die Anregung gegeben hatte. 





■■■OS. 



Justus Hermann Lipsius. 




unter der großen Zahl der genannten Lipsius besonders nah©, 
getretenen Schüler sich nur ein späterer Akademiker (Drerup) findet« 
Was aber der treffliche Pädagog so vor allem dem sächsischen Gym. 
nasiallehrerstand geworden igt, das hat Körte in den Lehrmeister 
wie seine Schüler gleichermaßen ehrender Weise ausgesprochen *) 

Faßt man Lipsius' schriftstellerische Tätigkeit ins Auge, wie si^ 
sich nun in den Jahren seit seiner Bernfang in das philologische Ordi- 
nariat entfaltete, so tritt uns daraus der geradezu sittliche Ernst seiner 
wuchtigen Persönlichkeit entgegen. Was er an seinem Freunde Hultscbl 
als das bezeichnet (Nr. 85, S. 198) was „allen seinen Arbeiten ih r 
eigentlichstes Gepräge gibt" : „die echt philologische Akribie, die siefe 
nicht genug tut, bis sie sich ihres Gegenstandes in vollem Umfange 
und bis ins Kleinste bemächtigt hat", das gilt für ihn selbst i n 
gleichem Maße , und solange man noch Akribie als eine Haupt- 
tagend des Philologen schätzen wird, muß sein Schaffen Ehrfurcht 
erwecken. Seine Gründlichkeit läßt ihn nie rasten, solange ih^ 
die Klärung einer Frage möglich erscheint. Daher griff er ge*^ 
so wenig er, wie er selbst erklärt (Nr. 44, S. 675), ein Freun^ 
von eigentlichen „Repliken" war, dieselbe Sache erneut auf, um B j % 
weiterzuführen, so wie wir es schon bei seinem Sophoklesstudie^ 
sahen (S. 5 f.). Das gilt von den Untersuchungen über die dram* 
tische Choregie (Nr. 43. 49. 78. 91), Kalenderfragen (Nr. 84. 38), der 
Behandlung der Mxrj i£ovlr lS (Nr. 97. 104), einer Stelle de 8 
Thukydides (Nr, 42. 44), dem Historiker von Oxyrhynchos (Nr, 94 
96, 102. 106), um hier nur Einzelheiten hervorzuheben, nicht Hj^ 
in seinen großen Werken wiederkehrenden Fragen zu berühren 
Dabei war es ihm selbstverständlich, daß er mit unbefangener Offen 1 
heit eigene frühere Ansichten gelegentlich residierte. Auch Jj| 
er an Hultsch hervorhob (Nr. 85, & 195), dem er ja in manche* 
Hinsicht geistesverwandt war, daß er „zu jeder erheblichen Erschei- 
nung auf seinem Forschungsgebiet sofort Stellung nahm", ist von 
ihm in ganz hervorragendem Maße zu rühmen. Das gilt von zahl- 
reichen Neufnnden, die er kurz nach ihrem Bekanntwerden aus- 
zunutzen verstand. Neben der "ASrpalwy noXixeia (Nr. 57 u. n \ 

stehen des Hypereides Rede gegen Athenogeneu (Nr. 69), die neuen 


*) 8. 44*: „Es wird wenige Lehrer an den sächsischen Gymnasien 
geben, die nicht seine Schüler ijewesen sind, und wenn heute die klassisch, 
philologischen Gymnasiallehrer Sachsens an Kenntnissen und Wissenschaft 
lichem Sinn unter ihren Rollegen in den deutschen Bundesstaaten WoM 
die erste Stelle einnehmen, so ist das nicht snletst ein Verdienst v©m 
Lipsius.« * 





Justus Hermann Lipsius. 



19 




Öemosthenespapyri (Nr. 68. 77), Bakchylides (Nr. 75), ein Papyrus 
mit Olympionikenlisten (Nr. 79) and zahlreiche eben veröffentlichte 
Inschriften (Nr. 34. 88. 49. 54. 56. 66), darunter obenan das „Recht 
von Gortyns* (Nr. 89); ja, als er schon das achtzigste Lebensjahr 
Überschritten hatte, veröffentlichte der greise Gelehrte seine maß- 
gebenden Forschungen über den Historiker von Oxyrhynchos (Nr. 94* 
96; 102. 106), und ein Jahr vor seinem Tode die scharfsinnige Unter- 
suchung Uber die Hippothersesrede des Lysias (Nr. 107). Bei allen 
■einen Arbeiten aber wurde er unterstutzt von einer hervorragenden 
Kenntnis der antiken und modernen Literatur. Seine Belesenheit 
immer wieder berechtigte Bewunderung, und so hebt noch ein 
ir (B. ph. W. 1920, 8p. 891) an der letzten Arbeit des Hoch- 
betagten „die erstaunliche Beherrschung auch der neuesten einschlägigen 
Literatur" hervor. Ungewöhnlich war auch die schon in jungen 
Jahren sieh ankündigende (S. 11) meisterliche Sprachkenntnis. 
Dabei ist es nicht zu verwundern, daß er seiner ganzen Natur nach 
in der Behandlung der Texte sehr vorsichtig und stark konservativ 
war. Konnte er doch mit Recht so manches Mal darzutun unter- 
nehmen, »wie auch an viel versuchten Stellen es nur der Mittel 
scharfer Interpretation bedarf", um „unrettbar verlorene Lesarten 
an halten" (vgl. Nr. 53, 8. 857), Konjekturen um ihrer selbst 
willen zu machen, war nicht seine Sache; einem bloßen „lusus in- 
genü" war er abhold. So mit hervorragender Scharfe des Geistes 
nnd Klarheit des Urteils begabt, die sich auch in seinen wertvollen, 
die Sache fördernden Rezensionen aussprechen, war er zu 
einer Sicherheit der Methode gelangt, die ihn beispielsweise aus 
wenigen Buchstaben einer Inschrift wichtige Ergebnisse fördern ließ 
(vgl. Nr. 54). Dabei erstrebte er stets „tunlichste Kürze", wie 
er es selbst gelegentlich (Nr. 55, S. 224) ausspricht. So konnte 
die Kritik noch an einer Arbeit des Einundachtzigjährigen, 
bei dem ehrwürdigen Alter des Verfassers ganz außergewöhn- 
logische Schärfe und gedrängte Kurze" bewundern (E. v. Stern t 
Zentr, 1916, Sp. 105). 

Manche Frage hat Lipsius zur endgültigen Entscheidung ge- 
bracht, ja manches Mal konnte er mit Genugtuung feststellen, wie 
neue Funde seine scharfsinnigen Forschungsergebnisse bestätigten. 
Freilich bekannte er sich eher zu einem „non Hauet", als daß er 
einer geistreichen Hypothese zuliebe den festen Boden seiner 
hung verlassen hätte. 

Wenn es nun auch nicht ausbleiben konnte, daß Lipsius manchen 
namentlich auch gegen moderne Lieblingstheorien, auszu- 

2* 



- 





■ & 



20 Justus Hermana Lipsius. 

fechten hatte, so bleibt er doch in seiner Kritik stets streng Sachlich. 
Es ist wohl schon das Äußerste, wenn der noch jugendliche Kritisier 
den maßlosen Angriffen eines Krüger gegen andere Gelehrte gegen.. 
Uber einmal von Insolenz spricht (Nr, 16). Sonst zeigt er in der 
-würdigen Ablehnung minderwertiger Leistungen» wie in der vor- 
nehmen , gewiß für manchen Gegner beschämenden Zurückweisung 
von Angriffen die seiner Natur eigene vornehme Zurückhaltung l ). 
Da ihm die Sache alles war, so hielt er sich auch nicht für zu gut, 
die Leistungen anderer, die ihm wertvoll erschienen, durch Neu- 
bearbeitung vor Veralten zu bewahren und so den von ihm üb 
holten Vorgangern in dankbarer Bescheidenheit einen Teil der ihm 
zufallenden Anerkennung zu überlassen. Dies gilt gerade von 
«einen großen wissenschaftlichen Werken:, dem Attischen Prozeß 
(Nr. 46) , wie schon hervorgehoben war (S. ,12) , und dessen, Um» 
Gestaltung in sein eigentlichstes Lebenswerk vom „Attischen Recht 
und Bechtsverfahren" {Nr. 83. 87. 92. 95) sowie von den Schömami- 
schen Altertümern (Nr. 72. 80), bei deren Abfassung er seinerzeit» 
bereitwillig einem seiner Schüler (Ernst Bischoff) einige Abschnitte 
zur Bearbeitung überließ. Wie warm Lipsius die Verdienste anderer 
Gelehrten anzuerkennen wußte, das zeigen ja auch die Worte, <Jie 
er dem Gedächtnis für Mitglieder der Sächsischen Gesellschaft der 
Wissenschaften zu widmen hatte: für seinen Amtsgenossen Oxixt 
Wachsmuth (Nr. 84: 1905), für seinen alten Kommilitonen Friedrich 
Hultsch (Nr. 85: 1906) und — ein wohl einzigartiger Fall in fo r 
Geschichte der Philologie *) — für seinen Nachfolger auf dem aka- 
demischen Lehrstuhl Bruno Keil (Nr. 99: 1916). 

Im Hinblick auf die 42jährige wissenschaftliche Tätigkeit seit 
dem Antritt des akademischen Ordinariats erscheint der Umfang 
des schriftstellerisch von Lipsius Niedergelegten nicht allzu groß, 
aber immerhin bedeutend genug, zumal wenn man bedenkt,. de ß 
unter seinen Veröffentlichungen bloße Rezensionen im Vergleich *u 
«einer Betätigung auf diesem Gebiete in jungen Jahren verhältnis- 
mäßig selten uns begegnen (18 gegenüber 22). Was er aber selbst 
in seiner Rektoratsrede (Nr. 58: 1891), die auch für unsere Zeit 
noch in ihrer schlichten Klarheit „die Aufgaben der klassischen 
Philologie in der Gegenwart" treffend kennzeichnet, als Grundsatz 
für den Forscher aufstellt (S. 81 f.), daß „es jedem verstattet ist, das 

») Vgl. Nr. 106, Sp. »58, wo der ehrwürdige Greis von einer Forin des 
gegnerischen Angriffs spricht, „auf die die gebührende Antwort zu er- 
teilen ich mir ersparen darf*. 

») S. meine Besprechung: BerL phiL Woch. 1917, Sp. 1043 f. 





eitsfeld sich auszuwählen, zu dessen Anbau Neigung und Anlage 
„J geschickt machen", wenn er sich nur „den Blick in die Weite* 
wahrt, ist auch für ihn maßgebend geworden. So groß das CWbiet 
üt, das er sich gewählt hat, es zeigt doch mehr und mehr eine 
deutlich erkeimbare Beschränkung und Einheitlichkeit und ist fast 
ifcb bedingt durch seine akademische Lehrtätigkeit (8. 14); auch 
betont er selbst, daß die „kleineren Arbeiten größtenteils der Vor- 
itung oder Ergänzung seiner Bucher dienten". 
Zunächst tritt das Römertum und die römische Literatur voll- 
ständig zurück. Von einer einzigen älteren Besension abgesehen 
ftfr 21 : 1868) , zu der er wohl durch die Schullektüre veranläßt 
wurde, hat er nur einmal die Frage der Textuberlieferung für einen 
lateinischen Dichter knapp behandelt, indem er für Valerius Flaccus 
das Verhältnis des Sangallensis zum Vaticanns so entscheidet, daß 
er eine beiden gemeinsame Vorlage erschließt (Nr. 88: 1908). 

Bezeichnend ist auch sein Verhältnis zur Poesie. So eifng er 
gich in seiner Jugend mit den Tragikern, besonders Sophokles, be- 
.fclftigt hatte (S. 5 f.), so gut er es verstand, im Kolleg in ge- 
!n er Sprache einen Aischyios oder Pindar in Übersetzung 
lerzugeben, Lipsius war doch in erster Linie Verstandesmensch, 
wohl mag Körte das Richtige getroffen haben, wenn er in fein- 
iger Weise ausführt (8. 45* f.), wie ihn, der „die ewigen 
mbeiten der großen Poesie sicherlich stark und tief empfanden 
ÜÄt doch eine in seiner Generation nicht seltene Scheu abhielt, 
ihre Gesetze sich und anderen zu entwickeln, die loteten Endes 
„ürtleicbt a uf einer Keuschheit des Empfindens beruht ). Begreif- 
Heherweise aber beschäftigten den Epigraphiker gewisse äußere 
Fragen der dramatischen Auffuhrungen, zu denen er ja auch, wie 
Jdenen der Theatereinrichtung (S. 5) , in seinen Vorlesungen 
Stellung nehmen mußte. In den Bemerkungen über die dramatische 
Chor ie ( Nr . 43.. 1885) führt er den Nachweis, daß im drama- 
tischen Agon der attischen Dionysien der Choreg nicht wie im 
lyrischen als Vertreter seiner Phyle, sondern im eigenen Namen in 
den Wettstreit eingetreten sei, eine Ansicht, die, wie er selbst mit 
Genugtuung feststellt, durch Aristoteles später ihre Bestätigung fand. 
Iii einem Nachtrag dazu (Nr. 49; 1887) behandelt er die attischen 
Siegerlisten; weite r (Nr. 78: 1899) macht er wahrscheinlich, daß 

"~ i) Bezeichnend ist die Äußerung in einer seiner frühesten Be*eu. 
•ionen (Nr. 5): „Ist ja doch die vollendete Übertragung eines antiken 
Dichtwerkes ein Ideal, das überhaupt wohl nur annähernd erreicht Werden 

kann." 

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das Urteil der Preisrichter der Gesamtleistung von Dichter und 
Choreg gegolten habe, und endlich (Nr. 91 : 1910) „erbringt er den 
Nachweis, daß in die amtlichen Aufzeichnungen über die drama- 
tischen Agone die Dichtercomponisten nur insoweit eingetragen 
wurden, alt sie auch das Einstudieren ihrer Werke besorgt hatten* 
(Aufz.). Seinem Kolleg kamen auch einige Aufsätze über griechisch© 
Lyriker zugute. In dem einen gibt er in anschaulicher Weis« 
Bericht über den Bakehylidesfund (Nr. 76 : 1898) , wobei auclj 
manches Streiflicht auf Pindar fallt; in den Beitragen zur Pindarischen 
Chronologie (Nr. 79: 1900) wird außer diesem Neurand ein inschrift, 
liches Olympionikenverzeichnis ausgenutzt, um „die Zeitansage 
einer Beihe von Oden einer Revision zu unterziehen* (Aufe.), un<J 
danach auch der Versuch gemacht, die Geburtszeit des Dichters neu 
zu bestimmen; in dem Aufsatz De elegiae Graecae primordiia 
(Nr. 93 : 1912) entscheidet sich Lipsius für De Lagardes Ableitu«« 
des Wortes elsyeiov aus dem Armenischen. 

Fragen mehr der reinen wissenschaftlichen Spekulation, wie 
etwa die homerische, lagen dem auf nüchterne Erkenntnis 
richteten Sinn des Gelehrten ferner. Mit Homer beschäftigt si 
überhaupt nur ein Artikel, bezeichnenderweise in einer Frage d. 
griechischen Rechts (S. 25). Auch Piaton wird kaum einmal ^ 
legentlich gestreift, bei der Stellungnahme zu den IdttiKuxvd (Nr 68 
8. 10 ff.) , wie überhaupt Erörterungen aus dem Gebiete der griechischen 
Philosophie völlig fehlen. Lipsius' wohlabgemessenes Gebiet, auf 
dem seine Eigenart sich voll entfalten konnte, sind die griechischen 
Redner und Historiker, vor allem aber die „sogenannten" griechi- 
schen Staatsaltertümer , wie er sie bezeichnenderweise nennt, und 
darunter wieder im besonderen die Rechtsaltertümer. Männer wie 
Sauppe, dessen ausgewählte Schriften er auch besprochen hat (Nr. 71 s 
1896), waren offenbar seine Vorbilder. 

Dem schon erwähnten Aufsatz über Andokides folgte jetzt ein« 
Ausgabe des Redners (Nr. 52 : 1888), die, wie er mit Recht in seinen 
Aufzeichnungen hervorhebt, „nicht bloß durch neue Handschriften- 
vergleichung über Blaß hinausgekommen ist". Sie legt aber aucn, 
wie seine Ansgabe der Demosthenischen Kranzrede (S. 11), ZeugnU 
ab von dem gesunden Konservativismus des Gelehrten. Besonder« 
lebhaft beschäftigte ihn Demosthenes J ). An einer Stelle der Kran« 
rede (§ 12 f.) sucht er nicht ohne Glück „unrettbar verlorene 1 
Lesarten zu halten (Nr. 53 : 1889, s. S. 19). Neue Papyrusfnnde 



») Vgl. auch die Besprechungen Nr. 39 : 1882 ; 65: 1898. 



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Justus Hermann Lipsius. 



23 



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geben ihm Anlaß, sich mit der Textgeschichte des Demosthenes zu 
beschäftigen (Nr. 63: 1893) und „dabei besonders den Glauben an 
den attikianischen Ursprung des 2 zu widerlegen wie die Lücken - 
losigkeit der Androtionea zu erweisen" (Aufz.) sowie Belege 
dafür zu bringen, „daß schon in den ersten Jahrhunderten unserer 
Zeitrechnung die classischen Texte wesentlich in derselben Gestalt 
gelesen worden sind, in der unsere weit späteren Handschriften sie 
ans überliefert haben" (Nr. 77: 1898). Für die 1. Rede gegen 
Aristogeiton wird der Nachweis erbracht, daß sie „nicht für eine 
lautere Quelle des attischen Hechts gelten darf (Aufz.), wenn sie auch aus 
fleißigem Studium attischer Reden geschöpft ist« (Nr. 40 : 1883, S. 330). 
Bezeichnend für Lipsius' abwägende Vorsicht ist die Schlußbemeikung: 
Mögen nicht alle Anstände von gleichem Gewichte sein, mag ihre 
Begründung nicht allenthalben die gleiche Sicherheit beanspruchen 
dürfen, das Gesamtergebnis kann nicht zweifelhaft sein," Die Auf- 
findung von des Hypereides Rede gegen Athenogenes veranlaßte 
Lipsius zur Darlegung verwickelter Rechtsverhältnisse (Nr. 69: 1896). 
Zur Begründung von Ausführungen seines Hauptwerkes sucht er zu 
erweisen, daß die Tetralogien des Antiphon, mag sie dieser oder 
ein Zeitgenosse geschrieben haben, jedenfalls auf dem Boden des 
»ttischen Rechtsbrauchs erwachsen sind (Nr. 82 : 1905). Mit Lysias 
hatte er begonnen, der Neufund der Hippothersesrede gab ihm 
Anlaß, in seiner allerletzten Arbeit „eine vielerörterte Streitfrage 
attischen Metoikenrechts", wie er wohl behaupten konnte, „zu 
sicherer Entscheidung zu bringen" (Nr. 107 : 1920, S. 2). 

Später als die Beschäftigung mit den Rednern setzt die mit 
den Historikern ein. Es gehören hierher «unächst einige Arbeiten 
der achtziger Jahre. Lipsius tritt für die wohl am meisten ge- 
sicherte Annahme ein, daß Hellanikos nicht älter war als Herodot 
(Nr. 86: 1881), emendiert mit Glück durch eine einfache Umstellung 
eine Stelle des Thukydides aus Cassius Dio (Nr. 37: 1881), setzt 
sieh mit Wilamowitz in einer verwickelten chronologischen Frage 
der dem Ausbruch des Peloponnesischen Krieges vorausgehenden 
Ereignisse in beachtlicher Weise auseinander (Nr. 42. 44: 1885) % 
wobei er namentlich die Meinung widerlegt, des Thukydides Werk 
habe „durch die Eingriffe eines Herausgebers wesentliche Ände- 
rungen erfahren" (Aufe.), und gibt in seinem Dekanatsprogramm 
manche wertvolle Beobachtung über die griechische Logographte 
<»r. 48: 1887). Daß das Herodotische Geschichtswerk nicht ab- 

») Mit Thukydides beschäftigt sieh auch eine Rezension (Nr. 68: 1895). 



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Justus Hermann Lipsius. 




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geschlossen uns erhalten ist, legt er in Überzeugender Weise ■ 
(Nr. 81: 1902), eine Frage, die er schon „seit 20 Jahren" 
seinen Vorlesungen beantwortet zu haben betonen konnte. Sehl: 
lieh aber bot dem hochbetagten Greise, wie auf dem Gebiete 
Redner, so auch auf dem der Historiker ein bedeutender Neufund 
noch einmal Gelegenheit, eine wichtige Frage zu lösen. Der imi 
Papyrus P uns wiedergeschenkte, von maßgebender Seite dem. 
Theopomp zugeschriebene „Historiker von Oxyrhynchos" wurde von 
ihm in überzeugender Weise als der Geschichtschreiber Kratippos 
erwiesen (Nr. 9i: 1915) J ) und sorgfaltig herausgegeben (Nr. 96» 
1916) ; in weiteren Beitragen nahm er dann Stellung zu vorgebrachten 
Konjekturen (Nr. 102: 1917) und wies nach, wie die neugefundenen 
Fragmente des Ephoros nur bestätigen können, daß unser Papyrus £ 
eben nicht von Ephoros stammen kann (Nr. 106: 1919). 

So Wertvolles Lipsius auf dem Gebiete der griechischen Pros« 
geleistet hat, sein eigentlichstes Arbeitsgebiet , auf das ja schon 
manche der genannten Arbeiten hinweisen, waren doch die Staats- 
altertumer , in erster Linie die Fragen des attischen Rechts. Wie 
er schon frühzeitig durch seine vortrefflichen Jahresberichte sieh 
auf diesem Gebiete heimisch machte, mußte schon besprochen 
werden (S. 11). Die Reihe der Einzeluntersuchungen eröffnet die 
Abhandlung Uber die athenische Steuerreform im Jahre des Ni 
sinikos (Nr. 32: 1878) und eine Festsetzung des Zeitpunktes 
Mündigsprechung im attischen Rechte (Nr. 33: 1878), die j 
freilich durch Aristoteles ebenso erledigt ist wie die Ansicht, daß 
die Archonten schon während ihrer Amtstätigkeit dem Areopag an- 
gehörten (Nr. 35: 1881). Inschriftenfunde veranlaßten weiterhin 
Lipsius, sich mit dem griechischen Kalender zu befassen-, es wird 
die Abhängigkeit des attischen Kalenders vom delphischen nacht 
gewiesen (Nr. 34 : 1880) und der letzte noch fehlende Monatsname 



< *) Es kann unmöglich das Verdien It von Lipsius herabsetzen, wenn 
Beloch neuerdings in der 2. Aufl. seiner griechischen Geschichte (III 2. 
Berlin-Leipzig 1923, 8. 1 ff.) dieselbe Ansicht wie Lipsius im wesentlichen 
mit denselben Gründen vertritt, und die Bemerkung hinzufügt (Anm. l). 
„Mir ist das vom ersten Augenblick an klar gewesen, und die Sache ist 
heute wohl in diesem Sinne entschieden. Gleichwohl habe ich den vor- 
liegenden Abschnitt (geschrieben 27. XI. 1911) nicht unterdrücken wollen, 
um den Leser über den Stand der Frage zu orientieren." Gewill ist es 
eine erfreuliche Bestätigung der Ansicht von Lipsius, wenn ein Mann wie 
Beloch zu demselben Ergebnis gekommen ist; aber verwunderlieh' erscheint 
es, daß Beloch den nicht nennt, der doch dies wissenschaftliche Erge 
veröffentlicht hat. 




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Justus Hennann Lipsius. 



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25 






iet boiotischen registriert (Nr. 38: 1881). Für die Gerichtsszene 
der Utas begründet Lipsius wohl in „streng philologischer Inter- 
pretaüon" (8. 227) vor allem die Auffassung, daß es sich um .ein 
Schiedsgericht und um ein Wergeid handelt (Nr. 55: 1890). In 

_ Aufsätzen über attische Volksbeschlttsse zeigt sich seine sichere 

Methode in Ergänzung (Nr. 54: 1890) wie Erläuterung (Nr. 56: 
J91) bei aller Knappheit der Behandlung. Die Vollendung des 
Attischen Prozesses 8 (S. 12) brachte in den achtziger Jahren einen 
, „jen vorläufigen Abschluß für sein Schaffen 1 ). Epochemachend 
aber gerade auch für ihn mußte begreiflicherweise die Auffindung 
der noXtteia werden. Es ist bemerkenswert, mit welcher 

Klarheit er alsbald nach ihrem Bekanntwerden das Wichtigste 
herauszugreifen versteht, worin „unsere Kenntnis des attischen Rechts 
nnd . Bechtsverfahrens bereichert wird a (Nr. 57: 1891). In der 
weiteren Ausnutzung des großen Fundes *) muß sich nun vor allem 
sein Scharfsinn betätigen, mag er unter Berücksichtigung eines 
iasehriftlichen Neufundes in einer Betrachtung über die Phratrie der 
Deinotionidai verwickelte Fragen der attischen Volksgliederung der 
Lösung naher führen (Nr. 66: 1894), über Procheirotonie und 
Epieheirotonie ein vorsichtiges Urteil abgeben (Nr. 70 : 1896) oder 
in der von ihm übernommenen Umarbeitung der griechischen Alter- 
tümer von Schümann „die durch Aristoteles 1 wieder gefundenes Buch 
gebotenen Aufschlüsse verwerten sowie die vorher wenig berück- 
sichtigten inschriftlichen Quellen heranziehen" (Aufe.) (Nr. 72: 1897; 
80: 1902). 

Es kann wohl keinem Zweifei unterliegen, daß dies Werk, so 
sehr die Wissenschaft jetat andere Wege zu gehen unternimmt 
(S. 28), schon deshalb seine Bedeutung noch lange behalten wird* 
Auf das gewissenhafteste aufgebaut auf der Arbeit der Vorgänger, 
hält es in glücklicher Weise die Mitte zwischen einem streng wissen- 
«cbaftlichen und einem auch für jeden Gebildeten lesbaren Buche, 
das es ja eigentlich darstellen soll. Knapp und dabei vollständig, 
streng Bachlich und nicht ohne lebendige Einzelzüge, ohne willkür- 
liche Konstruktionen und von unbedingter Zuverlässigkeit, wird das 
Buch als Einführung in ein großes, nicht leicht zugängliche» 
Gebiet und als nächstes Nachschlagebuch noch lange seine Be- 



ttung haben. 



») Auch auf einige hierher gehörige Besprechungen sei hingewiesen : 
Nr. 41: 1884; 45: 1885; Nr. 50. 51: 1887. ' 

*) Von Besprechungen gehören hierher: Nr. 59. 60. 61: 1892; 84: 

4898; 67: 1895; 74: 1897 ; 86: 1906. .. 





bildeten die Beiträge zur Geschichte griechischer Bundesverfassungen 
(Nr, 76 : 1898), in denen Verfassungsfragen des zweiten athenischen 
Seehundes und des achaiischen Bundes manche Klärung erfahren. 

Immer wieder aber wurde Lipsius auf das Gebiet des griechi- 
schen Rechts geführt. In lichtvoller Weise legte er bereits 1893 
(Nr. 62) in seiner zunächst nicht für die Öffentlichkeit bestimmten 
Prorektoratsrede die Bedeutung des griechischen Rechts dar. a 
aber der attische Prozeß vergriffen war, konnte er nunmehr daran 
gehen, unter Zugrundelegung dieses älteren Werkes und Ausnutzung 
des namentlich durch die 'A&rpauov noXiteia und Inschriften so 
reich zugeflossenen neuen Materials „Das Attische Recht und Rechts- 
verfahren" in weiterem Umfange zu behandeln. Dem Siebzig, 
jährigen war es beschieden, den ersten Band herauszugeben (Nr. 83 ; 
1905), dem die weiteren Teile in Abständen folgten (Nr. 87 : 1908; 
92 ; 1912), und dem Achtzigjährigen, das große Werk abzuschließen 
(Nr. 95 : 1915). Daneben mußte begreiflicherweise auch das neu. 
gefundene Recht von Gortyns (im Jubiläumsbande der Abh. d. S. Ges. 
d. WisB.) besondere Berücksichtigung finden (Nr. 89 : 1909) ; es wurde 
namentlich in seiner weitgehenden Übereinstimmung mit dem attischen 
Rechte gewürdigt und dabei Fragen des Familienrechts, der Volk«. 



gliederung und der Rechtsverfassung erörtert. Noch nach der 
Vollendung des großen Lebenswerkes aber erschien manche wert- 
volle Einzeluntersuchung auf dem Gebiete der Altertümer. Die 
Frage der dini} igovlrfi (Nr. 97 : 1916) beschäftigte Lipsius so leb- 



Geltung zu verschaffen (Nr. 104: 1918). Es folgten eine Abhand- 
lung über die attische Steuerreform und das attische Volks vermögen, 
in der er die Auffassung seines Handbuches näher begründet und 
auch eine im „Attischen Recht" vertretene Anschauung gewissenhaft 
berichtigt (Nr. 98 : 1916), ein Aufsatz Uber die attische Nomothesie, 
die der verschiedenen Handhabung dieser Einrichtung im Laufe der 
Zeiten nachgeht (Nr. 101 : 1917) und die Behandlung des attischen 
Volksbeschlusses über Chalkis (Nr. 108: 1918), in der er ein© 



yergflnnt war, wai, wie er einst beklagte, seinem Amtsgenossem 
Wachsmuth versagt blieb: „zur Zabl der Auserwählten zu zählen, 
die ein langes Lebenswerk zum Abschluß haben führen dürfen*. 
Konnten auch noch einige Partien des „Attischen Prozesses" im 
wesentlichen hinübergenommen werden, so bedeutet dies Buch doch 
ein selbständiges Werk, in dem die Forschung nicht nur in allen 
Einzelfragen weitergeführt ist, sondern das auch in seinem Plane 
bedeutend erweitert erscheint, da, abgesehen von einer rechts- 
geschichtlichen Einleitung , auch das Blutrecht . und das materielle 
Hecht eingehender behandelt werden. In diesem Buche zeigt sich 
noch einmal die ganze wissenschaftliche Bedeutung des großen Ge- 
lehrten, in seiner echt philologischen Akribie und seiner beispiel- 
losen Beherrschung der Literatur, seiner meisterlichen Sprach- 
kenntnis und seinem kritischen Scharfblick, seiner unbedingten 
Sachlichkeit und nüchternen Klarheit, seiner sicheren Methode. 
Auf dieses große Werk werden sich wohl vor allem auch später 
noch die Blicke richten, wenn man fragt, was Lipsius der Wissen- 
schaft gewesen ist. Es war kein kleines, ja in gewissem Sinne ein 
gewagtes Unternehmen für den Philologen, hinüberzugreifen auf das 
Gebiet einer anderen stolzen Wissenschaft. Aber jeder gerechte 
Beurteiler wird zugeben müssen, daß der Wurf in hohem Maße 
,ng, daß Lipsius das „Grundbuch" geboten hat „für die Er- 
ling des griechischen Rechts, dessen Bedeutung für die Rechts- 
ntwicklung des ganzen Abendlandes in den letzten Dezennien mehr 
Und mehr erkannt worden ist" (Drerup im Lit. Zentr. 1916 Sp. 962). 
Wie richtig er aber seine eigene Stellung dabei beurteilte, das 
zeigen seine Aufzeichnungen, die auch hier wiederzugeben lohnt: 
•„Mein letztes Buch ... ist bestimmt, an die Stelle meiner Neu- 
bearbeitung des Attischen Prozesses zu treten, die eines Ersatzes 
wegen des neuerschlossenen Materials ebenso wie darum bedurfte, 
weil seit ihr infolge der Aufdeckung der gortynischen Rechtstafeln 
und der in immer reicherer Fülle zuströmenden Papyrusfunde sich 
auch die Mitarbeit der Juristen dem griechischen Rechte zugewendet 
hat nnd damit ein von mir immer wieder zum Ausdruck gebrachter 
Wunsch in endliche Erfüllung gegangen ist Je dankbarer ich für 
»rkennung bin, die mir auch von dieser Seite durch Ver- 
ung des Ehrendoktorats der Rechtsfakultäten von Leipzig nnd 
en zuteil geworden ist, um so weniger darf ich die Mahnung 
unterdrücken, sich nicht durch Überschätzung juristischer Methode 
zur Geringachtung philologischer Arbeit verleiten zn lassen, wie sie 
neuerlich, wiederholt zutage getreten ist und zu schweren Fehlern auch 





in beachtenswerten Leistungen geföhrt bat Nur der Vereinigung 
beider wird die Lösung der Aufgabe gelingen, deren Möglichkeit wir 
für eine nicht zu ferne Zukunft voraussetzen dürfen, eine wissen, 
schaftliche Darstellung des griechischen , nicht bloß des attischen 
Rechts zu geben." Was der Philologe für die Erkenntnis den 
attischen Rechts leisten konnte , das hat Lipsius zum guten Teile 
geleistet; daß er aber Uberhaupt die Grenzen der von ihm geübten 
philologischen Methode und seines eigenen Schaffens stets klar er- 
kannte and auch den Umschwung in der wissenschaftlichen Behand- 
lungsweise, den unsere Zeit bisweilen nur zu selbstgefällig predigt, 
wohl schon vorausahnte, das läßt seine Rektoratsrede erkennen, 
wenn er damals (1891) sagte (Nr. 58, 8. 24) : „Kritische Sammlung des 
Materials ist ja überhaupt die Signatur , welche die Richtung de* 
Gegenwart auch auf dem Gebiete anderer Geisteswissenschaften be- 
zeichnet, und wenn an dieser Richtung eine gewisse Einseitigkeit 
nicht zu verkennen ist, so darf sie doch das Verdienst in Anspruch 
nehmen, den unentbehrlichen Grund zu legen für die weitere 
Arbeit." Mag also die Wissenschaft auch andere Wege einschlagen und 
mögen dann manche Ansichten von Lipsius einer besseren Erkenntnis 
weichen müssen, mag der Rechtshistoriker nunmehr in intuitive» 
Weise das Bild des griechischen Gesamtrechts entwerfen, das große 
Werk des ehrwürdigen Meisters bedeutet doch, ja um so mehr, einen 
gewissen Abschluß der Forschung, aber auch das Fundament, auf 
dem weitergebaut werden wird. t 
Gleichmäßig und schlicht verfloß das Äußere so lange Leben 
des Gelehrten, Von anregenden Reisen, auch nach Italien nnd 
Griechenland, abgesehen, wurde die stille Arbeit im Dienste der 
Wissenschaft durch kein bedeutsames äußeres Ereignis unterbrochen 
Nur ist es ja fast selbstverständlich für akademische und namen 
Leipziger akademische Kreise, daß eine geistig vornehme Ges 
keit auch das gastliche Lipsiussche Haus nicht selten erfüllte, 
die Musik dabei eine wichtige Rolle spielte, war bei der Gei 
richtung von Lipsius' feinsinniger Gattin und seiner Schwester, der 
berühmten Musikschriftatellerin La Mara, begreiflich. Aber auch 
mancher Student fand hier reiche Anregung und sammelte wert- 
volle Erinnerungen für sein Lehen *). . Hier im eigenen Hause oder 
bei geselligen Veranstaltungen der Professorenschaft lernte 
auch mancher den ernsten Mann von seiner liebenswürdig jo 
Seite kennen. 

») Vgl. Hennann Anders Krüger, Sohn und Vater. Eine Jugend» 
rechenschaft. Braunschweig-Hamburg 1922, S. 218. 





"H Überschaut man das ganze reichgesegnete Leben des Gelehrten, 
40 konnte in der Tat das Wort seiner Schwester von ihm gelten 
(La Mara I S. 45) : „Alles gedieh ihm in Beruf und Leben nach 
Wunsch und Willen. Freilich mußte der einst so kraftrolle Mann 
doch schließlich in seiner letzten Lebenszeit den Beschwerden des 
rs seinen Tribut entrichten. Noch am 4. August 1916 hatte er 
undheit mit der treuen Lebensgefahrtin, die ihm „in innigem 
Zusammenleben*, wie sie selbst schreibt, ein nie getrübtes Glück 
^bereitet hatte, wenn auch die Ehe nicht mit Kindern gesegnet 
war 1 ), die goldene Hochzeit in Masserberg in Thüringen still und 
allein gefeiert (Ecce S. 26); die drei letzten Jahre aber seines Lebens 
hatte er infolge einer Lungenentzündung an chronischem Bronchial- 
katarrh schwer zu leiden. Gleichwohl diente er noch weiter, wie 
wir sahen , in seltener Geistesklarheit und Geistesschärfe seiner 
Wissenschaft. Obwohl schließlich dauernd an das Bett gefesselt 
und zuletzt unfähig, zu lesen, wollte er nicht von seiner Arbeit 
lassen, die ihm Herzenssache geworden war, und er ließ sich nun 
von der treuen Gattin vorlesen. Sanft ist er dann an einem Sonntag- 
morgen, am 5. September 1920, entschlummert. 

Lipsius war, wie Ihmels bei der erhebenden Trauerfeier in 
-der ehrwürdigen Paulinerkirche hervorhob, eine in sich geschlossene 
•Persönlichkeit. Beruf und Leben waren von derselben ernsten, 
geradezu strengen Pflichttreue erfüllt. Ein wahrhafter , aufrechter, 
durchaus sittlicher Charakter , von schlichter Frömmigkeit beseelt, 
konnte ihn Ihmels „einen Mann des kategorischen Imperativs aus 
der alten Schule" nennen. Im Verkehr war der zurückhaltende 
Gelehrte nicht liebenswürdig im gewöhnlichen Sinne; das lag nicht 
*in seiner stillen, ernsten Art, wie sie ja schon seine ehemaligen 
Gymnasialschüler schildern (S. 7. 10) ; aber er war mehr als das : »der 
ehrwürdige Justus war die väterliche Güte in Person," wie Krüger 
mit Recht sagt (a. a. 0.). Nicht alle freilich, die einst zu seinen 
•Füßen saßen, haben die unerschöpfliche, gütige Nachsicht, mit der 
er namentlich wissenschaftliche Bestrebungen zu fördern suchte, in 
dem Maße erfahren wie der Schreiber dieser Zeilen, wohl der 
einzige seiner Schüler, der sich auch rühmen kann, daß der Meister 
Arbeiten von ihm besprochen hat (Nr. 50. 60); aber jeder, der ihm 
nahekam, mußte den Adel einer vornehmen Persönlichkeit voll 
Herzensgute empfinden*), und so haben die alten Schüler dem 
„Meister", wie sie ihn gern schon zu einer Zeit nannten, wo er 

*) Vgl La Mara a. a. 0. II, 8. 459. 
*) Vgl. auch B. A. Müller a. a. O., 8. 566. 





noch recht jung war, ihre herzliche Verehrung hei so mancher 
Gelegenheit gezeigt : Zum 60. Geburtstage Überreichten ihm di« 
alten Schüler als Festschrift „Griechische Studien" mit einer Tabula, 
gratulatoria, zum 70. eine „Lipsiusstiftung", und zahllos waren die 
Begrttßnngen zum 80. Geburtstag wie zum fünfzigjährigen Doktor« 
jttbilaum (18. April 1906). Und in der Tat! Die schönen Worte, 
die Max Maurenbrechor in dem Nachwort einer Hede zur Be- 
stattung Wilhelm Wundts von ihm braucht: „Ich habe nie einen 
Menschen gesehen, der den Namen Justus mit solchem Rechte trag • 
ehrenfest, straff selbstbeherrscht und doch von herzgewinnender 
Gttte und trautem Humor", sie sind wohl manchem aus der Seele 
gesprochen. Das Bild aber des großen Gelehrten wird in Ehren 
bleiben, „so lange", wie er selbst in seinem Nachruf für Wachsmuth 
sagt (Nr. 84, S. 297), „es eine Wissenschaft vom klassischen Alter- 
tum gibt, auf die die deutsche Kultur nicht verzichten kann, ohne 
sich selbst zu gefährden". 

Chronologisches Verzeichnis der Schriften von Justus 

Hermann lipslus 1 ). 

1859: 1 . Anzeige von : Aeschyli quae supersunt tragoediae, rec. adn, 
er. et exeg. adj. H. Weil. Vol. I Sect. 1. Agamemnon* 
Gießen 1858. Lit. Centr. Nr. 25, Sp. 398. 

1860*. *2. De Sophoclis emendandi praesidiis disputatio. Progr. 

der Fürsten- und Landesschule zu Meißen 1860* 
Meißen. 27 S. 4°. 
3. Anzeige (unter dem Titel: Der Metriker Heliodoros) 
von: Keil, H., Quaestiones grammaticae quibus ad 
audiendam orationem . . , invitat. Lipsiae 1860. Jahrb. 
f. class. Philol. VI (81) 8. 607—612. 

1861 : 4. Anzeige von : Aeschyli quae supersunt tragoediae, rec. 

adn. er. et exeg. adj. H. Weil. Vol. L Sect 2 : Choephori. 
Gießen 1860 n. Weil, H., De la composition symmetrique 
du dialogue dans les tragedies d'Eschyle. Paris 1860« 
Lit. Centr. Nr. 22, Sp. 858 f. 
5. Anzeige von : Aischylos, Sieben gegen Thebai. Deutsch 
von A. Salom. Vögelin, Zürich 1860, u. Sophokles» 
Ajax. Tragödie, im Versmaße der Urschrift übersetzt 
von Dr. Jnl. Zastra, Neisse 1860, Lit. Centr. Nr. 25 % 
Sp. 406 f. 



i) Die selbständig herausgegebenen Schriften sind mit * bezeichnet. 
Für unbedingte Vollständigkeit kann nicht gebürgt werden, zumal Anseigen 
ohne Angabe des Rezensenten erschienen »ein können, Für Nr. 1 ist die 
Autorschaft gesichert durch einen Hinweis in Nr. 3. Die Anseigen im 
Lit Centr. sind mit Ii unterzeichnet. 




Justus Hermann Li psia s. 



31 



- 



' - 





6. Anzeige von: Schmalfeld, Ö., Dr., Einige Bemerkungen 
zum zweiten Oedipas des Sophokles. Dazu als Anhang t 
Versuch etlicher Verbesserungsvorschläge zu verdor- 
benen Stellen des Sophokles. (Im Progr. d. Gymn. zu 
Eisleben zu Ostern 1861.) Lit. Centr. Nr. 8, Sp. 140 f. 

7. Anzeige von: Luciani codicum Marcianorum iectiones* 
Edid. Jul. Sommerbrodt. Berlin 1861. Lit. Centr. 
Nr. 9, Sp. 154. 

8. Anzeige von ; Sophodis Electra in us. schol. edid. Otto- 
Jahn. Bonn 1861. Lit. Centr. Nr. 27, Sp. 560 f. 

9. Anzeige von: Lohde, Ludw., Die Skene der Alten. 
20. Progr. z. Winckelmannsfest der arch. GeB. zu Berlin* 
Berlin 1860. Lit. Centr. Nr. 27, Sp. 565 f. 

10. Anzeige von: Hasselbach, K. F. W., Sopbokleisches. 
Zur Rechtfertigung u. Allgemeineres. Frankfurt a. M 
1861. Lit. Centr. Nr. 36, Sp. 768 ff. 

11. Anzeige von: Sophokles Antigone recogn. AugustuB- 
Meineke. Berlin 1861 u. Meineke, Aug., Beitr. z. 
philol. Kritik d. Antigone d. Sophokles. Berlin 186U 
Lit. Centr. Nr. 87, 8p. 799 f. 

12. Anzeige von: Lion, Car. Theod., Oedipus rex quo tem- 
pore a Sophocle docta sit quaeritur. Goettingen 1861 » 
Lit. Centr. Nr. 38, Sp, 81 9 f. 

1864: *18. Quaestionum Lysiacarum specimen. Viro illustri 

Fr. A. Nobbio . * . pie gratulanter collegae. Lipsiae. 
S. 7—18. 4°. r 

14. Anzeige von : Sophoclis Oedipus Coloneus cum scholiis- 
graecis edidit et annotavit Aug. Meineke, Accedunt 
Analecta Sophoclea. Berlin 1863. Lit. Centr. Nr. 9, 
Sp. 208 f. 

15. Anzeige von: Rothmann , Prof. J. G., Beitr. zur Ein- 
führung in das Verständnis d. griech. Tragödie. Zwei 
Vorlesungen. Leipzig 1863. Lit. Centr. Nr. 26, Sp. 615. 

16. Anzeige von: Krüger, K. W., Vademecum für Herrn 
G. Herold in Nürnberg und Herrn G. Curtius in Leipzig- 
mit Noten für Herrn W. Bäumlein. Berlin 1866, Lit. 
Centr. No, 17, Sp. 450 f. 

1867: *17. Apparatus Sophoclei snpplementum. Programm des 
Nicolaigymnasiums in Leipzig. Leipzig. S. 1 — 16. 4°. 

18. Anzeige von: Müller, C. Frid., De pedibus solutis in 
dialogorum senariis Aeschyli, Sophoclis, Euripidis 
Berlin 1866. Lit. Centr, Nr. 6, Sp. 159. 

19. Anzeige von: Westphal, Rud., Geschichte der alten* 
und mittelalterlichen Musik. 3. Abth,: Plutarch über 
die Musik. Breslau 1865. Lit. Centr. Nr. 6, Sp. 159 f. 

20. Anzeige von: Ostermann, Dr. Chr., Übungsbuch zur 
Ubers, a. d. Lat ins D. u. a. d. D. ins Lat 8. verb. 
Aufl. Leipzig 1866. 67. 1. Abth. f. Sexta. 2. Abtb. f. 
Quinta. Lit. Centr. Nr. 44, Sp. 1222. 





1868: 21. 

* i ' 

* "" 

1870 : 22. 

1872: *2S. 

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24. 



1873: 25. 

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1874: 27. 

■ 

1875: 28. 
1876: *29. 
30. 

1877: 31. 

1878 : 32. 
38. 

1880: 34. 
1881: 

85. 
36. 
37. 
88. 

1882: 39. 
1883: 40. 



Justus Hermann Lipsius. 

Anzeige von: Christ, Dr. Wilh., Die Verskunst de* 
Horaz im Lichte der Alten Überlieferung. München 
1868, Lit. Centr. Nr. 45, Sp. 1222 f. 
Zur Textkritik des Andokides. N. Jahrb. f. clasa, 
Phil. XVI (101), S. 787—740. 

Die Nicolaischule zu Leipzig im ersten Jahrhundert 
ihres Bestehens. [Zur Einweihung der neuen Nicolai- 
schule in Leipzig am 15. April 1872.] Leipzig. 21 8. 4«. 
Rede bei der Einweihung des neuen Nicolaigymnasiums 
zu Leipzig. [Progr. d. N.-G. zu L. Auf das Schul- 
jahr 1872—1878. Leipzig 1873.] 8. IV — VI. (Wegen 
der Wichtigkeit der darin ausgesprochenen Grundsätze 
ist dieses Schulprogramm aus der Zahl der von Lipsiaa 
als Rektor verfassten herauszuheben). 
Anzeige von: Curtius, Georg, Griech. Schulgrammatik. 
10. unter Mitwirkung v. Dr. Bernh. Gerth erweit. 
verb. Aufl. Prag 1873. Lit. Centr. Nr. 27, Sp. 844 ff. 
Jahresbericht über die griechischen Altertümer. Bursiang 
Jahresber. Erster Jahrg. 1873. II. Bd., S. 1885— 
1407. Berlin 1876. 

Anzeige von: Hermann, F., Lehrbuch der griechischen 
Antiquitäten. 1. Theil. Philol. Anz. Bd. VI, Heft 8, 
S. 400. 

Anzeige von: Kirchhoff, A., Über die Schrift vom Staate 
der Athener. Berlin 1874. Lit. Centr. Nr. 25, Sp, 808 !~ 
Demosthenis de Corona oratio. In usuiu schol. 
Leipzig. 121 S. 8°. 

Anzeige von : Demosthenes. Ausgew. Reden, erklärt v. 
A. Westermann. 1. Bdchn. 7. Aufl. v. E. Müller. 
Berlin 1875. Lit. Centr. Nr. 26, Sp. 857 f. 
Jahresbericht über die griechischen Alterthttmer für die 
Jahre 1874—1877. Bursians Jahresber. Bd. 15, 8p, 
275—352. VIL Jahrg. 1878. Berlin 1880. 
Die athenische Steuerreform im Jahre des Nausinikoa. 
N. Jahrb. f. class. Phil. XXIV (117), S. 289—299. 
Über den Zeitpunct der Mündigsprechung im attischen 
Rechte, N. Jahrb. f. class. Philol. XXIV (117), S. 

bis 308. . 
Zum griechischen Kalenderwesen. Leipz. Stud. z. 

Phil. IH, 1, 8. 207—215. 
Miszellen. Leipz. Stud. z. class. Phil. IV, 1: 
Die Archonten im Areopag. S. 151 — 153. 
Chronologie des Hellanikos. S. 153 f. 
Thukydides aus Cassius Dio emendiert. S. 155 f. 
Zum boio tischen Kalender. S. 155 f. 
Anzeige von: Blaß, Fr., Die attische Beredsamkeit 
2. Leipzig 1881. Lit. Centr. Nr. 18, Sp. 608 f. 
Über die Unechtheit der ersten Rede gegen Aristogeitoa, 
Leipz. Stud. z. class. Phil. VI, 2 ( S. 817—381. 



ihr neuester Beurtheiler, Wien 1891, n. Meyer, P., De» 
Aristoteles Politik und die y A9rpaiw nottTila y Bonn 
1891. Lit. Centr. Nr. 2 Sp. 56 f. 

60. Anzeige von: Aristoteles» Staat der Athener, Übers. v . 

Poland. Berlin 1891. Lit. Centr. Nr. 7 Sp. 215. 

61. Anzeige von; Headlam, J. W,, Election by lot at Athen». 
Cambridge 1891. Lit. Centr. Nr. 15 Sp. 584. 

1898: *62. Von der Bedeutung des griechischen Rechts. Bede aur 
Feier des Geburtstags S. IL des Königs Albert am 
23. April 1891. Leipzig. 32 S. 4°. 

63. Zur Textgeschichte des Demosthenes. Ber. üb. d. Verh. 
d. K. Sachs. Ges. d. Wiss. PhiL-hist. Cl. 45, 1 Sp. 1—23. 

64. Anzeige von: Keil, Br., Die Solonische Verfassung i u 
Aristoteles 1 Verfassungsgeschichte Athens. Berlin 1892. 
Woch. £. class. Phil. X 32/33 Sp. 877— 881. 

65. Anzeige von : Rabe, Alb., Die Redaktion der Demostheni- 
schen Kranzrede. Göttingen 14892. Lit. Centr. Nr. 8$ 
Sp. 1269 f. 

1894: 66. Die Phratrie der Demotionidai. Leipz. Stud. z. class. 
Phil. XVI & 159—171. 

1895 : 67. Anzeige von : Aristotelis fioUtäa Id&tjvaltav, iterum ©d. 

Fr. Blaß. Leipzig 1895. Lit. Centr. Nr. 42 Sp. 1529. 
68. Anzeige von: Kirchhoff, A., Thukydides und sein TJr- 
kundenmaterial. Berlin 1895. Lit. Centr. Nr. 51 Sp.l835f. 

1896 : 69. Zu Hypereides' Rede gegen Athenogenes. Philologus LV 

S. 39 — 45. 

70. Procheirotonie und Epicheirotonie. Leipz. Stud. z. class. 
Phil. XTO 2 S. 408—412. 

71. Anzeige von : Sauppe, H., Ausgewählte Schriften. Berlin 
1895. Gött, gel. Ana. 158, I Nr. IV. April. S, 340—342. 

1897 :*72. Griechische Alterthttsaer von G. F. Schoemann. 4. Aufl. 

neu bearb. I. Band. Das Staatswesen. Berlin 1897. 
VIH, 600 S. 8 °. 

73. Anzeige von: Körting, G., Geschichte des Theaters in 
seinen Beziehungen zur Entwicklung der dramatischen 
Dichtkunst. 1. Bd. : Geschichte des griechischen und rö- 
mischen Theaters. Paderborn 1897. Lit. Centr. Nir. la 
Sp. 437 f. 

74. Anzeige von: Gilbert, G., Beitrage zur Entwicklungs- 
geschichte des griechischen Rechtsverfahrens und des 
griechischen Rechtes. Leipzig 1896. Berl. philol. Woch. 
Nr. 44 Sp. 1360—1362. 

1898 : 75. Die neuentdeckten Gedichte des Bakchylides. N. Jahrb. 
f. d. kL Alt. I S. 225—247. 

76. Beitrage zur Geschichte griechischer Bundesverfassungen. 
Ber. IIb. d. Verh. d. K. Sachs. Ges. d. Wiss., phil. 
hist Cl. 50, 3» S. 145—176. 

77. Neue Demosthenes - Papyrus. Leipz. Stud. x. 
Phil. XVHI 2 S. 817-824. 







1912 




1915: 



1916: 



»• 8 4?S ™ d™n,»tiBcheB Ag.». Ldprig. Stud. «. elu.. 

Phü. XIX 2 8. 810 — 818. 
79. Beitrage zur pindarischen Chronologie. Ber. üb. d. Verh. 

d. K. Sächs. Ges. d. Wiss. PhiL-hist Cl. 52, 1 8. 1—22. 
*80. Griechische AlterthUmer von G. F. Schoemann. 4. Aufl. 
neu bearb. II. Bd.: Die internationalen Verhältnisse 
und das Religionswesen. Berlin. VII, 644 S. 8°. 

81. Ber Schluß des Herodotischen Werks. Leipz. Stud, sc. 
class. Philol. XX S. 195—202. 

82. Über Antiphons Tetralogien. Ber. üb. d. Verh. d. K. 
Sachs. Ges. d. Wiss. PhiL-hist. CL 56 (1904) 4 S, 191—204. 

*83. Pas Attische Recht und Rechtsverfahren mit Benutzung 
des Attischen Processes von M, H. E. Meter und G. F. 
Schümann dargestellt. I. Band. Leipzig. IV, 233 S. 8°. 

84. Worte zum Gedächtnis von Gurt Wachsmutb. Ber. ttb. 
d. Verh. d. K. Sächs. Ges. d. Wiss. PhiL-hist. Cl. 57, 6 
S, 287—297. 

85. Worte zum Gedächtnis von Friedrich Hultsch. Ber. ttb. 
d. Verh. d. K. Sächs. Ges. d. Wiss. PhiL-hist. Cl. 58, 5 
S. 191—198. 

86. Anzeige von; Swoboda, EL, Beiträge zur griechischen 
Rechtsgeschichte. Weimar 1905. Berl. phil. Woch. 
Nr. 25 Sp. 787—789. 

*87. Pas Attische Recht und Rechtsverfahren mit Benutzung 
des Attischen Processes von M. H. E. Meier und G. F. 
Schümann dargestellt. II. Band. 1. Hälfte. Leipzig 
1908. S. 235—460. 8°. 

88. Zu Valerius Flaccus. Rhein. Mus. f. Phil. K. F. LXHt 
S.157f. 

89. Zum Recht von Gortyns. Abh. d. phiL-hist Kl. d. K. 
Sächs. Ges. d. Wiss. XXVII, 11 S. 891—410. Leipzig. 8«. 

90. Justus Hermann Lipsius — Erich Bethe — Richard 
Heinze. Das philologische Seminar, Proseminar und 
Institut. [8. A. a. d. Festschrift z. 500jähr. Jub. d. 
Univ. Leipzig.] 27 S. 4®. 

91. Didaskalika. Rhein. Mus. N. F. LXV 161—168. 
*92. Das Attische Recht und Rechtsverfahren unter Benutzung 

des Attischen Prozesses von M. H. E. Meier und G. F. 
Schümann dargestellt. IL Band. 2. Hälfte. Leipzig. 
VHI. S. 461—785. 8°. 

93. pe elegiae Graecae primordiis: Xenia Nicolaitana. 
Festschr. z. Feier d. vierhundertjähr. Bestehens der 
Nikolaischule in Leipzig. Leipzig. S. 1 — 5. 

94. Der Historiker von Oxyrhyncbos. Ber. ttb. d. Verh. 
d. K. Sachs. Ges. d. Wiss. PhiL-hist. KL 67, 1. 26 8. 

*95. Das Attische Recht und Rechtsverfahren unter Benutzung 
des Attischen Prozesses von M. H. E. Meier und G. F. 
Schümann dargestellt. HL Band. Leipzig. S. 787 — 1041. 

*96. Cratippi Hellenicorum fragmenta Oxyrhynchia schol in 




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IV 



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1 ■ 




Justus Hermann Lipaiua. 



us. ed. (Kleine Texte f. Vörie»., hrsg. v. H. Lieta 
mann. 138.) Bonn. 35 S. 

97. JUtj i£ovXr$. Zeitschr. d. Savignystift. f. Rechtsgesch. 
XXXVII. Kornau. Abt. S. 1—14. 

98. Die attische Steuerverfassung und das attische Volks- 
vermögen. Rhein. Mus. N. F. LXXI S. 161—186. 

99. Worte des Gedächtnisses an Bruno Keil. Ber. üb. d. 
Verb. d. K. Sachs. Ges. d. Wiss. Phil.-hist. KI. 68, 6 
S. 1—15. 

100. Anzeige von: Noaek, F., Sxrjvij TQayixij. Tübingen. 
1915. Lit. Zentr. Nr. 1 Sp. 17 ff. 
1917: 101. Zur attischen Nomothesie. Berl. phil. Woch. Nr. 20 
Sp. 902—912. 
102. Zu Kratippos. Berl. phü. Woch. Nr. 50 Sp. 1573— 
1918: 103. Zum attischen Volksbeschluß über Chalkis. Hermes 
S. 107—110. 

104. Nochmals zur SUrj ifot/Äiyg. Zeitschr. d. Savignystift. 
f. Rechtsgesch. XXXIX. Roman. Abt. S. 36—51. 

105. Anzeige von : Frickenhaus, A., Die altgriechische Büh 
Straßb. 1917. Lit. Zentr. Nr. 36 Sp. 713—715. 

1919: 106. Ephoros und Kratippos. Berl. phil. Woch. Nr. 40 
Sp. 958—960. 

1920: 107. Lyxias' Rede gegen Hippotherses und das ai 

Metoiketi recht. Ber. üb. d. Verh. d. Sächs. Ak. d. W; 
dl.-hist. Kl. 71. 1919. 9. 6. 1—12. 



-157< 



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August Brinkmann. 

Geb. 29, August 1863, gest. 28. Juli im 



Hans Op 





ybrov rrutroe «£(>* *<*v*tov, xal 
Stiau a<H rar erfyavov rije fftwjff. 
(Apoc Joh. n 10.) 




Am 28. Juli 1923 ist August Brinkmann durch den Tod von 
schwerer , qualvoller Krankheit erlöst worden; mit ihm ist einer 
der bedeutendsten Schüler und der direkte Erbe Hermann üseners 
dahingegangen , der vierte in der mit Welcker anhebenden Philo- 
logendiadoche, die Bonn als Hochburg unserer Wissenschaft be- 
rühmt gemacht hat Wenn hier der Versuch gemacht wird, in 
kurzen Zügen sein Leben und seine Persönlichkeit zu umreißen, 
so erseheint das um so notwendiger, als es Veranlagung und Ent- 
wicklung des Verstorbeneu mit sich gebracht haben, daß er keine 
großen, umfassenden Werke hinterlassen hat, in denen sich sein 
Bild auch für spatere Generationen kenntlich spiegelt. Nur ein 
geringer Bruchteil seines Lebenswerkes liegt gedruckt vor, und dieser 
wieder ist in Form von größeren und kleineren Aufsätzen verstreut. 
Um bo wichtiger ist es, daß wir uns noch einmal das Bild dieses nun 
verloschenen Lebens vor Augen fuhren und es auch für spätere 

Zeiten festhalten. 

August Brinkmann wurde am 29. August 1863 zu Braunschweig 
geboren. Sein Vaterhaus, eine Lohgerberei, stand und steht noch 
heute in der Echternstraße zu Braunschweig, inmitten eines großen 
Häuserviertels, in dem sich fast vollständig und unverändert das 
mittelalterliche Stadtbild erhalten hat. Hier wuchs er heran, und 
hier empfing er seine Schulbildung. Ein merkwürdiges Spiel des 
Zufalls wollte es, daß er, der spätere ausgezeichnete Kenner 
griechischer Sprache, zunächst sechs Jahre das Realgymnasium 
besuchte. Erst während der letzten drei Jahre seiner Schulzeit 
war er, nachdem er mit energischem Floiße Griechisch nachgelernt 
hatte, Schüler des altehrwürdigen Martino-Katharineums, an dessen 
ßpitze damals C. Th. Gravenhorst, bekannt als vorzüglicher * 



38 August Brinkmann. 



setzer griechischer Tragiker, und nach ihm A. Eberhard standen. 
Im Herbst 1882 erwarb er das Zeugnis der Keife nnd begab sich, 
zur Universität, zuerst nach Leipzig, dann nach Heidelberg, wo er 
je ein Semester klassische Philologie und Philosophie studierte, 
diesen ersten Semestern, in denen das Studium der Philosophie stark 
betont war, haben besonders die Persönlichkeiten Max Heinzes und 
Cuno Fischers Eindruck auf ihn gemacht. Bann aber zog es ihn 
zum damaligen Brennpunkt philologischen Lebens, nach Bonn, wo 
neben dem Doppelgestirn Bücheler und Usener Kekule und Nissen 
als Vertreter der verwandten Richer wirkten; sie alle sind seine 
Lehrer gewesen. Die rheinische Musenstadt wurde ihm zur zweiten 
Heimat, der er, abgesehen von den Unterbrechungen des Dienst- 
jahres und der Königsberger Zeit, bis zum Tode treu geblieben ist. 
Hier fand er sowohl große, von ihm begeistert verehrte Lehrer wie 
einen Kreis treuer Freunde, mit denen ihn gleiches Streben und 
Interessen verbanden. Ton ersteren war es Usener, der ihn am 
meisten anzog und am nachhaltigsten beeinflußte, ohne daß deshalb 
seine "Verehrung der anderen, vor allem Büchelers, geringer gewesen 
wäre. Was diese beiden Philologen der Wissenschaft und ihm 
persönlich bedeutet haben, hat er in den schönen Nachrufen aus- 
gesprochen, die er beiden nach ihrem Tode gewidmet hat (Vgl. 
Bibliographie Nr. 2l, 29). In einem ans Königsberg an Usener 
gerichteten Briefe drückt er in beredten Worten seine Verehrung; 
für den Meister aus. Er vergleicht sich und seinen Abschied aus Bonn 
mit dem Schicksal des Gregorios Thaumaturgos, der die Trennung 
von Origenes der Vertreibung Adams aus dem Paradiese zur Seite 
stellt. Neben Biels' Widmung der Boxographi ist dieser BrieiF 
vielleicht das schönste Zeugnis der Verehrung, die Useners Schüler 
für ihren Lehrer empfanden. — In Bonn lernte Brinkmann die 
strenge philologische Methode und eignete sich die Überzeugung 
von der Universalitat der Wissenschaft an , beides hervorstechende 
Züge der Bonner Schule. Zwei Semester lang war er sodalis des 
philologischen Seminars , nach Büchel ers Ausspruch eine columella 
desselben, und als er am 15. August 1888 summa cum laude auf 
Grund einer Arbeit über die unechten Platonischen Dialoge (unten 
Nr. 1) promoviert hatte, wurde er hier Assistent. Auch in der 
neuen Stellung bfieb er dem oben erwähnten Freundeskreise treu j 
es waren dies die Studenten und jungen Philologen, die sich im 
n Bonner Kreis" nnd seinem philologischen Verein zusammenfanden. 
Hier fand Brinkmann ein lebhaftes, fruchtbares av^tloloyti^ 
nnd viele Vortrage des Studenten und Assistenten legen Zeugnis 





4«Är ab , mit welchem Eifer er sich an der gemeinsamen Arbeit 
beteiligt». Zugleich fand er eine Reihe treuer Freunde fürs Leben, 
Von denen wir als die nächsten Hermann Schöne und Hngo Rabe 
nennen. Oft und gern plauderte der Verstorbene in späteren Jahren 
Von dieser schönen ersten Bonner Zeit, von lustigen Episoden und 
Szenen aus dem damaligen Studentenleben und von dem allnach- 
mittäglicben Kaffeeskat im schönen Garten des allen alten Bonnern 
wohlbekannten Hotel Kley. 

Nach halbjähriger Assistenten tätigkeit am philologischen Seminar 
verließ Brinkmann Bonn noch einmal, um im Inf.-Rgt. 92 seiner 
Heimatstadt der militärischen Dienstpflicht zu genügen. Es war 
der letzte dauernde Aufenthalt in Braunschweig. Nach der Rück- 
kehr im Herbst 1889 nahm er die Tätigkeit am Seminar wieder auf 
und bereitete sich in fleißiger, umfassender Arbeit auf Habilitation 
Und Dozententätigkeit vor. Die Absicht, als Habilitationsschrift eine 
Untersuchung Uber Fragmente Heraklits anzustellen, wurde geändert, 
als er im Verlaufseiner Studien auf das interessante Gebiet der mani- 
chäischen Häresie stieß, und so habilitierte er sich am 2. Juni 
1893 mit Prolegomena und kritischer Ausgabe des Alexander von 
Lykopolis (unten Nr. 3). 

Drei Jahie wirkte er noch in Bonn als Privatdozent, bis er 
Sommersemester 1896 als außerordentlicher Professor an die 
niversität Königsberg berufen wurde. Die sechs Jahre, die er 
hier gewirkt hat — seit Wintersemester 1901 als Ordinarius — , 
blieben ihm in schöner Erinnerung. Hier gründete er seine Familie, 
der bald zwei Söhne entsprossen — ein dritter wurde später in 
Öonn geboren — , hier im östlichen Deutschland lernte er ein zum 
feil ganz neues Leben kennen, das ihm viele Anregungen bot. 
l>ie interessanteste Erweiterung des Wissens, die ihm Königsberg 
trachte, besteht wohl darin, daß er sich in der Archäologie Jetzt 
such praktisch betätigte. Als Vorstandsmitglied der Altertumt- 
gesellschaft „Prussia" hat er eine ganze Reihe von Ausgrabungen 
prähistorischer Grabhügel in Ostpreußen geleitet (s. unten Nr. 11; 
SS). Als dann im Jahre 1902 Usener seine Lehrtätigkeit nieder- 
legte, erhielt er den ehrenvollen Ruf, dessen Erbe anzutreten. Mit 
Freuden kehrte er in das ihm liebgewordene Bonn zurück. Hier 
hat er — abgesehen von einer kurzen Unterbrechung durch 
Krankheit im Sommer 1907 — bis zu seinem Tode gewirkt, noch 
drei Jahre unter den Augen seines hochverehrten Lehrers, bis 1901 
In Gemeinschaft mit Bttcheler. Seit 1905 zogen ihn beide als Mit- 
Herausgeber des Rheinischen Museums heran, und seit Büehelers 



Tode hat er diese Aufgabe bis mm seinem Tode ganz allem ver> 
waltet mit der Hingabe an die 8ache, die immer Bein eigen war, 
und die »ich nicht auf die reine Redaktorentätigkeit beschränkte, 
sondern der Zeitschrift in allen ihren Teilen Bein reiche«» Wissen 
angute kommen ließ. — Neben der Lehrtätigkeit hatte er in de« 
Selbstverwaltung der Universität manche Pflichten. Sein sachliche«, 
klares Urteil war geschätzt im Kreise der Fakultät, als Mitglied 
saß er in Kommissionen, 1915—17 gehörte er dem Senat an, 
1907—08 war er Dekan der philosophischen Fakultät. In diesen 
Stellungen trat er nicht nach außen hervor, sondern ließ wie überall 
seine Person hinter der Sache verschwinden. Seit 1913 war er 
stellvertretender Vorsitzender der wissenschaftlichen Prüfungs- 
kommission und hat bis xu seinem Tode dies dornenvolle Amt in 
strengster Pflichterfüllung bekleidet. Aber Uber allem stand als 
wichtigste Tätigkeit die des Lehrers, an dessen Fußen so mancher 
Philologe gesessen hat. 

So einfach dies Leben in seinen äußeren Bahnen verlaufen 
ist, so reich ist es an stillem Fleiß und Arbeit gewesen. Man ver- 
gegenwärtige sich nur, welche nie ermüdende, intensive Arboit v 
aller Begabung daau gehört hat, aus dem Schüler, der das griechische 
Pensum dreier Jahre nachlernte, den Mann zu bilden, der d~ 
vielleicht beste Kenner der griechischen Sprache in seiner Generation 
war. In der Tat hat er von jung auf mit nie rastendem Eifer 
gearbeitet und gelernt. Nicht nur der ganze Tag, auch ein großer 
Teil der Nacht gehörte der Wissenschaft; diese physisch betrachtet 
große Leistung wurde ermöglicht durch seine robuste Körperlichkeit, 
die er noch durch Kaffee und Nikotin anregte. Es wird wohl nie 
sicher zu entscheiden sein, wie weit diese Riesenarbeit und diese 
Stimulanzen seine Gesundheit untergraben haben, so daß sein 
Körper der letzten Krankheit nicht genügend Widerstand entgegen- 
setzen konnte und er, scheinbar noch kräftig dastehend, in wenigen 
Monaten dahingerafft wurde. Aber soviel ist sicher, daß er länger 
hätte leben können, wenn er seine Arbeit eingeschränkt hätte zu 
gnnsten dessen, was man eine vernünftige Lebensweise nennt, wenn 
er nicht, die Warnungen, die sein Körper ihm in einzelnen An- 
fällen zukommen ließ, unbeachtet lassend, in unbeugsamem Pflicht- 
bewußtsein an rastloser Arbeit zurückgekehrt wäre. So ist er im 
wahrsten Sinne des Wortes in den Sielen gestorben. Mitten ans 
dem Wirken, ans einer Unzahl halbvollendeter Pläne und Entwürfe 
riß ihn die Krankheit, die zum Tode führte. Diese Liebe snr 
Arbeit prägte sich auch im Äußeren ans. Den schwarzen Schlapp- 





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hnt auf dem Kopfe, die brennende Zigarre oder Pfeife im Munde, 
allen kenntlich durch den rotblonden mächtigen Bart, einen großen 
gftofi Bücher unterm Arm, so eilte er — ein vielen Bonnern nie 
charakteristisch bekanntes Bild — durch die Straßen, oft im Lauf- 
schritt, denn er dehnte die Arbeit bis mr letzten Minute aus, von 
der Wohnung sum Kolleg, von da zur Bibliothek oder zum Seminar, 
von einer Arbeitsstätte zur anderen. Und Arbeit predigte auch sein 
Daheim. Schon in der Studentenzeit soll sein Zimmer dasselbe 
Bild geboten haben, das alle seine Schüler kennen. Tisch, Stuhle 
und Fußboden dicht bedeckt von neben- und Obereinanderliegenden 
Btlehern, die teils aufgeschlagen waren, teils voller Lesezeichen und 
Notizzettel steckten. Dazwischen die Zettel mit wissenschaftlichem 
Material und die Mappen, in die er sie sammelte. Denn das erste 
und nächstliegende Ziel seiner Arbeit war Vermehrung des eigenen 
Wiesens; dies Ziel verfolgte er mit der Gründlichkeit und Treue, 
die sein Arbeiten immer ausgezeichnet haben, nicht nur als besten 
Erbteil der Bonner Philologenschule, sondern auch als der tiefste 
Ausdruck seiner Persönlichkeit, deren Grundzug Treue im großen 
wie im kleinen war. 80 hat er, schon früh beginnend, jede Minute 
ananutzend, wohl die gesamte griechische Literatur bis tief ins 
byzantinische Mittelalter hinein durchgelesen, und das immer mit 
der Sorgfalt, die daraus das Fundament schuf, auf dem sich sein 
Wissen sieber aufbaute, lihetoron und Historiker, heidnische Philo- 
sophen und christliche Theologen, antike Kunst und Fachwissen- 
schaften, Inschriften und Papjri , die antike Religion in ihren 
flohen und in den Tiefen des Volksaberglaubens wie die dunklen 
Spekulationen christlicher Sekten, nichts war ihm fremd. Auf dieser 
Grundlage konnte er die Entdeckungen machen, die zahlreich in 
seinen Aufsätzen und Missellen verstreut sind, und die gerade da- 
durch immer wieder in Erstaunen versetzen , daß sie Material aus 
den entlegensten Winkeln zusammenstellen und so zn Erkenntnissen 
Ähren, die nur aus einer umfassenden Kenntnis der gesamten 
literarischen Produktion des Altertums geboren werden konnten. 

Ebenso hielt er es Air seine Pflicht, die modernen wissen- 
schaftlichen Werke genau zu kennen und sich zu eigen zu machen. 
Und hier sog er ab echter Schüler Usenera die Grenzen ebenso 
weit wie sein großer Lehrer. Nicht nur die philologische Literatur 
im engeren Sinne, die Schrifttum und Sprache der Griechen und 
Römer behandelt, beherrschte er vollkommen, er war ebenso sn 
Hanse auf dem Gebiete der Volkskunde der germanischen und der 
der primitiven Völker oder auf dem Gebiete der Theologie, soweit 



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en. 

philologisc 




all «ich mit der ersten Entwicklung des Christentums befaßt, Anf 
diesem Wege erwarb er sich auch eine bei einem Philologen nickt 
gewöhnliche, aber darum nicht weniger wichtige Denkmalerkenntniii r 
die sich von den Zeiten der Prähistorie - hier ist er ja selbst 
mit Ausgrabungen tatig gewesen — bis zu den byzantinischen 
Elfenbeinschnitzereien und Buchillustrationen erstreckte. Im Gegen- 
satz zu der von Kekule, der auch sein Lehrer war, inaugurierten 
Archäologenschule, die das Hauptgewicht auf die kunstgeschichtliche 
Erkenntnis und Erforschung der Stilentwicklung legt, interessierte 
ihn als Philologen an der bildlichen Hinterlassenschaft des Alter- 
tums in erster Linie das Antiquarische, die Realien. Dies Gebiet 
beherrschte er in staunenswertem Umfange, und er verstand es, 
diese Zeugnisse zu den literarischen und inschriftlichen zu rücken 
und so jene lebendigen, farbenprachtigen Ausschnitte aus dem an- 
tiken Leben zu gestalten, die seine Vorträge Uber Mädchenreigen, 
Buchwesen, Unterweltsvorstellungen usw. boten. Seine schlichte, 
anspruchslose, aber immer sachliche und verständliche Art zu s 
trug dazu bei, daß diese Vorträge im Publikum weite Kreise zo 
und auch vielen Laien ein lebendiges Bild antiker Kult 
..Vi er a u e Neuerscheinungen und Zeitsch 

verwandten Gebieten gründlich durch und er- 
seine Kollegs und Kollationen, seine Material- 
und Abbildungsammlungen. Und nie wurde er müde, aus diesem 
Schatze Freunden, Kollegen und Schülern mit freigebiger Hand zu 
«penden, im besten Sinne und ohne jede Ironie eine ßißfoofhjxt; 
l'fiifwxog. 

Doch mit der Sammlung des ungeheuren Materials war es nicht 
getan. Sie waT nur das Fundament, auf dem sich das Gebäude seines 
Wissens erhob, das er in sorgfältiger, kritischer Verarbeitung der 
Rohstoffe errichtete. Starke sprachliche Begabung und umfassende 
Lektüre schufen eine tiefgehende Kenntnis der griechischen Sprache, 
wie sie wohl kaum einer der gleichzeitigen Fachgenossen erreicht 
hat. Schon die einschlägigen Abschnitte seiner Dissertation zeigen 
«ein feines Verständnis und seine systematische Arbeit in dies 
Fragen; und wer einmal einen Blick in seine Sammlungen et' 
au Sprache und Stil des Dionys von Halikarnaß getan hat, der 
weiß in welch mühseliger, Borgsamer Arbeit dies Material bis zu- 
letzt ' ergänzt und berichtigt wurde. Was das Sprachliche an 
so konnte man sich auf sein Urteil unbedingt verlassen, ob es nun 
die Datierung eines Textes oder die Richtigkeit einer Konjektur 
galt. Das sprachliche Wissen machte er anderen nutzbar in 



daraus 



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en Stilübungen, die er zuerst als Assistent hielt. Und als 
den Kriegsjahren geeignete Kräfte fehlten, sprang er in die 
e nnd hat von 1915 bis zu seinem Tode diese Übungen 
!er gehalten, die vielen Studenten die beste Schule waren. 
Mancher hat es ihm verdacht, daß er diese Zeit nicht lieber für 
andere Arbeiten verwandte. Doch konnte er gerade auf diesem 
Gebiete seinen Schülern bieten, was ihnen sonst niemand geben 
konnte, und was durch literarische Produktion kaum mitgeteilt werden 
konnte. Wir wollen also vielmehr dankbar sein, daß er sein Licht, 
das gerade hier hell strahlte, hat leuchten lassen zum Nutzen seiner 
Schüler. 

In ein Gebiet, das recht eigentlich eine Lebensarbeit Brink- 
manns war, führt uns seine Dissertation : bis zu seinem Tode haben 
Sokrates und sein Kreis einen großen Teil seines Interesses in 
Anspruch genommen. Schon als Student hält er im philologischen 
Verein Vorträge über einzelne pseudoplatonische Dialoge, die sich 
nach dem Rigorosum fortsetzen; dazu gesellen sich weitere über 
Antisthenes und den Sokratiker Phaidon. Als Privatdozent liest er 
zuerst 1895 Uber Sokratische Literatur, die er ebenso wie den 
ochos noch öfters im Seminar behandelt. Den Gipfel dieses 
Teils seiner Arbeit bildet das große Kolleg Uber Piatons Leben 
nnd Werke (zuerst 1905). Scheu der Titel, die Beschränkung auf 
Leben und Werke Piatons, ist bezeichnend. Wie die meisten Vor- 
lesungen, war auch diese, die wir genauer charakterisieren, um 
n Einblick in Brinkmanns Lehrtätigkeit zu geben, darauf an- 
gelegt, den Schülern das Material zur eigenen Arbeit an die Hand zu 
geben nnd sie so methodisch zu bilden. Der didaktische Zweck 
stand im Vordergrunde. Wir er z. B. im Mythologiekolleg nicht 
eine Geschichte der griechischen Religion gab , sondern die Ent- 
wicklung der mythologischen Forschungen und der wissenschaftlichen 
Anschauungen der Griechen über Religion schilderte, wie hier 
eniger von Zeus und Hera als von Apollodor die Rede war, so 
begann er im „Piaton" mit einer Darlegung der bisherigen Piaton- 
forschung, aus deren Kritik der methodisch richtige Weg erschlossen 
wurde. Dann wurden die Quellen zu Piatons Leben behandelt und 
daraus die Tatsachen erschlossen. Es folgte eine Besprechung der 
einzelnen Dialoge mit kritischer Würdiguug der Echtheit, Datierungs- 
frage usw., alles mit gewissenhafter Darlegung sowohl der Quellen 
rie der modernen Literatur. Hierin tat er vielleicht des Guten 
zuviel und verwirrte manchen durch die Fülle der Angaben. Ans 
dieser Betrachtung erwuchs das Bild von Piatons Leben und Per- 






sönlichkeit. In klarer Disposition wurde die Vorlesung auf die* 
Ziel hingefiirt, zugleich alles Wissenswerte, das am Wege lag, mit- 
genommen. Aber außerhalb der Betrachtung standen die Probleme 
der künstlerischen Persönlichkeit Piatons , seiner philosophischen 
Entwicklung und seines Systems. Die Fragen des alten Piaton 
nnd des Wandels seiner Anschauungen blieben ebenso unerörtert 
wie der philosophische Gehalt und Wert seiner Lehren. Die Ideen- 
lehre wurde einmal dargelegt — im Zusammenhang mit der 
Datierungsfrage. Daß Brinkmann diese Probleme nicht angriff, 
zeigt die Grenzen nicht seiner Begabung, wohl aber seines Interesses» 
zeigt aber auch das erste Ziel seines Unterrichts, den Hörer in 
philologischer Methode exakt auszubilden. 

Literarisch ist von all dieser Arbeit nur Weniges fixiert worden, 
trotzdem der Verstorbene sich lange mit dem Plane eines Buches 
über die Sokratiker, besonders Antisthenes, Aischines und Phaidon 
getragen hat. Wie sehr ihm der Stoff am Herzen lag, konnte ich 
eines Tages während seines letzten Aufenthaltes im Krankenhause 
mit Wehmut erkennen: er hatte geträumt, er habe das Werk voll- 
endet. Diesen Plänen hat der Tod ein Ziel gesetzt. Wir halten 
nur wenige Aufsätze in den Händen , darunter den kurzen , aber 
glänzendsten über den VI. Brief Piatons (unten Nr. 43), der den 
bündigen Beweis für die Echtheit erbringt. Dieses Werkchen hat 
vielleicht von der gesamten literarischen Produktion Brinkmanns 
die weitesten Kreise gezogen ; man vergleiche, welche Erkenntnisse 
W. Jaeger, Aristoteles (1923) 112 ff. gerade aus diesem Brief 
schöpft. Es war eine der letzten Freuden, die der Verstorbene auf 
seinem Krankenlager hatte, als er diese Seiten las und die Auer- 
kennung seiner Entdeckung sowie die sich ergebenden Polge- 
rungen sah. 

Ein echter Schüler Useners , beschränkte Brinkmann seine 
Studien zur griechischen Philosophie natürlich nicht auf Piaton, 
Doch ist aus der eigentlichen Philosophiegeschichte nur noch Weniges 
fruchtbar geworden. Vielmehr waren es hier eine Reihe von Grenz- 
gebieten, denen er größere Anteilnahme zuwandte. Da sind zu- 
nächst die Schriftsteller zu nennen, in denen die Philosophie des 
ausgehenden Altertums, das Christentum und die verschiedenen 
gnostischen und häretischen Eichtungen den Kampf ausfechten, ans 
dem allmählich die neue Religion und Weltanschauung erwächst. 
Seine Hauptleistung auf diesem Gebiet ist die Ausgabe des Alexand» 
Lycopolitanufl (unten Nr. 3), in Prologemena und Textgestaltung ein 
Musterbeispiel philologischer Edition. Die Entstehung auch dieses 



- - 




August Brinkmann. 





es begleiten seit 1891 Vortrage im philologischen Verein, 
leren letzter eine dem Kaiser Basilios gewidmete antimanichHische 
Schriftensammlung behandelt. Es ist die Sammlung, ans der nach 
Brinkmanns Nachweis in den Prolegomena znm Alexander unsere 
Überlieferung dieses Schriftstellers, des Serapion von Thmuis und 
des Titus von Bostra geflossen ist. Mit diesen hat er sich dann 
eingehend befaßt. Den Serapion behandelt eine Abhandlung in 
den Berl. Sitz.-Ber. (unten Nr. 2), von Titus plante er eine Ausgabe 
in Gemeinschaft mit L. Nix, der den syrischen Text und die Über- 
setzung übernommen hatte. Sie ist nicht zur Vollendung gediehen. 
Von diesem Arbeitsfelde aus führte ein nur kurzer Weg zu 
religiösen Leben der Zeit des Übergangs vom Heidentum zum 
iristentum, das schon deshalb Brinkmanna besonderes Interesse 
mußte, weil Usener sich eingehend damit befaßte. Hier 
d im Geiste seines Lehrers die Habilitationsvorlesung Uber 
on, ein Gott und ein Heiliger , die leider nicht veröffentlicht 
ist, und hierher gehört die Herausgabe des „Heiligen Tychon", mit 
der er dem verstorbenen Lehrer den letzen Dienst erwies. Doch 
war sein Interesse für antike Religion schon eher e wacht, 1888 
behandelt er im philologischen Verein zum ersten Male ein Thema, 
das immer zu seinen Lieblingsstoffen gehörte und zu dem er in 
Kolleg und Vortragen noch oft; zurückkehrte: die Vorstellungen 
der Alten vom Jenseits. Hier zeigte sich so recht seine Kenntnis 
der bildlichen Überlieferung, die er mit der literarischen zu einem 
mfassenden Gemälde vereinte. Aber seine Erforschung antiker 
ligion machte nicht an den Grenzen der griechisch-römischen 

Welt halt; die Volkskunde im weitesten Sinne trat in den Kreis 

• 

der Betrachtung. Dafür bot ein glänzendes Beispiel die Vorlesung 
über die attische Komödie, in der er die schriftlichen und bild- 
Nachrichten mit Parallelen aus der Volkskunde, von india- 
n Phallophorien bis zu den mittelalterlichen SchönbarttÄnzen, 
d und so neues Licht über die Entstehung der Komödie des 
istophanes breitete. Einen besonderen Reiz erhielt dies Kolleg 
noch durch seinen urwüchsigen, gesunden Humor. 

Der bisherige Weg der Betrachtung hat uns von Piaton zu den 
Manichäern, von dort zur Religionsgeschichte und weiter zu Aristo- 
phanes geführt. Das ist ein Zickzackweg, aber er ist charakte- 
ristisch sowohl für das umfassende Wissen des Verstorbenen als 
auch für seine Art, die entferntesten Dinge zu verknüpfen! in 
der Vereinigung fruchtbar werden zu lassen und so zu neuen Er- 
kenntnissen zu führen. 






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Auzust Brinkmann. 

Zu den Grenzgebieten antiker Philosophie, die Brinkmann be- 
sonder» interessierten, gehörten auch die Fachwissenschaften : Natur- 
wissenschaft, Technik und Mediain. So widmete er s. B. dena 
Mechaniker Pbilon umfangreiche Studien and behandelte ihn mehr- 
fach im Seminar. Aach der Vortrag über antike Türen uurl 
Schlösser (unten Nr. 12) gehört hierher. Die Verbindung diene* 
technischen mit seinen kulturgeschichtlichen Kenntnissen «eigen die 
reichen 8tndien über den antiken Wagen, die sich im NacbJ«J| 
fanden. 

Von der antiken Mediain sog ihn am meisten die enzyklo- 
pädische Produktion Galens an, die so recht auf der Grenze 
zwischen Philosophie und Fachwissenschaft steht. Sprachliche und 
kulturgeschichtliche Neigungen des Verstorbenen fanden hier ein 
reiches Feld. Oft behandelte er Galen im Seminar. Die schönste 
Fracht dieser Studien pflückte er mit der Anagabe von „De optimo 
genere docendi* (unten Nr. 51), in der er den Text, der der Kritik 
so schwere Aufgaben stellt, in musterhafter Weise vorlegt. 

Die Erwähnung Galens führt uns auf ein Gebiet, für das viele 
Stellen in den Schriften des iaiQOOOfpiOzifc eine Hauptquelle bilden, 
auf daa antike Buchwesen. Es ist für die in der Methodik äußeret 
systematische Art Brinkmanns bezeichnend, daß er diesem Gebiet 
als der Grundlage aller Textkritik so eingehende Studien widmete, 
ein Interesse, daa durch die kulturgeschichtliche Bedeutung den 
Buchwesens noch gehoben wurde. 8chon früh (1892) können wir, 
wieder in den Protokollen des philologischen Vereins, seine Vor- 
liebe für diese Dinge nachweisen. In zahlreichen Aufsätzen 
Vortragen hat er »ich im Laufe der Jahre zu den e 
Fragen geäußert. Seine genaue Kenntnis der literarischen Zeug- 
nisse, der erhaltenen Papyri und der bildlichen Darstellungen gab 
ihm die Handhaben , mit deren Hilfe er tief in den Stoff eindrang 
und zu Ergebnissen gelangte, die gegenüber den letzten zusammen- 
fassenden Bearbeitungen dieses Gebietes einen großen Fortschritt 
bedeuten. Eine der methodisch vollkommensten Arbeiten, die er 
überhaupt veröffentlicht hat, ist der Aufsatz über ein verschollenes 
Belief aus Neumagen (unten Nr. 24), in dem er die vermeintlichen 
Bücherregale als Tuchlager erkennt. — Lange erwarteten wir von 
ihm ein zusammenfassendes Werk Uber daa antike Buchwesen. £a 
ist nicht dazu gekommen, sondern bei gelegentlichen Äußerungen 
und bei Arbeiten setner Schüler geblieben. Aber der Unstern der 
Nichtvollendung, der über so vielen Werken des Verstorbenen 
schwebt, ist vielleicht nirgends mehr zu bedauern als hier, weil 



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kaum Ugendwo der Wissenschaft durch Brinkmanns Tod so wich- 
tig« Erkenntnisse verloren gegangen sind wie beim antiken Buch- 
teten. Und es wird für einen anderen nicht möglich sein, aas 
dem Unterlassenen Material du iu schaffen, was er hätte schaffen 
können. 

Wie der Verstorbene in der Erkenntnis des antiken Bache» 
and des antiken Schreibgebrauche» eine sichere Grundlage für die 
Textkritik schuf, so legte er für sich und seine Schüler mit der- 
selben soliden Methode das Fundament für die Erforschung der 
griechischen Literatargeschichte in seinen Studien zur antiken 
Philologie. Es wird an deutschen Universitäten wohl wenig Vor- 
lesungen geben , die so geeignet sind, dem jungen Studenten die 
Bitigen Kenntnisse hierfür sn schaffen, wie sein Kolleg „ Einleitung 
in die griechische Literaturgeschichte". Er selbst pflegte das, wa» 
er hier bot, als das tägliche Brot des Philologen su bezeichnen. 
Gründlich und eingehend, dabei klar und ubersichtlich gegliedert, 
behandelte er die gesamte literargeschichtliche Forschung der Grieche» 
▼ea den ersten Ansätaen der Sophie tenxeit bis herab su Hesycb 
«nd Saidas und gab so einen klaren Oberblick über die Quellen, 
mit denen su arbeiten wir ständig gezwungen sind. Aus diesen 
Stadien ist dann auch der Aufsatz erwachsen, der neben „Ein Brief 
Piaton» " die weitgehendsten Folgerungen anregt, der Bewein für 
die Echtheit der Olympionikenliste des Hippiaa, in Systematik* 
eutation und Darstellung mit das Vollkommenste, was wir 

(unten Nr. 57). 

Von sonstigen Studiengebieten wäre noch die antike Rhetorik 
Die riesige Belesenheit und große Gewissenhaftigkeit 
ließen ihn auch diesem spröden Stoff gegenüber 
nie ermüden und ihm immer neue Ergebnisse abgewinnen, die in 

und Miszellen niedergelegt sind oder im Verlauf 
Seroinarubungcn den Arbeiten seiner Schüler zugute kamen. 
Bier brachte auch die enge Freundschaft mit Hugo Rabe, dem ver- 
dienten Herausgeber antiker Khetoren, eine Fülle von Anregungen, 
Die umfangreichste Korrespondenz, die sich im Nachlaß fand, war 
die mit Habe, und fast jedes Stuck behandelte Fragen der 
Rhetorik. Auch hier wandelte Brinkmann in den Bahnen Useners. 
Wir erhofften von ihm eine Aasgabe von Dionys' von HaKkarnaft 
Brief an Pompejus. Umfangreiche Materialsammlungen und Vor- 
arbeiten sind da, aber seine Kenntnisse und sein Sprachgefühl, 
die allein die Vollendung ermöglicht hätten, sind mit 
gesunken. 





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Auf einen Gelehrten, der wie Brinkmann mit sicherer Methode, 
mit vollendeter Kenntnis der Sprache nnd mit unvergleicUicher 
Belesenheit ausgerüstet war, mußten die ergänzungsbedttrfUgen. 
Beste die die Antike in Inschriften und Papyri hinterlassen hat, 
einen besonderen Bei« ausüben, und oft hat er sie in Seminar nnd 
Kolleg behandelt. Seine Vorlesung über griechische Lyrik berück- 
sichtigte gerade die auf diesem Wege uns überkommenen Reste. 
Aach hier zeigt sich wieder, daß er nicht die ästhetisch wertvollst« 
oder psychologisch interessanteste, sondern die methodisch lehr- 
reichste Seite eines Stoffes bevorzugte. Von veröffentlichten Bei- 
trägen zu diesen Fragen nennen wir vor allem die Wiederher- 
stellungen aum Ninosroman und zu Kallimachos' Kydippe (unten 
Nr. 40; 63 ; vgl. auch 61). Es wird immer ein Ruhmestitel des 
Verstorbenen bleiben, daß seine Ergän.nngen sich meines Wissens 
immer als richtig erwiesen haben, und daß er sich nie veranlaßt 
gesehen hat, etwas davon zurückzunehmen. 

Wir können nicht alle Gebiete aufzählen, auf denen er sonnt 
noch gearbeitet, können seine Beschäftigung mit der römischen 
Satire, mit den staatlichen Theorien des Altertums, mit Thukydidea 
u. a. m. nicht mehr genauer auseinandersetzen. Wollten wir Brink- 
manns Schaffen in seiner Gesamtheit schildern, so dürfte keines 
von den weitverzweigten Gebieten der Philologie ungenannt bleiben. 
Nur die wichtigsten Ausschnitte seiner Tätigkeit konnten wir he 
vorheben und eingehender bebandeln, ohne damit sagen zu wolle 
er habe die nicht genannten Gebiete vernachlässigt. — 

Im Vorhergehenden haben wir öfters der Methode Brink 
Erwähnung getan; es gilt nun, sie noch kurz zu charakterisieren. 
Ihr hervorstechendster Zug war auf umfassendem Wissen beruh«- 
Grttndlichkeit. Brinkmanns Ausbildung fällt in die Zeit, in der 
sich die konservative Richtung der Textkritik siegreich durchsetzte 
gegenllber der Konjekturfreudigkeit früherer Generationen und 
gegenüber der Methode, die bei jedem kleinen Widerspruch mit 
Athetesen, Interpolationen nnd Entlehnungen arbeitete. Die Achtung 
vor der Tradition war auch ihm eigen. Erst gilt es, die Unhalt- 
barkeit einer Überlieferung, die Unechtheit einer Schrift au be- 
weisen, dann erst hat die Besserung oder der Beweis für die Echt- 
heit einzusetzen, war einer seiner typischen Sätae. Die Besserung 
sber hat auf dem Wege zu erfolgen, der die Entstehung des Fehler» 
sm leichtesten erklärt. Und hier ist es ein für seine sorgfältige 
Arbeit und für den Scharfsinn, mit dem er den sicheren Weg 
suchte, bezeichnender Zug, wie er sich über die Entstehung der 





49 

ler systematisch War wurde. In jahrelanger, fieißiger Sammel- 
igkeit aller Drackfehler aus Zeitungen, Büchern, Briefen usw. 
iuf er ein umfangreiches Material zu dem Kapitel Verlesen und 
rerschreiben. Daraus erschloß er dann durch umsichtiges Ordnen 
System der Fehlerquellen, das ihn mit Sicherheit den Weg der 
Ken Wahrscheinlichkeit zur Heilung von Textverderbnissen 
3n ließ »). Wie manche scheinbar so scharfsinnige Konjektur 



ate er einfach durch den Nachweis 



daß aus ihr der 






'ehler unmöglich entstanden sein konnte! Kaum eine Arbeit ist für 
die Gewissenhaftigkeit des Verstorbenen so bezeichnend wie diese 
mühsame Materialsammlung. Nur dreimal (unten Nr. 18; 15; 46) 
hat er sich sporadisch zu diesen Fragen geäußert. Es ist für uns 
«in unschätzbarer Verlust, daß er nur das Material und nicht ein 
gearbeitetes System der Fehlerquellen hinterlassen hat. Die- 
Systematik und Gesundheit zeichneten seine Methode Uberall 
Nicht blendende Gedankenblitze, die im ersten Moment 
id erscheinen und bei näherem Zusehen eine Fülle von Ün- 
einliehkeiten enthalten, schienen ihm die Wissenschaft zu 
Irdern, sondern anspruchslose Ergebnisse, die in der Linie der 
geringsten Unwahrscheinlichkeit liegen. Die für ihn in diesen 
Dingen entscheidende Instanz bezeichnet wohl am besten das, was 
der Englander „common sense 8 nennt, und was das deutsche „ge- 
•under Menschenverstand 8 nur unvollkommen wiedergibt Als einen 
Heister dieser nüchternen Klarheit stellte er gesprächsweise Wil- 
helm Dittenberger hin. Auch in der über die Textkritik hinaus- 
gehendeu Forschung fand er — nicht so sehr original-produktiv als 
kritisch-sichtend — bei seiner Belesenheit durch Vergleichung und 
Kritik vorhandener Ergebnisse mit absoluter Sicherheit den rieh- 
tigea Weg, ein Begabungstyp, wie ihn in größerem Ausmaße und 
auf anderem Gebiete Lessing darstellt. Wie bei diesem, gehen 
fiele der Aufsätze Brinkmanns von der Kritik der Ergebnisse irgend 
eines Gelehrten aus. So ist er mehr rational istisch denkend als 
künstlerisch empfindend. Keine persönliche Zuneigung oder Ab- 
U keine Liebe zu einem Schriftsteller oder Forscher konnten 
Objektivität seines Urteils trüben. In diesem Zusammenhang 
w mir immer typisch erschienen, daß einer der dem Verstorbenen 
.ten Dichter C. F. Meyer war. Hier bestach den an der klas- 
len Formenschönheit der Antike gebildeten Philologen nicht 
aar das Äußere. Bei C. F. Meyer tritt das innere Erlebnis zurück 
r? 

') Als schöne Probe vgl Rhein, Mus. 5« (1901)» 71 ft. 

Jf«krolog© 1924. (Jahresbericht f. AH»rtutn«wUMo*rh»rt. Bd. SOt B.) 4 




50 August Brinfanann. 

^ember der bewußten Arbeit, in der die Empfindung durch da. 
Medium des bildenden Verstandes in die Form gegossen wird. I Bt 
er so bei aller Vollendung der künstlerischen Form letzten Endes 
rationalistischer Dichter, so war es wohl neben der schonen 
äußeren Gestalt dies Überwiegen des ganz mit Kultur durchtränkten 
Verstandes, das Brinkmann bei ihm besonders anzog. Bei beiden 
ist der Verstand — beim Dichter der künstlerisch formende, bei 
dem Gelehrten der kritisch-sichtende , nicht die Intuition — die 
letzte entscheidende Instanz. Und wie C. F. Meyer nie mit den 
Ergebnissen seiner Dichtung fertig war, sondern sie von Auflage 
zu Auflage durchfeilte zn immer höherer Schönheit, so kehrte auch 
Brinkmann immer wieder zu seinen Resultaten zurück und sachte 
sie in nie rastender Selbstkritik zu höchster Vollendung empor- 
zuzüchten. 

Aber wir wollen über dem Gelehrten nicht den Menschen 





gessen. August Brinkmann war ein echter Sohn seiner 
sächsischen Heimat. Die kernige, breitschultrige Gestalt, der 
blonde Bart wie das Haar verrieten weithin, daß seine Wiege im 
Lande Widukinds stand. 8eine Heimat hat er immer geliebt. " 
welchem Stolz und welcher Freude zeigte er seinen Söhnen 
seinem vorletzten Aufenthalt in Braunschweig (1920) die alte We 
stadt! Aus dieser Liebe zur Heimat erwuchs auch sein tiefes V 
stehen für alles Urwüchsige und Volkstümliche. Die deutle! 
Sagen und Märchen, die er genau kannte, interessierten ihn nicht 
nur als Material zur Volkskunde, er besaß auch ein rein person- 
liches Verhältnis und eine tiefe Liebe zu ihnen. Das zeigte sich so 
recht wenn er im Freundes- und Familienkreise solche Geschichten 
vorlas und erzählte. Fröhlicher Geselligkeit war er nicht abhold. 
In jungen Jahren hat er oft, auch darin ein Sohn seiner Heimat, 
im Verein mit den Freunden den Humpen geschwungen oder einen 
tüchtigen Skat gedroschen. Und auch spater war er gern mit - 
Studenten zusammen und würzte diese Zusammenkünfte 
prächtige, humorvolle Erzählungen. Denn er hatte Sinn für 
and scheute auch gelegentlich vor Derbheiten nicht zurUck. 

Aber der hervorstechendste Zug an ihm war die Treue, 
aufs Ganze geht: Treue der Wissenschaft und ihren Jüngern, T 
der Familie, Treue den Freunden und Treue dem Vaterlande, 
hat er immer bewiesen. Wir haben schon geschildert, wie e 
rastloser Arbeit, durch nichts abgehalten, seine Berufspfiichten 
füllt hat. Diesen Beruf faßte er in weitestem Sinne. In den Zeilen, 
die er Usener zum 70. Geburtstag widmete (unten Nr. 18), führt er - 







Atiirnflt Bnti Ilitiivtiii* 

- - 




daß die Tätigkeit eines Universitätslehrers nicht mit der wissen- 
schaftlichen Forschung erfüllt ist, daß vielmehr zu seinen vornehmsten 
Pflichten die persönliche Einwirkung auf den Schüler gehört. Und 
wie er sich nie einer Aufgabe, von wo sie auch an ihn herantrat, 
entzogen hat, so hat er auch dieser Pflicht einen großen Teil seineB 
Arbeitsreichen Lebens geweiht. Wenn wir als junge Studenten zur 
Universität kamen und die unübersehbare Fülle der Wissenschaft 
betäubend auf uns eindrang, dann trat er uns mit Rat und Tat zur 
Seite und wies den rechten Weg. Mit verschwenderischer Hand 
ftreute er im Kolleg eine Fülle von Anregungen ans. Mit geradezu 
rührender Sorgfalt wachte er über den Arbeiten seiner Schüler und 
verfolgte ihre Entwicklung von der ersten Anregung an bis zum 
Lesen der letzten Korrektur. Und gerade in den letzten, für den 
Studenten so schweren Nachkriegsjahren stand er und sein gastlich 
geöffnetes Haus uns immer mit Rat und Tat zur Seite. Diese seine 
Hilfe war nicht an Raum und Zeit gebunden. Ob wir bei ihm 
waren, ob wir fern weilten und im Felde standen, immer waren 
Gedanken bei uns, und immer suchte er uns die Wege zu 
Ja, selbst in den letzten Monaten, als schon die Krankheit 
seiner Kraft zehrte, raffte er Bich immer von neuem auf in dem 
Qedanken, uns zu helfen, und eines seiner letzten Worte galt der 
Sorge für einen Schüler. Ebenso treu hat er seiner Familie gedient 
Er war nicht mit GlUcksgUtern gesegnet und hat es, besonders in 
den letzten Kriegs- und ersten sogenannten Friedensjahren, oft nicht 
leicht gehabt, für seine Angehörigen zu sorgen. Aber keine Arbeit 
und Mühe konnten ihn hindern, hier seine Pflicht zu tun und unter 
tansetzung eigener Bedürfnisse den Seinen ein treuer Vater zu 
Sein Vaterland liebte er über alles. Mit Begeisterung war 
Soldat, und wenn ihn auch die Sorge um die Familie abhielt, 
st noch freiwillig in den Krieg zu ziehen, so hat er doch auch 
hier seinen Tribut gezollt in Gestalt seines ältesten Sohnes, der 
aus dem Felde mit schwerer Wunde zurückkehrte. Als Leiter des 
ehrbundes und Mitglied des Universitätsamtes für Leibesübungen 
förderte er die für das Vaterland so wichtige körperliche Ertüch- 
tigung der Jugend. Die Niederlage Deutschland» traf ihn hart, 
nnd wir gehen nicht fehl in der Annahme, daß all diese seelischen 
Erichütterungen heigetragen haben , seinen vorzeitigen Zusammen- 
h herbeizuführen. So war Treue im großen wie im kleinen 
Grundzug seines Charakters. 

Oft haben wir, seine Schüler, ihn im Gespräch mit Hermann 

1s verglichen, mit dem ihn freundschaftliche Beziehungen ver- 

4* 





. 1 ■ 



banden. Es gibt weitgehende Parallelen zwischen beiden: beide 
Schüler Useners, beide von ungeheurem Wissen und großer Be- 
lesenheit, beide mehr für die antike Prosa als für die Poesie 
interessiert. Aber anch Unterschiede sind vorhanden, der ein- 
schneidendste wohl der, daß Diels einen reichen Schatz litera- 
rischer Produktion hinterließ, während Brinkmann den größten 
Teil seines Wissens mit ins Grab genommen hat. Vielleicht können 
wir von einem Vergleich beider aus am besten zu den Gründen 
für diesen Unterschied vorstoßen. Ich habe seinerzeit versucht, 
H. Diels als typischen Vertreter der ihrem Ende sich zuneigenden 
historisch-analytischen Periode unserer Wissenschaft hinzustellen l ). 
Diese Periode wird charakterisiert durch ihre genetische Betrach- 
tungsweise und durch ihre Einstellung auf das rein Tatsächliche. 
Der Klassizismus Winckelmanns , Schillers und Humboldts sah 
in der Antike ein Ideal, einen verlorenen, unerreichbaren, aber 
erstrebenswerten Jugendzustand der Menschheit, ich möchte sagen 
einen metaphysischen Wert. Demgegenüber brachte der von der 
Romantik ausgehende Historismus eine Umstellung. Er legt das 
Hauptgewicht nicht auf die ruhende Erscheinung einer „klassischen* 
Antike, sondern löst das gesamte menschliche Denken und Geschehen 
in Entwicklung auf. Zugleich bildet sich, vielleicht nicht unbeein- 
flußt von den auf das rein Tatsächliche orientierten Naturwissen- 
schaften, ein neuer Wahrheitabegriff heraus. Wahrheit im historisch- 
objektiven Sinne kann nur das sein, was als Tatsache feststellbar 
ist; eine idealistische Anschauung der Antike, die ein Werturteil, 
also ein subjektives Urteil enthält, ist hier unmöglich. Dazu kommt 
die ins Ungeheure wachsende Vermehrung des reinen Materials, das 
heute ein eiuzelner Mensch kaum mehr zu umspannen vermag. So 
führt die Entwicklung zur Ausbildung des Spezialistentums. Die 
älteren Forscher, die noch persönlich mit der Ausdehnung der 
Wissenschaft groß geworden sind, sind in sie hineingewachsen, 
haben das Material im Laufe ihres Lebens der Vermehrung ent- 
sprechend in sich aufnehmen können und sind so den Gefahren 
dieser Entwicklung entgangen. Zu ihnen gehört noch Hermann 
Diels. Aber als fast zwei Jahrzehnte nach ihm Brinkmann die 
Universität bezog, stand das Lehrgebäude der analytisch-historischen 
Altertumswissenschaft in weitläufigem Aufbau mit vielen Spezial- 
gebieten da. Es gab nur zwei Wege, die der Gefahr der Zer- 
splitterung und des Ertrinkens im Stoff auswichen. Entweder mußte 

>) Preuß. Jahrb. 189 (1922), 188 ff, 



August Brinkmann, 

;i ir ' ' 
der Gelehrte sich begnügen, auf einem oder mehreren größeren oder 

kleineren Gebieten Spezialist zu werden, sie grundlich anzubauen 
und vom übrigen nur das sich anzueignen , was möglich war und 
^brondong d«ss Bildes diente, und mußte so zu seinem Teil 
das Material zu dem umfassenden Geblude der allgemeinen 
mschaft liefern 1 ), oder er mußte sich außerhalb des 
ials stellen und von dem Standpunkte einer metaphysischen 
inschauung aus die Fülle der Tatsachen sichten und ordnen, 
einem Standpunkte, wie ihn Erwin Rohde und Nietzsche 
in seiner philologischen Periode in Schopenhauer fanden 8 ), oder 
wie ihn neuerdings Spengler in seiner Morphologie der Ge- 
iehte zu schaffen gesucht hat Beide Wege ist Brinkmann nicht 
igen. Den letzteren verschloß ihm seine rationalistische Ein- 
stellung, der erstere scheiterte an seinem treuen Pflichtbewußtsein, 
das das Ganze wollte. Er wollte seine Aufgaben gegenüber der 
Wissenschaft vollständig erfüllen » wollte sich nicht mit einem Teil 
begnügen. So erwarb er sich das ungeheure Wissen, mit dem er 
"Ich das ganze Gebiet der Philologie in dem weiten Sinne, 
er sie ansah, umfaßte. Und dies ungeheure Material fügte sich 
zusammen zu immer neuen Erkenntnissen und Entdeckungen, 
nie wurde er mit einer fertig. Denn gerade in der Zeit des 
"Ichen Großbetriebes wachst dauernd neue Erkenntnis 
und verschiebt und vervollkommnet das Bild. Und wie seine 
Erkenntnis sich von Tag zu Tage mehrte , erkannte er in 
strenger, man darf wohl sagen übertriebener Selbstkritik immer 
.er die Unzulänglichkeit des gerade Erreichten. Sein Pflicht- 
ließ es nicht zu, etwas in seinen Augen Unfertiges hinaus- 
en zu lassen. So ergab sich ein nccvxa £«t , das ihn nie zum 
Abschluß kommen ließ. Denn bei dieser Art wissenschaftlichen 
Betriebes kann es zur Produktion nur dann kommen, wenn man 
den Mut findet, einmal Schluß zu machen. Und dieser Mut scheint 
Brinkmann bis zu einem gewissen Grade gefehlt zu haben. Konnten 
doch schon seine Freunde ihn nur mit Mühe dahin bringen, seine 
Dissertation drucken zu lassen. Äußere Umstände mögen zu dieser 
Entwicklung beigetragen haben. Manche Ämter, die treue Fürsorge 
die 8chttler, die Sorge um die Familie nahmen ihn stark in 

Anspruch. Und da er sich in einem Pflichtbewußtsein , das jede 
— 

») Usener, Vortrage und Aufs&tre (1907), 1 ff. VgL das anschauliche 
vom Hausbau bei Stilgebauer, Götz Krafft II, 311. 

.?^f„ hil T ph ' Ä fMte e8t ' *» uae PMklogfc foit« Nietzsche, Werke 
*) I (1906), 26. 






mm 



August Brinkmann. 




54 

PUchterfüllnng * leich wertV ° U aU8Äh UDd *" 

JTÄSU- und Weineren Pflichten eigentlich nicht 

Jner Aufgabe Im*», ft -* *- Weine viel kostbare 
^eTren. Aber es wKre irrig, nnd es hieße ein accidens mit 
moven. verwechseln, wenn wir annehmen wollten, daß diese äul 
Hemmnisse die Ursache seiner mangelnden Produktivität sind. Die 
Lautlichen Gründe liegen tiefer. Wohl liegt in Brinkmanns Leben 
ein tragischer Zug; er besteht darin, daß es seiner ungeheuren Arbeit 
nicht vergönnt war, in einem reichen Niederschlag literarischer Pro- 
duktion weithin sichtbaren Erfolg m ernten. Aber dies Resultat 
ergibt sich »wangslEufig aus seiner Persönlichkeit. Sein I flichl- 
gefühl hielt ihn ab, Unvollkommene* »u leisten, sich mit dem Er- 
fassen eines Teiles der Wissenschaft xu begnügen oder seine Ar- 
beiten nicht xur höchsten Vollendung zu führen. So bewahren ihn 
Veranlagung und Charakter nicht vor den Gefahren des analytischen 
Betriebes der Wissenschaft, sondern führen ihn mitten hinein. In 
viel ausgeprägterer Weise als Diela ist er der Typ des rein historisch- 
analytisch arbeitenden Gelehrten, ein extremer Fall, in dem 
Methode an «ich selbst scheitert. Das ist seine Tragödie, 
Tragödie unserer Wissenschaft 

Aber wir wollen nicht mit dem Blick auf das ünvol 
in Brinkmanns Leben schließen. Ist er auch nie au umfangreicher 
Produktion gekommen, so hat er doch deshalb nicht weuiger segens- 
reich gewirkt durch seine Persönlichkeit. In erster Linie war er 
Lehrer, und in diesem Beruf ging er gans auf. Hier gab er seinen 
Schulern das, was ein totes Buch nie geben kann, die Persönlichkeit 
und das Vorbild des lebendigen Menschen. Nicht nur in der 
Wissenschaft, auch in seinem Leben und seinem Charakter, in seiner 
Treue und Bescheidenheit war er uns ein leuchtendes Beispiel. 
Und so hoch das Leben über dem gedruckten Wort steht, um so 
viel übertrifft das, was er hier an lebendigen Menschen gewirkt 
hat, den Mangel einer größeren literarischen Hinterlassenschaft. 
Unwandelbare Treue war der Grundaug seines Wesens ; ans ihr 
erwuchs seine edle Menschlichkeit, aus ihr ergab sich auch die 
Tragik in seinem Leben. So gelten von ihm, wenn von irgend 
jemand, die Worte der Offenbarung: „Sei getreu bis in den Tod, 
so will ich dir die Krone des Lebens geben!" Wahrlich, er hat 
sie verdient! 




1. Quaestionum de dialogis Piatoni falso addictia specimen. Diaa. 
Bonn 1888 (edita 1891). 

2. Die Streitschrift des Serapion von Thmuia gegen die Mani- 
chäer. Berl. Sita.-Ber. 1894, 479. 

• S. Alexandri Lycopoli tani contra Manichaei opinioneu disputatio 
ed. A. Brinkmann. Lipaiae 1895. 

4. Über eine unbeachtete Schrift unter dem Namen Arriana. Verh. 
d. 43. Vera, dcntachcr Philologen und Schutmlnner an Kfiln 
1895, S. 86. 

5. Die Theoaophie des Ariatokritos, Rhein. Mus. 51 (1896), 278. 

6. Beiträge zur Kritik und Erklärung des Dialoga Axiochos. 
Rhein. Mus. 51 (1896), 441. 

Der römische Limes im Orient. Bonn. Jahrb. 99 (1896), 252. 

8, Ein neues Axiochosxitat. Rhein. Mos. 52 (1897), 632. 

9. Die apokryphen Fragen des Bartholomaens, Rhein. Mus. 
54 (1899), 93. 

~. Funde von Terra sigillata in Ostpreußen. Sitz.- Her. der Alter- ' 

tumsgeaellschaft Prussia XXI (1900), 73. 
. Antike Schlosser und Schlüssel. Ebenda S. 297. 
_2. Gregora des Thaumaturgen Panegyricus auf Origenes. Rhein. 

Mus. 56 (1901), 55. 
18. Ein Schreibgebrauch und seine Bedeutung für die Textkritik. 
Rhein. Mus. 57 (1902), 481. 

14. Zum Orakel von Tralles. Rhein. Mus. 58 (1903), 639. 

15. Ober die gegenwärtigen Aufgaben der philologischen Textkritik. 
Neue Jbb. f. Pädag. XII (1903), 563. 

16. AAMBJyi TIEPIEITITMESON. Rhein. Mus. 59 (1904), 159. 

17. Zu Galens Streitschrift gegen die Empiriker. Rhein. Mos. 59 
(1904), 317. 

18. Hermann Uaener. Zum 70. Geburtstag. Bonner Zeitung. 
XIII. Jahrg. (1904), Nr. 251. 

19. Lückenbüßer 1 (Hellanikos) ; 2 (Plynterienfeier). Rhein. Mus. 
60 (1905), 159. 

20. Klassische Reminiszenzen. Rhein. Mus. 60 (1905), 630. 

21. Hermann Usener. Chronik der Rhein. Fried.-Wilh.-Universität 
au Bonn 1905, 7, >) 

22. Phoibammon rreoi fitpfoaog. Rhein. Mus. 61 (1906), 117. 

23. Nachlese zum Phoibammon. Rhein. Mus. 61 (1906), 633. Von 
Hugo Rabe und A. B. 

24. Ein verschollenes Relief aus Neumagen. Bonner Jahrb. 114/5 
(1906), 461. 

25. Das Alter der Buchillustration des Terenz. Bonn. Jahrb. 114/5 
(1906) 476. 



«) Außere Umstände und Stil machen ea sehr wahrscheinlich, da» 
auch der anonyme Nachruf auf Usener, Kölnische Zeitung 1905 Nr. 1108, 
von Brinkmann stammt. 



1p 



Bi 




f 

26. Über Horaz sat. I 8. Nene Jbb. f. P&dag. XVIII (1906) 232. 

27. Rhetorica. Rhein. Mus. 62 (1907), 625. 

28. Simpuvinm-simpuluiD. Arch. für lat. Lexikogr. XV (1908) 139, 

29. Franz Bttcheler. Rhein. Mus. 63 (1908), III. 

80. Johannes des Mildtätigen Leben des heiligen Tychon. Rhein. 

Mus. 63 (1908), 304. 
31 Die Homer-Metaphrasen des Prokopioa von Gaza. Rhein. Mut 8 . 

63 (1908), 618. 
82. Zu Julians IV. Rede. Rhein. Mus. 63 (1908), 631. 
38. Bericht Uber Ausgrabungen in Ostpreußen während der Jahre 

1900—1902. Sitz.-Ber. der Altertumsgesellschaft PrussiaXXJl 

(1908), 250. 

34. Über eine Gußform aus Kalkstein. Ebenda 505. 

35. Eosmas und Damian. Rhein. Mus. 64 (1909), 157. 

86. Der älteste Briefsteller. Rbetn % Mus. 64 (1909), 810. 

87. Lückenbüßer 3 (Konons Jir,yt t aug); 4 (Phlegon mirab. 1) - 
5 (Theodoret). Rhein. Mus. 64 (1909), 479. 

38. Lückenbüßer 6 (Konstantine* Manasses); 7 (Teukros v. K; 
Rhein. Mus. 64 (1909), 637. 

39. Aus dem antiken Schulunterricht. Rhein. Mus. 65 (1910), 149. 

40. Lückenbüßer 8 (Ninosroman). Rhein. Mus. 65 (1910), 319. 

41. Die Protheorie zur Biographie eines Neuplatonikers. Rhein. 
Mus. 65 (1910), 617. 

42. Zur Geschichte der Schreibtafel. Rhein. Mus. 66 (1911), 149. 

43. Ein Brief Piatons. Rhein. Mus. 66 (1911), 226. 

44. Ein Denkmal des Neupythagoreismus. Rhein. Mus. 66 (1911), 
616. 

45. Zu Xenophons Poroi. Rhein. Mus. 67 (1912), 135. 

46. Scriptio continua und anderes. Rhein. Mus. 67 (1912), 608. 

47. Nachträge 1 (Ptolemaios rc. xqit. x. ^yefi.)\ 2 (Kosmas und 
Damian); 3 (Johannes d. Mildtätigen Leben d. heil. Tychon) ; 
4 (Fragen d. Bartholomaeus) ; 5 (Philistion). Rhein. Mus. 68 
(1918), 157. 

48. Lückenbüßer 9 (phtoi u. xm'roi). Rhein. Mas. 68 (1913), 820. 

49. Lückenbüßer 10 (Zu Not. degl. seavi 1912, 451); 11 (oortx^o- 
Uit) ; 12 (Isidoras von Sevilla). Rhein. Mus. 68 (1913), 689. 

50. Die olympische Chronik. Verh. d. 52. Versammlung deutscher 
Philologen und Schulmänner in Marburg 1913, S. 159. 

51. Galeni de optimo docendi genere libellus ed. A. Brinkmann. 
Univ.-Progr. Bonn 1914. 

52. Zu Dionysios Brief an Pompeius und Demetrios nq>i ^pr/mag. 
Rhein. Mus. 69 (1914), 255. 

58. Lückenbüßer 13 (Erdfeuer auf d. lyk. Olympos) ; 14 (Methodio* 
Schrift Uber den heil. Nikolaos). Rhein. Mus. 69 (1914), 424. 

54. Lückenbüßer 15 (Erdfeuer); 16 (Zur Inschr. vom Ncmrud- 
dagh). Rhein. Mus. 69 (1914), 585. 

55. Lückenbüßer 17 (Wunder der edesBenischen Bekenner); 18 En- 
komion des Arethas); 19 (Miracula S. Georgii). Rhein. 
70 (1915), 156. 



- ? 



--->. 



■ 



i*3 




August Brinkmann. 



57 



52* ^ Uck *" bUßer 20 (Chorikioa). Rhein. Mus. 70 (1915), 385, ' 
57. Die Olympische Chronik. Rhein. M ns, 70 (1915), 622. 

nÄ' 21 - 22 < Zeas Pwamaros). Rhein. Mus. 71 
(1916), 169. 

59. Lückenbüßer 23 (Aristoxenos). Rhein. Mus. 71 (1916), 288. 

60. Lückenbüßer 24 (Sprachliches). Rhein. Mus. 71 (1916), 422. 

61. Lückenbüßer 26 (Florilegien). Rhein. Mus. 71 (1916), 581. 

62. Lückeubüßer 26 (Phil, de aet muud.); 27 (Eratosthenes Ka- 
Uster.). Rhein. Mus. 72 (1917/18), 819. 

68. Kallimachos Kydippe. Rhein. Mus. 72 (1917/18), 473. 

64. Lückenbüßer 28 {Kleantbea). Rhein. Mas. 72 (1917/18), 639. 

65. Lückenbüßer 29 (Plat. Symposion). Rhein. Mus. 78 (1920/24), 126. 

66. Altgriechische Mädchen re igen. Wissenschaftliche Beilage der 
Braunschweigischen Landeszeitung 1921 Nr. 88. 

67. Die Meteorologie Arrians L Rhein. Mus. 78 (1920/24), 878 





2. 



8. 



mm? 



Verzeichnis des wissenschaftlichen Nachlasses 
von August Brinkmann. 

Der wissenschaftliche Nachlaß von August Brinkmann ist im 
Akademischen Kunstmuseum Bonn, Hofgartenstraße 2, niedergelegt. 

A. Kollationen. 

1# ?i^ d "^ t ?, Iema6i ntQi W*WhH> nal rtftfiovixov rec. F. Hanow. 
1870. Collation dea cod. Vatic 1038 f. 342 ff. >) — Photographie 
des cod. vatic. Gr. 1594. 6 F 

Proklos' Chrestomathie (Westphal, Metrie! Graeci I 227—254). 
Kollation des cod. Marc. 450 s. XII f. 300 v. ff. und Marc. 451 
s. XII f. 248 v. ff. 

Westermann, BtoyQaqot. Collat dea cod. Ambro*. B 98 s. 
XIV: Herodoti q. f. vita Homeri; Marc. 196 8. X: Olympiodori 
vita Piatonis; Notisen Uber ßioi- Handschriften, meist aus vati- 
kanischen Handschriften. 
4. Alexander Lycopolitanus : Manuskript der Ausgabe; Abschrift 
des cod. Laur. plut. IX cod. 23; Proben aus Berolin. und 
Barber. 

6. Didymi q. f. ad versus mauichaeos Über. Abschrift des cod 
Laur. plut. IX cod. 28: Matertal über Manichaer. 

6. Serapionis Thmnitensis adversus mauichaeos liber. Abschrift 
des cod. Genuensis XX VII s. XI. 

6a, Titus v. Bostra. Ausgabe von Lagarde, kollationiert mit cod. 
Genuensis XXVII k. XI; dass. mit vielen textkri tischen An- 
merkungen auf Grund des syrischen Textes; zwei Übersetzungen 
des Syrus von Nix. 

7. Miracula 8. Georgii rec. Aufhauser 1918. Viele Anmerkungen» 
9 Photographien einer Handschrift obne nähere Bezeichnung. 



») VgL Rhein. Mus. 68 (1918* 157. 



8 Palladius de genübua Indiae. Coalatio cod. Vindob. 8. XV ex. 
ad edit C Muelleri coufecta ab Ä. Eberhard; Manuskript; 
Über eine unbeachtet gebliebene Schrift unter dem Naiuea 

Arrians. , 
9. Vita S. Mariae Aegyptiacae. lext auf Grundlage des cod. 
Vatic. Pal. 37 »- X ; Kollation des Pal. und des cod. Angelicauus 
B 2. 2. fl. XI, der versio Pauli und des Bollandistentextes, 
sämtlich von Uaeners Hand; Abschrift der versio Pauli aus 
dem cod. Caroliruheusis XCI s. X, von Brinkmanns Hand. 

10. Nicephori philosopbi cncomiam S. Andreae Cauleae. Abschrift 
aus cod. Vindob. Gr. bist. eccl. XI f. 95 v. ff. 

11. Theophylacti Bulgarorum episc, rtaiAtia ßaötXtxij ex cod. 
Vindob." theol. Graec. XLIIl f. 116 sqs. descripta et cum cod. 
Laur. 59, 12 collata; Material dazu. 

12. Auetor ad Hereouium ed. Kayser, mit Kollationen (nicht von 
Brinkmanns Hand). 

B. Handexemplare. 

13. Thukydides erkl. von Classen-Steup I 4 . 1897. Reiche Notizen 
zu I, 1—22. 

14. Plato rec. Hermann VI. 1880. Viele Anmerkungen, besonders 
zu den pseudoplatonischen Dialogen. 

15. Piatons ausgew. Dialoge erkl. v. H. Sauppo : Protagoras. 

16. Antisthenis fragmenta ed. Winckelmann. 1842. Reiche Notizen. 

17. Aeschinis Socratict dialogi ed. Fischer. 1786. Reiche Notizen. 

18. Xenophon, Scripta min. rec. Ruohl IL 1912. Notizen zu den 

TTOQOt. 

19. Callimachi hymni et epigrammata ed. Wilamowitz. 8. Aufl. 
1907. Notizen zu hymu. II; III. 

20. Theokrit erkl. v. Fritzsche. 8. Aufl. 1881. 

21. Dionysii Halicarnaset opuscula ed. Uaener- Radermacher I; II. 
Besonders reiche Notizen zum Brief an Pompeji». 

22. Strabo ed. Kramer I; II. Notizen besonders in Bd. II. 

23. Heracliti quaestiones Homericae ed. nocieta« philologica Bon- 
nensis. 1910. 

24. Onesandri de imperatoris officio rec. Koechly. 1860. 

25. Demetrii et Libanii q. f. tvnoi irrtocolixoi ed. Weichert. 1910. 

26. Ilegi vijtovg ed. Jahn-Vahlen. 2, Aufl. 1887. 

27. Gregorii Tbauroaturgi panegyricua in Origencm ed. Beugel. 
1722; dass. herausg. f« Koe tschau. 1894. 

28. Iulianus imperator ed. Hertlein I. 1875. Notizen besonder» 
zu orat. VI und VII. 

29. Marci Diacont vita Porphyrii episc. Gazensis ed. Societ. philol. 
Bonn. 1895. — Nuth, De Marci Diac. vita Porph. Gaz. 1897. 

30. C. Kempen, Procopii Gaxaei iu iinperatorem Anastawium pane- 
gyricua. Bonn 1918. 

81. Terenz, Phormio erkl. v. Dziatzko-Hauler. 4. Aufl. 1913. 
32. Lucretius od. Beruays. 1879. 



August Brinkmann. 5 g 

83. Ciceronis epistulae ed. Mendelssohn. 1893. Viele Notizen zu 
B. VIII. 

84. M. Odau, Quaestionum de VII et VIII Piatonis epistula capita 
duo. 1000. Viele Notizen zu S. 89 ff. 

85. Pohlenz, Rez. v. Arnim, Piatons Jugenddialoge und Immisch, 
Neue Wege der Platoforscbung (Göttinger Gel. Anzeigen 1916, 
241 ff.). 

36. C. F. Hermann, De Acschiuis Socratici reliquiis. 1860. 

37. P. Lang, De Spcusippi Academici scriptis. 1911. 

38. E. Bethe, Proklos und der epische Kykloa (Hermes 26, 593 ff.). 
89. Bonwetsch , Die apokryphen Fragen des Bartholomaus (Nachr. 

Gött. Ges. 1897, 1 ff.). 

40. Usener, Der heilige Theodosiua. 1890. Viele Notizen im 
Kommentar. 

41. A. Dieterich, Die Grabachrift dea Aberkioa. 1896. 

42. Kroehnert, Canonesne poetarum, scriptorum, artificum per anti- 
quitatem fuerunt? 1897. Reiche Notizen zu S. 5 — 10. 

43. Handexemplare eigener Werke und Aufsatze. 

C. Kollegs, Vorträge usw. 

44. Thukydides. Darin: Die Archäologie des Thukydides ; Ent- 
wicklung des Schiffswesena bia zu den Perserkriegen. 

45. Thukydides' Reden. 

46. Piatons Leben und Schriften; darin Materialaammluug zum 
Nachleben Piatons. 

47. Demoathenes. 

48. Pbilon v. Alexandreia, 

49. Einleitung in die griechische Literaturgeschichte. 

50. Geschichte der griechischen Prosaliteratur; Material, besonders 
zu Prosarhythmus und Hiat, 

51. Griechische Lyrik. Material zu Arbeits- und Volksliedern. 

52. Attische Komödie. 

53. Geschichte der attischen Beredsamkeit 
64. Alexandrinische Dichtung. 

55. Eine literarische Renaissance in Byzanz ; Material zur byzan- 
tinischen Literatur , besonders Uber Saminelkandschriften, byz. 
Kalender, Photios. 

56. Griechische Kulturgeschichte. 

57. Soziale und politische Theorien des Altertums. 

68. Religion der Griechen ; Material, besonders über Heraklestaten, 
Aretalogie , Gebet ftir andere, orientalische Gottheiten, alle- 
gorische Interpretation ; Manuskript : Vergötterung der helle- 
nistischen Könige. 

59. Jenseitsvorstellungen der Griechen und Römer. 

60. Antikes Buchwesen; reiches Material, besonders zur Hand- 
schriftenkunde, Diptychon, Kalamosbehälter, Rolle, Buchtitel, 
Stichoi, Kopiatenfehler, Edition, Kodex, Bibliotheken; bildliche 
Darstellungen zum Buchwesen. 



qq Anglist Brinkmann. 

61. Kömische Geschichte. 

62. Römische Geschichtsschreibung. 

63. Die römische Glasindustrie und ihr Export nach Ostpreußen. 
Der römische Grenzwall und seine Erforschung durch das 
Reich. Das Römerkastell Saalburg. Der Limes im Orient. 

64. Material zu Seoiinarübungen • Xenoph. Poroi; Musaeus, Hero 
und Leander; Apul. Apol. 5 Cic. ad Cael. 

D. Materialsammlungen, Manuskripte usw. 

65. Verlesen und Verschreiben, z.T. geordnet; Kolleg: Methodik 
der Textkritik; Handexempl. v. Zar Gesch. der Schreibtafel. 

66. 67. Dass. ungeordnet. 

68. Zur Geschichte des Wortes %a^dqa = Kammer. 

69. Zur philosophischen Terminologie. 

70. Zum Axiochos; dabei Buresch, Leipz. Stud. 1X3; Immisch, 
Philologische Studien zu Piaton I; Wilamowitz, Kezens. des 
Vor. (Gött. Gel. Auz. 1895); Zwei Manuskripte aus der 
Studentenzeit, Sprachliches Material. 

71. Zu den Socratici, besonders zu Phaidon v. Elia (Zopyros 
und das Erziehungsproblem), Fragmentsammlung des Phaidon ; 
Manuskript*. De Phaedonis Elei dialogis. 

72. Zu Dionys v. Halikarnass, besonders zum Brief an Pompejus. 

73. Zu Gregorios Thaumaturgos Panegyrikus auf Origenes. 

74. Zu Marci Diac. Vita Porphyrii Gazensis. Meist sprachliches 
Material. 

75. Material und Vorträge zur Rhetorik aus der Studentenzeit. 

76. Der Rhetor Romanos und Chorikioa ; unvollendetes Manuskript, 
reiches Material. 

77. Nikolaos v. Myra und der Anonymus Seguerianus neqi ^i/ro- 
QtxTjg, unvollendetes Manuskript, Material. 

78. Zum Atticismus; Manuskr. über Eustathios v. Antiocheia. 

79. Zum Aberglauben, darunter: Alter Volksbrauch, Volkstüm- 
liches aus Märtyrerakte n und Heiligenleben. 

80. Artemis. 

81. Sozon; unvollständiges Manuskript, Material. 

82. Zu altchristlichen Legenden. 
88. Excerpte aus Kirchenvätern. 

84. Zur Epigraphik. 

85. Zu Papyri. 

86. Der Erfinder der griechischen Tachygraphie ; unvollständiges 
Manuskript, wenig Materini. 

87. Zu Türen und Schlössern und sonstigen Privataltertümern. 

88. Zum Wagen im Altertum. 

89. Zu Technik und Archäologie. 

90. Kleinere Sammlungen zu griech. und röm. Schriftstellern. 

91. Verm. Notizen zur griechischen und römischen Literatur. 

92. Venn. Notizen zur griechischen und lateinischen Sprache, 
93 — gg. Ungeordnete Notizen verm. Inhalts. 



Augast Brinkmann. 



99. Manuskripte eigener gedruckter 

100. Brinkmanns Seminararbeiten. 

101. Nachlaß Ilerm. Deiters: Manuskript einer Ausgabe d. Aristides 
Quintiliauus mit vollständigem Material dazu. 

Außerdem sind in Privatbesitz von Freunden und Schillern 
übergegangen Handexemplare von Piatons Symposion, Dion v. Prusa 
and Ihilo Mechauicus, sowie ein Kolleg Uber die römische Satura 



Nachtrag. 

Es besteht die Absicht, aus dem Nachlaß außer Schriftenver- 
zeichnis Nr. 67 die Fortsetzungen zu Nr. 67 und den Vortrag über 
Altgrichische Mltdchenreigen (vgl. Nr. 66) herauszugeben. Da es 
unsicher ist, ob Nachlaß Nr. 76 sich für die Herausgabe wird fertig- 
stellen lassen, sei hier wenigstens das Resultat Brinkmanns mit- 
geteilt. Hugo Rabe, der die Durchsicht des Materials übernommen 
Bat, formuliert es folgendermaßen : „Camphausens Ergebnis (S. V ff 
seiner Ausgabe des Romanos, Leipzig 1922), die Schrift ftsgi oW 
ftivov gehöre dem Ausgange des Altertums an, wird bestätigt durch 
das nahe Verhältnis zwischen der Theorie des Romanos und der 
Praxis des Chorikios; dieser hat seine dialtEeic bewußt (Vgl 
auch Piniol. 54 [1895], 119, 11 ff.) im ^Ufihog X^a^jg gehalten « 



Weitere Nekrologe auf Brinkmann s. A. Elter, Chronik der 
n. triedr. Wilbelms-Univ. zu Bonn 1922/3 S. 5. 



Thomas Stangl. 

Geb. 21. Dezember 1854, gest. 4. August 1922. 

Von 

J. Karl Schönberger in Nördlingen. 

Tb. Stangl ist am 4. August 1922 au einer Herzlühmuug ge- 
storben, als er eben nach vierwöchiger schwerer Krankheit (Rippen- 
fell- und Lungenentzündung) zur Kräftigung in den Garten der 
Würzburger Theresienklinik, in der er lag, gebracht werden sollte. 

Eine eingehendere Schilderung seines Lebens und Wirkens, 
die des verdienten Gelehrten und von seinen Schülern hochver- 
ehrten Lehrers würdig wäre, kann ich aus mehreren, hier nicht 
weiter zu erörternden Gründen nicht geben; nur einen unvollkom- 
menen Umriß kann ich bieten und eine Aufzählung seiner wich- 
tigsten Schriften, die übrigens größtenteils noch auf eine Zusammen* 
Stellung des Verstorbenen zurückgeht. — 

Th. Stangl, ein geborener Bayer — er stammte aus Aufbansen 
bei Regensburg — war aus dem Gymnasiallehrerberufe in die aka- 
demische Laufbahn übergetreten. Schon in München hatte er sich 
im Juni 1883 mit seinen Boethiaua und einem Vortrage über Caa- 
siodorins Senator , den letzten römischen Staatsmann , habilitiert, 
war aber aus der akademischen Lehrtätigkeit wieder ausgeschieden, 
bis er nach 20jährigcro GymnasiallehrerdienBte vom 1. Oktober 1900 
ab als außerordentlicher Professor nach Würzburg berufen wurde, 
wo er seit 1908 Titel und Rang, seit 1919 auch die Rechte eines 
ordentlichen Professors inne hatte. 

Der Würzburger Latinist war eine weit über die Grenzen 
Deutschlands hinaus anerkannte Autorität. Seine Schriften, Uber- 
wiegend der Textkritik und Grammatik gewidmet, umspannen das 
ganze Gebiet des Lateins; die Inschriften behandelte er wenigstens 
im Seminar. Eine Reihe von grundlegenden Ausgaben wird ihm 
verdankt, vor allem das Hauptwerk, Ciceronis orattonum scholiastae, 
das von der Kritik des In- und Auslandes freudigst aufgenommen 
wurde. Eine Unzahl kleinerer und größerer Veröffentlichungen 
ging diesen Ausgaben voraus oder brachte verbessernde Nachträge. 
Besonders die beiden Berliner philologischen Wochenschriften 




Thon... 6 



brachten Hunderte von Artikeln und Mißzellen aus Stangls Feder. 
DieBe Parerga behaupten ihren selbständigen Wert; abgesehen 
davon, daß sie einen Blick in die Arbeitsweise Stangls werfen lassen, 
der mit unermüdlichem Fleiße und echt philologischer Treue be- 
stimmte Gebiete der Textkritik immer wieder anbaute und erwei- 
terte, sind sie die besten Erläuterungen zu den Hauptschriften. 
Wären sie nur gesammelt ! Diese Sammlung gäbe ein anschau- 
liches Bild von dem vielseitigen Interesse des Gelehrten , seinem 
überragenden Wissen, seinem Scharfsinn, seiner Bedeutung als Text- 




er, 

Es ist ein schwerer Verlust, daß es ihm nicht vergönnt war, 
die noch fehlenden zwei Bände seiner Scholiastenausgabe — sie 
sollten die Textgeschichte und die Indieea bringen — und die seit 
Jahren vorbereitete große Ausgabe des Curtius zu vollenden. Die 
Größe dieses Verlustes kann nur ermessen, wer einen Blick in die 
letzten Arbeiten des Verstorbenen, besonders in die zu Curtius, 
werfen durfte. Der handschriftliche Nachlaß befindet sich in der 
Münchener Staatsbibliothek. 

Als Lehrer hat Stangl eine außerordentlich segensreiche Tätig- 
keit entfaltet. Seine Vorlesungen — anfänglich nicht auf das 
Latein beschränkt, vgl. das Verzeichnis unten — umfaßten neben 
der Theorie des lateinischen Stils hauptsächlich Plautus, Cicero, 
Horaz und Tacitus. Besonders die vorzüglichen Einleitungen zu 
den genannten Autoren waren bei seinen Schülern hoch geschätzt. 

Beliebt und stark besucht wie die Vorlesungen war auch sein 
Seminar; hier darf vielleicht daran erinnert werden, daß Stangl, 
der einen sehr feinen Kunstsinn und nicht gewöhnliche Kenntnisse 
auf dem Gebiet der Kunstgeschichte besaß, keine Gelegenheit vor- 
übergehen ließ, seine Hörer auf die neuesten archäologischen Funde 
aufmerksam zu machen. 

Groß war die Zahl der Themen zu wissenschaftlichen Arbeiten 
und Dissertationen, die er seinen Schülern stellte, und unglaublich 
die Geduld, mit der er dem Anfänger den Weg wies, stets hilfs- 
bereit, auch wenn er unter der eigenen Arbeitslast fast zusammen- 
brach. Gerade da, im persönlichsten Verkehr, lernte man seiu gutes 
rz ahnen, das er gern unter einer rauhen Außenseite versteckte. 
Denn nicht leicht gestattete er einen Einblick in »ein Inneres; nur zwei- 
mal hörte ich ihn klagen und mehr aus sich herausgehen : beim 
Hinscheiden seiner hochbetagten, erblindeten Mutter, der allein er 
sich ganz öffnete, und beim Heldentod seines Sohnes Theodor. — 



Thomas Stsngl. 

Bibliographie. 

f. Dfe Hauptschrlften: 

1, Cicer onis oratio n um scholiaatae. Vol. II: Com- 
mentarioa continens, Lipsiae (Tempsky-Freytag) 1912. 

Vgl, P. Weßner in BphW 32 (1912) Nr. 51, J. H. Schmalz 
in WklPh 29 (1912) Nr, 51, Fr. Luterbacher in Jahresb. d. philol. 
Ver. Berlin 38 (1912) 365 f., Ed. Ströbel in Bayr. Blatt, f. d. 
Gymn. 49 (1913) 57 f., 0, Brakman in Rev. de Tinstr. publ. en 
Belg. 1913, Heft 1, Rem. Sabbadini in Boll, di filol. class. 19 (1913) 
173 f., Edg. Martini im Lit. Zentralbl. 64 (1913) 144 f., Ein. Löf- 
stedt in Deutsche Lit. Zeitg. 1913, 679 f., Em. Thomas in Rev. 
crit. 47 (1913) 248 f. 

2. Cicero-Ausgaben (alles bei Frey tag in Leipzig): 

a) de oratore libri tres rec„ 1893; b) Brutus de claris 
oratoribua rec. 1886 [durch die Einleitung und den krit. Apparat 
die Grundlage aller späteren Ausgaben]; c) Orator ad Brutum 
rec. 1885. Handschriftliche und textkritische Vorarbeiten dazu ia 
Bayer. Blätt. f. d. Gymn. 1882 ff. (Band 18, 19, 21, 28). — Besprochen 
in Burs. JB. 80, 166 f. und 319 f. 

3. Q, Curti Rufi historiarum Alexandri Magni Macedonis 
libri qui supersunt Ftlr den Schulgebrauch her. Leipzig (Freytag) 
1902. „Une Edition vraiment scientifique E. Thomas in Rev. crit. 
1912, Nr. 11. „Wissenschaftlich hochbedeutsam" J. Golling in Z. 
t ö. G. 1912, 1075. „Die Textanderungen sämtlich wohl er- 
wogen" Lit. Zentralbl 1902, Nr. 44. „Die bedeutendste neue Aus- 
gabe" A. Weinhold in seiner Curtiusausgabe 1906, p. DU. „Als 
Unterlage für den Text galt die Ausgabe von Th. Stangl" Menge- 
Fried in der Curtiusausgabe 1911, p. III. 

4, Virgil iana. Die grammatischen Schriften des Gallien 
Virgtlius Maro auf Grund einer erstmaligen Vergleichung der Hand- 
schrift von Amiens und einer erneuten der Handschriften von Paris 
und Neapel untersucht 1891. (Festschrift zur 41. Philol.- Versamm- 
lung.) — Rez. Lit. Zentralbl. 1891 Nr. 34, WklPh. 1891 Nr. 49, 
BphW. Nr. 52, Neue phil. Rundschau 1892 Nr. 1, Deutsche Lit. 
Zeitg. 1892 Nr. 29. 

II. Sonstige Veröffentlichungen: 

1„ Tu 11 iana. Der Text des Thes. 1. L. zu Cic. de or. in 
ausgewählten Stellen besprochen, Progr. Luitpoldgymn. München 
1897/8. — Dieses Progr. bezieht sich auf eine Arbeit Stnngla für 
den Thesaurus, „Text, Erklärungen und handschriftliche Varianten 
zu Cic. de orat. 1. I— IIP (1895). — Rez. BphW. 18 (1898 Nr. 17, 
DLZ. 1898 Nr. 7, Bayer. Bl f. d. Gymn. 34 (1898) 315 f., Z. f. 
ö. G. 1899, 22, Cultura VII Bd. 9, 652 f., Rev. de l'fautr. publ. 
en Belg. 41, 332 f., Kev. crit. 32, 124. — Einen vollständ. Index 
zu Cic. de orat. fertigte auf Stangls Anregung und Toxtunterlage 
hin sein früherer Hörer W. Werner. 




Thomas Stangl. 65 

x> 2 u Tu j 1 l ift " Ä - p rogr* München 1887/8. Zu Ciceros Reden. — 
Bez. Bure JB 1889, Z. f. ö. G. 40, 734 f., WklPh 1890, 265 f. 
3. Vorarbeiten zur Scholiastenausgahe i 
i ? A 9 coniana, WklPh 1906, Nr. 40 und 41, 1909, Nr. 4 

q / mV 0910) 489 - 5 5<>. - Darüber schrieb die Rev, 
pttt 69 (1911) Nr. 19: On n' eüt pas cru qu'un article de revue 
pflt contenire autant d* exccllentes chosee. 

b) Zu den Bobienser Scholien : Rhein. Mus. 39 (1884) 231 f. 
(Ergebnisse der Neuvergleichung des Mailänder Palimpaests). Bo- 

^l^lrl } T* MUncl : en 1893/4 * Rez - ß P hW 1894, 1421, DLZ 
1895, 304 f., Rev. cnt. 1894. 259 f. 

„ N ß e R u J 1 ^° bi « n «' ia; ™*L 68 (1909) 71-87 und Rhein. 
Mus. 65 (1910), 88 ff 249 ff., 420 ff. Vgl. bes. Luterbacher in 
JB. d. philol, Ver. Berlin 36 (1910) 248. 

C ) Zu J'feudasconius: Rhein. Mus. 39 (1884) 579 f. (Handschrift- 
liches aus Florenz und Neapel). 

Pseudoasconiana. Textgesfaltung und Sprache der ano- 
nym, öchol. zu Ciceros vier ersten Verrinen auf Grund der erstmals 
verwerteten ältesten Handschriften untersucht. Paderborn (Schöningh) 
— R ? z - Lit - Zentralbl. 1910 Nr. 21, BphW 29 (1909) Nr. 52 
WklPh 26 (1909) Nr. 41, JB. d. philol. Ver. Berl. 36 (1910) 244 ff 
Rev. crit 67 (1909) Nr. 19, The Claas. Review 24 (1910) Nr. £ 
Sit. di filol 89 (1911) fasc. 3, Holland. Museum 17 (1910) Nr. 8. 

d) Zu den GronovBcholien; „Der sog. G r o n o v s c h o 1 i a s t 
zu 11 Cicero« Reden. Überlieferung, Text und Sprache auf Grund 
einer Neuvergle.chung der Levdener Handschrift dargestellt," — 
Prag-Leip Z1 g (lempskv-Frevt*g) 1884. - Weitere textkriU und 
sprachliche Untersuchungen in WklPh 1905 Nr. 16, 1906 Nr. 13, 
14, 17; BphW 1906 Nr. 38, 39, 40, 41. - Außerdem hat Stangl 
für den Ihes. I L. 800 Zettel aus den schol. Bob. und Gronov. 
bearbeitet. Lexika zu Ascon, und den schol. Bob., Pseudasc. und 
Gronov fertigten auf Stangls Anregung hin vier bayerische Gym- 
nasiallehrer, die in Cic orat. schol. II p. 4 genannt sind. Als bester 
Kenner der Ciceroscholien und größte Autorität auf diesem Gebiet 
wurde Stangl anerkannt von P. Weßner, Rurs. JB. 1908 (Bd 139) 
143 E. Thomaa Rev. crit 67 (1909) Nr. 19 und ebenda 69 (1911) 
Nr. 19, A. C. Clark, The Claas. Review 24 (1910) Nr 6 

L«f' , Z c U /^ ae8ftr: Im Auf8Ätzo * Die Bibliothek Äshburnham", 
Philol 45 (1886) 201-236 gab Stangl die erste genaue Beschrei- 
bung des cod. Ashburnh. mit Kollationsprobe. — Vgl. JB. d, philol. 
Ver, Berlin 13, 347. 

5. Zu Valerius Maximu«: Philol. 45 (1886) 225—236 — Vgl 
K Kempf in degsen Ausgabe des Val. Max. (1888), p. XX m. 

t « ü J'^ 68 VaK Max - und Ju,ius PariäW . BphW 32 (1912) 
Hr. oif, 40, 42 f. 

6. Zu Curtiu« Rufus: Stangl hat erstmals den cod. Vatic. Re- 
ginensis 971 saec. XII vollständig verglichen. 8. hierüber JB. d. 
philol Ver Berlin 14, 223 f. „Der prapositionslose Rieht ungsakku- 
aativ be, Lurt.us Rufus" , BphW 25 (1905) Nr. 39, 40, 41 

N.krolog« im. (J»hr M b«rioht f. Ah«rtQin«wiM«n«eh«fU Bd. 80» B.) 5 



Thomas StangL 

Ein alle Wörter und Stellen umfassendes Lexikon zu Curtiua 
fertige auf Stangls Kosten Dr. Isidor Oblinger, ein früherer Hörer 
, + 1914)- auch Oblingers Dissertation Curtiana (Wurzburg 1910), 
ferner die Quaestiones Curtianae von 0. Büttner (1903) und die 
Curtiana von G. Dostler (1904) sowie des letzteren Programm von 
Kempten (1907) beruhen auf Anregungen Stangls. 

7. Zu Seneca d. J, : 'Th. Stangl . . . novam mo parare dm- 
logorum editioncm cum audivisset, multa atque utilia perscripsit et 
ad explicandum et ad emeudandutu Senecao sermonein\ Senecae 
dialogi ed. Hermes (1905), praef. p. XVIII. 

8. Zu Tacitus : „Zur Textkritik der Annnlen des lacitus , 
WklPb 1905, 327, Nr. 27 und 28. — Anerkannt von G. Andresen, 
JB. d. philo!. Ver. Berlin 1905, 327. 

9. Zu Pliuius d. J.: Im Piniol. 45 (1886), 220 f. die erste 
genauere Nachricht über den von Louis Havet wiedergefundenen 
cod. Kiccardianus (= Ashburnham.). Piniol. 45, 042—79 Stammbaum, 
allgemeine Wertbestimmung und Einzelverwertung für die Text- 
eestaltung. Vgl. Burs. JB. 63, 245 und K. C. Kukula in seiner 
Pliniusausgabe (1908), praef. p. IV, VIII und IX, sowie p. III 

der Ausgabe von 1912. - 

10. Zu P. An ni us Florus: SprachgeschichtlicheB im l'bilol. 

64 (1905), 307 ff. 

11. Zu Marius Victorinus : Erste kritische Ausgabe von De 
definitionibus' auf Grund von zwei MUnchener üss. und einer Berner 
(Programm München 1887/8.) 

12. Zu Boethius: Boethiana vel Bocthii commentanorum m 
Ciceronis topica emendationes ex VIII codicibus haustas et auctas 
observationibus grammaticis composuit Th. Stangl. Gotha (Perthes) 
1882 (davon S. 1 — 62 gesondert als Münchener Dissertation aus- 
gegeben). — Die 8 Hss. erstmals verglichen! — Pseudo- 
boethiana, Fleckeis. Jahrb. 127 (1883), 193-208 und 285 

b> 8 301. „ , . . 

13. Zu Cassiodorius Senator: Für die Wiener Akademie hat 
Stangl die zu den betr. Schriften einzig erhaltene Vcroneser Us. 
(saec VI/VII) neu verglichen. Näheres s. Wien. Sitz.-Ber. 1887 
(Band 114), 405 f. und Bayer, Blätt. f. d. Gymn. 34 (1898) 249 
bis 283 und 545—591. 

Der letztere Aufsatz als sehr ergiebig für die Eigentümlich- 
keiten des Spätlatein* sehr oft zitiert von Schmalz in dessen Lat. 
Synt. und Stilist, und im Autibarbarua. 

14. Varia: Zu Arnobius: BphW 30 (1910) Nr. 4 und 5. — 
Zu Lucifer Calaritanus: Piniol. 50 (1891) 74 f. - Zu den Rh et. 
Lat. min.: Progr. München 1887/8, S. 48 f. u. Philol. 54 (1895) 355 f. 
Zu den Grammai. Lat. V: Münchener Xenicn 1891, 8. 29 f. 

Die vorstehende Zusammenstellung ist, wie bemerkt, durchaus 
nicht vollständig; es kam hier nur darauf an, die Hauptgebiete zu 
nennen, auf denen Stangl gearbeitet hat. Nicht berücksichtigt 
sind die vielen Aufsätze und Miszellen, die er besonders seit 1912 
in den beiden Berliner philol. Wochenschriften und sonst veroffent- 



Thomas StangL 67 

licht hat, darunter wichtige Arbeiten zu der handschriftlichen Über- 
heferung der rhetorischen Werke Ciceros. 

Es sei noch gestattet, die (vierstündigen) Vorlesungen Stangis 
aufzuzahlen : 

1. Sophokles Aias mit Einleitung Uber die Entwicklung des 
Dramas. 

2. Demosthenes' Staatsreden und Einleitung Uber die Ent- 
wicklung der Beredsamkeit. Übersetzung und Interpretation der 
Kranzrede. 

3. Entwicklung des vorklassischen Lateins und Erklärung von 
Plautus' Triuummus. 

4. Ciceros Orator mit Einführung ins klassische Latein und 
in die Entwicklung der rhythmischen Prosa seit dem 5. Jahrh. v. Chr. 

5. Horatius' Briefe mit Einleitung über die Entwicklung der 
von ihm gepflegten Literaturgattungeu. 

6. Tacitus' Aunalen [abwechselnd Historien] mit Überblick 
Uber die Entwicklung der römischen Geschichtschreibung und des 
nachklfissisclien Lateins. 

7. Theorie des lateinischen Stils oder über die lexikalische, 
grammatische, logische uud ästhetische Korrektheit als die wesent- 
lichen Merkzeichen der Kunstsprache. Mit Einleitung Uber die 
lateinische Stillehre seit der Renaissance. 

In seinem stark besuchten Seminar behandelte Stangl vor 
Horn altlateinische IiiHcliriften , dann die Corneliabriefe, Briefe 
3iceroa und Püning», ferner Cic. de orat, I, die Keden aus Sallusts 
historiae, die Appendix Vergiliana, die Dirae des Valerius Cato, 
„atiren und Oden des Horaz. (^uintil. inst. X 1, Sueton. de grainm. 
et rhet. [hiervon hatte Stangl für Semiuarzwecke eine hübsche Aus- 
gabe veranstaltet], ausgewählte Partien von Bergks Lyrikern usw. 
Sehr beliebt waren seine griechischen und lateinischen StilUbungen 
sowie seine feinsinnigen Übersetzungen der Klassiker. 



Friedrieb Vollmer. 

Geb. 14. November 1867, gest. 2h September 1928. 

Von 

Hans Rubenbaiier in Manchen. 

Bei Abfassung des Lebensbildes meines unvergeßlichen Lehrers 
konnte ich in ausgiebiger Weise V.s erhaltene Korrespondenz be- 
nützen; außerdem ließen mir Verwandte und Freunde des Ver- 
ewigten mündlich und schriftlich viele wertvolle Mitteilungen zu- 
kommen. Insbesondere erteilte Frau Professor Vollmer auf all 
meine Anfragen bereitwilligst jede gewünschte Auskunft. 

Friedrich Karl Vollmer wurde geb. am 14. November 
1867 zu Fingscheidt, einem Flecken der Rheinproviuz bei Langen- 
berg im Regierungsbezirk Düsseldorf. Sein Vater Valentin V. war Volks- 
schullehrer, ein Mann, der das Amt eines preußischen Schulmeisters 
so ernst wie nur irgend einer auffaßte. Eine Fülle reicher Tätig- 
keit, die seine Gesundheit allerdings vor der Zeit untergrub, leistete 
er vor allem in seiner Stellung als Rektor des Lehrerinnenseminars 
und des damit verbundenen Lyzeums in Kaiserswerth, wohin er 
im Jahre 1869 berufen wurde. Wie ein Nekrolog eines Kollegen 
bezeugt, „war er ein Anhänger jener guten alten Schule, die noch 
nicht den Wert und die Wirkung der ganzen, in sich geschlos- 
senen Persönlichkeit gegen die aus allerlei Kegeln und Mittelchen 
zusammengestoppelte pädagogische Strohpuppe eingetauscht hatte.... 
Schlicht, wie er dastand, rührte er alle durch die Größe und Schön- 
heit seiner Seele. Seine pädagogische Kunst lag in der Sammlung, 
in dem Werte seines eigenen Wesens." Peinliche Gewissenhaftigkeit 
und unermüdlicher Schaffensdrang ging von ihm auf Friedrich V. 
über. Die Heiterkeit des rheinischen Temperaments war ihm nicht 
fremd; auf Schulausflügen, in den Erholungsstunden war er der 
Fröhlichsten einer. Aber nie verlor er das Ziel aus den Augen, 
seine Söhne — neben Friedrich wuchsen zwei jüngere Bruder 
heran — zu tüchtigen Menschen zu erziehen. Mit wohlbedachtem 
Ernst, in früheren Jahren sogar mit einer gewissen Strenge zügolte 
er das Temperament der Kinder. 

In schöner Harmonie ergänzte sein Wesen die Gattin, die er 




Friedrich Vollmer. §g 

im Jahre 1866 heimführte, Marie geb. Kilver kus aus Elber- 
feld. Unerschütterliches Gottvertrauen, echte Seelengute und nie 
rastende Sorge für die Ihren bildeten die GrundzUge ihres Charak- 
ters. Das Übermaß an Arbeit, die insbesondere in Kaiserswerth, wo 
Seminaristiiinen als Pensionärinnen den Hausstand vermehrten, auf 
ihren Schultern ruhte , vermochte ihr reiche« Seeleuleben nicht zu 
unterdrücken. Für fremde Sprachen, für Musik und Zeichnen hatte 
sie weit Uber den Durchschnitt hinausgehende Fähigkeiten, die sich 
in den besonderen Anlagen des Sohnes widerspiegelten. V. brachte 
ihr bis zu seinem Tode innigste Liebe und Dankbarkeit entgegen. 
So beglückte ihn bei der Mitteilung, daß seine akademische Lauf- 
bahn gesichert sei, vor allem der Gedanke, daß es seiner Mutter 
vergönnt war, diesen Erfolg des Sohnes zu erleben (Sudhaus, 
2. April 1905). Der allzufrUhe Hingang ihres Ältesten war der 
härteste 8chlag, der die Mutter in ihren alten Tagen traf. 

Ein selten harmonisches Familienleben verschönte V.s Jugend- 
jahre. Ein inniges Verhältnis zur Natur bekundete sich in der 
sorglichen P0ege des eigenen Gartchens und in täglichen gemein- 
samen Spaziergängen. Die Abende waren gemeinschaftlicher Lek- 
türe oder noch lieber der Pflege guter Musik gewidmet. Zeitlebens 
hat V. daran festgehalten, seine Erholung, deren er sich leider nur 
allzuwenig gönnte, in diesen Beschäftigungen zu suchen. 

Ein gewisses romantisches Element wurde in das tägliche Leben 
durch die Besuche des Großvaters, eines einfachen Zollbeamten, 
gebracht. Kinder und Erwachsene wurden es nicht müde, den Er- 
innerungen aus seinem bewegten Berufsleben, besonders den Er- 
zählungen von dem ewigen Kampfe mit verschlagenen Schmuggler- 
bauden, zu lauschen. Noch als Student in Bonn empfand es V. 
jedesmal als große Freude, wenn den alten Herrn der Weg aus 
Hohenlimburg, wo er im Ruhestand lebte, zur Musenstadt herüber- 
führte. 

Den ersten Unterricht erhielt V, in der mit der Diakonissen- 
anstalt verbundenen Waisenhausschule in Kaiserswerth. Daneben 
wurde er von dem Vater und Privatlehrern in Latein, Griechisch 
und Mathematik privatim bis zur Obertertia vorbereitet. Er faßte 
alles schnell auf mit einer Leichtigkeit, die Staunen erregte. Mit 
12 Jahren schon konnte er seinen Vater, der auch das Organisten- 
amt in der Diakonissengemeinde zu versehen hatte, im Orgelspiel 
vertreten. Sein Vater hoffte, ihn auf der Fürstenschule zu Pforta 
unterbringen zu können; allein die Organistenfreistelle, auf die er 
reflektierte, war schon vergeben, und so kam der junge V., mit 



7q Friedrich Vollmer. 

tüchtigen Kenntnissen ausgerüstet, an das Lippesche Leopoldgym- 
nasium in Detmold, das damals unter der energischen Leitung des 
Direktors Dr. Thiele stand. Er bezog im Jahre 1880 die III 
des Gymnasiums; in Pension war er bei einem Freunde seines 
Vaters, dem Lehrer Müller in Remmighausen, untergebracht. Die 
erste längere Trennung von einem so liebevollen Elternhause machte 
den Knaben todunglücklich. Rührend sind die kindlichen Briefe 
aus dieser Zeit, in denen sich immer wieder brennendes Heimweh 
ausspricht. Als im Jahre 1882 sein Bruder Emil ihm zugesellt 
wurde, fühlte er sich weniger verlassen. Später bildete ihm 
auch sein Aufenthalt in Detmold eine liebe Erinnerung. Das ver- 
klärende Gedenken macht ihm den Ort zu einem „allerliebsten 
Fleck Erde 14 (Peters, 15. 7. 86.). 

Den nicht geringen Anforderungen, die von der Schule gestellt 
wurden, zeigte er sich leicht gewachsen. Insbesondere glänzte er 
in lateinischen Exerzitien. Mit zähem fl«ü bewältigte er schon 
damals neben den Schulautoren ein stattliches Mall von Privat- 
lektüre. Da sein Vater ihn für seine Klasse noch zu jung glaubte 

V. war damals ein etwas zarter Junge — , nahm er die Söhne 

Ostern 1883 von der Anstalt weg, um ihnen ein halbes Jahr im 
Elternhaus Ruhe zu gönnen | zugleich sollten sie in Kaiserswerth zur 
Konfirmation vorbereitet werden. Im Herbst 1883 nahmen sie den 
Unterricht in den Klassen wieder auf, die sie zuletzt durchlaufen 
hatten; doch kehrten sie jetzt nicht nach Detmold zurück, sondern 
sie sollten den Rest der Schule am königlichen Gymnasium im be- 
nachbarten Düsseldorf erledigen. Nun konnte V. wenigstens die 
Sonntage regelmäßig zu Hause verbringen. Montags geleitete die 
Knaben gern der Vater, wenn es ihm die Zeit erlaubte, ein tüch- 
tiges Stück Wegs zur Stadt; dieser Schulweg blieb auch dem Manne 
in lieber Erinnerung. Von den Lehrern machte besonders der 
Direktor Uppenkamp auf ihn großen Eindruck. Noch bei der 
Ausarbeitung seiner Horazausgabe denkt er gerne an die Zeit, da 
er bei ihm in der Schule den Schriftsteller gelesen. 

Ostern 1886 erhielt V. das Maturitätszeugnis und verließ als 
unbestrittener Primus des Jahrgangs die Anstalt. Bei der Ent- 
scheidung für einen Lebensberuf kam ihm wohl der Gedanke, ob 
er sich nicht ganz dem Studium der Musik, worin er schon 
nicht gewöhnliche Fortschritte gemacht hatte, widmon sollte. 
Er war schon damals ein vorzüglicher Klavierspieler und auch in 
theoretischen Musikkenntnissen wohl beschlagen; auch in kleinereu 



Friedrich Vollmer. 7| 

Kompositionen versuchte er sieb gelegentlich, so daß die Künstler- 
laufbahn ihm wohl Aussichten auf Erfolg hatte bieten können. Doch 
gab V. dieser Neigung nicht nach, sondern widmete sich gleich 
nach seinem übertritt zur Hochschule mit Feuereifer dem Studium 
der Philologie, die damals ja gerade an der von ihm zunächst be- 
zogenen Universität Bonn besonders iu Blüte stand. Klassische 
und germanische Philologie betrieb er mit gleicher Liebe, nicht zum 
Schaden der Wissenschaft, der er sich schließlich mit allen Kräften 
zuwandte. Die rheinische Universität hat ihn während seiner ganzen 
Studienzeit festgehalten; nur das Wintersemester 1887/88 studierte 
er an der Berliner Universität , wo ihn besonders Diels, Kirchhoff 
und Vahlen anzogen. In Bonn wurde er Schiller von BUcheler, 
LUbbert und Usener. Besonders BUcheler hat auf V. den stärksten 
Eindruck ausgeübt. Bei ihm reichte er Im Dezember 1888 seine erste 
Seminararbeit ein, die sich, bezeichnend für seine späteren Neigungen, 
mit metrischen Dingen beschäftigte. Auch im germanistischen 
Seminar, das damals unter der Leitung von Francke und Wilmaung 
stand, wurde er ordentliches Mitglied. Es gab Wochen, in denen 
er iu beiden Seminarien zugleich Vortrag zu halten hatte. 

Das Universitätsstudium faßt« er als ernste Sache auf. Schon 
in seinem ersten Semester ereiferte er sich gegen „das Studenten- 
leben in seiner prägnanten Bedeutung, das ganz von schalen Ver- 
gnügungen ausgefüllt ist, für ernstes Streben aber keinen Platz hat" 
(Peters, 7. 7. 86*.). Außer in den Vorlesungen suchte V. auch in 
Privatlesekränzchen sein Wissen nach allen Richtungen zu erweitern. 
Besonders eifrig betrieb er englische Studien , um für die Heise 
nach London , die er iu den ersten Ferien zu Verwandten unter- 
nehmen durfte, wohl gerüstet zu sein. Später konzentrierte sich, 
von Bücheler entscheidend beeinflußt, sein Hauptinteresse auf die 
Römer, insbesondere auf das Altlatein, Seine Erstlingsarbeiten geben 
hiervon Kunde. Mehrere Semester hindurch (seit 1887) war er als 
Amanuensis an der Universitätsbibliothek tätig, wo er die Gelegen- 
heit, wissenschaftliche Werke aus erster ilnnd kennen zu lernen, 
eifrig ausnützte. 

Die anstrengenden Studien verursachten ihm schon damals 
häufig nervöse Kopfschmerzen, Uber die er iu Briefen an das 
Elternhaus wiederholt klagt. Sein Vater, der ja die Folgen von 
Überanstrengung selbst gründlich hatte kennen lernen müssen, 
schreibt ihm (1890): „Fritz, du darfst das nicht übertreiben ; denk' 
an mich und halte das rechte Maß zwischen Arbeit und Erholung !" 
Sauere Wochen, frohe Feste! Noch im Jahre 1886 wurde V. 



72 



Friedrich Vollmer. 



Mitglied des Bonner klassisch-philologischen Vereins — später war 
er mehrere Semester lang sein Vorsitzender — , der damals einen 
auserlesenen Kreis junger Männer umfaßte. Viele Anregungen ver- 
dankte er einem älteren Freunde, Ernst Mellenbach, der sich als 
Erzähler und Lyriker einen Namen machte. Im philologischen 
Verein lernte er auch jene Feuerköpfe kennen, die ihm bis zum 
Tode treue Freunde waren, Sudhaus vor allem, dann Skutsch, 
Albrecht Dieterich u. a. Ein tragisches Geschick wollte es, daß 
alle diese Frühvollendeten verhältnismäßig jung hinweggerafffc 
wurden. Als hätten sie hiervon Ahnung gehabt, nützten sie mit 
doppeltem Eifer ihre Jugendzeit. Auch die Feste, die sie feierten, 
gaben Kunde ihres Geistes. Die Samstagkneipabende waren geist- 
sprühender Fröhlichkeit gewidmet. V. beteiligte sich auch hieran 
mit dem ganzen Schwung seines Naturells. Gerne steuerte er für 
festliche Veranstaltungen des Vereins ernste und launige Beiträge 
bei in Wort und Ton, die er beide weit Uber das Durchschnittsmali 
hinaus beherrschte. 

Vielleicht noch lieber waren ihm die Erholungsstunden in 
kleinerem Kreise, die der Pflege der edlen Musica gewidmet waren. 
Die Tage, an denen das Quartett zusammentrat, in dem er all 
Tenor mitwirkte, bedeuteten ihm jedesmal ein Fest. Am liebsten 
suchte er Ausspannung von seinen Arbeiten in der freien Gottes- 
natur. Im Winter huldigte er mit großem Eifer und schönem Er- 
folg dem Eissport; in der schönen Jahreszeit unternahm er gern 
weite Spaziergänge Im anmutigen Rheintal. Gerne sah er es, wenn 
ihn auf diesen Wanderungen die Brüder oder gleichgestimmte Freunde 
begleiteten. Da wurde denn mit Lust fabuliert und philosophiert; 
auch die Philologie kam nicht zu kurz dabei. Das ovfMfiloloyEtv 
hat V. auch späterhin gerne betätigt; des ist Zeuge sein Zusammen- 
arbeiten mit Sudhaus und mit Skutsch, in München der innige 
wissenschaftliche Verkehr, den er mit Traube unterhielt. Die 
Lauterkeit und Ehrlichkeit seines Wesens zeigte sich in seiner 
Stellungnahme den Forschungen der Freunde gegenüber im schönsten 
Licht: rückhaltlos und ohne Neid erkannte er ihre Ergebnisse an, 
wenn sie ihm richtig schienen ; aber ebenso offen und unbestechlich 
äußerte er Beine Zweifel und Bedenken, wenn er glaubte, daß sie 
in die Irre gingen (Sudhans in der Behandlung der Plautinischen 
Cantica , Skutsch in der Cirisfrage). Für die wissenschaftlichen 
Anregungen , die er im Kreise seiner VereinsbrUder fand , zeigte 
er sich immer dankbar. Wenn er am Schluß seiner Dissertation 
gesteht: „sod<tlituti philologae Bonnensi quae vocatur € Klassisch-philo- 



Friedrich Vollmer. 73 

ii 

logischer Verein' debeo quod aliquatenus horno [actus sum philologus", 
so bedeutet das mehr als eine bloße Phrase. 

Zu der gesteigerten Arbeitelast, die der Abschluß der Studien- 
zeit bedingte, stellten sich mehr und mehr auch äußere Sorgen ein. 
V.s jüngere Brüder hatten unterdes ebenfalls die Universität be- 
zogen, und die Beischusse, die das wenn auch bescheidene Studeuten- 
leben der drei Hochschuler erforderte, waren für die schmalen 
Einkünfte eines mittleren Beamten eine bedenkliche Belastung. V. 
wollte nicht, daß sich die Eltern Entbehrungen auferlegten, oder 
daß der Vater sein Einkommen weiterhin durch Nebenarbeiten zu 
vermehren trachtete. Lieber suchte er zn Mitteln zu gelangen, um 
wenigstens für seine Person den Eltern nicht länger mehr auf der 
Tasche liegen zu müssen. Wie glücklich war er daher, als sich 
ihm im Herbst 1889 eine lohnende und außerdem recht zu- 
sagende Verdienstmöglichkeit ergab. „Ein Neues gibt es zu melden," 
berichtet er am 25. Oktober 1889 nach Hause, „doch ist die Nach- 
richt nur für Euch (Redaktionsgeheimuis). Ich bin zum Musik- 
rezensenten für die Bonner Zeitung ernannt. Daß das etwas ist, 
was ich nicht ungern tue, könnt Ihr Euch denken. Aber davon 
ganz abgesehen freue ich mich, etwas verdienen zu können. Und 
wenn ich den Vergleich ziehe zwischen dieser Tätigkeit und Privat- 
stunden geben, so steht die Wage doch sehr zu gunsten der ersteren." 

Mehr als drei Jahre hat V. des Amtes eines Musikrezensenten 
mit Gewissenhaftigkeit und Umsicht gewaltet; ein Jahr lang (Okt. 
1889-1890) gehörte er als solcher auch der Redaktion der Bonner 
Zeitung an. Natürlich verleugnete er auch in seinen Besprechungen 
die Vorliebe nicht, die er für die großen deutschen Klassiker der 
Musik, Beethoven vor allem, dann Mozart, Schubert, Schumann, 
Brahms und andere hegte. Auch neueren Erscheinungen, wenn sie 
künstlerische Werte zu bieten schienen, stand er durchaus verständ- 
nisvoll gegenüber. So erkannte er schon in den ersten Werken 
von Rieh. Strauß das große musikalische Genie. Die Werke 
Rieh. Wagners schienen ihm von unterschiedlichem Werte; völlig 
ablehnend stand er den technischen Künsteleien Liszts gegenüber, 
die ihm anspruchsvoller aufzutreten schienen, als ihrem künstle- 
rischen Gehalt entsprach. 

Während der letzten Universitätsjahre V.s hatte sich das Be- 
finden seines Vaters bedeutend verschlimmert. Der abgearbeitete 
Mann konnte sich von einem Schlaganfalle, der ihn im Frühjahr 
1889 betroffen hatte, nicht mehr erholen. Ostern 1891 sah er sich 
gezwungen, den Schuldienst aufzugeben, was seine Angehörigen in- 



74 Friedrich Vollmer. 

sofern freudig begrüßen zu dürfen glaubten, als sie hofften, daß er 
sich nun endlich die wohlverdiente Ruhe gönnen würde. Für sein© 
Söhne hatte die Pensionierung die erfreuliche Folge, daß ihre 
Eltern sich entschlossen, gleichfalls nach Bonn zu übersiedeln, 8o 
daß die Familie wieder vereinigt war, freilich nur mehr für kurze 
Zeit. Im Januar 1893 wurde der Vater durch eine tUckische 
Lungenentzündung weggerafft, nachdem er zu seiner Freude noch 
den ehrenvollen Studienabschluß seiner Söhne hatte erleben können. 

Friedrich V. bestand im Jahre 1891 das philologische Staats- 
examen mit Auszeichnung. Im Frühjahr 1892 promovierte er bei 
Bücheler und Usener mit einer Arbeit über die römische Sitte, ver- 
dienten Männern von der Gemeinde aus das Begräbnis auszurichten 
(De funere publico Romanorum). Die Arbeit bewegte sich in den 
gleichen Bahnen, die er schon im vorhergehenden Jahre mit der 
Lösung einer Welcker-Preisaufgabe eingeschlagen hatte in der Unter- 
suchung über die von Beamten römischer Städte gehaltenen Leichen- 
reden (Laudationum Romanorum funebrium historia et relliquiarum 
editio). Die Kritik spendete dem Verfasser der Arbeit die An- 
erkennung, daß er das nicht geringe literarische und inschriftliche 
Material vollständig gesammelt und richtig gewertet und gedeutet 
habe. Noch heute beruht das, was wir von jenen bis dahin wenig 
beachteten Erscheinungen des öffentlichen Lebens der Römer wissen, 
im wesentlichen auf den Ergebnissen der Forschung V.s. 

1892/93 nahm V, am pädagogischen Seminar am Gymnasium 
in Koblenz teil; anregende Stunden brachte ihm hier insbesondere 
der Verkehr im Hause des Provinzialschulrats Deiters, in dem 
namentlich gute Musik eifrig gepflegt wurde. Das Probejahr legte 
er am königlichen Gymnasium in Düsseldorf ab, wieder unter der 
Leitung Uppenkamps, in dessen Haus er viel verkehrte. Seit 
l. April 1894 war er als Hilfslehrer am königlichen Gymnasium 
in Bonn tätig; er begrüßte es freudig, gerade hier eine Anstellung 
gefunden zu haben, wo auch Sudhaus am städtischen Gymnasium 
wirkte und die Universitätsbibliothek die Fortsetzung seiner wissen- 
Bchaftlichen Arbeiteu erleichterte. Die Universitätskarriere, die ihm 
wohl schon damals vorschwebte, zu ergreifen, war ihm zunächst aus 
äußeren Gründen noch nicht möglich. Später schien es ihm ein 
Vorzug in Beiner Tätigkeit als akademischer Lehrer, daß er den 
Schulbetrieb am Gymnasium aus eigeuer Praxis kenneu gelernt hatte. 

V. unterrichtete gern und mit Geschick; nur der Umstand, 
daß durch seine Tätigkeit an der Schule mehr Zeit, als ihm lieb 



- : . . ...... V 

Friedrich Vollmer. 75 

war — hatte er doch Im zu 3G Wochenstunden zu geben — , seinen 
wissenschaftlichen Arbeiten entzogen wurde, machte ihm Unbehagen. 
Im Unmut darüber entschlüpft ihm auch gelegentlich das Wort von 
der „Tretmühle", an die er gekettet ist. Im übrigen zeigte sich 
seine erstaunliche Arbeitskraft auch damals von neuem. Durch 
die Tätigkeit an der Schule wurden »eine Schulausgaben aus der 
deutschen Literatur veranlaßt. 1894 erschien seiue Ausgabe des 
Nibelungenliedes, 1895 die des Egraont. Noch 1897/98 ließ er 
neben den anderen Arbeiten, die auf seinen Schultern lasteten, 
Goethes Götz von Berlichingen und Tasso iu der Bredtsehen Sammlung 
„die deutschen Klassiker" erscheinen. Auch diese Parerga zeigen 
das Einfühlen in die Gedankenwelt des Schriftstellers, das V. in 
besonderer Weise zu eigen war, seine Ehrfurcht gegenüber der 
Überlieferung, seine peinliche Gewissenhaftigkeit auch im Kleinen 
und scheinbar Nebensächlichen. Die Fachkritik bestätigte dem 
Verfasser, daß diese Werke weit über dem Ni veau der landläufigen 
kommentierten Schulausgaben stehen. Wie beliebt sie in den 
Kreisen waren, an die sie sich hauptsächlich wandten, geht daraus 
hervor, daß ihre zweite und dritte Auflage nötig wurde; die Aus- 
gabe des Götz kam noch 1917 in vierter Auflage heraus. 

Aber auch die Arbeit auf seinem engeren Studiengebiet ruhte 
in jenen Jahren nicht. V. selbst gibt in dem Nekrolog auf Sud- 
haus ein frisches Bild von den gemeinsamen Arbeiten, die er mit 
dem Freund und Hausnachbar damals unternahm (S. 72): „Das 
waren die schönen Jahre, wo wir nach schwerer Tagesarbeit fast 
Abend für Abend zusammen lasen, was bald der eine, bald der 
andere vorschlug, bis sich dann gemeinschaftliches Interesse um das 
Aetuagedicht zusammenschloß.' 4 Im Nachlasse V.s findet sich noch 
der Entwurf der Ausgabe, wie sie (unter dem Titel : Aetna carmen 
incerti auctoris editum et commeutario critico ornatum a S. Sudhaus 
et F. V.) ursprünglich erscheinen sollte. Wenn auch die Ausgabe 
schließlich den Namen von Sudhaus allein trug, so hat doch der 
Herausgeber selbst ausdrücklich bezeugt, daß sie trotzdem in ge- 
issetn Sinn als gemeinsame Arbeit der beiden Freunde zu be- 
achten sei. 

Zu gleicher Zeit nahm V. die Arbeit an den Silven des Statius 
auf, die sich mit der Zeit zu der großen kommentierten Ausgabe 
des Schriftstellers verdichten sollte. Das Interesse, das er diesem 
schwierigen, aber anziehenden Dichter schon früh entgegenbrachte; 
»eigt sich auch darin, daß er schon bei seinem Doktorexamen 
unter die Thesen, die er verteidigen wollte, einige Emendationen 



Friedrich Vollmer, 



zu 

er iti ei 



den Werken dieses Schrifstellers aufnahm. Seit 1892 bespricht 
nem eifrigen Briefwechsel mit Skutseh — von diesem war 
der Plan dazu ausgegangen — alle schwierigen Stellen der Sily ae ^ 
prüft die Vorschlüge des Freundes und anderer Gelehrter, gibt 
selbst Besserurigsversuche oder beleuchtet die Überlieferung VOQ 
neuen Seiten. Frucht dieser Tätigkeit waren einige kleinere Ver- 
öffentlichungen der nächsten Jahre. Gemeinsam mit Skutseh schrieb 
er 1893 „ad Statii silvas gymbolae", 1895 veröffentlichte er im 
Rheinischen Museum „Textkritisches zu Statins". 

Die Einleitung zur Ausgabe selbst konnte er noch 1895 seinem 
Lehrer Bücheler zur Feier seiner 25 jährigen Lehrtätigkeit an der 
Bonner Universität vorlegen. Der Abschluß des Druckes verzögerte 
sich allerdings bis zum Jahr 1898. Für die Einstellung V.s zu 
Statius ist ein Brief, den er am 20. Februar 1895 an seine Braut 
richtet, so kennzeichnend, daß ich ihn hier wenigstens auszugsweise 
mitteilen möchte : „Es handelt sich dabei ... um historische Forschung 
im edelsten und weitesten Sinne. Für mich ist es ein Genuß, auB 
den kleinsten Dokumenten durch richtige Auslegung von Gedichten 
und Inschriften die treibenden Kräfte und Gedanken eines ganzen 
Zeitalters und die maßgebenden Persönlichkeiten in möglichst 
lebensvollen Bildern zn erfassen. Das erfordert natürlich eine 
Summe von Detailarbeit . . . Wie aus kleinen Pinselstrichen das 
Gemälde, so setzt sich hier aus unzähligen kleinen Beobachtungen 
der Fortschritt des Erkennens zusammen. Nun konzentriert sich 
meine Arbeit vorläufig um den Statius, eine liebenswürdige neapo- 
litanische Dichternatur, der uns in einer Reihe von Gelegenheits- 
gedichten zu Festen seiner Freunde und des Kaisers, Beschrei- 
bungen von Volksfesten, neuerbauten Villen und Tempeln, Toten- 
klagen um geliebte Menschen die anschaulichsten Bilder aus dem 
Leben der gebildeten Menschen in Rom c. 100 n. Ohr. gewährt, 
Diese Dichtungen sind von unschätzbarem Wert für die Kultur- 
geschichte des ganzen römischen Volkes. Nun sind sie aber auch 
riesig schwer zu verstehen, und es gibt eine ganze Anzahl von 
Stellen, Uber die man dicke Bücher geschrieben, weil man sie nicht 
Ubersetzen konnte. . . . Vom 9. — 15. Jahrhundert waren diese Ge- 
dichte verschollen da tauchen sie auf einmal wieder auf, und be- 
mühen sich gleich die größten Gelehrten der Zeit, sie zu verstehen 
und zu erklären. Man hatte aber damals die leidige Unsitte, das, 
"was man nicht verstand, als einen Schreibfehler in den alten, gewiß 
auch oft verderbten Handschriften, die ja vor der Erfindung der 
Buchdruckerkunst die einzige Quelle für die Gelehrten waren, zu 



Friedrich Vollmer. 77 

Jen und zu „verbessern", d. h. Eigenes für die Überlieferung 
etzen. Nun bleibt es nusere Aufgabe, das Alte richtig zu 
ren und zu verstehen. Das ist die Statiusarbeit. Aber diese 
ist für mich auch wieder nur Vorarbeit, Dahinter steht mein 
Lebensplan: „eine Geschichte der Zeit des Kaisers Domitian, der 
Zeit, wo die Kultur auf ihrer Höhe steht und doch schon den Keim 
des Verfalls in sich trägt. ..." 

Eine neue Ausgabe der Silven des Statins entsprach damals 
einem lebhaft gefühlten Bedürfnis. Seit längerer Zeit hatten ge- 
rade diese kleinen Gelegenheitsgedichte ans der Domitianischen 
Zeit bei den Philologen weitgehendes Interesse gefunden. Durch 
die V.sche Ausgabe wurde diesen ausgedehnten Studien über die Silven 
ein gewisser Abschluß gegeben. Der Herausgeber hatte in umfang- 
reichen Vorarbeiten die wichtigsten Handschriften entweder selbst 
verglichen oder sich neue Kollationen von Freunden und anderen 
Gelehrten (Krohu) verschafft und sich damit für seinen Text die denkbar 
sicherste Grundlage geschaffen. Ein durchaus verlässiger kritischer 
Apparat gibt über die hauptsächlichsten Abweichungen der Hand- 
schriften Auskunft. In der Tcxtgestaltung schließt sich V. mit 
gutem Grund enger als die früheren Herausgeber an die im all- 
gemeinen doch recht gute handschriftliche Tradition an. Ein be- 
sonnenes Urteil und gründliche Kenntnis der Eigentümlichkeiten 
der römischen Dichtersprache leiten ihn bei der Aufnahme von 
Konjekturen. Dabei war er sich wohl bewußt, daß Uber manche 
Fragen dor recensio auch in seiner Ausgabe das letzte Wort noch 
nicht gesprochen ist. Das geht schon daraus hervor, daß er selbst 
im Laufe der Jahre zweifelhaften Stellen gegenüber eine verschie- 
dene Stellung einnahm. Daß er für die Herstellung seines Kom- 
mentars die umfangreiche Literatur Über die Silven in ausgiebiger 
Weise durchstudiert hat, versteht sich bei der Gewissenhaftigkeit V,s 
von selbst. Seine Erklärungen geben nicht nur über grammatische, 
lexikalische und metrische Probleme reiche Auskunft, auch über 
einschlägige Fragen auf dem Gebiete der Geschichte, Archäologie 
und Kulturgeschichte orientiert der Kommentar in zwar knapper, 
aber durchaus treffender und verlässiger Weise. So bildet die 
V.sche Ausgabe auch heute noch die Grundlage für alle weiteren 
Forschungen in bezug auf die Silven des Statius. 

Das Jahr 1895 brachte V. eine Stellung in einem beträchtlich 
erweiterten Wirkungskreis s er wurde als Direktor au die erst seit 
dem Jahre 1892 bestehende deutsche Auslandschule in Brüssel 
berufen. V. trat die neue Stellung an mit dem festen Willen, alles 



78 



Friedrich Vollmer. 



zu tun, um auch für seinen Teil an der Erhaltung des Ansehens 
deutschen Volkstums im Ausland mitzuwirken. Diesen seinen Vor- 
satz hat er in der Folge redlich gehalten. Unter seiner energischen 
Führung nahm das Institut, mit dessen Leitung er betraut war, 
einen höchst erfreulichen Aufschwung. Die Zahl der Schüler, von 
denen über die Hälfte nichtdeutscher Nationalität war, verdoppelte 
sich in kurzer Zeit, so daß ein eigenes größeres Heim für die 
Schule bezogen werden mußte. Auch außerhalb seiner Berufstätig- 
keit nahm V. an dem kulturellen Leben der deutschen Kolonie regen 
Anteil. Gerne stellte er sich als Vortragsredner zur Verfügung, 
um weiteren Kreisen die Ergebnisse deutschen Denkens auf dem 
Gebiet der Wissenschaft bekannt zu machen; die Schulfeiern, die 
er veranstaltete, sollten in erster Linie das patriotische Empfinden 
für das große deutsche Mutterland lebendig erhalten. Kein Wunder, 
daß die Brüsseler Auslandsdeutschen sein baldiges Scheiden von 
dem Direktorposten lebhaft bedauerten und ihm auch späterhin 
treues Gedenken bewahrten. Noch während des Krieges hörte ich aus 
dem Munde alter Bekannter V.s in Brüssel, denen ich gelegentlich 
seine Grüße übermitteln konnte, Worte dankbarer Erinnerung und 
warmherziger Anerkennung für sein damaliges Wirken. 

Bald nach seiner Berufung nach Brüssel schloß V. mit seiner 
rheinischen Landsmännin Ella Lücke r den Bund für das 
Leben , der in den folgenden Jahren mit drei Kindern gesegnet 
wurde, von denen allerdings ein Knabe den Eltern in zartem 
Kindheitsalter wieder entrissen wurde. Das häusliche Leben V,s 
stand nach seiner Verheiratung erst recht unter dem Zeichen der 
Göttin der Musik. Wohl jedem Besucher werden die Stunden un- 
vergeßlich sein, die sie in V.s gastfreundlicher Häuslichkeit ver- 
bringen konnten , besondere wenn die Wirte dem Gaste zu Ehren 
miteinander vierhändig Klavier spielten oder in schönem Zusammen- 
spiel an Flügel und Harmonium musizierten. Wahre Weihestunden 
aber waren es, wenn V. in der Stimmung war, am Instrument zu 
phantasieren, ob er nun eine kurze Melodie von einem seiner ge- 
liebten Klassiker in immer neuer Folge abwandelte oder einen 
bunten Strauß von Volks- und Heimatliedern unter seinen kunst- 
fertigen Händen emporsprießen ließ und die gemütvoll trauten 
Weisen mit einem schier unerschöpflichen Rankenwerk anmutigster 
musikalischer Einfälle umkleidete. 

Trotz der reichen Arbeit, die die Schule verlangte — außer 
der Führung der Direktorialgeschäfte gab V. noch 16 Wocheu- 
stunden Unterricht — , fand der Unermüdliche auch damals noch 



HR 



Friedrich Vollmer. 



79 





Zeit zu selbständigen wissenschaftlichen Arbeiten. In Brüssel ent- 
standen die schon erwähnten Goetheausgaben für die Schule, außer- 
dem verschiedene kleinere philologische Aufsätze fUr Zeitschriften. 
Mit dem Artikel Claudia* , den er in letzter Stunde für seinen 
verhinderten Freund Skutsch übernahm, begann seine Mitarbeit für 
die Realenzyklopädie, für die er in der Folgezeit noch mehrere 
wichtige Beiträge (insbesondere aus dem Gebiet der römischen 
Literaturgeschichte) lieferte. 



Nach vierjähriger segensreicher Tätigkeit in Brüssel wurde V. 
im Jahre 1899 auf Buchelers Vorschlag von den vereinigten 
deutschen Akademien als Generalrcdaktor des Thesaurus linguae 
latinae bestellt, der nach langen Vorbereitungen jetzt ssu erscheinen 
beginnen sollte. V.s Name ist mit diesem Monumentalwerk deutscher 
Wissenschaft für alle Zeiten unlösbar verknüpft. Gerade die 
Schwierigkeiten, die dem Unternehmen in der Folge entgegentraten, 
bewirkten es, daß ihm die Sorge um seinen Fortbestand und seine 
iterentwicklung ganz besonders am Herzen lag. Es ist kaum zu- 
gesagt, wenn man behauptet, daß zu Zeiten fast allein durch V.s 
tatkräftiges Eingreifen das Unternehmen Uber Wasser gehalten wurde. 

Am 14. Oktober 1899 wurde der erste Redaktor des Thesaurus 
in sein neues Amt eingeführt. Bescheiden waren die Anfänge, aus 
denen das grosse Werk sich entwickelte: vier Zimmer, die die 
bayerische Akademie d. W. dem jungen Unternehmen zur Ver- 
fügung stellte, beherbergten den Stab von engeren Mitarbeitern, an 
deren Spitze V. trat. Der neue Leiter verstand es vom ersten 
Augenblick an, ein vertrauensvolles Verhältnis zu seinen Gehilfen 
herzustellen. Seine Uberragende wissenschaftliche Bedeutung fand 
vollste Anerkennung; seine umfassende Kenntnis der Latinität 
und seine in Büchelers Schule erworbene Kunst zu interpretieren 
befähigte ihn dazu, auch verzwickte Stellen, die allen Versuchen 
einer plausiblen Deutung zu spotten schienen, einleuchtend zu er- 
klären, so daß kaum jemals ein Artikelbearbeiter das Redaktions- 
»immer ohne hilfreichen Rat verließ. Die Art, wie er die leitende 
Stellung behauptete, war frei von jedem Gelehrtendunkel. Wohl 
stellte er an seine Mitarbeiter hohe Anforderungen; doch wurde 
diesen willig entsprochen, da feststand, daß der Leiter selbst sich 
noch viel mehr an Arbeit für das Unternehmen zumutete. Er war 
im Verkehr mit «einen Mitarbeitern konziliant, wie er denn über- 
haupt die Geschäfte führte nach dem Grundsatze: fortiter in re> 
suaviter in modo. 




m 

BXJ 



gQ Friedrich Vollmer. 



Die neue Stellung beanspruchte nicht nur in hohem Grade 
wissenschaftliche Kenntnisse, sondern auch ein beträchtliches Maß or- 
ganisatorischer Fähigkeiten. Auch diesen Anforderungen zeigte sich V. 
durchaus gewachsen. Das Jahr, in dem er nach Vollendung seiner 
Studien als Kedakteur einer Tageszeitung tätig war, erwies sich 
als gute Vorschule für die neue, um vieles schwierigere Arbeit, 
Das Material war bei Beginn der Ausarbeitung bei weitem noch 
nicht vollständig beigeschafft. Nicht einmal die Verzettelung der 
Schriftsteller war restlos abgeschlossen; viele Autoreu mußten erst 
noch exzerpiert oder wenigstens nach den Indices der Ausgaben aus- 
geschrieben werden. Diese Lücke zu schließen war V.s erste 
Sorge. 

Für die Ausarbeitung der Artikel in dem Umfang, wie es 
für den Thesaurus vorgesehen war, gab es, abgesehen von 
einigen kleinen Proben in Wölfflins Archiv, kein Vorbild. Wenn 
auch der Individualität der Bearbeiter der einzelnen Lemmata 
keine zu engen Grenzen gezogen werden sollten, erforderte 
doch die Rücksicht auf die Benutzer die Durchführung von 
allgemeinen Richtlinien, die allzu große Abweichungen in Anlage 
und Form der einzelnen Artikel hintanhalton sollte. Die Aus- 
arbeitung solcher methodischer Winke war natürlich zunächst Sache 
des Redaktors. Da waren schon rein formelle Dinge (Verwendung 
von Typen, Interpunktion, Absätze usw.) bis ins einzelnste genau 
anzuordnen, aber auch für die sachliche Ausarbeitung einheitliche 
Gesichtspunkte festzulegen. Manche Änderungen, die sich als 
praktisch erwiesen, wurden noch während der Drucklegung getroffen, 
V. versäumte es jedenfalls nicht, alle Anregungen, die eine Besse- 
rung zu bedeuten schienen, ftlr die Vervollkommnung des Werkes 
fruchtbar zu machen. So wurde noch unter seiner Leitung eine 
immer weiter fortschreitende Verfeinerung der Methode in der 
descriptio des usus erreicht. Natürlich brachte die spätere Fort- 
setzung des Thesaurus noch manche Fortschritte gegenüber den 
Anfängen; es ist aber ein beredtes Zeichen für den Weitblick des 
ersten Redaktors, daß die Grundsätze, die für die Ausarbeitung der 
Artikel vom ersten Band an galten, im wesentlichen aufrecht er- 
halten werden konnten. Wenn neben der Solidität der Arbeit sich 
allmählich jene äußere und innere Gleichmäßigkeit herausbildete, 
die die Thesaurusbände heute auszeichnet, so ist das nicht zum 
wenigstens das Verdienst V.s. 

Über die bei Abfassung der Artikel befolgte Methode hat V. 
selbst anläßlich der 47. Versammlung deutscher Philologen und 



K 



Friedrich Vollmer. 8l 

chulmänner am 7. Oktober 1903 zu Halle ausführlich referiert 
(N.Jhb. 1904 I. Abt., S. 47); der Vortrag diente aber nicht nur 
dem Zwecke, eine größere Zuhörerschaft Uber die Entstehung eines 
Thesaurusartikels aufzuklären, sondern noch mehr dem, das wohl- 
wollende Interesse der Kreise, für die das Werk naturgemäß in 
ter Linie bestimmt war, zu wecken und dem Unternehmen die 
/nterstutzung breiterer Gelehrtenschichten zu gewinnen. 

Nicht gering ist die Anzahl der von V. selbst verfaßten Ar- 
tikel. Manche davon können in bezug auf Zuverlässigkeit, An 
Ordnung und Erklärung als wahre Meisterwerke einer wissenschaft- 
lichen Lexikographie bezeichnet werden. Wie gewissenhaft V. bei 
ihrer Abfassung verfuhr, geht beispielsweise daraus hervor, daß er 
wegen der Fassung des Wortlautes zum Lemma accipetrina mit 
Skutsch wochenlang brieflich verhandelte. Von größeren Artikeln 
die V. fUr die ersten beiden Bände des Thesaurus beisteuerte, 
seien genannt die Gruppen abeo, aequalis, aequor, afficio, aliquis^ 
amo, an, ardeo, aut Die Zahl der von ihm bearbeiteten Lemmata 
beträgt Uber 300 (auf ca. 150 Folioseiten). Außerdem überwachte 
er als Redaktor den Druck des ganzen ersten und eines großen 
Teils des zweiten Bandes, zu dessen Abschluß seit 1. April 1902 
Dr. Ihm als 2. Redaktor berofen wurde. V. selbst behielt die 
Funktion des Generalredaktors bei bis zum 1. Oktober 1905 
Während seiner Oberleitung wurden ca. 250 Bogen fertiggestellt," 
eine gewaltige Leistung, wenn man bedenkt, welche Schwierigkeiten 
in den ersten Jahren der Drucklegung zu überwinden waren. 

Im Laufe der Jahre war auch der äußere Rahmen des The- 
saurus weiter gespannt worden ; die Zahl der Mitarbeiter hatte sich 
bedeutend erhöht. Dadurch wurde eine Verlegung des Bureaus not- 
wendig. Wieder war es in erster Linie V.s Verdienst, daß das 
Unternehmen ein würdiges, neues Heim erhielt mit freundlichen, 
hellen Räumen, das für die Erweiterung des Betriebes genügend 
Platz bot. 

V. brachte dem Thesaurus auch nach seinem Ausscheiden aus 
der Redaktion fortgesetzt wärmstes Interesse entgegen. Bis zu 
seinem Tode war er als Fahnenmitleser tätig und bot hierbei für 
für die Gestaltung der Artikel manche nützliche Winke und Bemer- 
kungen, die stets in hohem Grade belehrend und anregend waren 
Die bayerische Akademie der Wissenschaften entsandte ihn als 
Delegierten in die interakademische Thesauruskommission; nach 
Leos Tod wurde er deren Vorsitzender. Als solcher wurde er nicht 
müde, für die Lebensbedingungen des Unternehmens und seiner 

Nekrologe 1924. (Jahriwberiaht f. Altert umawU»eM«h.ft. Bd. SOS B.) 6 



Friedrich Vollmer. 

Mitarbeiter bei den deutscheu Landesregierungen einzutreten. Die 
Unterhandlungen waren nicht immer leicht und forderten ^von dem 
Vertreter der Akademien außer zäher Ausdauer Takt und Geschick- 
lichkeit. V. wußte sie mit unverdrossener Hingabe stets zu einem 
gedeihlichen Erfolge des Unternehmens zu führen. 

Um die hauptsächlichsten Ergebnisse der großen Thesaurua- 
arbeit auch weiteren Interessentenkreisen zugänglich zu machen, ent- 
schloß sich V., dem Ansuchen des Verlages entgegenzukommen und 
die Leitung eines aus dem Thesaurus herzustellenden wissenschaft- 
lich angelegten Handwörterbuches zu übernehmen. Die Gestaltung 
des 1. Faszikels dieser 'Epitome Thesauri latini' durch V. (a — accedentia, 
ad — admodulor) und Bickel war vielversprechend; meisterhaft sind 
beispielsweise die knappen, die wesentlichen Entwieklungslinien 
klar hervortreten lassenden Extrakte der Präpositionen ab und ad. 
Das Unternehmen zeitigte jedoch buchhändlerisch nicht den er- 
hofften, großen Erfolg und wurde daher nach Erscheinen der 
ersten Lieferung (1912) abgebrochen. 

Der Ausbruch des Krieges brachte auch den Thesaurus L 1. 
in eine schwierige Lage. Gleich nach Kriegsbeginn eilten 5 Mit- 
arbeiter an die Front; der Ausfall dieser Kräfte mußte die 
Fertigstellung des Werkes wesentlich verzögern. V, entschloß 
sich, selbst wieder an der Ausarbeitung von Artikeln teilzunehmen, 
eine wertvolle Hilfe für den ungehinderten Weitergang des 
Werkes. Trotz vieler anderweitiger Verpflichtungen widmete er 
bis in Bein letztes Lebensjahr hinein fast tagtäglich viele kostbare 
Stunden im Bureau dieser entsagungsvollen Arbeit; er bearbeitete 
in dieser Zeit wiederum ca. 175 Lemmata auf etlichen 85 Folio- 
Beiten, darunter an größeren Wortgruppen filius, figo, foedua, forum, 
frater; der letzte Artikel vo^ größerer Ausdehnung war funus, 
das Wort, dessen Bedeutung im römischen Leben er einst in 
seinen wissenschaftlichen Erstlingsarbeiten aufgehellt hatte. Am 
meisten reizten ihn Artikel, die in grammatischer und prosodischer 
Beziehung wichtig und schwer zu bearbeiten waren, wie die noch 
ungedruckte Gruppe edo und der gerade in bezug auf die pro- 
sodischen Erscheinungen mit besonderer Liebe gearbeitete, leider 
unvollendet zurückgelassene Artikel ego beweisen. 

Als die finanzielle Basis des Unternehmens, die an sich schon 
schmal genug war, durch den Verfall der deutschen Währung gänz- 
lich untergraben wurde, wurde der Thesaurus erst recht das Sorgen- 
kind V.s, für dessen Erhaltung er sich mit seiner ganzen Energie 
einsetzte. Durch seine persönlichen Beziehungen zu ausländischen 



Friedrich Vollmer. 



83 



Gelehrten (besonders Hollands und Amerikas) konnte er für das 
Unternehmen, das er in gewisser Hinsicht als sein Lebenswerk an- 
sehen durfte, vom Ausland wenigstens insoweit Unterstützung er- 
reichen, daß es zur Not aufrechterhalten werden konnte. Dem 
Werk wieder eine solide Grundlage zu geben, war seine letzte 
Sorge. Die Stockung im Erscheinen der Lieferungen, die durch 
die Umstände veranlaßt war, bekümmerte ihn tief. Noch in seinem 
Testament brachte er das Wohlwollen, das er dem Thesaurus 
gegenüber hegte, dadurch zum Ausdruck, daß er ihm einen Teil 
seiner reichhaltigen Bibliothek letztwillig zuwandte. 

Die Berufung nach München ermöglichte es Vollmer, auch 
seinen langgehegten Wunsch zu verwirklichen und die akademische 
Laufbahn zu beschreiten. Sein cursus bonorum verläuft geradlinig 
und ohne Stockung: am 17. Dezember 1899 habilitiert er sich an 
der Ludovica-Maximilianea, der er bis zu seinem Tode treu blieb; 
schon nach einem knappen Jahre, am 7. Oktober 1900, wird er 
mit dem Titel und Rang eines außerordentlichen Professors aus- 
gestattet; am 1. April 1905 nach dem Ausscheiden Wölfflins wird 
er zum Ordinarius f. klass. Philologie ernannt. Nur einmal faßte 
er den Gedanken, München wieder zu verlassen, ernsthaft ins Auge; 
als er im Jahre 1906 einen Ruf nach Kiel erhielt, schien ihm die 
Aussicht, an die Seite von Sudhaus zu treten und mit dem alten 
Freunde, wie einBt in Bonn, wieder gemeinsam arbeiten zu können, 
lockend, zumal ihm seine neue Stellung in München auch manche 
Bitternis einbrachte; am schmerzlichsten empfand er den Zwang, 
nach einer, seiner Meinung nach unbrauchbaren, veralteten Prüfungs- 
ordnung examinieren zu müssen. Für V,s Art ist es bezeichnend, 
daß er trotzdem der Lockung widerstand und auf dem schwierigeren 
Posten ausharrte ; die Rücksicht auf den Thesaurus linguae latinae, 
dessen Bpiritus rector er auch weiterhin bleiben wollte, bestimmte 
ihn in erster Linie dazu; auch glaubte er jetzt gerade in München 
bei der Umgestaltung des philologischen Lehrbetriebes sich nützlich 
machen zu können; schon 1902 (13. Oktober), als Sudhaus die 
Möglichkeit seines VorrUekeus in das Münchner Ordinariat erwähnte, 
hatte er ihm zurückgeschrieben: „Das Feld ist groß, und es gibt viel 
zu reformieren; das lockt mich. . . / Er gab auch selbst wertvolle 
Winke für die Umgestaltung des Studienplans beim Ministerium, 
Der von ihm eingereichte Entwurf einer neuen Prüfungsordnung 
fand vollste Anerkennung des zustandigen Referenten, der meinte 
(8. April 1907): „Das wäre allerdings eine ideale Prüfungsordnung, 

6* 



: 



84 



Friedrich Vollmer. 



die Sie vorschlagen." Wenn schießlich die Neuordnung auch nicht 
allen Wünschen Rechnung trug, beseitigte sie doch wenigstens die 
hauptsachlichsten Mängel der früheren. 

Über 20 Jahre war V. als akademischer Lehrer tätig. Wie 
ernst er dieses Amt auffaßte , geht aus seinen nachgelassenen 
Papieren hervor, die von der außerordentlichen Gewissenhaftigkeit 
zeugen, mit der er sich auf die einzelnen Vorlesungen vorbereitete. 
Seine Kollegien umfassten die verschiedensten Gebiete der latei- 
nischen Philologie : in seinen Vorlesungen über die römische Lite- 
ratur arbeitete er musterhaft die Hauptzüge der Entwicklung in 
knappen, aber klaren Strichen heraus; lieber war es ihm, wenn er 
die Eigenart einer großen Schriftstellerpersönlichkeit in einem 
eigenen Kolleg erschöpfend zur Darstellung bringen konnte: un- 
vergeßlichen Eindruck hinterließ vor allem seine Einführung in 
das Studium des Plautus ; ebenso packend wußte er Catull und die 
Elegiker, Vergil und Horaz den Hörern nahezubringen. Selbst solche 
Vorlesungen, die rein sprachliche und formale Probleme behandelten, 
wie die über lateinische Formenlehre oder über Prosodie und Metrik 
oder sein Epigraphikkolleg, wußte er lebendig und anziehend zu 
gestalten; der Hörer hatte den Eindruck, daß der Dozent den 
schwierigen Stoff absolut souverän beherrschte, daß die vorgetragenen 
Ansichten nicht nur die gesicherten Ergebnisse fremder Forschung 
gewissenhaft verwerteten , sondern ebensosehr auf tiefschürfender 
eigener Kleinarbeit fußten. Was vor allem für den Lehrer V. ein- 
nahm, war der bestimmte Eindruck, daß er nicht nur in seinem 
engeren Fachgebiet Meister, sondern im ganzen Boreich der Alter- 
tumskunde wohl bewandert war. Wer ihm näher treten durfte, 
mußte darüber staunen, mit welch regem Interesse er auch die 
Entwicklung der griechischen Philologie verfolgte, und wie er die 
Neuerscheinungen in Graecis nicht minder durchstudierte als die 
in Latinis. 

Eine stattliche Zahl von Hörern — gelegentlich bis zu 200 — 
aus allen Teilen Deutschlands saß in seinen Hauptkollegien zu 
seinen Füßen. Freilich stellte er an die Zuhörenden keine geringen 
Anforderungen: jüngere Semester wurden wohl dann und wann 
schier entmutigt durch die ITülle von Einzelheiten, die in einem 
rein sachlichen, auf äußere Keizmittel bewußt verzichtenden Vortrag 
vor ihnen entrollt und erörteit wurden «, allein wer in gewissenhafter 
häuslicher Nacharbeit die Dinge sich recht" zu Faden schlug, dem 
blieb die große Linie der Darlegungen nicht wohl verborgen und 
mit Staunen erkannte er, wie auch ein scheinbar geringer und 




1 



Friedrich Vollmer. g5 




nebensächlicher Baustein in dem großen Gebäude seinen wobl- 
berechneten Sinn und Zweck hatte. V. selbst wurde es nicht müde 
an seinen Vorlesungen ständig weiter zu feilen, vor allem auch von 
dem Gesichtspunkt aus, dem Verständnis der Hörer entgegen- 
zukommen; er begnügte sich nicht damit, die neu erschienene 
Literatur hineinzuarbeiten; manche Kollegien, die er öfter las 
- Bern Catullkolleg z. 13. - hat er später unter Verwertung der 
früher gemachten Erfahrungen von Grund aus umgestaltet. Auch 
den Kreis seiner Vorlesungen hat er ständig erweitert. Die Be- 
schäfbgung mit den bayerischen Inschriften gab ihm Anlaß die 
German.a des Tacitus mit einbeziehen. Andere Vorlesungen 
deren Ausarbeitung er sich nach hinterlassenen Notizen vorgenommen 
hatte (Ciceros Briefe, Lucrez, Ovid, latein. Palilngrapbie und Rhe- 
torik) blieben unter dem Drange der vielen anderen Arbeiten un- 
erledigt. 

V. selbst fühlte sich nach seinen eigenen Worten mehr zu der 
Lehrtätigkeit im Seminar hingezogen. Gemeinsam mit Crusius (und 
Bebra nach dessen Eintritt in den Lehrkörper der Universität) 
hat er den Seminarbetrieb an der Kflnchener Universität neu aus- 
gestaltet. Als Leiter der Übungen hatte er das glänzende Vorbild 
BUchelers vor Augen, wie er es selbst in dem kurzen Nachruf auf 
seinen Lehrer (Archiv für Lat. Lex. XV [1908], S. 601) dargestellt 
hat: „..er führte hinein ins tiefste Dunkel des Zweifels, ein Hoff- 
nungsstrahl nach dem anderen erlosch, wie er aufgeblitzt, dann auf 
einmal brach der Meister den Riegel, und das Licht der Wahrheit 
umflutete alle." Das war auch die große Kunst V.s: durch sorg- 
fältige Abwägung der Überlieferung aus einer umfassenden Kenntnis 
der Sprachdenkmäler heraus mit Hilfe einer glücklichen Diviuations- 
gabe das Richtige auch da zu finden, wo kein einziger brauchbarer 
Anhaltspunkt vorhanden zu sein schien. 

Immer neue Schriftwerke hat er so im Seminar behandelt. Mit 
Petrons cena knüpft er auch äußerlich au Bucheler an; seine Be- 
schäftigung mit der Epigraphik führt ihn zur Behandlung altlatei- 
nischer und Pompejanischer Inschriften, aber auch des Monumentum 
Ancyranum. 

Am liebsten wählt er lateinische Dichtwerke; seine eminente 
Kenntnis der lateinischen Dichtersprachc und der antiken Versform 
ließ ihn die Interpretation jedes Autors fruchtbar gestalten: es 
gibt kaum einen Abschnitt der römischen Dichtung, den er nicht 
gelegentlich in den Übungen gestreift hätte. Plautus und Tereuz, 
Ennius und Lucilius wechseln mit Propens und Ovid; Manilius 



86 



Friedrich Vollmer. 



und Phaedrus, Martial und Juvenal, die Octavia und Ausom MoselU 
werden je und je einmal vorgenommen. Am ergiebigsten sind 
natürlich die Übungen, die an V.s eigene Editionsarbeiten an- 
knüpfen: ob es nun Horaz oder die Appendix Vergiliana, die Iii«. 
Latina oder des Statins Silvae, Grattius oder Dracoutius war, hier 
schöpfte V. aus dem vollen wie kaum ein zweiter und konnte darum 
den Anfänger besonders gut auf die wesentlichen Gesichtspunkte 
hinweisen. Von dem jeweiligen Interpreten forderte V. schon in 
den Unterkursen des Seminars gewissenhafte schriftliche Vorberei- 
tung; er scheute nicht die Arbeit, diese Aufzeichnungen jedesmal 
bis ins einzelnste genau durehzukorrigieren, um damit einen gänz- 
lichen Mißerfolg nach Möglichkeit hintanzuhalten. Immer und 
immer wieder drang er auf eine saubere Textrecensio. Daß das 
Interesse für die Kunst der Textkritik bei der jüngeren Generation 
mehr und mehr abnahm, bereitete ihm oft Sorge. Er war darin 
einer Ansicht mit seinem Freund Skutsch , der ihm über diesen 
Punkt schrieb (31. Oktober 1909): „Was nützen uns die Wolken- 
kratzer von wissenschaftlicher Rekonstruktion, wenn der Grund 
darunter morsch ist? wenn die Kunst im einzelnen zu kritisieren 
und zu interpretieren verloren geht, die doch der Philologie wich- 
tigste ist?" Gerade diese Kunst die jüngeren Mitstrebenden au 
lehren, war seine Hauptsorge. Imponierend war die unbedingt© 
wissenschaftliche Ehrlichkeit, mit der er es ablehnte, korrupt© 
Stellen mit Konjekturen heilen zu wollen, für die sich nicht ein© 
absolut verlässige Grundlage bot. Fruchtbare Anregungen auch 
von Jüngeren nahm er bereitwillig auf. — Im Oberkurs des Se- 
minars hielt er an der Übung des Lateinsprechens fest. V. seibat 
sprach und schrieb einen gewandten lateinischen Stil, ohne auf 
streng klassizistische Nachahmung allzu ängstlich bedacht zu sein. 
(Ein gutes Bild hiervon geben vor allem die vielen lateinischen 
Adressen, die er für die Münehener Universität verfaßte). Durch 
jene Übungen wollte er auch seine Schüler dazu befähigen, über 
wissenschaftliche Probleme in einer dem Geist der lateinischen 
Sprache angemessenen Ausdrucksweise zu schreiben, weshalb er ins- 
besondere auf korrekte Wiedergabe der grammatikalischen Termino- 
logie drang. 

Die Art, wie er den Studierenden gegenübertrat , zeigte am 
deutlichsten, daß er für die akademische Jugend wirklich ein 
warmes Herz hatte. Gern hielt er sich im Kreis der jungen Leute 
auch bei geselligen Zusammenkünften auf, z. B. bei den festlichen 
Veranstaltungen des philologischen Vereins oder bei der Rektorats- 



Friedrich Vollmer. gy 

antrittskneipe des akademischen Gesangvereins. Bei Leitung der 
Übungen kam ihm die pädagogische Praxis, die er als Mittelschul- 
lehrer gesammelt, trefflich zustatten. Wo er redliches Streben und 
wirkliche Neigung für die Wissenschaft sah, ließ er es an Er- 
munterung und Anerkennung nicht fehlen. Den Arbeiten seiner 
Schüler ließ er sein regstes Interesse und warme Förderung an- 
gedeihen; dem Vielbeschäftigten mangelte es nie an Zeit, wenn sie 
ihn um Rat und Auskunft angingen; seinen eigenen Arbeiten 
mußten dann eben noch einige Nachtstunden mehr geopfert werden. 
Wo Doktoranden ftlr ihre Arbeiten schwer zu beschaffendes Material 
z. B. Photographien von Handschriften benötigten, lieh er bereit- 
willigst seine Unterstützung. Die Elemente allerdings, die das 
Studium seiner Wissenschaft nur als Mittel zur Erlangung einer 
gesicherten Versorgung betrachteten, waren ihm in der Seele zu- 
wider. Halbheit und Lauheit fand vor seinen Augen keine Gnade. 
Unbarmherzig zerpflückte er auch im Examen ein aus Kompendien 
rasch angelerntes Scheinwissen und stellte es in seiner ganzen 
Nichtigkeit und Erbärmlichkeit bloß. Auch nach Abschluß der 
Universitätsstudien konnten seine Schüler auf das wohlwollende In- 
teresse ihres Lehrers rechnen. Nicht wenigen verschaffte er eine 
geeignete Stellung, die ihnen bis zur Anstellung im Staatsdienst 
das Fortkommen ermöglichte. Insbesondere wählte er geeignete 
Kräfte ftlr die Mitarbeit am Thesaurus; war ihm doch bei seiner 
Ernennung zum Ordinarius von selten der interakademischen The- 
sauruskommission eigens die Weisung geworden, sich die Heran- 
bildung eines tüchtigen Nachwuchses für da» Unternehmen besonders 
angelegen sein zu lassen; gerade aus seiner Schule sind denn auch 
mit die treuesten und eifrigsten Helfer am Werk hervorgegangen. 
Immer wieder legte er es seinen Schülern ans Herz auch im prak- 
tischen Beruf den Anschluß an die große Wissenschaft nicht ganz auf- 
zugeben. Bereitwillig gab er jedem, der ihn darum anging, prak- 
tische Winke, wie er das unter den jeweils gegebenen Umständen 
am besten machen könne. Das Banausentum derer, die glaubten, 
mit der Hochschulreife von der Verpflichtung einer weiteren Fort- 
bildung auf wissenschaftlichem Gebiet enthoben zu sein, verfolgte 
er mit ätzender Ironie. 

Als schwerste Last empfand V. auch weiterhin die Verpflich- 
tung zur Teilnahme an den philologischen Prüfungen ; die Zahl der 
Examinanden war gerade damals in Bayern auch besonders groß; 
in der ersten Zeit nach seiner Ernennung zum Ordinarius wurde 
er auch öfters als „Ministerialkommissar ftlr reifende Jünglinge" 




88 



Friedrich Vollmer. 



zur Inspektion von Mittelschulen abgesandt, was gleichermaßen 
seinen eigenen Arbeiten mehr Zeit wegnahm, als er entbehren z u 
können glaubte. 

Die doppelte Aufgabe, die V. in München übernommen hatte 
— Generalredaktion des Thesaurus und akademische Lehrtätigkeit — , 
erforderte schon jede für sich eine Unsumme von Zeit und Arbeits- 
kraft. Daß V. außerdem auch der Wissenschaft fast Jahr für Jahr 
mindestens ein wertvolles Werk schenkte, zeugt von einer Energie 
des Gelehrten, die tiefste Bewunderung erwecken muß. 

An erster Stelle sind hierbei V.s Schriftstellerausgaben zu 
nennen. Noch wahrend seines Aufenthalts in Brüssel hatte auf 
Vorschlag Mommsens (der von Bücheler auf den jungen Gelehrten 
aufmerksam gemacht worden war) die Zentraldirektion der Monu- 
ment a Germaniae historica beschlossen (6. April 1899), V. mit der 
Herausgabe eines Bandes von Carmina selecta aetatis Romanae ex- 
tremae zu betrauen , die im tomus XIV. der Auetores antiquissimi 
erscheinen sollten; vor allem waren geschichtlich interessante Ge- 
dichte aus der Zeit der vandalisobea rHi*rec4aft''hv' Spanien und 
Afrika ins Auge gefaßt; insbesondere sollten die Fragmoute des 
Merobaudes und einiges von Dracontius aufgenommen werden. 
Traube, der die Gesamtleitung dieses Bandes übernehmen sollte, 
setzte sich sofort mit V. in Verbindung; seit dieser Zeit datiert die 
warme Freundschaft, die beide Gelehrte bis zu Traubes allzufrühera 
Tode verband und für beide Teile eine Quelle wertvoller Anregungen 
und glücklicher Stunden wurde. V. konnte im regen Verkehr mit 
dem Freunde seine paläogruphischen Kenntnisse vervollkommnen, 
wodurch er jene Sicherheit in der Beurteilung und Lesung von 
Handschriften erhielt, die für seine Herausgebertatigkeit von größtem 
Vorteil war. Traube hinwiederum zog für seine Arbeiten aus V.s 
umfassenden Kenntnissen der lateinischen Sprache und der antiken 
Dichtformen reichen Gewinn. Seit dem ersten Brief Traubes an 
V. — datiert vom 12, April 1899 — blieben die Gelehrten in 
lebhaftem Gedankenanstausch , der durch einen regen Briefverkehr 
aufrecht erhalten wurde, der auch dann nicht einschlief, als V. 
selbst nach München übersiedelte. Die noch erhaltene Korrespon- 
denz Traubes weist zuweilen 3 Schreiben an einem Tage auf, die 
sich auf alle möglichen Fragen wissenschaftlichen Interesses be- 
zogen , wie sie eben den Gelehrten gerade bewegten. An den 
Abenden trieben sie gerne gemeinsame Lektüre in dem stillen 
Gelehrtenheim in Schwabing, die durch die großartige Sammlung 





Friedrich Vollmer. go, 

Traubes von Photographien und Faksimiles von Handschriften der 
meisten Schriftsteller besonders anregend und fruchtbar gestaltet 
wurde. Durch V. wurde auch Traube als Fahnenleser für den 
Thesaurus gewonnen, eine Arbeit, der er sich mit der gleichen 
Gewissenhaftigkeit unterzog, mit der er au alle ihm anvertrauten 
Aufgaben herantrat. 

V. wurde sich bald klar darüber, daß es notwendig sein werde, 
außer dem Merobaudes alle Gedichte des Dracoutius (samt der 
nsio der Laudes dei des Eugenius Toletanus) zu edieren, nicht 
nur, wie ursprunglich geplant war, die Ausgabe des Arevalus durch 
eine neue zu ersetzen. Die nächsteu Jahre waren den Vorarbeiten 
zur Edition des schwierigen Schriftstellers gewidmet, die V. mit 
der ihm eigenen Sorgfalt und Umsicht durchführte. Noch in BrüBsel 
kollationierte er die für die Laudes dei wichtigste Handschrift, 
den ßruxollensis 10 723. Die Hauptarbeit nahm er nach seiner 
ersiedhing nach München in Angriff. Mit Feuereifer ging er 
daran, sich auf Grund der neuesten Vergleichungen ein exaktes 
Bild von der Lagerung des handschriftlichen Materials zu verschaffen; 
die meisten der in Betracht kommenden Handschriften kollatio- 
nierte er selbst; von solchen Codices, die nicht verschickt wurden, 
suchte er sich wenigstens Proben in photographischen Abzügen zu 
verschaffen oder durch andere Gelehrte authentische Mitteilung zu 
erhalten. In letzterer Hinsicht war ihm vor allem die Überlassung 
der fUr Peiper angefertigten Kollationen wertvoll. Verschiedene 
schweizerische und italienische Bibliotheken suchte V. im Herbst 
1900 persönlich auf, um die für seine Zwecke nötigen Bücher an 
Ort und Stelle nachzuprüfen : in St. Gallen (Merobaudes) und Bern 
(Orestes trag.) machte er für einige Tage Station; 14 Tage blieb 
er in Verona, 8 weitere in Rom. Natürlich tat es auch ihm das 
Wunderland an; mit regen Sinnen heimste er für sich ein, was 
nur durch die Fahrt in Dichters Land lebendig werden kann. 
Hauptsächlich aber saß er fleißig in den Bibliotheken und ließ sich 
die saure Arbeit des Kollationierens, die freilich nach den Vor- 
stellungen, die er von einer exakten Ausgabe hegte, unumgänglich 
notwendig war, nicht verdrießen. 

Noch im Oktober 1902, da der Druck des Werkes schon im 
Gang war, suchte er auf die Nachricht hin, daß in Bamberg wich- 
tige Alcuin-Exzerpte aus den Laudes dei aufgestöbert worden seien, 
sofort die dortige Bibliothek auf, um die Entdeckung für seine 
Ausgabe zu verwerten, wenn auch der Druck der ersten Bogen 
deshalb noch einmal geändert werden mußte. 



90 Friedrich Vollmer. ^ 

Durch diese umfassenden Stadien wurde es V. möglich, die 
handschriftliche Überlieferung richtig einzuschätzen. Er konnte die 
bis dahin herrschenden Ansichten von dem Verhältnis der einzelnen 
Handschriften zueinander in wesentlichen Punkten verbessern — 
insbesondere bezüglich der Gedichte des Eugenius Toletanus, deren 
Überlieferung er in einer eigenen Abhandlung ausführlich klarlegte 
(Neues Archiv für ältere deutsche Geschichtskunde 26 [1901] 
393—409). 

Die gleiche Sorgfalt, die V. auf die Aufhellung der Über- 
lieferung verwendet hatte, widmete er auch der Textgestaltuug, 
Wieder war es seine Vertrautheit mit der AuBdrucksweise der 
römischen Poesie, die ihn fast immer das Richtige erkennen ließ, 
Die recensio weist den gleichen vernünftig konservativen Zug auf, 
wodurch sich schon die Statiusausgabe empfohlen hatte. 

Im Sommer 1902 wurde mit dem Druck begonnen, der sich, 
durch 2 Jahre hinzog; denn erat im Oktober 1904 ging die prae- 
fatio zur Druckerei ab. Die Korrektur las, wie sich von selbst 
verstand, Traube mit; der Briefwechsel mit dem Freunde beweist, 
wie sehr der Herausgeber sich abmühte, den üblen cruces des 
Textes beizukommen, wie gewissenhaft er die Möglichkeiten der 
verschiedenen Überlieferungen gegeneinander abwog. Traubes un- 
bestechlicher Scharfsinn hielt mit den Bedenken , die ihm da und 
dort aufstießen, nicht zurück. Da wurde dann der Text wieder 
und wieder geprüft, und fast immer hatte V. die Freude, seine 
Gründe schließlich als durchschlagend anerkannt zu sehen. Um seiner 
Gewissenhaftigkeit genugzutun, ging V. auch Skutsch um Unter- 
stützung bei der Korrektur an; wie dieser kompetente Beurteiler 
die Arbeit des Herausgebers einschätzte, geht aus einem Brief an den 
Freund hervor, in dem er schreibt (29. September 1902) : „Amüsant 
ist der Dracontius übrigens bis jetzt nicht, auch kritisch nicht, denn 
Du läßt einem wenig zu tun," 

Endlich im Frühjahr 1905 erschien die erste Gesamtausgabe 
des Dracontius mitsamt den Fragmenten des Merobaudes und den 
Gedichten des Eugenius Toletanus. Durch Umsicht in der Text- 
gestaltung, Zuverlässigkeit des kritischen Apparats, reiche Beigabe 
von exempla und testimonia und nicht zuletzt durch die sorgfältig 
gearbeiteten, die Benutzung wesentlich erleichternden Indices nimmt 
sie unter den glänzenden Bänden der Monumenta Germaniae bis- 
toxica einen hervorragenden Platz ein. 

Die Arbeit am Dracontius war noch nicht abgeschlossen, und 
schon wandte sich V. neuen wissenschaftlichen Plänen zu, und zwar 



Friedrich Vollmer. 04 



war es eine ntue Horazausgabe, die er fUr die Teubneriana an- 
fertigen sollte. Die Vorarbeiten reichen bis ins Jahr 1904 zurück. 
In der Frage nach der Lagerung des bandschriftlichen Materials 
glaubt er ebenso wie Leo (Gött. gel. Anz. 1904, 849) von der von 
Keller-Holder vorgenommenen Teilung der Handschriften in 3 Klassen 
abweichen zu müssen. In einem Aufsatz im Philologus Supplement 
X (1905), 8. 259 ff. versucht er die Masse von Horazhandschriften 
auf einen einheitlichen Ursprung zurückzuführen, nämlich auf die 
recensio des Mavortius, die in der Karolingerzeit in 2 verschiedenen 
Abschriften wettergegeben worden sei, so daß die ganze Masse 
unserer Codices in 2 Gruppen zerfalle. Wenn wir auch heute Uber 
die Möglichkeit der Aufstellung eines einheitlichen Stammbaumes 
der Horazhandschriften weniger zuversichtlich urteilen, müssen wir 
doch V.s Aufsatz das Verdienst zuschreiben, die Bedenken, die 
gegen Kellers Ansicht vom Aussehen des Archetypus geltend ge- 
macht werden müssen, neuerdings energisch betont zu haben. 

Die Ausgabe selbst (1. Auflage 1909, 2. Auf läge 1912) stellt 
sich nicht als ao revolutionär dar, wie wohl manche nach jenem 
Aufsatz erwartet hatten. V. beschränkt sich im wesentlichen darauf, 
den Wert der Lesarten der verschiedeneu Handschriftenklassen 
gewissenhaft abzuschätzen, Konjekturen (fremden wie eigenen) gönnt 
er nur spärlich Raum, obwohl er überzeugt ist, daß die Worte des 
Dichters selbst durch die Überlieferung vielfach verdunkelt sind. 
(Eine Probe hierfür gibt er in einem kleinen Aufsatz im Archiv f. 
Lat. Lex, XV [1908], S. 30—33). Die Beschränkung des Apparates 
auf die ältesten Handschriften erleichtert die Übersicht und ist 
wohlberechtigt. Ein eingehender Abschnitt Uber Metrik und gram- 
matische Eigentümlichkeiten des Dichters verleiht der Ausgabe 
ihren besonderen Wert, 

Nach Vollendung der Dracontius- und Horazausgaben konnte 
V. endlich beginnen, einen Plan auszuführen, den er gleichfalls 
lehon in Brtissel gefaßt hatte, nämlich den, die Bährenssche Aus- 
gabe der P.L.M. durch eine neue zu ersetzen. Daß dieses Werk 
V.s infolge der ungünstigen Zeitumstände ein Torso blieb, ist im 
Interesse unserer Wissenschaft tief zu beklagen. V. wußte wohl, 
daß er zur Ausführung dieses Unternehmens eine gewaltige Last 
mühevollster Kleinarbeit auf sich nehmen mußte, die nicht einmal 
in Philologenkreisen Uberall richtig eingeschätzt wurde. Aber er 
war der Ansicht, daß die Herstellung verlässiger Texte zu allen 
Zeiten die Grundlage unserer Wissenschaft bilden müsse, und daher 
unterzog er sich gern der heiklen, entsagungsvollen Arbeit. Die 



92 



Friedrich Vollmer. 



Arbeit gibt sich schon in der Anordnung als völlig geänderte Neu- 
bearbeitung ; ebenso zeigt sie in der Gestaltung der receiisio ej Q 
von der älteren durchaus verschiedenes Gepräge. Das war schon, 
dadurch bedingt, daß V.s Auffassung von den Aufgaben eines Her- 
ausgebers antiker Schriftwerke dem Subjektivismus Bährens' diametral 
entgegenstand. 

Den ersten Band bildet in der Neuausgabe die Appendix Ver- 
giliana, die Sammlung jener kleinen Werke, die seit Jahren das 
Interesse der wissenschaftlichen Kreise besonders auf sich zog. Die 
Vorarbeiten gehen bis ins Jahr 1906 zurück. Wie genau er den 
Fragen nach Entstehung und Überlieferung dieser Kunstwerke nach- 
ging, beweisen die prolusiones, die er nach seiner Gewohnheit zur Ent- 
lastung der Ausgabe dieser vorausschickte. Sie erschienen in den 
Sitzungsberichten der Münchener Akademie, in denen er seit seiner 
Aufnahme in diese Körperschaft — 1906 war er außerordentliches, 

1908 ordentliches Mitglied geworden — gerne seine wissenschaft- 
lichen Parerga niederlegte. Der erste Aufsatz „die kleineren Ge- 
dichte Vergils (1907)" tritt für die Echtheit der von Sueton dem 
Vergil zugeschriebenen kleineren Dichtungen (einschließlich der am 
meisten umstrittenen Ciris) ein; der zweite, betitelt „P, Virgilii Ma- 
ronis iuvenalis ludi libellns (1908)", beschäftigt sich in erster Linie 
mit der Entstehung und Überlieferung einer in Karolingischer Zeit 
veranstalteten Sammlung kleinerer, dem Vergil zugeschriebener 
Gedichte; dadurch aber, daß diese Gruppe der sonstigen handschrift- 
lichen Überlieferung der jetzt in der Appendix Vergiliana zusammen- 
gebrachten Gedichte im einzelnen gegenübergestellt wird, ergibt 
sich ein klares, anschauliches Bild von den Schicksalen dieser 
Werke seit Ausgang des Altertums. 

Die Durcharbeitung der handschriftlichen Tradition betrieb V. 
wieder mit der ihn auszeichnenden peinlichen Gewissenhaftigkeit. 
Von allen irgend bedeutsamen Codices verschaffte er sich Photo- 
graphien ; die zahlreichen wichtigen Pariser Handschriften verglich 
er im März 1908 an Ort und Stelle. Noch während des Druckes 
unterzog er alle Angaben Uber Lesarten auf Grund seiner photo- 
graphischen Eeproduktionen einer erneuten gründlichen Revision. Die 
Korrektur las Sudhaus mit; kritische Bemerkungen des Freundes, 
der sich ja selbst um diese Werke viel bemüht hatte (Aetna!), 
gaben Anregungen dazu, alle die tausendfältigen Einzelheiten wieder 
und wieder zu durchdenken. So war die Ausgabe, als sie im Jahre 

1909 fertiggestellt war, wirklich, wie V. es gehofft hatte (Sudhaus 
19. November 1908), „ein Muster von Klarheit und Fehlerlosigkeit". 



Friedrich Vollmer, gg 

Die letzten Ausgaben von Curcio (1905/08) und Ellis (1907), deren 
spezielle Verdienste durch Verwertung bis dahin unbekannter Hand- 
schriften V. nicht verkleinert, wurden durch sie bedeutend über- 
holt: insbesondere stehen jene gegenüber der methodisch konsequenten 
Wertung der Handschriften und der Sauberkeit und Klarheit des 
Apparats hinter V.s Ausgabe weit zurück. 

Das erste Bändchen der neuen Ausgabe der P.L.M. wurde denn 
auch Von allen Seiten als hoffnungsvoller Auftakt rückhaltlos an- 
erkannt. V. freute besonders die unumwundene Zustimmung seines 
kritischen Freundes Skutsck (31. Oktober 1909), der früher selbst 
einmal daran gedacht hatte, einen Teil der Neubearbeitung zu über- 
nehmen , was allerdings später zu V.s Leidwesen infolge anderer 
Aufgaben nicht zur Ausführung kam. V. selbst arbeitete an der 
Erneuerung der Sammlung unverdrossen weiter. Im Jahre 1911 
erschien vol. II 1 Ovidi Halieuticon, Gratti Cynegeticon fragmenta. 
Für die Echtheit des ersteren Gedichtes war er schon 1900 in 
einer Sammlung von Coniectanea (Rhein. Museum 55, 528) ein 
getreten. Die Ausgabe des Grattius ist durch einen in knappste 
Form gegossenen, aber sehr inhaltlichen Kommentar (im Apparat) 
ausgezeichnet. Kurze Worterklärungen und Verweise auf Parallelen 
aus Vergil und Ovid , die für die Textgestaltung von Wichtigkeit 
sind, gibt er auch zu dem im Jahre 1913 als vol. H 3 erschienenen 
Homerus latinus id est Baebii Italic! Ilias latina. (Die Angabe des 
~Vindobonensis lat. 3509 über den Namen des Autors, auf die zu- 
erst Schenkl aufmerksam gemacht hatte, hält V. für vertrauens- 
würdig). Musterhaft ist wieder die Art, wie er den gesamten 
krititischen Apparat aus den weitverstreuten Handschriften zusammen- 
trägt und die literarische Überlieferung in einem 7CQ07ie^i7iTiy.6v 
bespricht (Sitzungsber. Münch. Akad. 1913). 

Der Liber medicinalis des Quintus Serenus, der in derBährens- 
schen Ausgabe im 3. Teil der P.L.M. enthalten war, wurde von V. 
dem neuerscheinenden Corpus medicorum Latinorum (vol. II 3) 
einverleibt (Leipzig 1916). Der Schriftsteller bietet weniger sprach- 
liche als sachliche Schwierigkeiten wegen des ungewohnten Stoffes, 
den er zur Darstellung bringt. Die Art, wie V. diese bewältigt! 
wie er den Quellen der medizinischen Kezepte nachspürt (in einem 
Anhang: remediorum fontes vel tcstes), zeugt von seiner geistigen 
Elastizität, mit der er sich rasch und gründlich auch in weiter ent- 
fernt liegende Wissensgebiete einzuarbeiten verstand. Eine inhalts- 
reiche praefatio, die über die Streitfrage betreffs Namen des Autors 
und Entstehungszeit sowie Überlieferungsgeschichte des Werkes 



94 Friedrich Vollmer. 

gründlich orientiert, und ausführliche Indices, die die sachlichen nnd 
sprachlichen Eigentümlichkeiten der Dichtung ersehließen, erleich- 
tern die Benützung der Ausgabe in besonderer Weise. 

Die weitere Fortführung der Editionstätigkeit V.s wurde durch 
den entbrannten Weltkrieg zunächst sistiert. Durch die eingetretene 
Unterbrechung der internationalen Beziehungen der Wissenschaft, 
die V. aufs tiefste beklagte, war es nicht mehr möglich, über die 
verschiedenen im Ausland lagernden Handschriften antiker Autoren 
unbedingt zuverlässige Auskunft zu erhalten, ohne die ein klares Bild 
der textgeschichtlichen Überlieferung nicht gegeben werden konnte. 
Eine Ausgabe zu machen, die nicht auf gründlicher Durcharbeitung 
der gesamten handschriftlichen Tradition und auf neuen Ver- 
gleichungen, wenigstens der wichtigsten Codices, beruhen konnte, 
war aber nicht V.s Sache. Lieber beschränkte er sich wie in der 
Behandlung der Kemedia Ovids darauf, einen vorläufigen kritischen 
Apparat zu geben, die Textherstellung selbst aber, so dringend 
wünschenswert sie ihm auch schien, auf bessere Zeiten zu ver- 
schieben. Anlaß zu dieser Arbeit (erschienen in Hermes 52 [1917], 
S. 458—469) war der Umstand, daß er glaubte, die Textesbesse- 
rungen durch den von seinem Schüler Tafel zuerst vollständig 
erschlossenen Etonensis der Wissenschaft nicht vorenthalten zu 
sollen, nachdem der junge Gelehrte selbst durch einen frühen 
Heldentod gehindert worden war, seine Kollationen für eine Neu- 
ausgabe der Liebespoesie Ovids systematisch zu verwerten. 

Erst 1923 konnte vol. II 2 der P.L.M. erscheinen, worin Ovids 
Nux, Consolatio ad Liviam und die Priapea in neuem Gewand ge- 
boten wurden. Die Ausgabe leidet noch unter der Ungunst der 
Verhältnisse. Bemerkenswert daran ist, wie V.s scharfes Auge 
selbst die neuesten Lesungen von Handschriften auf Grund seiner 
photographischen Reproduktionen noch in manchen Einzelheiten 
richtig zu stellen vermag. 

Die Beteiligung V.s an der Herausgabe des römischen Koch- 
buches von Apicius (Apicii librorum X qui dicuntur de re coqui- 
naria, quae extant ediderunt C. Giarratano et Fr. Vollmer, Leipzig 
1922) beruhte auf einer äußeren Veranlassung. In einem kleinen 
Aufsatz, Studien zu dem römischen Kochbuch von Apicius (Sitzungs- 
ber. der bayer. Akad. 1920), ordnet V. das gesamte erhaltene 
Material und gibt eine anschauliche. Geschichte der Überlieferung. 
Die Textgestaltung des Werkchens ist besonders schwierig wegen 
der vielen technischen, sonst kaum belegten Ausdrücke und der 
stark vulgären Färbung der Sprache, die durch den späteren Epi- 





Friedrich Vollmer. g 5 

tomator verursacht ist. V. hat auch dieser Seite der Schrift in 
eeinen Studien eingehende Untersuchungen gewidmet; das von den 
Herausgebern eingeschlagene Verfahren bei Herstellung der recensio 
muß im allgemeinen gebilligt werden, Beide waren sich wohl be- 
wußt, daß eine Vollendung jetzt noch nicht erreicht werden kann, 
daß vor allem erst die griechischen und lateinischen Quellen gründ- 
lich durchforscht werden müßten. V. versäumte denn auch nicht 
einen seiner Schüler, E. Brandt, auf diese Anfgabe hinzuweisen^ 
der schon für die Ausgabe wertvolle Hilfe leistete und die Ergeb- 
nisse seiner langjährigen, mühevollen Untersuchungen demnächst 
vorlegen wird. 

Den lateinischen Schriftstellerausgaben V.s stellt sich 
die Sammlung der Inschriften des römischen Bayerns (Inscrip- 
tiones Baiuariae Romanae sive Inscriptiones prov. Raetiae adiectis 
aliquot Noricis Italicisque, München 1915) würdig zur Seite. V.s 
Beschäftigung mit diesen ehrwürdigen Zeugen der Römerzeit auf 
heimischem Boden war zunächst durch seine akademische Lehr- 
tätigkeit veranlaßt. Mit seinem Kolleg über die römischen In- 
schriften Bayerns verband er praktische Übungen an den Römer- 
steinen des Münchener Nationalmuseums; die Art, wie er diese 
Denkmäler wieder zum Reden brachte , wie er auf Grund seiner 
umfassenden Kenntnis der gesamten literarischen und inschriftlichen 
Quellen ein anschauliches Bild von der Römerherrschaft in Bayern 
vor den geistigen Augen der Hörer entwickelte, war höchst reizvoll 
und anregend. Als mißlich erwies sich nur der Umstand, daß 
gerade von den bedeutungsvollsten Steinen viele nicht in München, 
sondern in Provinzmuseeu (Regensburg, Augsburg) aufbewahrt sind ; 
die Inschriften sind, soweit sie im Druck veröffentlicht sind, nicht 
immer bequem zugänglich ; daher wollte V. eine Sylloge der wich- 
tigsten Inscriptiones Raeticae veranstalten, die den Studierenden 
als HilfsbUchlein zu den epigraphischen Übungen dienen sollte. Je 
länger er sich aber mit diesem Gedanken trug, umsomehr erkannte 
er, daß auf diesem Gebiete ganze Arbeit not tue. Sobald V. diese 
Notwendigkeit erkannt hatte, ging er auch mit aller Energie daran, 
die Aufgabe endgültig zu lösen. Mit der ihm eigenen Tatkraft 
wußte er die bayerische Akademie für das Unternehmen zu inter- 
essieren, die tatsächlich den rüstig fortschreitenden Arbeiten wert- 
vollste Unterstützung angedeihen ließ. Da kamen denn für V. jene 
fröhlichen Ferienwanderungen die alten Römerstraßen entlang, hinein 
in die bayerischen und tirolischen Alpentäler, zurück in die Städte 
uralter Kultur von Augsburg bis Passau und an jene heute noch 



96 



Friedrich Vollmer. 



erhaltene Grenzwehr der römischen Provinz im Norden. Mit sicht- 
lichem Behagen erzählte der Gelehrte noch kurz vor seiaem Tode 
von diesen Tagen, die zwar voll der mühevollsten Arbeit, aber auch 
des reichsten Ertrages waren. Mit Hilfe von jüngeren Kräften 
und seiner Gattin wurden fast sämtliche Steine photographiert, von 
den wichtigsten Abklatsche genommen und wieder und wieder an 
Ort und Stelle nachgeprüft. 

Nach getaner Arbeit zeigte sich dann V. auch umgänglich und 
mitteilsam, wie nicht leicht bei anderen Gelegenheiten. Wo auch 
immer eiu Fund gemacht wurde, niemals unterließ er es, persönlich 
Erhaltungszustand, Lesart ,* Fundumstände bis ins einzelnste nach- 
zuprüfen. Nachrichten älterer Forschung über nicht mehr auffind- 
bare Römersteine auf «bayerischem Boden wog er aufs vorsichtigste 
und scharfsinnigste ab , um sich über die fides der jeweiligen Ge- 
währsmänner ein zuverlässiges Urteil zu bilden. Überraschend war 
die Intensität, mit der er die reiche Spezialliteratur seit Aventins 
und Peutingers Zeiten aufarbeitete. An den gleichgerichteten 
Bestrebungen seiner Mitforscher nahm er mit Wärme Anteil; er 
versäumte es nie, diese Veteranen der bayerischen Altertums- 
forschung — Ohlenschlager, Reinecke, Steinmetz, Winkelmann — 
um Aufklärung anzugehen auf solchen Gebieten, denen sie ihre 
besonderen Studien gewidmet hatten. Was seine Leistungen vor 
allem fruchtbar werden Keß, war seine zur Vollkommenheit aus- 
gebildete epigraphische Technik und seine in Büchelers Schule 
erworbene Kenntnis der römischen Inschriften überhaupt. Er war 
sich wohl bewußt, wie recht Mommsen damit gehabt hatte, daß er 
die römischen Inschriften der einzelnen Provinzen aus ihrer Isoliert- 
heit befreit hatte; dadurch, daß er stets und stets die Inschriften 
des ganzen imperium Eomanum zum Vergleich heranzog, gelang 
ihm nicht selten die richtige Deutung auch da, wo andere jede 
Hoffnung aufgegeben hatten. So ist seine Ausgabe ein wahres 
Standard work der bayerischen Inschriftenforschung geworden, aus- 
gezeichet durch größte Zuverlässigkeit des Textes, besonnene 
Fassung des Kommentars und übersichtliche Anordnung des ganzen 
Stoffes. Ein Kiesenfleiß steckt in den beigegebenen Indices, die 
allein schon 73 Folioseiten füllen und alle sachlichen und sprach- 
lichen Merkwürdigkeiten sorgfältig und ausführlich zusammenstellen. 
Die Inscriptiones Baiuariae Komanae könnten als Lebenswerk eines 
einzelnen unsere volle Anerkennung erringen : für V. bedeutete die 
Arbeit eine Leistung neben vielen gleichwertigen ; er stattete damit 



p?;.-* , ' ; ■ ■ ■■ .... ...... 

Friedrich Vollmer. 0,7 

Bayern, das seine zweite Heimat geworden, ein avddtOQOV ab, wie 
es schöner nicht gedacht werden kann. 

Durch die Beschäftigung mit den römischen Inschriften in 
Bayern wurden wieder verschiedene kleine Aufsätze angeregt, die 
zeigen, wie gründlich er in allen einschlägigen Fragen Klarheit zu 
finden suchte. Ergötzlich und historisch interessant ist die Um- 
deutung eines Kömersteiucs , Uber die er in den Sitz.-Ber. des 
Jahres 1910 und 1911 eingehend berichtet. In der Sitzung vom 
2. Dezember 1911 machte er Mitteilung über Gründung und staats- 
. rechtliche Stellung des römischen Augsburg (der Aufsatz erschien 
in d. Zeitschr. d. bist. Vereins v. Schwaben und Neuburg 37 [1911], 
140). Unbekannte Inschriften aus Trient veröffentlichte er im Hermes 
49 (1914), 311— 314. Als V. am 15. November 1913 die Festrede 
in der öffentlichen Sitzung der bayerischen Akademie der Wissen- 
schaften zu halten hatte, wählte er das Thema auch aus dem Gebiet 
der Inschrift enfbrschung, indem er Mtber Fürsorge und Verständnis 
für römische Inschriften in Bayern' sprach ; der Vortrag hallte aus in 
den nachdrücklichen Appell, aus den Fehlern der Vergangenheit zu 
lernen und die aus römischer Vorzeit erhalten gebliebenen Denk- 
mäler flirderhin sorglich zu pflegen. 

Neben den erwähnten Arbeiten erschienen fast Jahr für Jahr 
aus V.s Feder Gelegenheitsaufsätze über literarhistorische und 
sprachliche Probleme mannigfaltigster Art (Coniectanea , Lesungen 
und Deutungen I. II. HI. usw.). Auch bei diesen Veröffentlichungen 
machte es sich V. zum Prinzip, nichts in Druck gehen zu lassen, 
was nicht bis ins einzelnste durchdacht und ausgefeilt war. In den 
letzten Jahren konzentrierte sich sein Interesse hauptsächlich auf 
metrische und prosodische Fragen; doch fand er nicht mehr Zeit 
und Kraft, eine ausführliche Darstellung der altrömischen Metrik 
und Prosodie auszuarbeiten, die er im Geiste schon konzipiert hatte. 
Er wollte sich auch auf diesem Gebiete nur auf eigene Sammlungen 
und Beobachtungen stützen; für die römische Prosodie hatte er 
solche schon in nicht geringem Umfang angelegt: aber die in 
seinem Nachlaß erhaltenen Notizen gehen über eine rein zusammen- 
hanglose Materialiensammlung nicht hinaus, in der Vollständigkeit 
natürlich keineswegs erreicht ist. Die Anlage des ganzen Werkes 
stand ihm schon klar vor Augen: er hatte das Konzept, wie er 
seinem Verleger berichtet, schon dreimal umgearbeitet, ehe er an 
die endgültige Ausführung schreiten wollte — ein Zeichen dafür, 
wie gewissenhaft er darnach strebte, seine Schriften möglichst voll- 
kommen herauszubringen. Als Ersatz für die geplaute größere 
Nekrologe 1924. (Jahresbericht f. Altertumswissenschaft. Bd. 20*4 B.) 7 



gg Friedrich Vollmer. 

Zusammenfassung muß uns nunmehr die Neubearbeitung des Ab- 
schnitts «Römische Metrik' in der Einleitung in die Altertumswissen- 
schaft von Gercke-Norden I 8 dienen. 

Der Druck der übernommenen Arbeiten ließ V. lange Jahr© 
hindurch keine Zeit zu gründlicher Ausspannung. Wohl bezog er 
seit seiner Mlinchener Zeit während der Ferien mit seiner Familie 
regelmäßig die Sommerfrische an einem der oberbayerischen Seen 
oder in einem reizenden Orte der Voralpen ; aber eine kleine 
Handbucherei begleitete ihn auch dahin ; 4 — 5 Stunden blieben der 
täglichen Arbeit gewidmet, und nicht selten machten Konferenzen, 
Beratungen oder Redaktionsgeschäfte ein vorzeitiges Abbrechen des 
Sommeraufenthaltes notwendig. Dabei hatte er sich das ihm von 
Jugend auf eingepflanzte innige Verhältnis zur Natur treulich be- 
wahrt: an schönen Frühlingstagen oder im farbenglühenden Herbat, 
der ihm immer die liebste Jahreszeit war, unternahm er gerne 
weite Wanderungen ins schöne Isartal, am liebsten allein, den 
Problemen, die ihn eben beschäftigten, in der freien Natur nach- 
sinnend. Besondere Freude machte es ihm, wenn er mit solchen 
Wanderungen einen wissenschaftlichen Zweck verbinden konnte. 
Eben daher waren ihm die Vorarbeiten zur Herausgabe der baye- 
rischen Inschriften so lieb, weil sie ihn in immer neuen Studien- 
fahrten weit in bayerischen , schwäbischen und tirolischen Land- 
schaften herumrührten. 

Am meisten behagten ihm die von München aus leicht zu unter- 
nehmenden Ausflüge ins Gebirge ; die Höhenluft sagte seinen während 
des Semesters über Gebühr angespannten Nerven besonders zu. 
Er war ein geschickter und ausdauernder Bergsteiger; Wande- 
rungen bis zu 11 Stunden im Tage Uber 2000 m waren ihm nichts 
Ungewohntes; 2 Jahre vor seinem Tode bestieg er nochmals die 
Zugspitze vom Höllental aus. Wenn er einmal während der Ferien 
nicht ins Gebirge kam, fühlte er sich das ganze Semester hindurch 
matt und abgespannt. 

So bedeutete es ihm eine besondere Freude, daß sich ihm die 
Gelegenheit bot, zu Füßen seiner Bergriesen im romantischen 
Loisacbtal ein eigenes Landhaus zu bauen. Er war überglücklich, 
als er es Pfingsten 1906 beziehen konnte. Zu jeder Jahreszeit unter- 
nahm er seitdem dorthin seine Urlaubsfahrten. Das Landleben, an 
das er von Jugend auf gewöhnt war , verlor für ihn nie an Reiz § 
während der Ferien ging er ganz in Sorgen für sein kleines Besitz- 
tum auf. Launig schreibt er am 18. April 1910 an Sudhaus: „Ich 




E : ..' _- ' .^ÜSftr" < S - 'V-: 

Friedrich Vollmer. gp, 

habe heute Holzschläge besichtigt, Holz gesteigert, Holz gehackt, 
einen Holzsägebock gemacht, Holz gesägt, junge Fichten gepflanzt' 
Bäume von Moos gereinigt; Du siehst, ich verholze ganz, aber es 
bekommt mir gut." So betrachtete er es später als besonders glück- 
liche Fügung, nach München verschlagen zu sein, wo die Nähe der 
Alpen so köstliche Erholung bot. Am liebsten sah er es, wenn er 
seine Verwandten und Freunde in seinem „Felseck" beherbergen 
konnte, und schwer verdroß es ihn, wenn sie an seinem Tuskulum 
vorbei gleich in den „verfluchten Süden" fuhren. 

Allerdings lichtete sich sein Freundeskreis im Lauf der Jahre 
immer mehr; um den Alternden wurde es zusehends einsamer. Da 
V. mit seltener Treue an seinen Jugendgefährten hing und in 
späteren Jahren nicht leicht mehr sich neuen Bekannten erschloß, 
traf ihn der Verlust um so schmerzlicher. L. Traube, sein erster 
und vertrautester Münchener Freund, wurde zuerst hinweggerafft- 
V. widmete ihm einen tief empfundenen Nachruf in der Chronik 
der Universität; ein Jahr darauf fand Albrecht Dieterich einen 
frühen Tod ; nicht lange darnach starb ebenfalls in der Blüte seiner 
Jahre Franz Skutsch. Am tiefsten berührte V. der Heldentod seines 
ältesten Freundes S. Sudhaus, der bald nach Kriegsbeginn an der 
Spitze seiner Kompagnie in Flandern fiel. Die Biographie, die er 
dem Freunde schrieb, gibt dem innigen Verhältnis, das ihn mit 
dem Gelehrten ungetrübt bis zu seinem Tod verband, einen warmen 
Ausdruck. 

Die schweren Zeiten, die Deutschland seit Kriegsbeginn durch- 
zumachen hatte, legten sich drückend auf sein Gemüt. Das harte 
Ringen um den Bestand des Reiches begleitete er mit lebhaftestem 
patriotischen Empfinden ; er hegte die bestimmte Überzeugung, daß 
doch alles zu einem gutem Ende kommen müsse. Jedes Kärtchen 
das er mir mit seiner zierlichen, klaren Handschrift ins Feld sandte^ 
gab dieser felsenfesten Zuversicht Ausdruck und ließ seine warme 
Teilnahme für seine Schüler erkennen, die da draußen „das Buch 
contra omnes" schreiben sollten. 

Um so härter traf ihn der endgültige Zusammenbruch. Die 
seelische Depression, die die unerfreuliche Entwicklung der Dinge 
in Deutschland ihm verursachte, untergrub seine Gesundheit, zumal 
die Entbehrungen, die während der langen Kriegszeit auch die 
Heimat in reichem Maße zu tragen hatte, seinen Körper schon 
geschwächt hatten. Die Arbeit allein hielt ihn noch aufrecht; aber 
schon mußte er zuweilen mit ihr ganz aussetzen; wohl erholte er 

7* 



100 



Friedrich Vollmer. 



sich wieder, aber, wie er an J. B, Hofmann schrieb (1916), „viel 
zu langsam seinen Arbeitsplänen". 

Seit 1920 mußte er gelegentlich seine Vorlesungen unterbrechen ; 
im Juni 1923 versagten ihm plötzlich während einer Seminartibuug die 
Augen den Dienst, und er mußte für den Rest des Semesters seine 
Vorlesungen einstellen, auch die Arbeit am Thesaurus, die er bis 
dahin mit gewohnter Energie fortgesetzt hatte. Die weiter fort- 
schreitende Krankheit zwang ihn , sein Landhaus in Farchant auf- 
zusuchen, wo er nochmals Heilung zu finden hoffte. Auch als tod- 
kranker Mann zeigte er ungemindertes Interesse für seine Wissen- 
schaft: noch im Juli 1923 übersandte er mir einen Aufsatz 'über 
eine verschollene Inschrift von Trier 5 , die er einer Nichte in die 
Feder diktiert hatte : als ich ihn im August darauf besuchte, sprach 
er noch von Plänen bezüglich Thesaurus und Universität und von 
Arbeiten seiner Schüler, die weiter gefördert werden müßten. Es 
war ihm nicht mehr vergönnt, sie ausreifen zu sehen. In den 
folgenden Wochen nahmen seine Kräfte zusehends ab und als am 
21. September der Tod ihm nahte, kam er als Erlöser. Auf dein 
Friedhof von Farchant fand er seine letzte Ruhestätte, auf die seine 
geliebten Berge ernst und gewaltig niederschauen. 

Friedrich V. hatte von Jugend an einen Zug zum Genialen, 
verbunden mit tiefstem Arbeitseifer; er haßte nichts so sehr, als 
satte Selbstzufriedenheit; nur durch strengste Arbeit, meinte er t 
und Selbstzucht und Selbstkritik ist der Mensch befähigt, das Beste 
zu leisten. Nach diesem Grundsatz lebte er; daraus entsprang die 
ihm eigene starke Schaffenskraft, die auch auf andere in hohem 
Grad anregend und aneifernd wirkte. Dieses sein Wesen ist auch 
seinen Arbeiten aufgeprägt , durch die er fortleben wird weit Uber 
Tod und Grab hinaus. 

Schriften Verzeichnis, 

(Nicht aufgeführt sind die Artikel der Bonner Zeitung , des 
Bonner Generalanzeigers, Rezensionen, Thesaurus-Artikel; von 
Artikeln der Realenzyklopädie sind nur die wichtigsten aufgenommen.) 

1891 : Laudatiouum Romanorum funebrium historia et reliquiarum 
editio. Leipzig Teubner. (Fleckeisen Jahrb. Suppl. XVIII 
447 — 528). Welcker-Preisaufgabe der Bonner Universität. 
Die Abfassungszeit der Schriften Quintilians. Rhein. Mus, 
46, 343— 348. 



Friedrich Vollmer. 101 

1892 : De funere publico Romanörum. Leipzig Teubuer. (Fleck- 
eisen Jahrb. Suppl. XIX 321-864). Dissertation. 

^t^U^f^^^ (mit SkUt8dl) * Fleckei8en 
1894: Das Nibelungenlied erläutert. Leipzig Bredt (2. und 3. Ann* 
von Lic. H. Vollmer 1902. 1906). 

litt'' S 0e J e ? 4 . E f loIlt erlä » ter t. Leipzig Bredt (2. Aufl. 1903). 

1896: iextkritise.hes zu Statins, Rhein. Mus. 51 27—44 

1897: Goethes Götz von Berlichingen erläutert.' Leipzig Bredt 

(2. Aufl. 1903, 3. Aufl. 1909, 4. Aufl. 1921) S 
1898: Goethes Tasso erläutert. Leipzig Bredt (2. Aufl. 1909). 

Teubuer 1111 " * lieraus S e S eben un <* erklärt. Leipzig 

Ad Gratti Cynegeticon symbolae. Le Musee beige II 1—8 
Artikel „Claudianus" P.-W. III 2652—2660. 
Zum Home ms latinus. Rhein. Mus. 53, 165. 
Kpigraphica. Rhein. Mus. 53, 636—638. 

1900: De recensendo Homero Latino. Festschrift für Vahleu 
465 — 489. 

Coniectanea. Rhein. Mus. 55, 520—530. 
1901 : Die Gedichtsammlung des Kugenius von Toledo. N. Archiv 

f. ält..^ d. Geschicbtskuude 26, 393 409. 

1903: Zur Überlieferung von Statins' Silvae. Hermes 38 134—139 

1904: Vom Thesaurus linguae latinae. Ein Bericht. xNeue Jahrb.* 

f. Phil. u. Päd. 13, 46—56. 

Artikel „Dracontius" P.-W. V 1635—1644. 
1905: Fl. Merobaudis reliquiae, Blossii Aemilii Dracontii carmina, 

iAigeun loletani episcopi carmiua et epistulae. Mon. Germ 

auet. antiquiss. XIV. Berlin Weidmann. 

Die Uberlieferungsgeschichte des Horaz. Piniol. Sunnl X 
259 — 322. 1 v ' 

1906: Vergils 6. Ekloge. Rhein. Mus. 61, 481—490. 

1907 ' (2* AuT m2) aCCi ° armiTlrt ' Ed * mai0r ' Leipzi ^ Tei 'bner 
Nekrolog auf L. Traube. Chronik d. Münch. Univers 
Die klemeren Gedichte Vergils. Sitz.-Ber. d. bayr. Akad. 

1908: Lexikalisches aus Horaz. Arch. f. Iat. Lexikogr. XV 30— 33 
Nekrolog auf F. Bücheler, ebenda 599—602. 
P. Virgilii Muronis iuvenalis ludi libellus. Sitz Ber d 
bayer. Akad. 11. Abb. 1—82. 

1909: Poetae^Iat. minores. Vol. I: Appendix Vergiliana. Leipzig 

Lesungen und Deutungen. Sitz.-Ber. d. bayer. Akad. 9. Abb. 
1 — 20. 

Zur lat. Konjugation. Glotta 1, 113—116. 

? Q * kr °i°A auf E - von Wölfflin. Sitz.-Ber. d. bayer. Akad. 

dl . 



102 



Friedrich Vollmer. 



1910: Zu Horaz carm. 1, 8, 1. Hermes 45, 469—474. 

Die ümdeutung eines Kömersteines. Sitz.-Ber. d. bayer. 
- Akad. 14. Abh. 1—24. 
1911: Poetae lat. min. II 1: Ovidi halieuticon, Gratti Cynegetieon 

fragm. Leipzig Teubner. 

Das älteste Zeugnis für die Gründung der civitas Augusta 
Vindelicorum. (Zeitschrift d. histor. Vereins f. Schwaben 
und Neuburg 37, 140). 

Die Ümdeutung eines Römersteins II. Sitz.-Ber. d. bayer. 

Akad. 13. Abh. 1—23. 
1912; Das alte absque. aviare? Glotta 3, 46—49. 

Epitome Thesauri latini vol. 1 fasc. I. Leipzig Teubner. 
1913: Poetae lat. min. II 3: Homorus Latinus id est Baebii Italici 

Ilias Latina. Leipzig Teubner. 

Zum Homerus latinus. Sitz.-Ber. d. bayer. Akad. 3. Abh, 

1—151. , , a 

Über Fürsorge und Verständnis für römische Inschriften tu 

Bayern. Festrede d. bayer. Akad. d. W. 

1914: Unbekannte Inschriften aus Trient. Hermes 49, 311—314. 
Poetae lat, min. V : Dracontii carmina. Aegritudo Perdicae. 
Leipzig Teubner. 

1915: Inscriptiones Baiuariae Romanae sive inscriptiones prov. 
Raetiae adiectis aliquot Noricis Italicisque. München Akademie- 
verlag. 

1916: Artikel „Iuveualis". P.-W. X 1041—1050. 

Quinti Sereni Uber medicinalis. Corp. med. lat. II 3. 

Leipzig Teubuer. 
1917: Jambenkürzung in Hexametern. Giotta 8, 130 — 137. 

Nekrolog auf Siegfried Sudhaus. Jahresber. f. Altertums- 

wiss. 173 B. IV 65—81. 

Kritischer Apparat zu Ovids Remedia. Hermes 52, 453—469. 
Zur Geschichte des lateinischen Hexameters (Kurze End- 
silben in arsi). Sitz.-Ber. d. bayr, Akad. 3. Abh. 1—59. 
Kürzung durch Tonanschluß im alten Latein, ebenda 9. Abh. 
1—32. 

1918. Nachträge zur Ausgabe von : Sereni Uber medicinalis. Philol. 
75, 128—133. 

Nekrolog auf W. Meyer. Jahrb. d. bayr. Akad. 20—23. 
Lesungen und Deutungen II. Sitz.-Ber. d. bayr. Akad 

4. Abh. 1—28. 

1919: Lesungen und Deutungen III. Sitz.-Ber. d. bayr. Akad. 

5. Abh. 1—24. 

1920: Studien zu dem römischeu Kochbuche von Apicius. Sitz.- 
Ber. d. bayr. Akad. 6. Abh. 1—47. 

Apicii librorum X qui dicuntur de re coquinaria quae extant 
ediderunt C. Giarratano et F. V. Leipzig Teubner. 
1921: Noch einmal est und 6st. Glotta 11, 221—224. 



Friedrich Vollmer. jQg 

1922: Die Prosodie der lateinischen Komposita mit pro- und re- 

Sitz.-Ber. d. bayr. Akad. 4. Abh. 1—2*. 
1923: Poetae lat. min. II 2: Ovidi Nux, Consolatio ad Liviam, 

Pnapea. Leipzig Teubner. 

Einleitung in die Altertumswissenschaft von Gercke-Norden 
I 8: Römische Metrik. 

Ein 1921 gehaltener Akademievortrag „über Jambe ukürzung" 
befindet sich im Druck (Sitz.-Ber. d. bayr. Akad. 1924); V.s letzter 
Aufsatz über „eine verschollene Inschrift von Trier" wird dem- 
nächst erscheinen. 



Otto Hirschfeld. 

Geb. 16. März 1843, gest. 27. März 1922 ] ). 
Von 

Ernst Kornemami in Breslau. 

Otto Hirscbfeld wurde am 16. März 1843 zu Königsberg i./Pr. 
geboren. Sein Vater war Kaufmann, später Mitbegründer der 
Königsberger Teekompagnie. Der junge Otto besuchte mit seinem 
Bruder zuerst die Castellsche Vorschule, darnach das Kneiphöfischo 
Gymnasium der Vaterstadt. Der geistvollste und anregendste Lehrer 
der Anstalt war wohl Dr. Wiehert, ein Onkel des Dichters. Spie- 
lend hat der geweckte Knabe das Gymnasium durchlaufen. Mit 
16 Jahren bereits bezog er die Universität, zunächst diejenige seiner 
Heimatprovinz zum Studium der klassischen Philologie und fand in 
Karl Lehrs und Ludwig Friedländer Lehrer, die, insonder- 
heit der letztere, seiner Forschung die Richtung gewiesen haben 
und ihm Freunde fürs Leben geworden sind 2 ), wie alle großen 
Menschen, die später mit ihm in Berührung gekommen sind. Außer 
in Königsberg studierte er in Bonn, wo er als Mitglied der Arminia 
auch auf der Mensur als scharfer Schläger seinen Mann gestellt 
hat; Einfluß gewannen hier auf ihn Friedrich Ritsehl und 
Otto Jahn. Wertvolle Freundschaften fürs Leben schloß er auch 
hier, so mit Johannes Schmidt, Ernst und Konrad Küster. Schließ- 
lich kam er auch nach Berlin zu August Boeckh, Moritz 
Haupt, Johann Gustav Droysen, endlich zu Theodor 
Mommsen, der seinem wissenschaftlichen Streben das große Ziel 
auf die lateinische Inschriftenforschung gegeben hat. Damit ist der 
seither vorzugsweise philologisch gerichtete junge Mann definitiv 

i) Vgl. Ulrich Wilcken, Gedächtnisrede auf Otto Hirscbfeld, S.Ber. 
Berl. Ak. 1922, 29. Juni; Hermann Dessau, Rede, gehalten am 1. Juli 
1922 im Institut für Altertumskunde der Universität Berlin (maschinen- 
schriftlich mir zugänglich)-, Friedrich Münz er, Otto Hirscbfeld und Otto 
Seeck, NJahrbb. für das klass. A itertum 1923 ; Ernst Kornemann, Klio 

XIX, 1922, S. 209. 

3) Man lese das kurze Briefchen am Kopfe von Friedländers Beitrag 
zur Festschrift für Otto Hirschfeld 1903, S. 8 und Hirschfelds Nachruf für 
Fr., abgedruckt Kl. Schriften, S. 923. 



Otto Hirschfeld. 



105 



für die Geschichte gewonnen worden. Zwanzig Jahre alt (1868), 
veröffentlichte der Frühreife seiue Friedländer und Lehrs gewidmete 
Doktordissertation über den Liebeszauber bei den Griechen und 
Römern 1 ), womit er seine wissenschaftliche Laufbahn begann und 
seine philologischen Studien abschloß. 

Die erste Arbeit auf dem neuen Arbeitsgebiet, die der nun 
auf die wissenschaftliche Wanderung sich begebende junge Gelehrte 
in Angriff nahm, bezog sich auf die römischen Priestertümer der 
Provinz Afrika. Das erhaltene Reisetagebuch beginnt unter dem 
4. September 1865 (Berlin) mit dem Vermerk über einen Besuch 
bei Mommsen 2 ) vor der Fahrt nach dem Süden: „Priesterarbeit 
durchgenommen, riet mir auch Municipalia zu geben, vielleicht als 
Anhang zu seinen cirtensischen Kolonien" 8 ). Diese Arbeit, damals 
also schon im Entwürfe fertig, hat ihn dann nach Italien begleitet, 
ist hier Henzen vorgelegt und von ihm ins Italienische übersetzt 
worden. Es ist die Erstliugsarbeit 4 ) des jungen Althistorikers, 
gewissermaßen seine historische Doktordissertation. Hier zeigen sich 
schon alle Vorzüge der Hirschfeldschen Arbeitsweise, auf die wir 
nachher zu sprechen kommen werden. 

Entscheidend für H. wie für die meisten Altertumsforscher 
war dieser italienische Aufenthalt in den Jahren 1865/6. Die Reise 
ging über die Schweiz zunächst nach Südfrankreich. Hier betrat 
der junge Doktor das Land, dem dann zehn Jahre später seine 
Lebensarbeit gewidmet zu werden begann. Hier sieht er zum 
erstenmal die Bäume des Südens, die Zypresse und die Olive. 
Hier fühlt er im Theater von Orange sich zum erstenmal durch: die 
lebendige Erinnerung an die große Römerzeit ergriffen, wie er um- 
gekehrt beim Besuch des Papstpalastes von Avignon merkt, daß er 
keine Liebe zum Mittelalter hat, sondern ganz dem Altertum ge- 
hört. In Rom gerät er in die Hände von Wilhelm Henzen 
und W o 1 f g a n g H e 1 b i g , die beide ihn sehr freundlich aufnehmen. 
Von dem erstgenannten wird er in die Epigraphik, von dem zweiten 
in die Archäologie und die Topographie von ,,Rom eingeführt. 

1 ) De incantamentis et devinetionibus amatoriis apud Graecos Roma- 
nosque, Königsberg 1863. 

2 ) Der erste Eintrag bezüglich Mommsens enthält außerdem die per- 
sönliche Notiz: ,,War recht freundlich, wenn auch mit Mommsen scher 
Kälte." 

8 ) Die Stadtverfassung Cirtas und der Cirtensischen Kolonien. Hermes I, 
1866, S. 47-63 — Ges. Sehr. V, S. 470—192. 

*) I sacerdozi dei munieipj Roman i nell' Africa, Annali dell* Instituto 
de corrispondenza archeologica 38, 1866, S. 28—77. 



106 



Otto Hiwchfeld. 



Henzen vor allem verdankt er »ehr viel, da dieser ihm den Einblick 
in die Seheden des Corpus für seine Arbeiten gestattet. Aber nicht 
nur dadnrch, daß er jetzt auf seinem Arbeitsgebiet angekommen 
ist, das ihm zum Lebensberuf werden sollte, sondern auch durch 
die IFreundschaften , die er im Süden geschlossen hat, ist die 
römische Zeit grundlegend für sein ferneres Dasein geworden. Treu, 
Benndorf, Kekule, v. Hertling, Schöne, Wilmanns, Nissen, Bormann, 
Studemund, Reifferscheid treten von neuem bzw. zum erstenmal in 
seinen Gesichtskreis und werden ihm zum Teil Freunde fürs Leben. 
Namentlich mit Benndorf und Bormann hat ihn seitdem zeit seines 
Lebens engste Freundschaft verbunden. Mit Nissen spielt er in 
Korn gar manchen Abend eifrig Schach. Nur langsam faßt er Fuß 
auf dem historisch so stark belasteten Boden Roms. Von dem 
heiteren Florenz , das er sehr schnell lieb gewonnen und von dem 
er sich, nach seinen Aufzeichnungen zu urteilen, nur schwer hatte 
trennen können , betritt er am 16. Oktober 1865 zum erstenmal 
die ewige Stadt und kann, von der Fülle der Gesichte überwältigt, 
nur langsam warm werden, zumal das päpstliche Korn dem Ein- 
dringenden doch ganz andere Schwierigkeiten in jeder Beziehung 
entgegenstellte, wie die moderne Stadt von heute. Einmal notiert 
er im Tagebuch, daß er ganz müde geworden ist vom vielen Sehen 
und Umherwandern, und es drängt ihn, den Unermüdlichen, wieder 
zum systematischen Arbeiten. Aber nach 10 Tagen schon heißt es 
an derselben Stelle: „Ich fange an, allmählich bewußt mich glück- 
lich zu fühlen. Es setzen die Vorarbeiten ein zu seinem großen 
Lebenswerk über die Verwaltungsgeschichte des römischen Kaiser- 
reiches, dem wohl vor allem die Exzerpte aus Uenzens Scheden 
gelten , die immer wieder im Tagebuch als seine Zeit stark in 
Anspruch nehmend gemeldet werden. Daneben her gehen die 
Giri, die Teilnahme an den Adunanzen, italienische Sprachstudien, 
die Ausflüge und Gespräche mit den Freunden. Wie alle ihn 
schnell lieb gewonnen haben, geht aus dem Bericht Uber seine 
römische Geburtstagsfeier am 16. März 1866 hervor, wo abends 
große Versammlung der Freunde bei ihm stattfindet, auch Henzen 
erschienen ist. Unter den Geburtstagsbriefen werden diejenigen 
von Lehrs und Friedländer besonders hervorgehoben. Man erkennt 
hier schon einen Zug im Wesen Hirschfelds, der sein ganzes Leben 
hindurch ihn auszeichnet. Er bedarf der Menschen, der Freunde. 
Er hat schon damals viel ihnen gegeben, dafär aber auch reichlich 
empfangen. Er ist mitteilsam, aufgeschlossen, rührig, nur glücklich 
im größen Kreise, kein Einsamer, kein Abgeschlossener. So hat 



Otto Hirschfeld. 107 

er, wie soviele Berufsgenossen, als römischer ragazzo seine glück- 
lichste Zeit verlebt, von der er nach dem Zeugnis der Gattin später 
noch viel und gern erzählt hat. Sowohl allgemein-menschlich wie 
wissenschaftlich hat er damals die Grundlagen für sein Leben gelegt. 

1867 zurückgekehrt, hat er dann die ersten Studien veröffent- 
licht, die später in seine „Untersuchungen" übergegangen sind, 
über das aerarium militare l ) und Über die Getreideverwaltung der 
römischen Kaiserzeit 2 ). Die zweite Arbeit hat er offenbar benutzt, 
um sich 1869 in Göttingen als Privatdozent für alte Geschichte zu 
habilitieren. Dem Eintritt in die akademische Laufbahn folgte 1870 
die Verlobung und zwei Jahre später (1872) die Verheiratung mit 
Adelheid Wynekeu, die ihm in langer glücklichster Ehe sechs Töchter 
und zwei Söhne geschenkt hat. 

1872 schon bekam er den ersten Ruf als Ordinarius, und zwar 
an die damals noch ungeteilte Universität in Prag. Damit begann 
die österreichische Zeit in seinem Leben, an die er mit viel Stolz 
zurückdenken konnte. Die Prager Jahre sind neben angestrengter 
Lehrtätigkeit angefüllt mit ausgedehnter Forecherarbeit. Denn 
Mommsen hatte ihn frühzeitig für das Corpus inscriptionum latinarum 
gewonnen, und in dieser Eigenschaft ward ihm 1873 die Heraus- 
gabe der lateinischen Inschriften Galliens übertragen und damit sein 
Arbeitsgebiet für lange Zeit abgesteckt Frisch ging er an die Arbeit 
des Sammeins, der sogar ein Prager Semester geopfert werden mußte. 
Den Winter 1874/75 verbringt er in Paris, mit Bibliotheks- und 
Museumsarbeiten beschäftigt, dann, im Frühjahr 1875, folgt eine 
erste kurze Reise nach der Provence, „am die dort befindlichen In- 
schriften und Sammlungen aus eigner Anschauung kennenzulernen* B ). 
Gleichzeitig wird seitens des preußischen Staates der Versuch ge- 
macht, ihn in die Heimat zurückzurufen, 1873 wird ihm Kiel, 1875 
Halle angeboten. Beide Rufe lehnt er ab. Dafür siedelt er 1876 
nach Wien über und steht nun im Mittelpunkt der österreichischen 
Altertumsforschung. In Wien erscheinen 1877 die „Untersuchungen 
auf dem Gebiete der römischen Verwaltungsgeschichte", und damit 
wird der erste Höhepunkt in seinem Leben erreicht. Der Meister 
bezeichnete gelegentlich der Wahl Hirschfelds in die Berliner Aka- 
demie (1883) dieses Werk als „die bestfundierte, bestgedachte und 

• 

*) Das aerarium militare und die Verwaltung der Heeresgelder in der 
römischen Kaiserzeit, Jahns Jahrbb. für klass. Philologie 97, 1868, S. 683 
bis 697. 

») Philologus 29, 1870, S. 1 -90 (vgl. Verwaltuugsbeamte a , S. 285 Anm. 1). 
8 ) Kl. Sehr., S. 920. 



108 Otto Hirschfeld. 

bestgeschriebene Monographie, welche in den letzten zehn Jahren 
auf diesem Gebiet geschrieben ist". Kein Wunder, daß seine wissen- 
schaftliche Geburtsstätte Güttingen ihn 1878 als Ordinarius des Faches 
zurückhaben wollte; aber auch diesen Ruf, ebenso wie einen solchen 
nach Straßburg (1884), hat er gleichfalls abgelehnt. Er blieb in 
Wien, und seine intensive Beschäftigung mit den gallischen und 
germanischen Inschriften begann ihre Früchte zu tragen, wie die 
1877 erschienene Abhandlung Uber die Verwaltung der Rheingrenze 1 ), 
die kleine Monographie 2 ) Uber Lyon in der Römerzeit (1878) und 
die 1883/4 erschienenen ausgezeichneten „Gallischen Studien" 3 ) be- 
weisen. Das Wohnen auf dem Boden des römischen Imperium in 
der Wiener Zeit hat H. wie alle Althistoriker höchst wohltätig 
empfunden. Es wuchsen ihm auch gewissermaßen vom Boden her 
die Probleme zu. Schon seit der Übersiedlung nach Prag beteiligte 
er sich aufs energischste an der Erforschung und wissenschaftliehen 
Fruchtbarmachung des Österreichischen DenkmälerbestandeB, wie sein 
vorläufiger Bericht über eine archäologisch- epigraphische Reise in 
Dacien 4 ) und die epigraphische Nachlese zum Corpus inscr. lat, III 5 ) 
beweisen. Er stand somit, solange er in Österreich gewirkt hat, 
gewissermaßen auf zwei Beinen. Das eine hatte er hinübergesetzt 
in seine von der Corpus- Leitung ihm zugewiesene gallisch-germanische 
Domäne, das andere stand fest auf dem Boden seiner neuen Heimat. 
Die alte Geschichte , damals in erster Linie Epigraph!! , und die 
Archäologie gingen jetzt zum erstenmal durch seine Initiative jenes 
enge Bündnis ein, das seitdem für beide Disziplinen so frucht- 
bringend geworden ist. In der Forschung zeigt sich diese so un- 
gemein glückliche Verbindung sehr bald in der Herausgabe der 
„Archäologisch-epigraphischen Mitteilungen aus Österreich", der Vor- 
läufer der stolzen Jahreshefte des K. K. archäologischen Institutes 
zu Wien, und, was die Lehrtätigkeit betrifft, in der Schöpfung des 
Wiener Archäologisch - epigraphischeu Seminars gemeinsam mit 
Alexander Conze, in welchem er seit dieser Zusammenarbeit 
einen besonders hochgeschätzten Freund sein eigen genannt hat, 

») Commentatioues phil. in honorem Theodori Monimseni. Berlin 1877, 
S. 433—447 = Kl. Sehr., S. 36»— 386. 
*) Kl. Sehr., S. 133—153. 

8 ) I. Sitz.-Ber. der Wien. Akad. philol.-hist. Klasse 103, 1883, S. 271 
bis 328 = Kl. Sehr., S. 47—95, II. ebda. 107, 1884, S. 221-238, III. ebda. 
S. 239-257 = Kl. Sehr. 96—111. 

*) Mitt. der K. K. Zentral-Kommission vom Jahr 1873 (Wien 1874), 
S. 328—333. 

») Sitz.-Ber. der Wien. Akad. 1874, S. 363-429. 



Otto Hirschfeld. IQg 

dann mit Otto Benndorf, der ihm schon seit der Göttinger 
Dozentenzeit wissenschaftlich und menschlich sehr nahe gestanden 
hatte. Neben dem Erscheinen der „Untersuchungen" sind diese 
Schöpfungen, an denen H. hervorragend beteiligt war, der Ausdruck 
davon, daß sein Wirken die erste Höhe erklommen hat. Denn nun 
hatte er eine Stätte sich geschaffen, wo auch der in ihm steckende 
akademische Lehrer sich auswirken konnte. Im Wiener archäologisch- 
epigraphischen Seminar, dem Vorbild der bald auch an den übrigen 
österreichischen Universitäten errichteten Anstalten gleichen Namens, 
hat H. Schule zu machen begonnen. Aus ihm ist eine ganze Reihe 
von Gelehrten und Lehrern hervorgegangen, die seine Wissenschaft 
nicht nur in den deutschen Ländern Österreichs, sondern weit darüber 
hinaus, in Südosteuropa, ihren Schülern weitergegeben haben. Man 
versteht es, daß es H. unendlich schwer geworden ist, aus dem 
gastlichen Österreich und speziell aus dem heiteren Wien, wo er, 
umgeben von einem Kreise hervorragender, um das Altertum ver- 
dienter Männer, so Großes zu leisten imstande gewesen war, zu 
scheiden. Es mußte sein, als ihn, den 42jährigen, im Jahre 1885 
der ehrenvollste Ruf erreichte, den sein Heimatland zu versenden 
hatte: die Berufung an die Universität Berlin auf den seither von 
Mommsen, der freiwillig vom Lehramt zurücktrat, innegehabten Lehr- 
stuhl und die Wahl zum ordentl. Mitglied der Kg), Preuß. Akademie 
der Wissenschaften : s u o anno consul. 

Noch 32 Jahre lang, von 1885—1917, hat er dem preußischen 
Staat und der Berliner Universität seine wertvollen Dienste geliehen, 
bis zum Tode Mommsens (1. November 1903) neben dem Altmeister, 
der ihn, den viel jüngeren Amtsgenossen, frühzeitig seinen „Freund" 
genannt hat 1 ), dann noch 14 Jahre lang allein, bis ihn das Alter 
und schweres Leid zwangen, die Entbindung von Beinen Amts- 
pflichten zu beantragen. Sowohl den Forscher wie den Lehrer sieht 
die Berliner Zeit zunächst noch auf der alten Höhe. N Der große 
Inschriftenforscher konnte nun die Frucht in seine Scheuern bringen. 
Das lateinische Corpus der gallischen und germanischen Inschriften a ) 
hat er uns in der Berliuer Zeit geschenkt, dazu mehrere Supplement- 
bände zum dritten Bande s ), die nach den Mommsenschen Bänden 

') Vgl. die Widmuug vor dem Abriß des Staatsrechtes. 

*) Vol. XII Inscriptiones Galliae Narbonensis 1888. Vol. XIII In- 
acriptioues trium Galliarum et duarum Gennaniarmn 1, faac. 1, 1899, fasc. 
2, 1904, 4, Addenda 1906. 

') Vol. III Inscriptiones Asiae, provinciarum Europae graccarum, 
Tllyrici. Suppl. I u. II (1899—1902) zusammen mit Th. Mommsen und A. 
v. Domaszewski. 



110 



Otto Hirecfafeld. 



zu den wertvollsten des ganzen Corpus gehören 1 ). Daneben er- 
schien die zweite Auflage seiner Verwaltungsgeschichte, vollkommen 
neu durch- und umgearbeitet unter dem Titel „Die kaiserlichen 
Verwaltungsbeamten bis auf Diokletian" (1905), sowie viele Einzel- 
untersuchungen in den Sitzungsberichten der Berl. Akademie und 
anderswo, die 1913 von ihm selber in den „Kleinen Schriften" zu- 
sammengefaßt worden sind. Die Produktion im größeren Stil auf 
diesem zweiten Höhepunkt ist gehemmt worden durch dreierlei, 
einmal dureh die umfangreiche Lehrtätigkeit, die H. auch hier wie 
in Wien entfaltete, dann durch eine schwere Erkrankung im Winter 
1899, die ihn zwang, in der rastlosen Arbeit etwas Einhalt zu tun, 
endlich seit dem Tode Mommsens durch die Fürsorge für die Sammlung 
und Herausgabe der Gesammelten Schriften des Meisters. Dieser 
von großer Selbstverleugnung zeugenden Arbeit hat er viele kostbare 
Jahre (1904 — 1910) seines späteren Lebens gewidmet. Was die 
Lehrtätigkeit betrifft, so hatte H. sieb auch vom preußischen Staat als 
Ersatz für das von ihm in Wien verlassene archäologisch-epigraphische 
Seminar die Errichtung eines Instituts für Altertumskunde aus- 
bedungen, dessen erster Direktor er mit Ulrich Koehler geworden ist. 
Hier hat die Hirschfeldsche Schule ihre Portsetzung erfahren und 
für die preußischen und darüber hinaus die deutschen Universitäten 
und Gymnasien die Lehrer der Altertumswissenschaft im Geiste 
Mommsens erzogen. 

So steht H. vom ersten Tage seines Schaffens als Historiker 
im Schatten Mommsens. Die größte Schöpfung des Meisters, das 
lateinische Inschriften werk, hat ihm die wissenschaftliche Richtung 
gegeben. Auf diese Weise ist er einer unserer besten Epigraphiker 
geworden; aber den Weg zur Geschichte, den er immer wieder zu 
gehen gesucht hat 2 ), den hat er, wenn man darunter die Geschichts- 
schreibung im großen Stile versteht, nicht gefunden. Was Mommsens 
Genialität und unvergleichliche Arbeitskraft gleichzeitig zu leisten 
vermocht hat, wissenschaftliche Kärrnerarbeit und große zusammen- 
fassende Darstellung, das war dem Manne zweiten Ranges versagt. 
So ist er wie sein treuer Freund und Nachfolger auf dem Wiener 
Lehrstuhl, Eugen Bormanu, so recht der Repräsentant der epi- 
graphiBchen Epoche unserer Wissenschaft, die Mommsen heraufgeführt 
hat, geworden. Es ist dies ein Durchgangsstadium der Altertums- 
wissenschaft, dem zuliebe die besten Vertreter des Faches aus der 

>) Dies ist auch das Urteil von H. Dessau, Gedächtnisrede, S. 14. 
s) Vgl. die Antrittsrede vor der Berliner Akademie, Sitz.-Ber. 1885, 
S. 626. 



V 



Otto Hirschfeld, 



in 



letzten Gelehrtengeneration sozusagen bei der Bausteinbeschaffung 
auf der Strecke geblieben sind, ähnlich wie heute bei der zweiten 
Hilfßdisziplin, der Papyrologie, ein tragisches Schicksal, das diese 
Opfer der Wissenschaft getroffen hat und noch trifft. Wie in der 
mittelalterlichen Forschung die Monumeutisteu, sind in der alten Ge- 
schichte die Epigraphiker die Wegebereiter der heutigen Generation, 
die in eine glücklichere Zeit ihrer Wissenschaft hineingeboren sind, 
da durch die verfeinerten Methoden der Ausgrabungstätigkeit und 
durch die mächtig emporbltihende Papyruskunde ganz neue Per- 
spektiven für die Altertumswissenschaft sich eröffnen und dabei auf 
dem Gesamtgebiet dieser Disziplin im großen Stile wirklich geerntet 
werden kann. Gerade deshalb aber dürfen wir glücklicheren Nach- 
fahreu die Männer, die mit der größten Entsagung und bewunderns- 
wertem Pflichtgefühl die mühselige Arbeit der inschriftlichen Material- 
zusammenstellung und kritischen Reinigung vollführt haben, nicht 
gering achten, sondern müssen uns im Gegenteil immer bewußt 
bleiben, daß obne ihre pflichttreue, hingebende Kleinarbeit die 
heutige Generation nicht zu arbeiten imstande wäre. Wenn wir 
dies im Auge behalten, müssen wir auch Otto Hirschfelds umfang- 
reicher Arbeit auf dem Gebiete der Inschriftenedition die höchste 
Anerkennung nicht versagen, zumal, wie gesagt, seine Corpus-Bände 
zu den besten gehören, die wir besitzen. 

An den Inschriften hat sich auch die Methode seiner dar- 
stellenden Arbeiten gebildet, wie gleich die Erstlingsarbeiten aus 
den Jahren 1866—1870 deutlich aeigen. Alle seine Untersuchungen 
sind Specimina ersten Ranges in der Auswertung der epigraphischen 
Materialien, die sich sehr wohl neben Mommsens Arbeiten der gleichen 
Art sehen lassen können. Wie auf den großen Mosaiken, die uns 
aus dem Altertum erhalten sind, mußten hier durch Zusammen- 
legung kleiner und kleinster monumentaler Überreste aus dem 
Altertum Gemälde entworfen werden, die trotz der mühseligen Klein- 
arbeit doch als ein Ganzes erscheinen. Nirgend* ist Hirscbfelds 
Methode und Zielsetzung bei seiner wissenschaftlichen Arbeit von 
ihm selber so scharf charakterisiert worden wie im Schlußwort des 
eraten Abschnittes der Gallischen Studien 1 ): „Gleichwie der Natur- 
forscher mit Hilfe des Mikroskops die kleiusien, dem unbewaffneten 
Auge nicht erfaßbaren Organismen zu ergründen sich bestiebt, um 
aus ihrer Erkenntnis die sichtbaren Erscheinungen der Natur und 
ihre Gesetze zu erschließen, so wird auch der Historiker, der nicht 



') Kl. Sehr. 87, schon zitiert bei Wilcken, Gedächtnisrede, S. 81 



j|2 Otto Hirschfeld. 

daran ein Genüge findet, die Berichte seiner antiken Vorgänger 
über Krieg und große Staatsaktionen in moderne Form zu kleiden, 
aus der Betrachtung der unscheinbaren, aber unmittelbaren Zeugnisse 
der Vergangenheit den Weg zu den verborgenen Sehachten zu finden 
suchen, in denen sich der ernsten Forschung ein, wenn auch nicht 
unversehrtes, so doch echtes und ungetrübtes Bild der antiken Welt 
erschließt. Eiue Geschichte des römischen Kaiserreichs hat in erster 
Linie die Romanisierung der antiken Welt in allen ihren mannig- 
fachen Abstufungen und Verschiedenheiten zu verfolgen, den Spuren 
nationaler Sitte sorgsam nachzugehen und die Widerstandskraft der- 
selben gegenüber dem Eindringen fremder Brauche und Institutionen 
zu prüfen." Zu der hier geschilderten Art von Arbeit war er so 
besonders geeignet, weil in ihm Philologie und Geschichtswissenschaft 
einen besonders engen Bund eingegangen waren. Ob er Texte 
interpretierte oder Inschriften edierte, stets bemerkte man den gut- 
geschulten klassischen Philologen, dessen ausgezeichnete kritische 
Sonde und feines Sprachgefühl stets ein Eindringen in die Tiefen 
der Probleme ermöglichten. Und dieser von der Philologie aus- 
gegangene Althistoriker trat nun während der österreichischen Epoche, 
die so ungemein wichtig ist für seinen ganzen Werdegang, in enge 
Beziehungen zu der damals mächtig aufstrebenden Wissenschaft vom 
Spaten, ohne die heute kein Mann der Altertumswissenschaft mehr 
arbeiten kann. Die Betrachtung der Inschrift, nicht losgelöst von 
dem Monument, sondern im Verhältnis zu dem zugehörigen Denkmal 
und dem Bildwerk, wie sie in Österreich zuerst geübt und in den 
Tituli Asiae Minoris dann später für die Epigraphik fruchtbar ge- 
macht worden ist, hat Hirsehfeld unter den reichsdeutscheu Epi- 
graphikern zuerst praktisch betätigt. Von hier aus nun ist H. bei 
seiner offenbar mehr auf die Darstellung der Institutionen als der 
Menschen eingestellten Begabung der Mann geworden, welcher der 
in den Händen der Philologen erstarrten antiquarischen Forschung 
neues Leben eingehaucht hat. Das einzige große Buch darstellender 
Art, das er geschrieben, das Buch von der römischen Verwaltung, 
ist in gleicher Weise gewachsen, wie das lateinische Inschriften - 
Corpus emporwuchs. Es ward iu der eutscheidenden 2. Auflage 
erst fertig, als im Corpus ein gewisser Abschluß erreicht war. An 
ihm muß H. als Forscher analysiert werden. Die alte philologisch- 
antiquarische Systematik hatte Mommsen in der Lehre vom römischen 
Staat durch eine juristisch-antiquarische Methode ersetzt. Hirschfeld 
konnte und wollte auch eine Institution wie jedes Gebilde der Ge- 




Otto Hirsehfeld. j jg 

schichte nur historisch-genetisch erfassen, so daß Wilcken 1 ) den 
Gegensatz Mommsen-Hirschfeld ganz richtig in die Worte faßt: 
„Während Mommsen ein juristisches System gibt, unter ausdrück- 
licher Ablehnung der rein historischen Probleme, bietet Hirschfeld 
eine historische Untersuchung über einen wichtigen Auaschnitt der 
kaiserlichen Regierung." Mommsens juristische, auf eine auch 
dem Historiker so ungemein notwendige scharte Begriffsbildung aus- 
gehende, sowie Hirschfelds historische Betrachtungsweise ergänzen 
einander so aufs glücklichste, was vor allem im letzten Abschnitt des 
Werkes 2 ) zutage tritt 3 ), und haben die alte, seit Jahrhunderten in 
der Philologie gepflegte Antiquitätenforschung mit ihren aus den ver- 
schiedensten Zeiten kritiklos gemachten Materialzusammenstellungen 
ein für allemal aus der Welt geschafft. Wenn heute das Wort gilt, 
das Rostowzew 4 ) gegenüber einem Rückfall in das alte System 
einmal so treffend geprägt hat: „Lieber historisch irren, als anti- 
quarisch verflachen", so verdanken wir dies in erster Linie dem 
Wirken Otto Hirschfelds. 

Doch höher als der Forscher steht der Lehrer, der in H. 
steckt. Wie in der Forschung seine Stärke mehr auf dem kritisch- , 
analytischen als auf dem synthetischen Gebiet lag, so auf dem 
Lehrgebiet nicht in dem Hörsaal, sondern im Seminar. Was sein 
Seminar so unbedingt anregend und bildend für den Studierenden 
machte, war die Gewöhnung an die Treue im Kleinen, sei es auf 
philologischem, sei es auf historischem Gebiete, bei gleichzeitiger 
Einstellung auf die großen Probleme, die aus dem behandelten 
Einzelfall sich entwickeln ließen. Es wurde dem Referenten nichts 
geschenkt, aber dafür auch der, welcher hart Holz gebohrt hatte, 
reichlich belohnt, H. hatte einen scharfen Blick für ernstes Streben 
und für das Erwachen wissenschaftlichen Geistes in seinen Schülern, 
die ihm nahe standen. Unvergeßlich ist es mir, als er mich gleich 
nach dem ersten im Seminar erstatteten Referat im Direktorzimmer, 
wohin er mich nach der Sitzung rief, über meinen seitherigen Bil- 

l ) Gedächtnisrede, 8. 4. 

*) „Rückblick, 1 * 2. Aufl., & 466 ff. 

3 ) Die. Geschichte der Kaiserzeit kanu ohm; Berücksichtigung der 
hier niedergelegten feinen Bemerkungen über den augusteischen Prinzipat 
und seine Abwandlungen in der Folgezeit nicht geschrieben werden. 
Allerdings hat Hirschfeld noch nicht die ünhaltbarkeit von Mommsens 
Dyarchie-Theorie durchschaut, wie das neuerdings H. Dessau (Gesch. der 
Köm. Kaiserzeit I, 1924, S. 39 u. 40) u. V. Ehrenberg (Klio XIX, 1924, S. 207) 
erkannt haben. 

*) GGA 1909, S. 642. 
Nokrologü 1924. ( Jahresbericht f. Attortumswiisensctuft. Bd. ät)2 H.) 8 



114. Otto Hirschfeld. 

dungs- und Studiengaug Bericht erstatten ließ und als Schüler 
Herman Schillers mich sofort an Mommsen empfahl. Die ersten 
Jahre der Hirschfeldschen Wirksamkeit in Berlin an der Seite und in 
engster Forschungs- und Lehrgemeinschaft mit Mommsen sind über- 
haupt die fruchtbarsten und segensreichsten seines Lebens geworden. 
Zwölf auserlesene Hirscbfeld-Schüler durften damals Semester für 
Semester draußen in dem stillen Gelehrtenheim des Altmeisters in 
der Marchstraße zu Charlotten bürg die höheren Weihen empfangen. 
Nur so erklärt es sich , daß aus einer Studentongeneration der 
damaligen Zeit drei heute an deutschen Universitäten wirkende 
Ordinarien des Faches hervorgegangen sind, die dankbar des großen 
Glückes gedenken , das am Ende der achtziger und Anfang der 
neunziger Jahre an der Berliner Universität in diesem Zusammen- 
wirken der beiden großen Forscher und Lehrer dem werdenden 
Althistoriker sich erschloß. Damals trafen sich auch Männer aus 
anderen Wissenschaften und aus dem Ausland in Hirschfelds Seminar, 
die hier vor allem in die Epigraphik eingeführt sein wollten: so 
habe ich hier mit Otto Gradenwitz und Franz Cumont zusammen- 
gesessen und Inschriften lesen und interpretieren gelernt. Da 
Mommsen bei der Überfülle von Arbeit, die auf ihm als Forscher 
lastete, bekanntermaßen nicht Zeit genug für die Lehrtätigkeit ge- 
habt, diese vielmehr bei ihm immer in zweiter Linie gestanden hat, 
ist es ein großes Glück zu nennen, daß sein erster Nachfolger auch 
in Berlin wirklich Schule zu machen verstanden hat. 

Hinter dem Forscher und Gelehrten stand endlich ein Mensch 
von seltener Reinheit des Charakters, der wie in seiner Wissen- 
schaft so auch im Leben von unbedingter Zuverlässigkeit und Pflicht- 
treue war. Im Berufe ungewöhnlich schnell emporgestiegen, ist er 
niemals auch auf höchster Höhe der Hybris verfallen oder der Eitelkeit 
erlegen. Er blieb, was er von Anfang an gewesen war, immer sachlich, 
dabei schlicht und einfach und denen, die ernst mit ihm zu denselben 
Zielen hinstrebten, aufs treueste ergeben. Vielen seiner Schüler ist 
er durchs Leben hin ein treuer Freund geworden, offenbar in dankbarer 
Erinnerung daran, was ihm selber die Freundschaft des größten Fach- 
genossen bedeutet hatte. Ein Briefwechsel mit Hunderten von Männern 
der Wissenschaft, den er liebevoll aufbewahrt hat, legt heute noch 
Zeugnis ab von diesem liebenswürdigen Menschen, der das Be- 
dürfnis hatte, mit vielen Gleichgesinnten und Gleichstrebenden weit 
über die Grenzen des Vaterlandes hinaus in engster geistiger und 
seelischer Gemeinschaft zu leben, außer mit Männern der deutschen 
Gelehrtenwelt, wo der vollkommen erhaltene Briefwechsel mit 



Otto Hirschfeld. 



115 



Mommsen einst einen wichtigen Beitrag zur Gelehrtengeschichte des 
19. Jahrhunderts und zur Vervollständigung des Mommsenschen 
Lebensbildes liefern wird, vor allein mit den Porschern aus seinen 
beiden wissenschaftliehen Hauptdomänen, Südosteuropa und 
Frankreich. Ergreifend gerade heute wirkt es, wenn man die 
Freundschaftsbezeugungen französischer Männer für H. liest, an der 
Spitze eines Auguste Allmer, dem er selbst seinerseits einen so 
warmen Nachruf gewidmet hat 1 ). Zwei Eigenschaften Hirschfelds 
waren es, die ihn auch auf dem heißen Boden Frankreichs un- 
mittelbar nach 1870/1 bo schnell Fuß fassen ließen, seine angeborene 
persönliche Liebenswürdigkeit, verbunden mit der festen Beherrschung 
der gesellschaftlichen Formen, und seine strenge wissenschaftliche 
Sachlichkeit. Diese beiden Eigenschaften sind es auch gewesen, die 
ihm die Herzon seiner Schüler im Fluge erobert haben. Von der 
Liebe und Verehrung aller derer , die ihn umgaben , zeugt die 
Festschrift zu seinem 60. Geburtstag (16. März 1903). Und noch 
einmal durfte er alles, was er sieh geschaffen hatte und was ihm 
geworden war durch die Gute des Schicksals, genießen, als er zum 
70. Geburtstag nach dem geliebten Korn — begleitet von seiner 
Gattin und seinen nun erwachsenen Zwillingssöhneu — gepilgert 
war. Daun haben die furchtbaren Kriegsjahre auch über dieses an 
Sonnenschein so reiche Berufs- und Familienleben schwarze Schatten 
gelagert. Die nachgeborenen Zwilliugssöhne, sein ganzer Stolz, die 
unterdessen zu tüchtigen Männern, der eine sogar zum Historiker, 
herangereift waren , sind beide ihm im harten Kampfe fürs Vater- 
land entrissen worden. Darauf hat die schwere Krankheit, die 
sich früh schon einmal gemeldet hatte, auf den in seinem Innersten 
tief erschütterten Vater mit immer größerer Heftigkeit gelegt. 
Hermann Dessau hat ihm in diesen letzten Lebensjahren, die die 
Leiden unserer Nachkriegszeit immer trauriger gestalteten, treu zur 
Seite gestandon und hat in seiner Berliner Gedächtnisrede das 
schwere Ende dieses sonnenumglänzten Lebens in ergreifender 
Weise geschildert: „Er hat nicht viel geklagt, nicht laut geklagt. 
Aber die Dämmerung kam Uber ihn. Wohl zum letztenmal zeigte 
er sich einem größeren Kreise, zum letztenmal bestieg er den 
Katheder am 30. November 1917 am 100. Geburtstag Theodor 
Mommsens. Die Hand versagte ihm beim Schreiben, das Auge 
beim Lesen. Dankbar war er jedem Besuch , der ihn über die 



') Zuerst erschienen in diesem Jahresbericht 1900, S. 71—74, wieder 
abgedruckt Kl. Schriften, S. 919 ff. 



- 



116 



Otto Hirschfeld. 



Fortschritte der Wissenschaft unterhielt. Und so entschlief er am 
27. März 1922 in seinem Arbeitszimmer im Angesicht seiner BUcher 
au derselben Stelle, an der er so oft den Schüler belehrt, zu sich 
herangezogen, in jedem Sinne des Wortes zu sieh herangezogen, 
sich zur Seite genötigt hat, wo er Hilfesuchenden Itat gespendet 
hatte." 

Selten sind in einem deutschen Gelehrten der Mensch, der 
Lehrer und der Forscher so gleichmäßig zur Entwicklung gekommen 
■wie in H. Daraus erklären sich auch seine großen Erfolge , vor 
allem im Lehramt. Sein Schicksal war es, daß er die beste Zeit 
seines Lebens einem Größeren, der kälter und härter war als er, 
hat dienen müssen und daß er dadurch zur vollen Entfaltung aus 
Bich selbst heraus nicht hat kommen können. Das hat große Ent- 
sagung von ihm verlangt, aber auch manchen Lohn ihm gebracht. 
Denn Moinrnsens und der von diesem Heros der deutschen Altertums- 
wissenschaft geleisteten Lebensarbeit wird wohl niemals gedacht 
werden können, ohne daß dabei der Name seines bedeutendsten 
Helfers und Mitarbeiters Otto Hirschfeld genannt wird. Aber nicht 
darauf , daß er auf Mommsens Wuusch in unübertroffener Weise 
Inschriften ediert, und daß er des Meisters Forschung nach der 
historischen Seite in der Lehre vom römischen Staate in wesentlichen 
Puukten ergänzt hat, ruht sein Hauptverdienst, sondern darauf, daß 
er sich der mühseligen Arbeit unterzogen hat, den durch Momrosen 
auf dem Gebiet der alten Geschichte erzielten Fortschritt, was Er- 
gebnisse und Methode betrifft, Semester für Semester, erst in Öster- 
reich, dann in Deutschland, wissensdurstigen Schülern zu übermitteln. 
Die Mommsen- Schule in der Altertumskunde Deutschlands ist das 
Werk Otto Hirschfelds , der ebenso wie der Wissenschaft so auch 
seinen Studierenden stets das Beste zu geben bemüht war und daher 
nicht nur in toten Buchstaben , sondern vor allem in den Herzen 
dankbarer Schüler und Freunde fortlebt. 




Otto Piasberg. 

Geb. 24. Oktober 1869, gest. 6. April 1924. 
Von 

Rudolf Helm In Rostock 1 ). 

Wenn das Goethesche Wort wahr wäre und die Persönlichkeit 
allein das höchste Glück der Erdenkinder ausmachte, so müßte 
Otto Piasberg der glücklichste aller Menschen gewesen sein; denn 
von früher Jugend an war er eine in sich geschlossene Persönlich- 
keit wie wenige. Wer den Jüngling genauer gekannt mit seiner 
Bedachtsarokeit und Sorgsamkeit, die ihn in allen Fragen des Lebens 
ebenso wie schon in seinen ersten wissenschaftlichen Arbeiten be- 
herrschte, mit seiner stillen Zurückhaltung und doch mit einer 
starken inneren Sicherheit, mit seinen unerschütterlichen moralischen 
Grundsätzen und seinem hohen Idealismus, konnte in dem gereiften 
Manne nur dieselben Züge wiederfinden, und die Persönlichkeit 
prägte sich schon in der würdevollen, festen, etwas altfränkischen 
Schrift aus, die, wie sie dem Studenten bereits eigen war, so bis 
in die letzten Jahre unverändert und sich gleich geblieben ist. 

Geboren am 24. Oktober 1869 in Sobernheim, wo sein Vater Rektor 
des Progymnasiums war, hat Piasberg früh unter der Schwere des 
Lebens zu leiden gehabt. Seine Mutter starb infolge seiner Geburt, 
so daß ihm niemals ihr frohes Auge gelacht, ihn niemals ihre gütige 
Hand geleitet hat. Das war bis zu einem gewissen Grade be- 
stimmend für sein Wesen. Er wuchs auf in der Obhut des Vaters, 
der wohl seine ganze Liebe und seinen ganzen Stolz auf ihn über- 
trug, aber, selbst offenbar stark auf das Pädagogische eingestellt, 
die Weichheit und das Sonnige des Mutterherzens dem Knaben 
nicht ersetzen konnte. Sein Augenmerk war vor allem auf die 
geistige Ausbildung gerichtet, und frühzeitig hatte er ihn im Latei- 
nischen und Griechischen unterrichtet, seine späteren Mitschüler am 
Gymnasium in Kreuznach, die staunend vor seinem Wissen standen, 
behaupteten, schon vom dritten und fünften Jahre ab. Sonst äußerte 



J ) Für mannigfache Auskunft über die letzten Jahre bin ich Frau 
Prof. Piasberg zu großem Danke verpflichtet. 



Hg Otto Piasberg. 

sich des Vaters Fürsorge in einer gar zu großen Ängstlichkeit um 
den einzigen Sohn, den er hatte. Allerdings muß dieser nach dem 
Bericht eines Mitschülers (E. Wendling, Öffentl. Anzeiger für den 
Kreis Kreuznach, Jahrg. 77 Nr. 95) in seiner Kindheit nur schwäch- 
lich gewesen sein, so daß es verständlich war, wenn er besonders 
gehütet wurde. Aber auch darüber hinaus lag dein Schulmann 
jener Tage, der hauptsächlich Humanist war, Sport und körperliche 
Übung fern. Turnen , Spielen , Schwimmen , Schlittschuhlaufen 
blieben deshalb dem heranwachsenden Knaben fremd und haben 
auch später in seinem Leben niemals eine Rolle gespielt, so daß 
man ihm bei besonderen Anlässen leicht eine gewisse Ungeschick- 
lichkeit oder Schwerfälligkeit anmerken konnte, die erst das mili- 
tärische Dieustjahr beseitigt hat. Nur für Wanderungen hat er immer 
Sinn gehabt , bei denen neben der Ausarbeitung des Körpers das 
Gemüt zu seinem Rechte kam. So war er während seines Aufent- 
haltes in Berlin einer der regelmäßigsten Teilnehmer einer Ver- 
einigung, die sich zu sonntäglichen Ausflügen zusammenfand, und 
manchen Gang in den Grunewald und die übrige Umgegend Berlins 
hat er mit dem Verfasser dieser Zeilen gemacht. Die größte Freude 
aber war's ihm, als er nach bestandenem Doktorexamen dem Freunde, 
der sich in gleicher Lage befand, seine Heimat und den schönen 
Rhein zeigen und mit ihm durch die Täler ziehen konnte. Da ging 
ihm das Herz auf, und so wenig er für die Einzelheiten der Natur 
Interesse hatte , die ästhetische Freude an ihrer Schönheit erfüllte 
ihn; ja, wenn es galt, die Gabe der Rebenhügel zu proben, dann 
konnte auch der sonst auf ihm liegende Ernst völlig zurücktreten. 
Beim Wandern nahm er es durchaus mit jedem auf, und von irgend- 
einer Schwäche war in späteren Jahren nichts mehr bei dem breit- 
schultrigen Manne zu merken. Seine eiserne Willenskraft hat ihm 
ja auch ermöglicht, nach beendeten Studien mit Erfolg sein Jahr 
abzudienen und als einziger in der Kompagnie zum Unteroffizier 
aufzurücken; und an Arbeitskraft konnten nur wenige mit ihm 
wetteifern; Erholung gönnte er sich nie, bis spät in die Nacht saß 
er am Schreibtisch, und bis in seine letzten Jahre war die Zeit des 
Schlafes bei ihm auf ein Minimum beschränkt. 

Die einzige Muße, die er sich gestattete, galt im Grunde seiner 
musikalischen Neigung. Schon seine Mitschüler wußten zu erzählen, 
daß er außer dem geliebten Klavierspiel, das er auch nur des Sonn- 
tags zu Hause pflegte, jede Ablenkung mied. Die Musik aber war 
ihm auch wirklich eine Freundin im Dasein , und ein besonderes 
Glück für ihn war es, daß er eine gleich musikalische Lebens- 



Otto Piasberg. 119 

gefahrtin fand, die er beim Gesänge begleiten konnte. Ergreifend 
war es für die Familie, als der nach der StralJburger Flüchtlings- 
zeit lange entbehrte Flügel endlich in Hamburg ankam und nun 
das Oberhaupt den Deckel aufschlug und einen Choral spielte; .so 
löste sich ihm jedes Empfinden in Töne auf. Wenn er als Student 
den Freund dazu anregte, mit ihm Beethovens neunte Symphonie 
oder Wagners Lohengrin zu hören , ein Genuli , der durch fünf- 
stündiges Ausharren auf dem Stehplatz immerhin schwer erkämpft 
wurde, so war ihm das dieselbe Freude wie bei der Wanderung 
den Rhein aufwärts von Bonn. 

So war seine Seele durchaus dem Frohsinn nicht unzugänglich, 
wie er auch einen gewissen Humor sein eigen nannte , allerdings 
keinen ganz ungekünstelten , sondern einen bewußten und durch 
eine Art Gelehrsamkeit gestutzten. Als Schuler stellte er den Kon- 
flikt eines andern mit einem Lehrer in Thukydideischem Griechisch, 
auch in epischen Versen dar, dem Freunde verfaßte er später die 
Hochzeibizeilung. Aber im Grunde war sein Wesen doch ernst, in der 
Jugend weit Uber seine Jahre; in späterer Zeit wurde diese leicht 
in Pessimismus und Melancholie ausartende trübe Grundstimmung 
seiner JUnglingsjahre durch den Sonnenschein, der von seiner Ehe 
ausging, gemildert und erhellt; der Besitz ruhigen Friedens und 
das Gefühl stiller Geborgenheit gab ihm sogar eine gewisse Heiter- 
keit, die erst durch die unglücklichen Erlebnisse des Jahres 1918 
nach dem Zeugnis seiner Frau rein fortgeweht war. Aber ver- 
anlaßt war die Neigung zu geistiger Depression wohl etwas durch 
seine Kopfform ; sein mächtiges Haupt mit einer stark und gerade 
hervortretenden Stirn fiel schon seinen Mitschülern auf, von denen 
er einmal angedichtet wurde mit scherzhafter Beziehung auf seinen 
Namen: Sei mir gegrüßt, mein Berg mit dem plastisch gewöibeten 
Gipfel. Als er beim Militär eintrat, fand sich bei seiner Einkleidung 
zunächst durchaus kein Helm , der seiner Kopfweite von 63,5 cm 
genügt hätte, und bei einer Besichtigung machte ein Vorgesetzter, 
staunend über die Größe des Kopfes, den der Helm nur notdürftig 
bedeckte, die scherzhafte Bemerkung: Einjähriger, wenn das alles 
voll ist , dann gratulier' ich Ihnen zu Ihrer Zukunft 1 . Bei der 
Sektion ergab sich nach seinem Tode ein abnorm großes Gehirn. 
Die Erziehung in dem einsamen, mutterlosen Hause und das Vor- 
bild des Vaters kamen hinzu, um ihm schon früh das Gepräge zu 
geben, das er sein ganzes Leben gezeigt hat; denn auch er hatte 
des 'Lebens ernstes Führen* als Erbteil des Vaters. Entschlüsse 
wurden ihm schwer; mit einer gewissen Pedanterie erwog er das 



120 



Otto Piasberg. 



Pro und das Kontra uud führte gleichsam Buch darüber. Gewissen- 
haft bis zum äußersten in den Verpflichtuugen des Lebens und in 
seiner Arbeit, ließ er den frohen Wagemut oder gar den holden 
Leichtsinn völlig vermissen. Es wäre unmöglich gewesen, daß er 
je einen Geburtstag eines ihm nahe Stehenden vergessen hatte. 
Alle eingehenden und abgehenden Briefe und Karten zählte er 
ordnungsmäßig wie fürs Archiv, und dem Freunde wurde nach dem 
Tode des einstigen Empfängers die Korrespondenz seiner Jugend 
zurückgegeben, die sogar von dem Fliehenden aus Straßburg ge- 
rettet war. 

Seine Gewissenhaftigkeit verstärkte noch den Ernst und die 
Schwermut, die ihn zu Zeiten bis zum Verzagen und zum Ver- 
zweifeln an seineu eigenen Fähigkeiten geführt haben, so daß er 
aufs tiefste litt, weil er sich selber nicht genug tun konnte; da 
half auch des Freundes tröstender und antreibender Zuspruch nur 
wenig. Er hat zeit seines Lebens die strengsten Ansprüche an 
sich selber gestellt, und alles wurde von ihm unter dem Gesichts- 
winkel der Pflicht betrachtet ; so glänzte er, obwohl ausgesprocheuer 
Humauist, auf der Schule auch iu andern Fächern, im Deutschen, 
ja selbst in der Mathematik, die ihm sonst gar nicht lag. Daß er 
dabei kein Streber war, haben seine Mitschüler anerkannt, die sich 
vor seiner Person willig beugten, und das hat sein ganzes Leben 
bewiesen. Im Gegenteil , eine manchmal geradezu mimosenhaft 
feinfühlige Natur, vermied er alles, was auch nur entfernt nach 
Strebertum aussehen konnte, vermied es auch, Bekanntschaften 
zu machen oder Persönlichkeiten aufzusuchen, die ihm hätten förder- 
lich sein können; er wollte seinen Weg allein gehen. Allein, aber 
nicht obne Freunde; denn auch er war ein 'Mensch mit seinem 
Widerspruch 1 , und eine seltsame Weichheit und eine starke Senti- 
mentalität bezeichneten sein Freundschaftsgefühl, vor allem in der 
Jugend, bis ihn die eigene Ehe und die Geburt seiner Söhne mehr 
auf den Boden der Wirklichkeit stellten. Die Fähigkeit, für andere 
sich aufzuopfern , behielt er auch daun noch iu hervorragendem 
Maße; keine Hilfeleistung, etwa durch Übernahme einer Korrektur, 
lehnte er je ab, mochte sie ihn noch so sehr in eigener Arbeit 
stören, und das Urteil gegenüber den Leistungen manches seiner 
Berliner Bekannten und Freunde blieb eigentlich immer durch die 
persönlichen Beziehungen beeinflußt. 

Im März 1885 verließ Otto Piasberg das Progymnasium, das 
unter des Vaters Leitung stand, und damit das Vaterhaus, um die 
Prima des Gymnasiums in Kreuznach zu besuchen. Von da ab 



Otto Plasberg. 121 

war er auf sich eelber angewiesen, die Vereinsamung, zu der ihr* 
das Schicksal verurteilt, da es ihm Mutter und Geschwister vor- 
enthielt, nahm noch zu, und der ihm eigene Zug von Geschlossen- 
heit und Selbständigkeit, den sein Wesen schon früh verriet, mußte 
sich allmählich bei ihm herausbilden. Seine überragende Bedeutung^ 
verschaffte ihm in seiner Klasse bald die unbestrittene Führung; 
mit E. Wendling hat ihn auch später noch freundschaftliches Emp- 
finden verbunden, zumal die auf die klassische Philologie gerich- 
teten Interessen die gleichen waren , und Wendlings Dissertation 
De peplo Aristotelico 1891 war für ihn selber ein Ansporn, zum 
Abschluß seiner Studien zu kommen. Unter seinen Lehrern hat 
besonders Prof, 0. Kohl einen großen Einfluß auf ihn ausgeübte 
dem er auch später stets aufrichtige Verehrung und Dankbarkeit 
gezollt hat. Im März 1887 wurde er aus dem Gymnasium mit dem 
Zeugnis der Reife entlassen. Das Urteil im Lateinischen steht dem 
in allen andern Fächern weit voran; beide Prüfungsarbeiten waren 
sehr gut, und es wird dem Abiturienten bescheinigt, daß er *sehr 
sichere Kenntnisse in der Grammatik und gewandte Fertigkeit im 
lateinischen Ausdruck besitzt 5 ; aber es ist überhaupt kein Prädikat 
anter 'Gut', und auch in der Mathematik hat sich der Abgehende 
c gute Kenntnisse erworben*. 

Damit begann die fröhliche Studentenzeit; denn fröhlich war 
sie im schönsten Sinne des Wortes selbst für eine so ernste Natur 
wie Otto Plasberg. Schon der neue Einblick in die wissenschaft- 
liche Arbeit, der sich vor ihm auftat, mußte dem Strebenden ein un- 
gekanntes Glück bedeuten. Dazu kam, daß er seine Schritte zuerst 
dem von Romantik umwobenen Heidelberg zuwandte. Allerdings 
dem eigentlichen Studentenleben hat er stets fern gestanden; den 
wunderbaren Reiz des Ortes hat auch er verspürt. Zwei Semester 
hat er dort zugebracht. Neben Kuno Fischer hörte er vor allem 
Osthoff, Erwin Rohde, Zangemeister und machte bei Brandt philo- 
logische und sprachliche Übungen mit; überall wurde ihm der vor- 
zügliche Fleiß und die rege Teilnahme bescheinigt. Die Neigung 
zum Sprachlichen Uberwog von Anfang an. Das Sommersemester 
wanderte der junge Student an die rheinische Universität Bonn, 
damals die Hochburg klassischer Philologie, an der als unbestrittene 
Meister Bücheler und Usener wirkten. Er hörte beide, daneben 
auch theologische Vorlesungen, wie er wohl ursprünglich beabsich- 
tigt, Religion als Nebenfach für die Schule zu verwerten; das be- 
sondere theologische Interesse verrät schon das Abiturientenzeugnis 
mit 'Sehr gut' in der Religion und im Hebräischen. Als ein 



222 0tto Dasberg. 

Wunder muß es erscheinen, daß besonders Bücheler ihn nicht für 
immer gefesselt hat. Er hatte wohl, als er im Wintersemester 1888 
sich in Berlin immatrikulieren ließ, daran gedacht, nach einiger Zeit 
ins Rheinland zurückzukehren. Dann wirkten persönliche Bezie- 
hungen dazu, daß er seinen Aufenthalt in der Hauptstadt verlängerte. 
In dem philologischen Seminar fand er nicht nur einen angeregten 
Kreis Gleichstrebender, die auch außerhalb der offiziellen Übungen 
ein Abend in der Woche regelmäßig zu gemeinsamer Lektüre ver- 
einigte; er fand dort den Freund, mit dem er gar manches Mal 
auf Wanderungen , beim Glase Bier oder daheim Zukunftsträumen 
nachhing, Lebensprobleme erwog und die bedeutsamsten Pläne 
schmiedete; er fand dort in der Familie von A. Döring, der nach 
der Befreiung vom Amte des Gymnasialdirektors in Groß-Lichter- 
felde seiner wissenschaftlichen Arbeit lebte und als Dozent an der 
Universität Berlin wirkte, die Herzensgefährtin, der er zunächst in 
stiller Liebe huldigte und die dann nach manchen Schicksalswirren 
doch noch die Seine werden sollte ; er fand «schließlich in Johannes 
Vahlen den Lehrer, dessen Eigenart seiner Veranlagung am 
meisten entsprach und an den er sich mehr und mehr innerlich 
gebunden fühlte. Dazu starb sein Vater in jener Zeit, und für den 
Einsamen war damit der Zug zur Heimat wesentlich verringert. 
Unter den Vorlesungen , die er in jenen Semestern hörte , standen 
die bei Vahlen, KirchhoflF, Diels, Job, Schmidt obenan; daneben 
liest man in seinem Abgangszeugnis Zeller, Paulsen, Curtius, Har- 
uaek u. a. ; auch das Theologische spielte wie in Bonn noch eine, 
wenn auch bescheidene, Rolle. An Übungen machte er die bei 
Vahlen, auch zwei Semester die bei Hübner mit, im übrigen wurde 
er Mitglied des Seminars, dem er einige Zeit als Senior vorstand ; 
und hier war es, wo vor allem Vahlen seine feine Interpretations- 
kunst, seine überlegene Kritik, seine wunderbare Sprachbeobachtung 
in der lebendigsten, oft geradezu sprühendsten Weise zum Ausdruck 
brachte. Die damals noch vorhandenen lateinischen Disputier- 
übungen, in denen die Mitglieder des Seminars selbstgewählte 
Thesen textkritischer Art gegen einen Angreifer zu verteidigen 
hatten , waren uns ein steter Genuß , und oft vereinte uns — der 
dritte im Bunde war Robert Fuchs, der Übersetzer und Erforscher 
der griechischen Mediziner — nachher ein gemütliches Beisammen- 
sein, um die gewonnenen Eindrücke auszutauschen. Als Seminar- 
mitglied erhielt Piasberg auch das Boeckhstipendium, wofür er ent- 
" sprechend den Bestimmungen gewissenhaft im Jahre 1904 einen 
Betrag zurückerstattete. 



Otto Piasberg. 123 

Verkehr hatte er außerhalb des sieh von selber ergebenden 
Kreises keinen. Dafür nutzte er aus, was ihm Berliu au musika- 
lischen Darbietungen gewährte, allerdings niemals im Übermaß, 
sondern immer durch eine gewisse, weniger erzwungene als ange- 
borene Sparsamkeit geleitet; denn das kleine Vermögen, das ihm 
der Vater hinterlassen, erlaubte ihm vollauf, bis er selber eine 
Stellung erworben, sorglos in die Zukunft zu sehen, und hielt ihn 
frei von jeder Verpflichtung, seinem Studium irgendwelche Zeit fin- 
den eigenen Gelderwerb zu entziehen. Eine besondere Anregung 
bot ihm gleich zu Beginn seines Berliner Aufenthalts die Beziehung 
zu Wilhelm Studemund, mit dem der Vater befreundet war und 
der damals zum Zweck einer Operation in Berlin weilte. Während 
er sich auf dem Krankenlager befand, führte der junge Student 
für ihn die Privatkorrespondenz; aber außerdem entspannen sich 
wertvolle Gespräche , dem Philologiebeflissenen die weiteren Wege 
zu ebnen und ihm eiae Anleitung zu eigener Arbeit zu geben. 
Zwar das damals als Stoff einer Dissertation empfohlene Thema: 
'Bildung und Gebrauch des Optativs im älteren Griechisch 5 blieb 
unbearbeitet, aber der persönliche Umgang mit dem gerade aucli 
auf sprachlichem Gebiet besonders tätigen Gelehrten war ein Gewinn 
für deu Anfänger , wie er selber in seiner Vita bekannt hat. In- 
teressant ist das Urteil, das Studemund damals dem Vater gegen- 
über, durch den er vielleicht irgendwie veranlaßt war, über den 
Sohn fällte; in einem Briefe von ihm stehen die Worte: 'Ihr Herr 
Sohn hat einen vorzüglichen, zuverlässigen Charakter, arbeitet stetig 
und ruhig, ist bei den wissenschaftlichen Studien vorsichtig im 
Schließen und doch entschieden mit ungewöhnlichem Talent und 
großer Beweglichkeit der Phantasie auf dem Gebiete der ver- 
gleichenden und historischen Grammatik ausgestattet 5 . Damit sind 
die Schranken der Begabung Pittsbergs richtig gekennzeichnet. 

Aus den Seminararbeiten gestaltete sich allmählich die Disser- 
tation, zu der er das Thema sich selbst gewählt hatte: Vahlen 
stellte weder zu Seminar- noch zu Doktorarbeiten jemals die Auf- 
gabe und überließ es dem Studierenden, sich durch den Gang seiner 
eigenen wissenschaftlichen Tätigkeit auf ein Problem führen zu 
lassen, das ihn zur Behandlung lockte. Die Dissertation De M. 
Tullii Ciceronis Hortensio dialogo hat iu der philologischen Welt gar 
bald einen Ruf erlangt, da kein Geringerer als Hermann Usener 
sich dazu verstand, ihr in den Gött. Gel. Anzeigen (1892 Nr. 10, 
S. 377) eine eingehende Besprechung zu widmen. Darin bringt er 
eine Anzahl von Ausstellungen vor, erkennt aber an, daß in dieser 



124 



Otto Piasberg. 



Erstlingsschrift 'die Reste des Ciceronischen Hortensias nicht nur 
vollständiger als bisher gesammelt, sondern auch, was wir bisher 
vermißten, nach Kräften und in Zusammenhang gesetzt werden. 
Auch wer sich eingehender mit diesen anziehenden und fesselnde« 
Fragmenten beschäftigt hat, wird sich im Verständnis derselben 
durch diese tüchtige Leistung mannigfach gefördert fühlen und dem 
jugendlichen Verfasser Dank wissen. In der sorgfältigen Beobach- 
tung des Sprachgebrauchs , in der Achtung vor der Überlieferung,, 
in der Beherrschung der übrigen philosophischen Schriften Cicero» 
zeigt sich die Schule J. Vahlens und A, Kirchhof!'» , denen die 
Schrift gewidmet ist', Zum Schluß wird dann noch die Sauberkeit 
sowohl des lateinischen Ausdrucks als des Druckes betont. Und in 
der Tat hat der Verfasser hier die seit früher Jugend geübte 
lateinische Denk- und Ausdrucksweise zum erstenmal offenbart. 
Die Sorgfalt bei der Überwachung des Druckes entsprach nur seiner 
ständigen Gewissenhaftigkeit, und er hat in dieser Hinsicht nahezu 
die Akribie Vahlens und Büchelers erreicht. Wie peinlich er jede 
Unregelmäßigkeit im Drucke empfand, davon zeugt ja, daß z. B. in 
seiner kleinen Ausgabe der Aeademica unter den Corrigenda selbst 
bemerkt ist, daß die Bezeichnung der Zeilenzahlen auf S. 1 um 
ein weniges nach unten gerückt ist. 

Dem Abschluß der Arbeit folgte die Prüfung am 14. Januar 
1892, bei welcher dem Examinanden das Prädikat magna cum laude 
erteilt wurde, und am 15. März die öffentliche Promotion nach er- 
folgter lateinischer Disputation über drei der sententiae controversae, 
welche der Dissertation beigegeben waren. Der damalige Dekan 
Hermann Diels hatte es nicht leicht gegenüber der bei den feier- 
lichen Promotionsakten dieses Jahres zutage tretenden Disputierlust 
seiner Promovenden. Ein Doktorschmaus in kleinem Kreis krönte 
die Feier, und dann folgte, nachdem der Freund ebenfalls die summt 
in philosophia honores erhalten, zur Belohnung für mondelange 
fleißige Arbeit eine gemeinsame Erholungsreise an den Rhein, bei 
der man , von allem Wissensqualm entladen , sich so recht der 
Schönheit der Welt und der Freude am Dasein hingeben konnte. 
Keine der später zusammen unternommenen Reisen oder Wande- 
rangen nach Bornholm, durch die Vogeseu, ja selbst nach Florenz 
hat den Zauber erreicht, der über dieser Fahrt zweier jugendfrohen 
Seelen lag, die nach Erlangung des ersten selbstgesteckten Zieles, 
noch bar jeder Pflicht, hinausschweiften in die sonnigen Täler des 
Rheins. 

Eine Unterbrechung erfuhr die weitere wissenschaftliche Arbeit 



Otto Piasberg. 125 

Piasbergs dadurch, daß er am 1. Oktober 1892 in Münster im Kgl. 
Infanterieregiment Herwarth von Bittenfeld (1. Westfälisches) Nr. 18 
zur Ableistung des Dienstjahres als Einjähriger eintrat, wo er der 
6. Kompanie zugeteilt wurde. Obwohl körperlich gar nicht geübt, 
brachte er es durch Pflichtgefühl und Energie zur Zufriedenheit 
seiner Vorgesetzten. Nationales Erapfindeu und soldatisches Gefühl 
erleichterten ihm die Anstrengungen, die der Dienst ihn kostete. Er 
war auch bedacht darauf, Reserveoffizier zu werden: da stellten 
sich nach einer militärischen Übung starke Drüsenanschwellungen 
am Hals ein, und in den Jahren 1894 — 96 mußte er sich mehrfach 
Operationen unterziehen. Das hatte zur Folge, daß er endlich 
dienstuntauglich geschrieben wurde. Ihm war es besonders im Jahre 
1914 ein schweres Leid, daß er nicht zur Verteidigung des Vater- 
landes mit ausrücken durfte. Das Soldatische an sich mit seiner 
strengen körperlichen und geistigen Zucht mußte ihm, der so ganz 
auf Pflichtgefühl und Selbstbeherrschung eingestellt war, sympathisch 
sein. Als seine beiden Jungen in dem Alter waren , ließ er sie 
manchmal exerzieren, und die ganze Familie staunte, wie gewandt 
er Kniebeuge oder Parademarsch vormachte. 

Das nächste Jahrzehnt bis zu seiner Verheiratung war für 
Otto Piasberg trotz allen Erfolgen und Fortschritten vielleicht das 
trübste seines Lebens. Er geriet in eine zunehmende Depression, 
die ihn an seinem eigenen Können irre machte. Eine Erkrankung 
an Kopfrose und die mehrfach notwendig werdenden Operationen 
wegen tuberkulöser Drusen waren dabei kaum von Einfluß, sondern 
zunächst die Ungewißheit, was aus ihm werden sollte, dann die 
starke Selbstkritik, welche immer nur die eigene Unzulänglichkeit 
betonte. Zum Staatsexamen konnte er sich nicht entschließen. 
Dafür bearbeitete er das 1895 von der Akademie in Berlin für die 
Charlottenstiftung gestellte Thema, das ja im Kreis seiner bisherigen 
Studien lag: ■CicerosTimäus soll auf Grund des veröffentlichten Materials 
in neuer textkritischer Bearbeitung vorgelegt und knapp gehaltene 
Prolegomena über die Recensio , die Authentie der Übersetzung 
und die Komposition des beabsichtigten Dialogs vorausgeschickt 
werden.' Er lieferte schließlich das, was er fertiggestellt hatte, 
nach manchem Zureden ab, war aber innerlich von einem Mißerfolg 
überzeugt; schon das Motto, das er bei der Einreichung benutzte: 
est quadam prodire tenus, war für ihn bezeichnend. Das Resultat 
war, daß er seinen Mitbewerber Karl Fries aus dem Felde schlug 
und den Preis in Gestalt eines Stipendiums auf vier Jahre erhielt. 
Das Urteil der Akademie lautete: 'Zwar hat der Verfasser ... das 



126 



Otto Plaaberg. 



Thema (durch Krankheit verhindert, wie er angibt), nicht in seinem 
vollen Umfange behandelt, und seine ganze Richtung zeigt ihn mehr 
nach der grammatischen als nach der realen Seite hin mit dem Gegen- 
stande vertraut. Aber seine Kenntnis des klassischen Lateins und 
seine Sicherheit in kritisch - exegetischen Fragen verrät eine aus- 
gesprochene philologische Begabung, die ihn für die in Aussicht 
genommene weitere Aufgabe, eine Neuausgabe des philosophischen 
Corpus Ciceros, in erster Linie geeignet erscheinen läßt.' In 
finanzieller Hinsicht bedeutete dies Stipendiun» der Charlottenstiftung 
für den Bedachten sehr viel, da es ihm die sorglose Fortführung 
seiner Studien erleichterte; in ideeller wies es ihm die Wege für 
seine nächste Arbeit, ja, man darf sagen, für seine Lebensarbeit, 
oder richtiger: legte ihm als Verpflichtung auf, was sich bei ihm 
schon als Absiebt herausgebildet hatte. Die Satura Tulliana im 
Rhein. Museum LIII (1898) und die Vindiciae Tullianae in der 
Festschrift für J. Vahlen (1900) waren Vorarbeiten dazu. Aber 
gerade die Größe der Aufgabe hatte für ihn bei seiner Art, alles 
und auch das Kleinste und Äußerlichste aufs genaueste zu erwägen, 
etwas Erdrückendes. Dazu fehlte ihm die dem Leben Halt und 
Anregung gebende Genugtuung eines Amtes. So war es ein Glück, 
daß es, als Richard Heinze Straßburg verließ, für ihn möglich 
wurde, an dessen Stelle zu treten. Es bedurfte manches Antriebs, 
ihn zu einer Bewerbung zu veranlassen, und des ganzen vorbild- 
lichen Entgegenkommens der Straßburger Ordinarien gegenüber dem 
jungen Gelehrten , um alle Bedenken aus dem Wege zu räumen. 
Besonders Richard Reitzenstein ermutigte ihn durch sein Überaus 
freundliches Schreiben und redete ihm den Gedanken aus, die 
Assistentenstelle und die stilistischen Übungen ohne gleichzeitige 
Habilitation zu übernehmen. Es wurde ihm gestattet, als Habili- 
tationsschrift einen Teil der Ciceroaasgabe, der am weitesten vor- 
geschritten war, einzureichen; Arbeiten auf griechischem Gebiet 
wurden nicht besonders verlangt. In allem zeigte sich gewinnende 
Freundlichkeit und hervorragendes Wohlwollen, dem Jüngeren die 
Wege zu ebnen und ihm mit Rat zur Seite zu stehen. Reitzenstein 
empfahl ihm, zunächst nicht im Kolleg seine Hauptaufgabe zu sehen, 
sondern seine literarischen Arbeiten zu Ende zu führen und sich 
auf das Griechische auszudehnen; und für die Volesungen selber 
schloß er von vornherein jeden Konflikt aus: 'Ich denke, daß wir 
das ruhig persönlicher Einigung überlassen können, rechtliche 
Schranken darf es hier überhaupt nicht geben. 5 So konnte im 



Otto Piasberg. 127 

Sommersemester 1901 die Habilitation erfolgen-, das Thema der 
öffentlichen Probevorlesung lautete: 'Metapher und Gleichnis'. 

Die Straßburger Dozentenzeit hat nicht sehr lange gedauert. 
Neben der Fortsetzung der Arbeit an der Ciceroausgabe galt sie 
dem Einarbeiten in den neuen Beruf und der Ausdehnung der Be- 
schäftigung aufs Griechische. So las er z. B. über Thukydides und 
Uber Theokrit, und es machte ihm Freude, um seinen Zuhörern 
auch den Begriff von dem Ganzen zu geben, dessen Pbarmakeutria 
in eigener poetischer Übersetzung vorzutragen. Zu literarischer 
Produktion gab Reitzenstein , dessen Wohlwollen und Freundschaft 
auch über die gemeinsamen Wirkungsjahre angedauert hat und 
dankbar empfunden wurde, einen Anlaß, indem er dem jungen 
Kollegen die Veröffentlichung einer Anzahl von Stücken der Straß- 
burger Papyrussammlung Ubertrug, die er selber aufgerollt und 
unter Glas gebracht hatte; sie erfolgte unter dem Titel 'Straß- 
burger Anekdota 5 im Archiv für Papyrusforschung II, S. 185 — 228. 
Zu den Studenten wurde das Verhältnis bald ein außerordentlich 
freundliches; sie emfanden die gewissenhafte Hilfsbereitschaft des 
Institutsassistenten und zeigten dem Scheidenden dann ihre Anhäng- 
xhkeit in einer Weise, die ihm sehr zu Herzen ging. Unter den 
jüngeren Kollegen war es vor allem Premier, der ihm nahe kam. 
Die Beziehungen zu Berlin wurden aufrecht erhalten, besonders 
auch zu J. Vahlen. Und wie der ehemalige Schüler schon während 
seines Aufenthalts in Berlin für den erkrankten Lehrer einmal die 
Drucklegung des Lektion skataloges , die ja diesem oblag, bereit- 
willigst Uberwacht hatte, so half er jetzt bei der Abfassung des 
Apparates und bei den Korrekturen der Neuherausgabe des Ennius 
(s. S. CXXXVII) und stellte die Indices dazu her. Es war ihm 
eine selbstverständliche Pflicht, der Bitte zu entsprechen, obwohl 
sie gerade damals ihn in eigener Arbeit wesentlich hemmte; aber 
es war doch eine Erleichterung, als der Druck Mitte 1903 erledigt 
war. Eine Unterbrechung erfuhr diese Zeit durch eine Reise nach 
England im Frühjahr 1903, die ebenso wie eine italienische Reise 
vorher (1900) der Kollation von Cicerohandschriften gewidmet war. 
Die Stimmung wurde in England nicht gerade besser, da das Ge- 
fühl der Vereinsamung durch den Gegensatz zu der wenigstens 
teilweise in Freundesbegleitung gemachten Fahrt nach dem Süden 
um so stärker wurde. 

Auch die verhältnismäßig frühe Berufung als Extraordinarius 
nach Rostock im Herbst 1903 verschlimmerte im Grunde nur die 
Melancholie. In seiner Gewissenhaftigkeit fühlte der kaum mit ein 



128 0tt0 Piasberg. 

paar Vorlesungen Fertige sieh nicht der Aufgabe gewachsen, dort 
plötzlich zehn Wochenstunden zu übernehmen, wozu er verpflichtet 
wurde. Er sah sich weiter in der Produktion gehemmt durch die 
Vorbereitungen fllr die Lehrtätigkeit, und ihm selbst brannte das 
Verlangen auf der Seele, endlich die Verpflichtung, die er mit der 
Lösung der Tiraäuspreisaufgabe eingegangen, zu erfüllen ; hatte er 
doch bis jetzt von der damaligen Arbeit noch nicht einmal etwas 
gedruckt, weil sie ihm selbst unzulänglich und nur ein Anfang 
schien , und nun drängten Freunde und wohlwollende Kollegen, 
allen voran sein alter Lehrer J. Vahlen, endlich etwas zu veröffent- 
lichen : 'sive id non pote sive pote\ Außerdem bedrückte es sein 
Herz, daß er hier wie auch anderswo später immer gerade mit dem 
nächsten Freunde in Konkurrenz treten mußte , mit dem er in 
dauernder Vexbindung stand und dem er oftmals Kummer und Leid 
seines Lebens mitteilte. Als er sich nach langem Schwanken zur 
Professur entschlossen hatte , die er ja nicht umgehen konnte, 
wünschte er doch auf den Briefadressen den Titel 'Professor' ver- 
mieden zu sehen. Auch das Aufgeben des vertrauten Wirkungs- 
kreises und des Verkehrs mit lieb gewordenen Kollegen wurde 
ihm schwer. Allerdings fand er auch in Rostock allmählich dafür 
Ersatz, besonders als Watzinger und Kolbe für Archäologie und 
alte Geschichte berufen wurden und Bloch ihm aus Straßburg folgte. 
Auch das Verhältnis zum Ordinarius der klassischen Philologie, 
Otto Kern, gestaltete sich immer erfreulicher und vertrauensvoller. 
Erst nach dessen Fortgang und mit längerer Dauer seiner Tätigkeit 
lastete auf dem Extraordinarius das Mißverhältnis zwischen seiner 
vollen Verantwortlichkeit und seiner Stellung in oder außerhalb der 
Fakultät; er trug die Verpflichtung wie sein Fachkollege, hatte die 
Staatsprüfungen mit abzuhalten, war aber von den Fakultätssit- 
zungen ausgeschlossen. Es war begreiflich, daß diese Unzufriedenheit, 
welche noch die sonstige Depression steigerte, sich auch nach außen 
bemerkbar machte. 

Eine Erlösung von dem Druck, der auf seinem Gemüt gelegen 
hatte, brachte erst das Jahr 1906. Nachdem schon einige Monate 
vorher ihm die Aussicht neuen Mut gemacht hatte, daß die stillen 
Wünsche seines Herzens doch noch Erfüllung finden könnten, ward 
die Hoffnung zur Tatsache, und nach drei herrlichen Tagen, ver- 
lebt im idyllischen, träumerischen Rheinsberg, konnte er im Juni 
dem Freunde, zunächst noch in aller Verschwiegenheit, mitteilen, 
daß er die Lebensgefährtin erhalten habe, nach der seine Seele 
verlangt. Für ihn , den Einsamen , der doch ein so brennendes 



Otto Piasberg. 



129 



Sehnen nach Zuneigung in sich trug, bedeutete das ein neues, 
besseres Leben. Die Frühjahrsreise nach Italien, zu der ein Straß- 
burger Stipendium den Anlaß gegeben, stand schon unter dem 
Zeichen der Ungeduld und der Spannung, wie das Schicksal ent- 
scheiden würde. Es entschied gut, und im Herbst fand die Hoch- 
zeit statt. Es war die denkbar glücklichste Ehe, die geschlossen 
wurde, in der die Charaktere sich ergänzten und die durch das 
gemeinsame musikalische Interesse verklärt wurde. Dem, der seit 
seiner Kindheit ohne die sorgende, begütigende, tröstende Frauen- 
liebe durchs Leben gewandert, war plötzlich ein Sonnenschein ge- 
geben, der ihm Arbeit und Amt verklärte; und nach der Geburt 
seines ersten Sohnes schrieb er von seinem Kolleg : c Das ist mir 
noch nie so glatt gegangen wie in diesem Sommer, und ich merke 
daran so recht , was häusliches Glück wirkt.' Es war begreiflich, 
daß die nächsten Jahre auch Rostock in einem besonderen Lichte 
erscheinen ließen, so daß der von der Stätte seiner ersten Professur 
längst Entfernte später davon träumte, im Alter, wenn er sich ein- 
mal zur Ruhe gesetzt, wieder dorthin zurückzukehren, wo seit seiner 
Studentenzeit zum erstenmal das Dasein ein lichtes Aussehen für 
ihn gewonnen hatte. Erhöht, wurde sein Wohlbehagen dadurch, 
daß im Jahre 1907 endlich der Druck des ersten Faszikels 
der großen Ciceroausgabe beginnen konnte, enthaltend Paradoxa, 
Acadomica und Timäus, diesen mit genauer Gegenüberstellung des 
Platonischen Originals, so daß die Vergleichuug und die Erkenntnis 
der Art der Übersetzung ohne weiteres möglich war. Im Februar 
1908 konnte das Vorwort geschrieben werden unter Verzicht auf 
eine längere Praefatio, welche nach Abschluß der gesamten Ausgabe 
erfolgen sollte; damit war nach zwölf Jahren zunächst einmal ein 
Teil jener Preisarbeit veröffentlicht und der Anfang mit der Ein- 
lösung des Versprechens gemacht 5 denn die Behandlung einzelner 
Stellen in der Satura Tulliana war doch nur ein Vorspiel gewesen. 
Im nächsten Jahre trug auch ein Ruf an eine preußische Uni- 
versität ihm das Ordinariat in Rostock ein, da das Ministerium in 
jener Zeit, eine starke Tendenz zur Betonung der humanistischen 
Studien hatte. Er blieb allerdings doch nur noch den Sommer 1909, 
um dann, nach Prag berufen, einen Außenposten deutscher Wissen- 
schaft an der dortigen deutschen Universität zu beziehen. Es war 
ihm eine Freude dabei, daß sein Rostockev Ordinariat erhalten 
blieb und daß er dazu beitragen konnte, den Freund als Nach- 
folger zu erhalten und damit aus einer allmählich drückend gewor- 
denen Stellung zu befreien. 

Nekrologe 1924. (Jahresbericht f. Altertumswissenschaft. Bd. 202 B.) 9 



130 



Otto Piasberg. 



Im Oktober 1909 erfolgte die Übersiedelung nacb Prag. Das 
Einleben war nicht leicht, die Entfernungen für den jetzt an die 
kleine Stadt Gewöhnten recht weit, der Betrieb an der Universität 
anders als in Deutschland. Jegliches griechische Kolleg war durch 
die Rücksicht auf den Gräzisten versagt. Die Deutschfeindlichkeit 
der Bevölkerung wuchs zusehends; Krawalle zwischen deutschen 
und tschechischen Studenten waren an der Tagesordnung-, wenn im 
'Deutschen Hause' eine Universitätsfestlichkeit stattfand, so mußten 
die Läden nach der Straße fest verschlossen sein , um nicht etwa 
durch die hell erleuchteten Räume die Tschechen zu reizen. Immer- 
hin gelang es bald , Boden zu fassen. Die Freundlichkeit der 
Kollegen tat das Ihre dabei; Karl v. Kraus und seine Gattin hatten 
schon beim ersten Besuch, der nur der Erkundung der neuen Verhält- 
nisse galt, die noch Unschlüssigen völlig bezaubert und zum Kommen 
bewogen; Brotanek, Rauchberg, Pelikan u. a. gehörten zu dem näheren 
Verkehr. Da die Wohnung in Weinberge sehr schöu war, so 
wurde der Aufenthalt in Prag auf diese Weise zu einer glücklichen 
Zeit. Die Ciceroausgabe rückte weiter, und im Januar 1911 konnte 
der Schlußpunkt gesetzt werden unter die drei Bücher de not. 
deor. Der Herausgeber bedauerte nur, daß er nicht vier Monate eher 
fertig geworden, um sie noch dem verehrten Lehrer Vahlen zum 
80. Geburtstag zu überreichen , dem ja die ganze Arbeit als ein 
Zeugnis dankbarer Verehrung zugedacht war. 

Allein so wohl Piasberg sich jetzt mit seiner Familie in Prag 
fühlte, — als die Möglichkeit sich bot, an die Stätte der ersten 
Dozententätigkeit zurückzukehren, zog es ihn dorthin zurück, um 
so mehr, als für die heranwachsenden beiden Söhne ihm der Besuch 
einer Schule in Deutschland wünschenswerter erschien. Im heißen 
Sommer 1911 fand der Umzug statt; dann ging's zur Erholung für 
einige Zeit in den Schwarzwald , wo auch J. Vahlen gerade ver- 
weilte. Einen Tag verlebten dort Lehrer und Schüler miteinander; 
es war das letzte Zusammentreffen; am 30, November des Jahres 
verschied Vahlen, und seine dankbaren Verehrer konnten ihm nur 
noch ein Zeugnis ihrer Pietät ablegen, indem sie herbeieilten, um 
seinen Sarg zur Gruft zu begleiten, sowie durch Herausgabe des 
zweiten Bandes seiner philologischen Schriften , die er selber nicht 
mehr vollendet hatte. 

In Straßburg waren dem Neuangekommenen die Verhältnisse 
vertraut. In Bruno Keil fand er einen alten Kollegen, und als 
dieser einem Rufe nach Leipzig folgte, freute es ihn, Eduard Schwarte 
für Straßburg zurückzugewinnen, unter dem er vordem als Assistent 



Otto Piasberg. 



131 



gearbeitet und den er stets besonders hoch geschätzt hatte. Die 
Beziehungen waren so die besten , und mit tiefem Danke empfand 
er es, daß im Jahre 1918, als er an schwerer Lungen- und Rippen- 
fellentzündung erkrankt war, der Kollege fast jeden Tag kam, um 
nach seinem Befinden zu fragen. Auch sonst war ein anregender 
und freundschaftlicher Verkehr an der Universität vorhanden; 
Breßlan, Spiegelberg, Lenel, Ludwig, Klostermann standen ihm 
näher. Die Ferien gaben Gelegenheit zu wunderbaren Reisen in 
die Schweiz und bis nach Oberitalien, die besondere seine Frau 
mit großer Freude und stetem Glücksgefühl erfüllten, zu Wande- 
rungen in Vogesen und Schwarzwald, Fahrten nach Baden-Baden; 
in der Stadt selber boten das Theater, besonders durch seine Opern - 
aufftihrungen , weiter Konzerte unter Fitznera Leitung den Musik- 
frohen Erholung und hohen Genuß. So fühlte man sich in Leben 
und Wirkungskreis so behaglich, daß es wie eine ausgemachte 
Sache schien, Straßburg nicht mehr mit einer andern Universität 
zu vertauschen, wenn je die Frage sich einstellen sollte. Da kam 
der Krieg, der in der Nähe der Grenze mit all seinen Aufregungen 
und Schrecken stärker empfunden wurde. Die Familie mußte sich 
bei der Evakuierung der Festung zunächst auf einige Zeit trennen ; 
Fliegergefahr hielt die Bevölkerung dauernd in Spannung; die 
Lebensmittel waren außerordentlich knapp, und der Patriot, der 
schon traurig war, daß er zur Rettung und zur Ehre des Vater- 
landes nicht sein Leben eiusetzen durfte, hielt sich wenigstens in 
allem aufs genaueste an die Ernäbruugsvorschriften , um für die 
andern vorbildlich zu wirken. Die Folge war eine seltsame Er- 
krankung, bei der er vierzehn Tage im Dämmerzustand lag und 
sich die Haut, die in handgroßen Blasen aufgelaufen war, vom 
Körper ablöste. Er tat im übrigen, was er vermochte, um den 
Erfordernissen der Zeit zu genügen, arbeitete beim Roten Kreuz, 
tat Postdienst bei der Zensur, hielt auch einmal Vorträge hinter 
der Front ab; seine Tätigkeit wurde durch Verleihung des Ver- 
dienstkreuzes anerkannt. In die Kriegszeit fiel auch das Dekanats- 
jahr, das mit gewohnter Gewissenhaftigkeit erledigt wurde. Die 
eigene Arbeit war natürlich unter diesen Umständen stark ge- 
hemmt während der Straßburger Zeit. Doch lieferte der Cicero- 
forscher als der Berufenste die Praefatio zu der Sij thonsehen 
Sammlung der Faksimile von Handschriften für Bd. XVII und XIX, 
den Heinsianus (Leid. 118) und den Vossianus L.F. 84, beruhend 
auf sorgsamer Durchforschung der Handschriften und ihrer Eigenart. 

Trägt die erste dieser Einführungen das Datum des Aprils 1912 

9* 



182 



Otto Plaaberg. 



so ist die zweite schon in dem angstvollen Winter 1914 verfaßt, 
und ein zages si siuent tempora bringt auch in der sachlichen Dar- 
legung die Gemütsspannung des Verfassers zum Ausdruck. Weit 
mehr noch der Schluß der Vorrede zu der kleineren Ausgabe Ciceros, 
welche die Teubnersehe Verlagsbuchhandlung inzwischen unter- 
nommen hatte, und bei welcher der Verfasser der größeren natür- 
lich die von ibm schon vorher fertig gestellten Schriften neu 
bearbeitete ; da klagt er nicht sowohl , daß der Druck sich vom 
Herbst 1915 bis zum März 1917 hingezogen habe, wie daß nicht 
alles so fehlerlos sei, wie er's wünschte ; ignoscent fortasse qui in- 
tellegent quam difficile sit his minutiis operam dare auhno aequo 
iniquo patriae tempore, Das war noch , ehe das traurige Ende 
kam , das den vaterländisch fühlenden Mann aufs tiefste beugte, 
auch wenn es ihn und seine Familie nicht persönlich so schwer 
getroffen hätte. Sechs Tage vor Weihnachten mußten sie plötzlich, 
mit nur 40 Pfund Handgepäck, über die Rheinbrücke wandern 
unter den höhnischen Blicken und Bajonetten der Feinde; alle 
Habe mußte im Stich gelassen, zum Teil verschleudert werden, um 
in den Besitz einiger Barmittel zu kommen. Glücklicherweise war 
es möglich gewesen , Kolleghefte und Manuskripte , sowie einige 
Bücher vorher in zwei Kisten nach Frankfurt zu senden. 

Der Vertriebene hat sich von dem schweren Schlage nur lang- 
sam erholt ; das stille Glück, das ihm spät geworden und im eigenen 
Heim eine gewisse ruhige Heiterkeit verschafft hatte, war stark 
getrübt. Er hat Straßburgs Schicksal nicht verwinden können, und 
wie er selbstverständlich dem Verein der Elsaß-Lothringer im Weich 
beitrat und für ihn wirkte , so hielt er im Innern Sehnen und 
Hoffen fest, dali die Knechtschaft des Elsaß und der Niedergaug 
der unter deutscher Verwaltung emporgebluhten Universität uur 
eine Episode sei im geschichtlichen Verlauf der Dinge; und als er 
im Oktober 1921 in Hamburg die kleinere Ausgabe der Academica 
abschloß, widmete er sie der Straßburger Wilhelms -Universität und 
den ehemaligen Kollegen mit der traurigen Erinnerung und dem 
zuversichtlichen Trost : vidi illam ac sensi hostium fraude et in- 
solentia turpiter oppressam: 'non est mortua, sed dormit'. Die 
erste Zeit nach der brutalen Verjagung fand der Flüchtige in 
Gengenbach in einem kleinen Gasthaus ein vorläufiges Asyl, bis es 
gelang, in Tübingen eine notdürftig ausgestattete Wohnung und 
einen vorübergehenden Wirkungskreis zu erhalten, da ihm einige 
Kurse im Wintersemester Ubertragen wurden. So hätte sich der 
Aufenthalt alles in allem noch erträglich gestaltet, besonders unter 



Otto Plasberg. 



133 



der freundlichen Teilnahme der Tübinger Kollegen und der tat- 
kräftigen Hilfe des Archäologen Watzinger, der inzwischen nach 
Tübingen Ubergesiedelt war und die alte Freundschaft der Rostocker 
Jahre aufs neue bewies, wenn nicht in dem eisigen Winter den 
körperlich und seelisch Geschwächten ein schwerer Grippeanfall mit 
Bluthusten niedergeworfen hätte. Eine Befreiung aus der Ungewiß- 
heit wegen der Zukunft brachte ihm der Ruf auf die Stelle des 
Latinisten an der neugegründeten Universität Hamburg im Mai 1919, 
den er eben angenommen hatte, als auch Erlangen sich um ihn 
bewarb. Er ging nach Hamburg, zunächst ohne Familie, deren 
Mitkommen die Wohnungsverhältnisse nicht gestatteten, froh, eine 
sichere Stellung zu haben, ohne zu ahnen, wie kurz die Zeit der 
Wirksamkeit, die ihm hier noch beschieden. 

Dieses letzte Lustrum seines Lebeus ward ihm nicht leicht. 
Er lebte sich nicht ohne weiteres in die neue Umgebung ein. Seine 
Aufgabe wurde dadurch größer, daß er das philologische Seminar 
erst schaffen mußte. Die eigene Arbeit war durch den Mangel an 
Büchern erschwert, der ihn zwang, stets auf der Stadtbibliothek zu 
verweilen. Nun fehlte auch fürs erste die häusliche Pflege und 
Gemütlichkeit, die ihm so not tat. So fanden die Seinen, als sie 
im August sich mit ihm vereinten , einen elenden , abgemagerten 
und Ubernervösen Mann vor. Da half die Sorge und Pflege der 
Frau, die binnen kurzem ein Heim hervorzuzaubern wußte, in dem 
die alte trauliche Stimmung sich einstellen konnte. Leider störte 
schwere Erkrankung in der Familie dies neu aufkeimende Glück. 
Doch konnte das Weihnachtsfest wieder mit einem Tannenbäumchen 
gefeiert werden. Und nach langen, langen Monaten kamen auch 
die ausgelieferten Bücher, der Flügel, die Möbel des Studierzimmers 
zu ihrem Herrn zurück ; es war ein weihevoller Augenblick, als ein 
Choral des Dankes zusammenfaßte, was die Seelen fühlten. Jetzt 
erst waren die Bedingungen erfüllt, daß das alte häusliche Glück 
wiederkehrte. Freundschaftlicher Verkehr konnte sich natürlich in 
der Not der Zeit und unter den besonderen Verhältnissen, in denen 
der Vertriebene zunächst lebte, nur langsam anbahnen. Das Ver- 
trauen aber, das die Kollegen in seine immer gleiche Pflichttreue 
und seinen kritisch überlegenen Verstand setzten, wuchs schnell 
and äußerte sich auch darin, daß man ihm dreimal die Wahl zum 
Rektor anbot. Er liebte es nicht, in die Öffentlichkeit hinauszu- 
treten, während er doch bereit war, bis zu seinem äußersten Können 
sich im Dienste des Ganzen aufzuopfern; wie der Dekan am Grabe 
sagte, 'es war allmählich fast zur Selbstverständlichkeit geworden, 



jg4. Otto Piasberg. 

daß er sich gern und freudig jeder Arbeit unterzog, die den andern 
zu schwer oder zu zeitraubend war'. Eine seiner letzten Leistungen 
für die Fakultät war die schöne Adresse zum 50jährigen Doktor- 
jubiläum von Max Lenz, die mit feinsinnigem Eingehen auf Verdienste 
und Wesen des Jubilars den dem Verfasser eigenen wohldurchdachten 
lateinischen Ausdruck verbindet, dem selbst die bei Cicero üblichen 
rhythmischen Satzschlüsse nicht mangeln. Aus diesem sich mehr 
und mehr zu vollster Befriedigung gestaltenden Wirkungskreis riß 
ihn eine tückische und mit ärztlicher Kunst nicht bezwingbare 
Krankheit. Am Sonnabend dem 29. März fühlte er sich nicht mehr 
ganz wohl, am folgenden Montag wurde er ins Krankenhaus ein- 
geliefert wegen Genickstarre, am Dienstag konnte er seiner treuen 
Lebensgefährtin noch ein paar Worte sagen , dann schwand das 
Sprachvermögen; entsetzlich waren die Qualen, die er eine lange, 
bange Woche zu leiden hatte und die auch ärztliche Pflege und 
die treue Fürsorge seiner Gattin nicht zu lindern vermochten ; 
immer wieder reckte er die Arme wie Hilfe flehend gen Himmel, 
bis ihn am Sonntag, dem 6. April 1924, der Tod von den über- 
menschlichen Schmerzen erlöste und ihm für immer die Augen 
ßchloß; am 10. April wurde ihm auf dem wunderbaren Ohlsdorfer 
Friedhof feierlich die letzte Ruhe bereitet; die Ansprachen, welche 
dabei gehalten sind, hat die junge Hamburger Fakultät ihrem ersten 
Toten als eine Gedächtnisgabe drucken lassen. 

Otto Piasbergs Fähigkeiten waren am stärksten auf das Formale 
und Sprachliche gerichtet. Wie ihm die Beherrschung der latei- 
nischen Sprache, die er von frühester Jugend an geübt, selbst eine 
Freude war, so trug er alles dazu bei, ihr historisches Werden zu 
erkennen ; selbstlos und unermüdlich las er deshalb die ersten Kor- 
rekturfahnen des Thesaurus linguae Latinae mit, um Fehler zu ver- 
hindern, und bereicherte sie mit eigenen Beobachtungen, wofür er 
als Mitglied der Thesauruskommission kooptiert wurde. Aber er 
beschränkte sich auch in seiner Arbeit auf dieses Studium, weil er 
bei seiner außerordentlich großen Gewissenhaftigkeit und Selbst- 
kritik anderem sich nicht gewachsen fühlte. Im Rostocker Dozenten- 
verein hatte er einmal, durch den Zuhörerkreis zu einem allgemeinen 
Thema gezwungen, über ein Problem der römischen Literatur- 
geschichte (Liv. VH 2 die Vorgeschichte des Dramas) gesprochen; 
in der Diskussion erklärte sich der Fachkollege, Otto Kern, völlig 
Uberzeugt und meinte am folgenden Tage , er müsse das drucken 
lassen. 'Ich werd* mich hüten', schrieb er dem Freund. Der 
Wagemut, sich auf ein ihm weniger vertrautes Gebiet zu begeben, 



Otto Piasberg. 



135 



ging ihm ab. Langsam nur reifte alles in ihm heran. Auch die 
eine durch äußere Anregung veranlaßte Papyrusarbeit hat keine 
gleichartige oder auch nur ähnliche Fortsetzung gefunden ; für einen 
lateinischen Papyrus bat er einmal den Verfasser Ulpian, den mau 
nicht erkannt hatte, festgestellt (Wochenschr. f. klass. Phil. 1901, 
S. 141). Dem Griechischen hielt er sich im allgemeinen fern, und 
auch im Lateinischen hielt er sich bis zu einem gewissen Grade in 
den Grenzen der Wortphilologie , obwohl sein umfassender Blick 
und sein Bestreben zu sichern und zu verteidigen ihn doch dazu 
führten, weit mehr zu liefern, als einen einfachen Text, und sein 
Rezensent Stangl bemerkte, daß die große Ausgabe Uber das schlichte 
Wortverständuis hinaufgehe und manchmal geradezu einen gediegenen 
Bealkommentar liefere. In der freiwilligen Umgrenzung seines 
Arbeitsgebietes lag jedenfalls die Schwäche, aber auch die Stärke 
seines Schaffens. Dabei reichte sein umfassendes Wissen viel weiter, 
als seine Veröffentlichungen ahnen ließen. In seinen Vorlesungen 
und Übungen, welche außer Paläographie , lateinischer Laut- und 
Formenlehre, sowie Syntax, römischer Literaturgeschichte, besonders 
Plautus und Terenz, Lucrez und Cicero, Virgil und Horaz, Tacitus, 
regelmäßig jiuch Theokrit und Thukydides umfaßten, im Seminar 
auch Platon, Antiphon, Euripides, Aristoteles, hat er sich gleiche 
Beschränkung überhaupt nicht auferlegt, und vielleicht hätte er 
sich nach Beendigung der Ciceroausgabe in mancher Hinsicht freier 
entfaltet ; der zeitweise aufgetauchte Plan einer römischen Literatur- 
geschichte verrät die Absicht der Abkehr von der reinen Wort- 
philologie, und der vorzügliche Überblick: Neuere Ciceroforschung 
in den Geisteswissenschaften 1. Jahrg. Heft 13 (1918/4) bietet auf 
diesem Gebiet eine Probe seines Könnens. Selbst in Rezensionen 
ging er nicht über den Kreis hinaus, den er sich selber gezogen 
hatte, und abgesehen von den durch alte Liebe eingegebenen Anzeigen 
von Plautus- und Terenzarbeiten, bei denen das sprachliche Interesse 
ebenfalls wesentlich in Betracht kam, hat er nur Ciceroniauisches 
angezeigt, bis auf die letzte, erst nach seinem Tode erschienene Be- 
urteilung zweier Arbeiten Uber Augustin; aber auch dies lag ihm 
nahe seit seiner Ersilingsarbeit. Im Grunde ist diese unter allen 
seinen Publikationen diejenige, bei welcher der Rahmen am weitesten 
gespannt ist; denn hier hat er nicht nur textkritisch gearbeitet, 
sondern mit Hilfe der Interpretationskunst aus armseligen Trümmern 
ein Literaturwerk, das klassisch war, zu rekonstruieren versucht. 
Da ist mit der Gestaltung des Textes zugleich ein jütterar historisch es 
Problem behandelt und so gleichsam eine höhere Warte erklommen. 



136 



Otto Plasberg. 



Alle übrigen Arbeiten beschränken sieb eigentlich — von dem 
kleinen Aufsatz zur Erklärung des Gedichtes Anth. Lat. Riese n, 666 
darf man dabei abseben — auf die Erklärung und Herstellung des 
Cicerotextes. Wo das Vorbild zu suchen ist, verraten ganz deutlich 
die Vindiciae Tullianae, welche in der Festschrift für Vahlen zu 
dessen siebzigstem Geburtstag (1900) S. 221—47 sich finden. Da 
wird ganz in der Weise des Meisters unter besonnenster Abwägung 
und Widerlegung der bisher vorgebrachten Konjekturen und unter 
Berücksichtigung des Ciceronischen Sprachgebrauchs, sowie unter 
Heranziehung von Parallelen auch aus der deutschen Literatur die 
Überlieferung erläutert und zu Ehren gebracht. Er selbst hat es 
einmal ausgesprochen (Rhein. Mus. Uli 80): saepe in meutern 
venit veteris poetae vox, quae monet difndere esse prudentiae sum- 
mam; und diesen Grundsatz, nichts ungeprüft hinzunehmen und 
niemals auf fremde Autoritäten zu schwören, hat er in seinen Aus- 
gaben immer wieder erwiesen. Auch hier hatte er sich Vahlens 
Ausgabe von Ciceros De legibus zum Muster genommen. Was er. 
erreicht, wird immer bewundernswert bleiben, und seine Ausgaben 
werden einen Ehrenplatz unter den Erzeugnissen deutscher Gelehr- 
samkeit einnehmen. Er ging zunächst bis an die Quellen der 
Überlieferung, die Handschriften, indem er sie aufs sorgsamste ver- 
glich und sich ein Bild von ihrer Eigenart und besonderen Schreib- 
weise zu machen suchte. Ein solches Bemühen findet ja auch in 
den beiden Einführungen für die Leidetier Sammlung von Sijthoff 
einen für alle erkennbaren Ausdruck, und au der kleineren Ausgabe 
von De nat. deor. hat man gerade die vorzügliche Darstellung der 
Handschriften rühmend hervorgehoben. Das zweite nach der Prüfung 
und Sichtung der handschriftlichen Zeugen war die zielbewußte Er- 
forschung des Ciceronischen Sprachgebrauchs und der lateinischen 
Eedeweise überhaupt, wie sich das durch Verweisungen aller Art 
im Apparat offenbart j was er an einer Arbeit einmal in einer An- 
zeige gelobt hat, genaue und vorurteilslose Beobachtung von Sprache 
und Stil , hat er im vollsten Maße selber bewiesen. Dabei hielt 
er sich von jeder schematischen Anwendung Ciceronischer Gram- 
matik fern; er empfand in dem Schriftsteller den lebenden 
Menseben und fühlte, wie die einzelnen Worte und Sätze einem 
schaffenden und sinnenden Gehirn entströmten; darum erkannte er 
auch die Regelwidrigkeit an, die psychologisch verständlich ist. 
Eine gewisse Rolle spielen für den Cicerotext auch die indirekten 
Zeugnisse der Bentitzer, die es zu sammeln galt. Schließlich blieb 
die ganze Fülle von textkritischer Arbeit, die von den frühereu 



Otto Piasberg. 137 

Herausgebern oder in gelegentlichen Aufsätzen geleistet war, zu 
sichten, gerade bei Cicero eine ungeheure Aufgabe. Aber bewun- 
dernswerter als der Fleiß, mit dem alles zusammengetragen, ist die 
Kritik, mit der es verarbeitet, und die scharfe Kürze, mit der e& 
im textkritischen Apparat behandelt ist. Der Ausdruck ist hier 
aufs genaueste tiberlegt, um nichts zu viel und nichts zu wenig 
zu sagen, wie auch die äußere Form, die Art der Abkür- 
zungen der Ausfluß langen und reifliehen Nachdenkens ist. Es 
wird einem andern kaum möglich sein , in gleicher Gedrängtheit 
und Klarheit an zweifelhaften Stellen fremde und eigene Ansichten 
darzulegen und gegeneinander abzuwägen. Dabei galt ihm die 
Wahrheit alles, und jedes Haschen nach Schein war ihm fremd ; und 
wehmütig fragt man sich, wenn man an den treuen Menschen und 
den gewissenhaften Gelehrten zurückdenkt, dem nur vergönnt war, 
einen Teil seiner Ernte in die Scheuern zu bringen; incorrnpta 
Fides nudaque Veritas quando ullom inveniet parem? 

In seiner Geschichte der Philologie hat v. Wilamowitz bei der 
Schilderung des Streites zwischen Boeckh und Gottfried Hermann und 
der gerechten Beurteilung beider Richtungen geschrieben: 'Gott- 
fried Hermanns Geist muß immer als Mahner lebendig bleiben.' 
Die Wortphilologie hat im Laufe des vorigen Jahrhunderts ihr 
Gesicht völlig geändert, und an die Stelle geistreicher Konjekturen 
ist durch Johannes Vahlens mühsame Lebensarbeit eine konservative 
Art der Textkritik getreten, die jetzt oftmals sicherlich schön über 
das das Ziel hinausschießt. Aber ihre Berechtigung wird die Wort- 
philologie immer behalten, damit nicht die Forschung den Boden 
der sicheren Sprachkenntnis unter den Füßen verliere. Ohne die 
sorgsame Kleinarbeit, welche zuverlässige Texte als Grundlage 
.schafft, ohne die peinliche, alles abwägende Erklärung der Schrift- 
steller wird keine wissenschaftliche Arbeit zu unbezweifelten Resul- 
taten gelangen. Darum wird Vahlens Name in der Geschichte der 
Philologie immer leuchten uud als derjenige seiner Schüler, der 
seine Art am treuesteu wiedergab und am meisten verkörperte, nicht 
eo beweglich wie er, aber ihm wesensgleich an Tiefgründigkeit, 
kritischem Scharfsinn und Akribie, wird Otto Piasberg genannt 
werden. 



188 



Otto Piasberg. 



Veröffentlichungen : 

De M. Tulli Ciceronis Hortensio dialogo. Diss. in. Bcrol. 1892, 

Satura Tulliana. Khein. Mus. LIII, 66 ff. 1898. 

Zum Senecagedicht des Honorius. Khein. Mus, LIV, 144 ff. 

1899. 

Vindiciae Tnllianae. Festschrift f. Joh. Vahlen, Berlin 1900, 
S. 221 ff. 

Straßburger Anecdota. Archiv f. Papyrusforschung IT, 185 ff. 
1903. 

M. Tulli Ciceronis Paradoxa Stoic. Acad, Tim. d. nat. deor. 
d. div. d. fat. ed. Otto Piasberg fasc. 1. Lips. 1908; fasc. 2. 1911. 

Cicero de natura deor. d. div. d. leg. Codex Heiusianus. Prae- 
fatus est Otto Piasberg Lugd. Bat. 1912. 

Neuere Ciceroforschung. Die Geisteswissenschaften. I. Jahrg., 

344 ff. 1913/4. 

Cicero Opernm philosophicorum Codex Leidensis Voss L. F. 
84. Praefatus est Otto Piasberg Lugd. Bat. 1915. 

M. Tulli Ciceronis Scripta fasc. 45 de uat. deor, rec. 0. Pias- 
berg. Lips. 1917; fasc. 47 de glor, rec. O. Piasberg. Lips. 1917 \ 
fasc, 42 academ. rel. cum Lucullo ree. O. Piasberg. Lips, 1922; 
fasc. 48 de virtutibus ed. O. Piasberg. Lips, 1923. 

Rezensionen in: Deutsche Literaturzeitung 1895. 96. 97. 98. 

1902. 08. 09. 10. 12. 16. 22. 
Wochenschrift f. klass. Philologie 1894. 96. 

98. 99. 1900. 01. 05. 
Berliner philolog. Wochenschrift 1897. 1924. 
Zeitschrift für die Österreich. Gymnasien 1912. 
Unveröffentlicht blieb eine Anzeige von Zielinsky, Der kon- 
struktive Rhythmus in Ciceros Reden. Phil. Suppl. XIII, 1, ge- 
schrieben für 'Die Geisteswissenschaften", die dann eingingen. 



■HR- 



Theodor Thalheim. 

Geb. 25. März 1847, gest. 4. Februar 1921. 
Von 

Heinrich Schwarz in Jauer. 

Arthur Franz Theodor Thalheim wurde am 25. März 1847 
zu Öls geboren; sein Geburtshaus war scho n zur Zeit seines Groß" 
vaters in das Eigentum der Thalheimschen Familie Übergegangen 
und gehört ihr heute noch. Der Vater, Albert Thalheim, war als 
junger Oberlandesgerichtsassessor zum Bürgermeister von Öls gewählt 
worden, sah sich aber durch die Ereignisse des Jahres 1848 ver- 
anlaßt, iu den Justizdieust zurückzutreten, und wurde 1849 zum 
Kreisrichter in Trebnitz ernannt. 1862 nach Öls versetzt, konnte 
er wieder das ihm gehörige Häuschen beziehen und war dort, zu- 
letzt als Landgerichtsrat , bis zu seinem kurz nach seinem Amts- 
jubiläum erfolgten Tode tätig. Noch im Alter fand er, was in 
Hinsicht auf die griechischen Studien seines Sohnes nicht unerwähnt 
bleiben soll, Freude an seinem griechischen Kränzchen, das er zu- 
sammen mit dem Direktor des Lehrerseminars zu Öls und dem 
Konrektor des Gymnasiums unterhielt. Er war ein Mann von stark 
entwickelten pädagogischen und didaktischen Neigungen und be- 
tätigte diese in erfolgreichster Weise an seinen sieben Kindern. 
Er hielt sie zu gymnastischen Übungen an, machte mit ihnen meilen- 
weite Spaziergänge und unterwies sie in der Kunst des Zeichnens. 
Theodor, sein ältester Sohn, besuchte von 1858 — 1865 das Gym- 
nasium zu Öls; seiner dankbaren Gesinnung gegen die Anstalt seiner 
Jugend gab er dadurch Ausdruck, daß er ihr zu der Jubelfeier 
ihres dreihundertjährigen Bestehens die vierte Auflage der Kechts- 
altertttmer widmete. Insbesondere hat er dem damaligen Direktor 
Silber stets ein warmes Andenken bewahrt. Obgleich er bei der 
schriftlichen Reifeprüfung iu allen Fächern das Prädikat gut, im 
Griechischen sogar das Prädikat vorzüglich erhielt, mußte er doch 
— man sieht nicht ein, weshalb, da es doch seit 1856 eine 
Befreiung vom Mündlichen gab, wenn sie auch seltener als 
später ausgesprochen worden sein mag — die ganze mündliche 
Prüfung ablegen , wodurch das Zeugnis noch wesentlich verbessert 



140 



Theodor Tkalheini. 



wurde ; er erhielt nämlich iu ihr fast für alle Fächer nebst dem 
Prädikat vorzüglich eine besonders lobende Anerkennung seiner 
Leistungen. Die protokollarische Form der Zeugnisse, wie sie da- 
mals üblich war, gibt einen sehr klaren Einblick in das bei der 
Prüfung Verlangte und hat vor der bequemen Art der Gegenwart, 
die sich mit einer unsäglich nüchternen Aufzählung der einzelnen 
Prädikate begnügt, doch auch ihre Vorzüge. Von Ostern 1865 bis 
Ostern 1870 studierte Th. Philologie und verwandte Wissenschaften 
in Jena, Leipzig, Berlin und Breslau. Zu seinen akademischen 
Lehrern gehörten Nipperdey, Moritz Schmidt, Goettling und Schleicher 
in Jena, Bitsehl, Curtius und Zarncke in Leipzig, Haupt, Kirchhoff 
und Hühner in Berlin, Hertz, Karl Neumann und Rückert in Breslau ; 
es ist vielleicht der Bemerkung wert, daß er sich in hohem Maße 
auch germanistischen Studien gewidmet hat. Als Schüler eines be- 
stimmten Gelehrten in besonderem Sinne kann er, so viele bedeu- 
tende Männer er auch gehört hat, nicht angesehen werden. In 
Berlin reichte er im August 1868 eine Lösung der von der philo- 
sophischen Fakultät gestellten Preisaufgabe de fide orationis pro> 
Polystrato quae vicesiraum locum inter Lysiacas occupavit ein, 
die zwar nicht den Preis erhielt, aber öffentlich belobt und 
später bei der Staatsprüfung als schriftliche Arbeit angenommen 
wurde, da sie „eine umfassende und sehr gründliche selbständige 
Forschung bekundete und manche originelle Resultate darbot, die 
für die Losung der Frage nicht ohne Wichtigkeit erschienen". 
Man wird annehmen dürfen, daß diese Preisaufgabe seiner wissen- 
schaftlichen Arbeit die Richtung auf die attischen Redner gegeben 
hat. Am 1. November 1868 unterbrach er seine Studien, um in 
Breslau beim 1. Schlesischen Grenadierregiment Nr. 10 sein Jahr 
abzudienen. Von Ostern 1870 ab widmete er sich, ohne noch Vor- 
lesungen zu hören, der eigentlichen Vorbereitung auf die Ober- 
lehrerprüfung. Mitten aus dieser Tätigkeit heraus wurde er im 
Juli 1870 zum Königsgrenadierregiment (2. Westpreußisches) Nr. 7 
einberufen; er hat, seit dem 2. November 1870 als Leutnant d. R„ 
des genannten Regiments, den ganzen Krieg mitgemacht. Von den 
Kämpfen, an denen er teilgenommen hat, seien vor allem die 
Schlachten von Weißenburg (4./8.) und von Wörth (6./8.) genannt; 
bei Sedan (1./9.) stand er zu seinem großen Leidwesen in Reserve 
und konnte nur Augenzeuge des Sieges über Mac Mahon sein. 
Noch im September erreichte er Versailles, nahm an den kleinen 
Gefechten von Bicetre (19./9.) und Bellevue (30./9.) teil und machte 
die ganze Belagerung von Paris mit. Am 18. Januar 1871 hatte 




Theodor Thalheim. 141 

er die stolze Freude , gleich mehreren Offizieren seines Regiments 
der Kaiserproklamation im Spiegelsaale des ^Schlosses zu Versailles 
beiwohnen zu dürfen 1 ); einige Tage darauf wurde er zusammen 
mit elf anderen neuernannten Offizieren des Königsgrenadierregiments 
dem Kaiser Wilhelm vorgestellt. Die während des Krieges an die 
Eltern geschriebenen Briefe bilden einen wertvollen Besitz seiner 
Familie. Nach der Rückkehr aus dem Feldzuge nahm er seine 
Arbeit für die Staatsprüfung wieder auf und erwarb sich in 
Breslau am 25. Februar 1872 neben einer Lehrbefähigung im Fran- 
zösischen ein sogenanntes Zeugnis ersten Gradeß (Deutsch, Latei- 
nisch, Griechisch für Prima, Geschichte und Erdkunde für Unter- 
sekunda), nicht als ob damals drei Fächer für Prima zu einem 
Zeugnis ersten Grades gehört hätten, sondern es wurden nach der 
seltsamen Auffassung der damaligen Prüfungsordnung Lateinisch 
und Griechisch als ein Fach gerechnet. Die Form auch dieser 
Zeugnisse war in jener Zeit protokollarisch, der ganze Gang der 
Prüfung wurde wiedergegeben: und so wird es denn möglich, fest- 
zustellen, daß, obgleich auch in den anderen Fächern seine Leistungen 
volle Anerkennung fanden, doch besonders rühmlich das Urteil Uber 
seine Leistungen im Deutschen ist: sie werden „als so allseitig 
lobenswert" bezeichnet, „wie sie selten begegnen". Ostern 1872 
begann er sein Probejahr am Realgymnasium zu Reichenbach und 
setzte es Michaelis am Gymnasium zu Ratibor fort: er war während 
der ganzen Zeit, was in jenen Tagen häufig vorkam, vollbeschäftigt 
und erhielt im Sommerhalbjahr eine Vergütung von 300, im Winter- 
halbjahr eine Vergütung von 350 Talern jährlich. Am 1. April 
1873 wurde er vom Magistrat der Stadt Breslau als vorletzter 
„ordentlicher Lehrer" am Elisabethgymnasium angestellt, das damals 
unter der Leitung des hochangesehenen Direktors Fickert stand. 
So erwünscht ihm auch bei seinen wissenschaftlichen Neigungen 
das Leben in der eine große Bibliothek und Anregungen aller Art 
bietenden Universitätstadt war, nahm er doch für den 1. Oktober 
1882 eine Berufung als Oberlehrer — Oberlehrer hießen bekannt- 
lich damals nicht die Lehrer an höheren Schulen, sondern die 
kleinere Hälfte des Lehrerkollegiums, die in der Hauptsache den 
Unterricht in den oberen Klassen zu erteilen hatte — an das Kgl. 
Gymnasium zu Brieg an. Einer Erhöhung seines Gehalts stand er 
mit einigem Gleichmut gegenüber; hatte ihm doch sein bisheriges 

*) 8. Dr. Th. Toeche-Mittler, Die Kaiserproklamation in Versailles 
am 18. Januar 1871 (Beiheft 1 zum Militär Wochenblatt 1896), Seite 85. 



142 



Theodor Thalheim. 



Einkommen ermöglicht, eifrig in den deutscheu Alpen herumzu- 
kraxeln, 1880 zwecks Vergleichung von Handschriften nach London 
zu reisen und 1881 Florenz, Rom und Neapel zu sehen. Aber er 
hatte in Breslau wenig Aussicht, in absehbarer Zeit Unterricht auf 
der Oberstufe zu erlangen, da man damals noch viel mehr als heut- 
zutage nur mit steigendem Dienstalter nach oben emporstieg. Schon 
Ostern 1885 kehrte er nach Breslau zurück ; als der Staat sich end- 
lich entschloß, zur Hebung des Mangels an höheren Schulen in der 
Provinzialhauptstadt auch seinerseits etwas beizutragen, erhielt er 
den Auftrag, ein neues Gymnasium einzurichten, das den Namen 
König- Wilhelm-Gymnasium erhielt und an dem genannten Termin 
gleich mit den drei untersten Klassen eröffnet wurde. Der neuen 
Tätigkeit unterzog er sich mit hingebendem Eifer und allseitig an- 
erkanntem Erfolge; doch wurde ihm, noch ehe das Gymnasium die 
erste Reifeprüfung abhalten konnte, ein anderer Wirkungskreis an- 
gewiesen, indem er mit Wirkung vom 14. Mai 1888 zum Direktor 
des Gymnasiums zu Schneidemühl ernannt wurde. Hier vermählte er 
sich am 28. Dezember 1889 mit Charlotte Nieländer, Tochter des 
Professors und Ersten Oberlehrers am Schneidemühler Gymnasium 
Franz Nieländer ; sie schenkte ihm im Laufe der Jahre vier Töchter, 
ein kleines Söhnchen starb wenige Monate nach der Geburt. Ostern 
1893 wurde er in seine Heimatprovinz zurückversetzt, und zwar 
wurde ihm die Leitung des Gymnasiums zu Hirschberg übertragen. 
Am 17. Januar 1897 wurde er zur kommissarischen Verwaltung 
einer Provinzialschulratsstelle nach Breslau berufen , trat aber 
Michaelis 1897 noch einmal in seine bisherige Stellung zurück. 
Ostern 1899 wurde am Gymnasium zu Hirschberg ein pädagogisches 
Seminar eingerichtet und ihm die Leitung übertragen. Am 1. Fe- 
bruar 1900 erfolgte seine Ernennung zum Provinzialschulrat. An 
Nebenämtern wurde ihm am 5. Februar 1900 die Stellung als Mit- 
direktor des Pädagogischen Seminars für gelehrte Schulen und 
Michaelis 1907 die Leitung der wissenschaftlichen Prüfungskom- 
mission anvertraut; gleichzeitig wurde er zum Mitglied der Prüfungs- 
kommission für die allgemeine Prüfung mit Ausschluß der katho- 
lischen Religionslehre ernannt. Auch den Vorsitz in der Prüfung 
für Zeichenlehrer hat er lange geführt. Am 22. Januar 1908 
wurde ihm der Charakter als Geheimer Regierungsrat verliehen. Seit 
1912 hatte er im Provinzialschulkollegium die sogenannten Gene- 
ralien zu bearbeiten. Während des Weltkrieges mußte er so lange, 
als der damalige Direktor des Provinzialschulkollegiums, Schauen- 
burg, zur Leitung des polnischen Schulwesens nach Warschau be- 





Theodor Thalheim. 143 

urlaubt war, neben seinem eigentlichen Amte die Leitung des Pro- 
vinzialschulkollegiums Ubernehmen. Seiner amtlichen Tätigkeit 
setzten körperliche Leiden ein Ziel. Er war ein Urbild der Kraft 
und eigentlich nie krank gewesen ; jetzt stellte sich eine langsam 
und allmählich, aber unaufhaltsam fortschreitende Unbeweglichkeit 
der äußeren Gliedmaßen, zunächst der Beine, ein. Reisen konnte er 
nur noch mit großer Schwierigkeit unternehmen. So sah er sich 
genötigt, für den 1. Juli 1916 um die Versetzung in den Ruhestand 
nachzusuchen, die ihm in ehrenvollster Weise unter Verleihung des 
Königlichen Kronenordens zweiter Klasse gewährt wurde, und legte 
bald darauf auch den Vorsitz in der Prüfungskommission nieder. 
Der Geist blieb frisch und arbeitslustig, die wissenschaf liehe Tätig- 
keit wurde bis zum letzten Tage eifrig gepflegt; auch das häus- 
liche Glück erfuhr eine Mehrung: er erlebte noch die Geburt des 
dritten Enkels. Aber die letzten Jahre waren doch schwer. Der 
Tod, der am 4. Februar 1921 eintrat, war für ihn ein Erlöser. 

Dies sind die äußeren Umrisse seines Lebens. Es gilt nun, 
einerseits seiner literarischen Tätigkeit, andererseits seiner Bedeu- 
tung als Lehrer, Direktor und Provinzialschulrat einigermaßen ge- 
recht zu werden. 

Seine wissenschaftliche Arbeit hatte, wie bereits erwähnt, schon 
auf der Universität den attischen Rednern gegolten; sie hat diese 
Richtung sein ganzes Leben beibehalten und erst spät eine Erwei- 
terung erfahren. Er veröffentlichte zuerst einige Aufsätze über die 
Antidosis und die Dokimasie der Beamten in Athen sowie Text- 
kritisches zu Lysias und Lykurgos; seine erste größere Arbeit war 
das 1876 erschienene Programm des Elisabetbgymnasium3 über die 
Rede des Lysias für Polystratos, die schon den Studenten beschäf- 
tigt hatte. Er legte in dieser dar, daß zwar die historischen An- 
gaben der Rede keinen Widerspruch mit der sonstigen Über- 
lieferung enthielten, so daß sie aus diesem Grunde keine Fälschung 
zu sein brauche : trotzdem könne sie wegen ihrer Härten und 
Dunkelheiten nicht von Lysias verfaßt sein. Die Rede wird als 
eine arroyQacpij nachgewiesen, gelegentlich eine Emendation ver- 
sucht. Dieser Abhandlung, die als fleißige und gründliche Unter- 
suchung volle Anerkennung fand, folgte als zweite größere Arbeit 
die Ausgabe des Lykurgos (Lycurgi oratio in Leocratem, Weid- 
mann 1880), Uber dessen Handschriftenstemma er sich schon 1877 
in Fleckeisens Jahrbüchern ausgesprochen hatte. Er verfügte über 
eine Nachvergleichung des Crippsianus A von de Boor und eine 
e des Laurentianus B von Prinz; den Oxoniensis N hatte er 



144 , 



Theodor Tbalheim. 



sich nach Breslau kommen lassen und selbst verglichen. Seine 
Darlegung, daß B aus dem Crippsianus stamme, so daß seine Les- 
arten, wie ein Rezensent sagt, „nur aus Gefälligkeit gegen Anders- 
denkende aufgeführt werden", N teils absichtlich interpoliert, teils 
auch durch Nachlässigkeit der Abschreiber entstellt sei , fand voll- 
kommene Billigung; die Auswahl unter den Konjekturen, unter denen 
es auch an eigenen guten nicht fehlte, wurde ebenso gerühmt wie 
die vorsichtige Behandlung des Textes. Der beste Beweis, wie vor- 
teilhaft er sich durch seine ersten Arbeiten bei seinen Fachganossen 
eingeführt hatte, war, daß Dittenberger, der die Herausgabe der 
dritten Auflage von K. F. Hermanns Lehrbuch der griechischen 
Antiquitäten übernommen hatte, am 28. Mai 1881 die Anfrage an 
ihn richtete, ob er nicht die Bearbeitung der Rechtsaltertümer über- 
nehmen wolle, und Iwan Müller am 29. Dezember 1883 ihn er- 
suchte, für Bursians Jahresberichte die Berichterstattung über die 
griechischen Altertümer zu leisten. Hierzu kam es nun nicht*, wohl 
aber antwortete er auf die erste Anfrage bejahend. Die Aufgabe 
war nicht unbedingt lockend. Die Rechtsaltertümer hatten bisher 
unter dem Titel 'Rechtliche Zustände des häuslichen und gesell- 
schaftlichen Lebens* den vierten Teil der Privataltertlimer gebildet ; 
sie waren so wenig ein selbständiges Ganze für sich, daß ihr erster 
Satz mit 'aber' an das Vorgehende angeschlossen wurde. Sie um- 
faßten auf 104 Seiten nur das Privatrecht; doch waren die Strafen 
nach dem seltsamen Plan des Wertes einbezogen. Jetzt sollten die 
Rechtsaltertümer auf Blümners Wunsch von den Privataltertümern 
getrennt werden. Der Neubearbeiter sollte zwar nicht mehr wie 
bisher gehalten sein, etwaige Zusätze zum Text in Klammern ein- 
zuschließen, aber doch diesen nach wie vor als Grundlage bei- 
behalten. Die Folge davon war, daß die Anordnung des Stoffes 
dieselbe blieb , auch der Text zwar durch Zusätze erweitert , aber 
nicht wesentlich verändert wurde , die Anmerkungen dagegen eine 
wesentlich andere Gestalt erhielten; hier wurde ein reiches Material, 
auch aus den Inschriften, neu hinzugefügt. In den Anmerkungen 
lag jetzt der Schwerpunkt des Werkes. Neue Ergebnisse der 
Forschung zu geben war nicht eigentlich die gestellte Aufgabe; 
immerhin versuchte Th. zum ersten Male bezüglich der Stellung 
der Frauen außerhalb Attikas eine Zusammenstellung des Materials. 
Die von 160 auf 183 Seiten vermehrte vierte Auflage der Rechts- 
altertümer erschien 1895; auch sie hielt an der bisherigen Anord- 
nung des Stoffes fest, gab aber die dem Hermannscheu Text gegen- 
über geübte Zurückhaltung auf und ermöglichte dadurch eine er- 



Theodor Thalheim. 145 

hebliche Kürzung der Anmerkungen. Sie brachte nicht nur die 
Berücksichtigung der inzwischen veröffentlichten Literatur, sondern 
vor allem auch die Verarbeitung der seit 1884 bekannt gewordenen 
Funde (Inschriften von Gortyn , Aristoteles' 'A&rp>cda)v rrofatda, 
Hypereides' Rede gegen Athenogenes). Spezi alfragen des griechischen 
Rechts erörterte er in zwei JSchulprogrammen (zu den griechischen 
Rechtsaltertümern, Schneidemühl 1892. II. Hirschberg 1894). In 
ersterem behandelte er die ßovUvmg im attischen Recht, die er mit 
Beziehung auf Antiphon VI. der herkömmlichen Auffassung gemäß 
als Anstiftung, intellektuelle Urheberschaft erweist, die Rechtsmittel 
gegen ein Diätetenurteil, das mit Hinsicht auf DemoBthenes 55 nach 
seiner Darstellung durch eine Gerichtsverhandlung nur entweder 
bestätigt oder verworfen, aber nicht abgeändert werden konnte, die 
Rechtsfähigkeit der Frau nach Demosthenes 41 und schließlich den 
Verkauf von Priesterstellen und die Inschrift von Erythrai (Ditten- 
berger S. I. Gr. 870), die im einzelnen , besonders durch die ge- 
naue Unterscheidung von ttQaOig und ervtTiciX^aig , erläutert wird. 
Das Hirschberger Programm geht auf einzelne Punkte des athe- 
nischen Eherechts ein, mit Bezugnahme auf Hruzas Beiträge zur 
Geschichte des griechischen und römischen Familienrechts I. Es 
weist nach, daß die eyyvyoig keineswegs Voraussetzung jeder rechts- 
gültigen Ehe sei, knüpft eine Erörterung über das bei Demosthenes 
46, 18 erhaltene Gesetz an und definiert iyyvrfitg als einen münd- 
lich vor Zeugen abgeschlossenen Vertrag und als eine die Ehe vor- 
bereitende, nicht begründende Handlung; sodann legt er aufs neue 
dar, daß der Mann der WQIQQ seiner Frau bleibt, so lange die 
Ehe besteht, daß ferner der mündige Sohn der xvQiog seiner ver- 
witweten, im Hause des Vaters verbleibenden Mutter ist. Im dritten 
Teil, über die emdi*aoia, sucht er den Nachweis zu fuhren, daß 
nicht der Antrag (tfg"ig) des Erben, sondern der Spruch der Be- 
hörde den Erbschaftserwerb herbeiführe, und daß die Behauptung, 
die Erbtochter selbst werde Erbin, durch Stellen des Rechtsver- 
drehers Isaios nicht gestützt werden dürfe. Als seine Ernennung 
zum Provinzialschulrat ihn der Möglichkeit beraubte, die Ergebnisse 
seiner Untersuchungen in Schulprogrammen niederzulegen, veröffent- 
lichte er sie nunmehr, mochten sie in das Gebiet der Rechtsalter- 
tümer schlagen oder textkritischer Art sein, im Hermes, in dem 
noch i. J. 1919 ein Aufsatz Uber die Urkunden in der 'A&rßaiwv 
Ttolixda des Aristoteles erschien. — Des weiteren muß seiner 1894 
einsetzenden regen Mitarbeit an der neuen Ausgabe von Paulys 
philologischer Realencyklopädie gedacht werden, für die er von 

Nekrologe 1924, (Jahresbfincht f. AH,PrtnmswiMensch»ft. Bd. 202 B.) 10 



146 Theodor Thalheim. 

vornherein diejenigen Artikel übernahm, die sich auf griechische Redner 
sowie auf griechische Staats- und Rechtsaltertümer bezogen. Er hat für 
sie gearbeitet, bis ihm der Tod die Feder aus der Hand nahm. Ich 
zähle etwa 260 Beiträge aus den Buchstaben A — L, R und S. Sie 
sind natürlich von sehr ungleicher Länge ; der kürzeste umfaßt nur 
8 Halbzeilen, der längste, der über Demosthenes, deren 1330. Aus 
den in die Literaturgeschichte einschlagenden Artikeln Über die 
griechischen Redner möchte ich seine Aufsätze Uber Aischines, An- 
dokides, Antiphon, Deinarchos, Demosthenes, Hypereides und Isaios 
nicht unerwähnt lassen. Die Bearbeitung der griechischen Rechts- 
und Staatsaltertümer gab ihm Gelegenheit, sich über viele wichtige 
Sachen erschöpfend zu äußern; es sei in diesem Znsammenhange 
seiner umfangreichen Artikel über Adoption, aQ%at y Aqbioq rtdyog, 
diaizr^at, 6c/.aoiai, diy.aat^Qta, elaayyelta, tcpyßia, s7ri\lrjQog, 
Erbrecht, Freigelassene, vno&ijxt] Erwähnung getan. Seine Artikel 
im Pauly-Wissowa wurden als zuverlässig und sorgfältig bezeichnet und 
hatten bei der dem Verfasser charakteristischen Eigentümlichkeit 
der Kürze den großen Vorzug, daß sie nicht, wie es bei manchen 
andern der Fall ist, den ihnen gebührenden Raum überschritten. 

Neben dieser Arbeit für die Rechtsaltertümer lief die Tätigkeit 
als Herausgeber weiter: dem schon erwähnten Lykurg folgte die 
Ausgabe des Deinarchos, ebenfalls bei Weidmann erschienen, nach- 
dem er in einem Schulprogramm von 1886 die Handschriftenfrage 
erörtert hatte. Das Ergebnis seiner Untersuchungen bestand darin, 
daß ihm der Crippsianus A und der Oxoniensis N, die er einer 
neuen Vergleichung unterzog, obgleich nur geringe Ergebnisse von 
einer Nachprüfung erwartet werden konnten, gleich gut erschienen; 
man müsse daher nach dem von Blaß aufgestellten, aber nicht 
durchweg befolgten Grundsatze die Feststellung der Lesart des 
archetypus auf Grund der ratio zu erreichen suchen. Im übrigen 
drang er auf sorgfältige Unterscheidung der Korrekturen in den 
Codices; in der Aufnahme von Konjekturen war er sparsamer als 
Blaß, Die Zahl der eigenen Vorschläge betrug etwa zwei Dutzend, 
von denen er 15 in den Text setzte. Ein Mangel der Ausgabe 
wie in gleicher Weise der Ausgabe des Lykurg ist, daß keine 
Sammlung der Fragmente beigefügt ist. — Die fortlaufende Be- 
schäftigung mit Lysias führte zu der neuen Bearbeitung der kleinen 
Frohbergerschen Ausgabe mit erklärenden Anmerkungen ; das zweite 
Heft gab er 1892 in zweiter, das erste in dritter Auflage 1895 
heraus. Es ist der einzige Fall, daß er einen Redner kommentiert 
hat, und darum mag an dieser Stelle ein für seine Auffassung der 



Theodor Thalheim. I47 

Redner bezeichnendes Wort angeführt werden: Man muß sieh bei 
Erklärung der Redner gegenwärtig halten, daß, wo Unklarheit an- 
fängt, Lüge und Entstellung nicht weit sind (Hermes 23, 845). Im 
übrigen gab die Neubearbeitung zu gar zu starken Änderungen 
keine Veranlassung, wenn auch für die Einleitungen die neueren 
Ergebnisse berücksichtigt, der textkritische Anhang erweitert und 
auch 1 im deutschen Text die bessernde Hand angelegt wurde ; an 
nicht wenigen Stellen wurde der handschriftliche Text wiederher- 
gestellt. 1898 folgte der Schultext des Lysias, wie alle folgenden 
Ausgaben im Teubnerschen Verlage, der die neun in erster Linie 
für die Schullektüre in Betracht kommenden Reden mit einer kurzen 
Einleitung über die griechische Beredsamkeit, die politischen Ver- 
hältnisse jener Zeit und die athenischen Gerichte enthielt. 1901 
kam dann die editio maior des Lysias heraus, die er seit 1887 
plante, nachdem ihm Sauppe mitgeteilt hatte, daß er ihn heraus- 
zugeben nicht beabsichtige. Sie befriedigte ein wissenschaftliches 
Bedürfnis und wurde allgemein als ein Fortschritt in der Gestaltung 
des Lysiastextes anerkannt. Die Grundlage des Textes bildete 
natürlich der cod. Palatinus X, der in Zweifelsfällen neu für ihn 
eingesehen worden war. Über alles Handschriftliche erteilt die 
Einleitung Kunde ; sie gibt sodann die neuere Literatur über Lysias, 
den Abschnitt aus Dionys über ihn, Pseudoplutarchs vita und schließ- 
lich kurze Inhaltsangaben zu den einzelnen Reden , die zugleich 
über die wichtigsten Streitfragen orientieren. Der handschriftliche 
Apparat unter dem Texte enthält alles Wissenswürdige in knapper 
und übersichtlicher Weise, Den Beschluß macht die Fragment- 
sammluug. Dieser Lysiastext ist das Muster für alle weiteren von 
ihm besorgten Editionen geworden. An die editio maior, die 1913 
in verbesserter Auflage erscheinen konnte, schloß sich in demselben 
Jahre eine editio minor an ; sie enthält nur die vita des Lysias und 
die argumenta orationum , dann den Text ohne jeden kritischen 
Apparat; auch sie kam 1913 in zweiter Auflage heraus. 1903 
folgte der Isaios. Er trägt auf dem Titelblatt, im Gegensatz zu 
der Lysiasausgabe , noch den Namen des früheren Herausgebers 
(post Carolum Scheibe ed. Th. Th.), obgleich auch diese Ausgabe 
eine vollkommene Neubearbeitung vorstellt. Sie ist der philo- 
sophischen Fakultät der Universität Breslau gewidmet, die ihm am 
28. Juli 1902 die Würde eines Dr. phil. h. c. verliehen hatte. Im 
Gegensatz zu Buermann und in Übereinstimmung mit der ein Jahr 
später erschienenen Ausgabe von Wyse (Cambridge) beruht seine 
Texteskonstitution auf der Annahme, daß die Lesarten des ersten 

10* 



148 



Theodor Thalheim. 



Korrektors (A 1 ) nicht einem Interpolator angehören , sondern den 
Vorzug vor der ursprünglichen Lesung (A pr.) verdienen. In der 
Ausnutzung von A 1 , der Rückkehr zu einer konservativeren Text- 
gestaltung und der Beigabe der wünschenswerten Hilfsmittel lag 
der Fortschritt dieser Ausgabe. — Dem Demosthenes hatte er schon 
früher eingehende Studien gewidmet. Sie waren neben der Förderung 
der Einzelerklärung im besonderen darauf gerichtet, ein besseres 
Verständnis der betreffenden Rechtsfälle herbeizuführen ; wenn häufig 
die Erörterungen über das Wahrscheinliche nicht hinauskamen, so 
lag dies in der Natur der Sache begründet. Die Ergebnisse legte 
er der wissenschaftlichen Welt teils in einigen Aufsätzen, teils in einem 
Schneidemühler Programm dar (quaestiones Demosthenicae 1889); 
es handelt sich in ersteren um die Reden 32. 34. 35, in letzterem 
um die Reden 48. 39. 40. 58. Den Abschluß fand seine Beschäf- 
tigung mit Demosthenes in der Herausgabe von neun philippischen 
Reden (Schultext, Teubner 1896; 2. Aufl. 1913). Diese Ausgabe 
gleicht in allem dem Schultext des Lysias : das auch hier beigefügte 
„erklärende Sachregister" ersetzt vollkommen einen sachlichen Kom- 
mentar zu den Reden. Der Schultext des Demosthenes ist an unsern 
Schulen gern und mit großem Nutzen gebraucht worden ; die eigenen 
Primaner des Herausgebers mußten ihn freilich zum Buchhändler 
zurücktragen und eine andere Ausgabe erstehen. Offenbar wollte 
er in seiner vornehmen Denkart auch den leisesten Anschein ver- 
meiden , als ob er selber zur Verbreitung eines von ihm heraus- 
gegebenen Schulbuches beitragen wolle. 

Hatte er bisher nur attischen Rednern seine produktive Arbeit 
gewidmet, so trat nunmehr eine Erweiterung seines Arbeitsfeldes 
ein, als ihm die Fortführung der Blaßschen Ausgabe von Aristo- 
teles' 'jidfjvaiiov tto?a lEtcc übertragen wurde; die neue Ausgabe 
erschien 1909, in zweiter Auflage 1914, und war der juristischen 
Fakultät der Universität Genf gewidmet, die ihn am 2. Juli 1909 
bei der Feier des 350jährigen Bestehens durch das Diplom eines 
docteur en droit h. c. ausgezeichnet hatte. Eine neue Bearbeitung 
der Blaßschen Ausgabe war um so notwendiger, als erst nach der- 
selben die akademische Ausgabe Kenjons erschienen war, die für 
die Lesung des Papyrus im allgemeinen den Abschluß brachte. Im 
Übrigen sah er hier seine Aufgabe darin, den Apparat übersicht- 
licher und genauer zu gestalten und durch die Ausnutzung der 
neueren Literatur zu vermehren, schließlich den Text von den 
Änderungen zu befreien, die der frühere Herausgeber auf Grund 
seiner von ihm auch im Hirschberger Programm 1900 bekämpften 



Theodor Thalheim. I49 

rhythmischen Theorien vorgenommen hatte. Nachdem er den klei- 
neren Schriften Xenophons sowohl nach der textkritischen als auch 
nach der Seite der Überlieferung hin einige Aufsätze gewidmet 
hatte, erschienen von ihm i. J. 1910 in erster, 3 915 in zweiter Be- 
arbeitung Xenophontis scripta minora, fasciculus prior, Oeconomicum, 
Convivium, Hieronem , Agesilaum , Apologiam Socratis conttnens; 
den zweiten, den Rest der kleinen Schriften umfassenden Teil hat 
bekanntlich Franz Kühl herausgegeben. Beide Teile zusammen 
sollten die Ausgabe von Ludwig Diudorf ersetzen. Für alle fünf 
Schriften durfte er die Kollationen zahlreicher von C. Schenkl ver- 
glichener Handschriften benutzen; von dein Hieron, Agesilaos und 
Apologie umfassenden Vaticanus 1335 saec. XII (A im Hieron und 
Agesilaos, B in der Apologie) hatte er eine photographische Wieder- 
gabe zur Verfügung. Im Oikonomikos und im Symposion schloß 
er sich an die von C. Schenkl aufgestellte These an, daß die vor- 
handenen Handschriften auf einen Archetypus zurückgingen, aber 
in zwei verschiedene Klassen einzuteilen seien; für die drei andern 
Schriften sucht er zu erweisen, daß der Vaticanus, wie er für den 
Agesilaos schon im Hermes 43 (1908) vorweggenommen hatte, die 
Quelle der gesamten jüngeren Überlieferung sei. Für die Text- 
gestaltung ist die Annahme umfassender Interpolationen im Oiko- 
nomikos bemerkenswert. Die letzte von ihm hergestellte Ausgabe 
war die 1914 erschienene Neubearbeitung der Blaßschen editio 
altera des Antiphon. Über das Verhältnis der Handschriften war 
kein Zweifel mehr, so daß die praefatio von Blaß sehr gekürzt 
werden konnte: A und N waren die einzigen Grundlagen des 
Textes, die in Betracht kamen. Beide lagen dem Heransgeber in 
photographischer Wiedergabe vor; den codex Oxoniensis N hatte 
er obendrein, als er den Lykurg herausgab, selbst verglichen und 
seinen Wert in dem schon erwähnten Programm von 1886 erörtert. 
So konnte er die Überlieferung einer genauen Nachprüfung unter- 
ziehen; die eigenen Vermutungen wurden in einem Aufsatz, der 
im Hermes 49 abgedruckt wurde, begründet. Im übrigen lag zu 
irgendwie bedeutenden Änderungen keine Veranlassung vor, ab- 
gesehen davon, daß er es für wünschenswert hielt, die Fragmente 
des Sophisten Antiphon und die Deklamationen des Gorgias mit 
Rücksicht darauf, daß sie Diels in den Vorsokratikern bearbeitet 
hatte, wegzulassen, was naturgemäß weiter dazu führte, auch von 
dem Wiederabdruck der Stücke des Antisthenes und Alkidamas ab- 
zusehen. 

Schließlich ist noch hinzuzufügen, daß er auch eine lebhafte 



150 



Theodor Thalheim. 



Tätigkeit als Rezensent entfaltet hat, und zwar sind seine Be- 
sprechungen teils in der Deutschen Literaturzeitung, teils und be- 
sonders in der Berliner philologischen Wochenschrift erschienen. 
Auf diese Weise erhielt er öfter die Möglichkeit, zu wichtigen Er- 
scheinungen auf dem Gebiete der griechischen Altertümer, so z. B. 
zu Gilberts griechischen Staatsaltertümern, Lipsius' Attischem Pro- 
zeß , Münschers Übersetzung des Isaios , den Rednerausgaben von 
Blaß und Lipsius, Stellung zu nehmen. Er hat auch nicht wenige 
Schriften über diejenigen Redner besprochen, über die er selber 
nichts veröffentlicht hat. 

Wir stehen vor einer fruchtbaren und reichen wissenschaft- 
lichen Tätigkeit, die um so mehr der Anerkennung wert ist, als 
doch eben für sie nur die Mußestunden zur Verfügung standen; 
erklärlich wird sie nur dadurch, daß er nicht nur besonders geschickt 
seine Zeit auszunutzen verstand, sondern auch die Gabe besaß, sehr 
schnell zu arbeiten, ohne daß dadurch der Gründlichkeit Eintrag 
geschah. Jedenfalls begreift man es, dali er nicht imstande war, 
allen an ihn herantretenden Möglichkeiten zu entsprechen. Aber es 
mag doch erwähnt werden, daß der hervorragende Rechtslehrer an 
der Berliner Universität Kohler ihm den Vorschlag zur gemein- 
samen Ausgabe von griechischen Rechtsurkunden gemacht hat, und 
daß Kaibel ihn flir die Bearbeitung eines ius Atticum , zunächst 
der Solonischen Gesetze, zu gewinnen suchte. 

Auf dem Gebiete der Pädagogik ist er gar nicht schriftstellerisch 
hervorgetreten ; an Didaktischem hat er nur ganz weniges und sehr 
wenig Umfängliches veröffentlicht. Ein kaum zwei Seiten füllender Auf- 
satz über „Übungen im unvorbereiteten Übersetzen" (Monatsschr, f. höh. 
Schulen I) hat hei den Schulmännern verdiente Beachtung gefunden. Am 
Abend seines Lebens hat er eine Didaktik des griechischen und latei- 
nischen Unterrichts in knappster Form auf 41 Folioseiten niedergeschrie- 
ben; sie ist in Schreibmaschinenschrift vervielfältigt, aber dem Drucke 
nie übergeben worden. Die Schrift ist der Niederschlag der lang- 
jährigen Erfahrungen, die er im eigenen Unterricht und in seinem 
Aufsichtsamt gemacht hat, und ist voll der lehrreichsten und nütz- 
lichsten Bemerkungen, aber durch die Veränderung der Lehrpläne 
und Lehrziele in ihrer praktischen Verwertbarkeit gemindert, 

Als Lehrer war er wohl ursprünglich , wenn ich mich so aus- 
drücken darf, Naturalist; weder die Formalstufen Herbarts, die ja, 
als er in den praktischen Dienst eintrat, für die höheren Schulen 
noch nicht entdeckt waren, noch Psychoanalysen werden sein Gemüt 
beschwert haben. Aber so anfechtbar auch die Sitte ist, nach der 



Theodor Thalheim, 151 

damals die jungen Kandidaten, ohne irgendwelche Anleitung zu er- 
halten, gleich im sogenannten „Probejahr" eine volle Lehrerstelle 
zur Verwaltung erhielten, ihm hat sie nichts geschadet. Denn er 
brachte ein hohes Maß natürlicher Lehrgabe und den energischen 
Willen, den Jungen unter allen Umständen etwas beizubringen, in 
die Praxis mit. Sein angeborenes Lehrgeschick trat besonders in 
der Klarheit seines Unterrichts hervor, die er immer mehr zur be- 
wußten Kunst ausbildete ; ihm kam alles auf das Verständnis der 
Schüler an, und so war er ein entschiedener Anhänger der viel- 
leicht doch nicht ganz zutreffenden Lehre, daß unter keinen Um- 
ständen die Schüler etwas auswendig lernen dürften, was sie nicht 
ganz verständen. Seine Anforderungen mögen, besonders anfänglich, 
nicht gering gewesen sein; er glaubte mit Recht, daß es den Jungen 
selber am wohliten sei, wenn sie ernstlich herangenommen würden. 
Auch die jetzt vielverbreitete Anschauung, daß der Schüler alles 
in der Schule lernen müsse, zählte ihn nicht zu ihren Vertretern; 
so sehr er dafür war, im Unterricht jede Minute auszunutzen, so 
hielt er doch eine maßvolle, gut vorbereitete Hausarbeit für un- 
entbehrlich und schätzte auch ihren erzieherischen Wert hoch ein. 
Daß man sich auf seineu Unterricht nicht nur im allgemeinen, 
sondern auf jede einzelne Stunde vorzubereiten habe, ist eine Ein- 
sicht, zu der das theoretische Studium der Didaktik nicht erforder- 
lich ist; wie streng er diese Forderung erfüllt hat, dafür legt ein 
Heftchen Zeugnis ab, das sich in seinem Nachlaß vorgefunden hat 
und seine Aufzeichnungen für den deutschen Unterricht in O III 
enthält; es umfaßt Dispositionen von Gedichten und Prosastücken, 
sachliche Erklärungen, Angaben über die Form, über metrische 
Eigentümlichkeiten und dgl. mehr. An Wohlwollen für seine Schüler 
hat es ihm gewiß nicht gefehlt, und daß auch diese dafür Emp- 
findung hatten und ihm in ehrlicher Anhänglichkeit ergeben waren, 
das hat er während seiner praktischen Tätigkeit und auch später 
noch , als er dieser längst entrückt war, reichlich erfahren. Aber 
die Form des Verkehrs war, wenn er auch seinen Schülern auf 
Turnfahrten ein guter Kamerad war, kurz und knapp, und es darf 
als charakteristisch bezeichnet werden, daß er bei dem Antritt des 
Direktorats in Hirschberg der versammelten Schulgemeinde als 
seine erste Forderung Gehorsam, schweigenden Gehorsam bezeichnete. 
Man sieht, er würde den Modernen, die auch in der Schule die 
Untergrabung aller Autorität für ein Ziel, aufs innigste zu wünschen, 
halten, schwerlich Nachfolge geleistet haben. Nicht minder bezeich- 
nend für seine ganze Art war, daß er in derselben Rede mit zu 



152 Theodor Thalheim. 

Herzen gehender Wärme den Schülern die Mahnung Iphigenies 
'Zwischen uns sei Wahrheit' zurief und sie dringend zur Ehrlichkeit in 
Wort'und Tat ermahnte. Was er als ordentlicher Lehrer und Oberlehrer 
für Unterricht erteilt hat, das im einzelnen aufzuzählen erscheint 
nicht angängig; als Direktor hat er in Prima immer den deutschen 
und den griechischen, den geschichtlichen und erdkundlichen Unter- 
richt in U II gehabt; daneben gab er Französisch in den Sekunden, 
in SchneidemUhl , wo die Prima in einigen Fächern geteilt war, 
sogar in U I, in Hirschberg zeitweise auch den englischen Anfangs- 
unterricht in II. So kam es , daß ihm keine Zeit blieb , auch 
Latein in I zu übernehmen ; nur m SchneidemUhl hat er Horaz 
unterrichtet, obwohl er diesen Dichter nicht sonderlich liebte. Im 
Verkehr mit seinen Kollegen gehörte er als Direktor nicht zu jenen 
Schulleitern, die es für eine heilige Pflicht halten, die Würde des 
Vorgesetzten im amtlichen und womöglich auch im außeramtlichen 
Verkehr in jeder Weise zu wahren: daß es auch andere Direktoren 
geben soll, wird in den „Allgemeinen Grundsätzen" der Dienst- 
anweisung vom Jahre 1910 zart angedeutet. Er beteiligte sich gern 
au den harmlosen Vergnügungen des Lehrerkollegiums, kegelte mit 
seinen Amtsgenossen, konnte sich eines guten Witzes, so ernsten 
Wesens er auch war, von Herzen freuen und erschien oft, lauflustig' 
wie er war, am Sonnabend im Konferenzzimmer, um zu fragen, ob 
Stimmung zu einem gemeinsamen Sonntagsausflug in die Bei'ge vor- 
handen sei. Seine große Vorliebe für körperliche Übungen ver- 
anlaßte ihn, in Hirschberg eine akademische Turnriege zu gründen, 
deren eifrigstes Mitglied er war. Auch auf weitere Kreise erstreckte 
er, wenn ihm dies wünschenswert schien, seine Tätigkeit; er grün- 
dete in Hirschberg eine Gruppe des Kolonialvereins und hat die- 
selbe, so lange er dort weilte, geleitet und zu hoher Blüte gebracht, 
Auch als liedner in größerer Öffentlichkeit ist er aufgetreten, so 
am Sedanfest 1895, beim Bismarekkommers 1898. Da unter den 
Ämtern, die er innegehabt hat, das Direktorat die meisten Gelegen- 
heiten zum Reden bot, so mag hier ein Wort über ihn als Redner 
eingeschaltet werden. Zunächst ist da zu bemerken, daß er die 
Übliche und bequeme ^ auch heute noch keineswegs ganz abgekom- 
mene Sitte, die Festreden abzulesen, nicht mitmachte und stets 
ganz frei sprach; er ist in dieser Beziehung manchem seiner Ober- 
lehrer zum Vorbild geworden. Was die Form betrifft, so war er 
auch hier kurz , rhetorischem Schmuck nicht besonders geneigt, 
schlicht und einfach, doch energisch und wuchtig im Vortrag, und 
wenn er auch nach außen kühl erschien , so wurde es ihm doch 



Theodor Thalheim. I53 

manchmal schwer, die innere Bewegung zu bezwingen. Vor allem 
wirkte er dadurch, daß jeder Zuhörer den Eindruck hatte, hier 
stehe ein Mann, dem das, was er sagt, Herzenssache ist. — 

Als er 1900 der Berufung in ein umfangreicheres, verant- 
wortungsvolleres Amt Folge leistete, tat er dies ohne Zweifel gern, 
wenn er auch das Gebirge sehr liebte und seine Kinder lieber in 
der Kleinstadt als in dem großen Breslau erzogen hätte. Aber er 
fühlte sich der Aufgabe gewachsen und ging mit frischem Mute an 
die neuen, an ihn herantretenden Aufgaben. Die Tätigkeit des 
Provinzialschulrats vollzieht sich nach dreifacher Richtung; sie er- 
streckt sich erstens auf die Gutachten und Berichte, die er an dag 
Ministerium zu erstatten hat, zweitens besteht sie in seiner Mit- 
wirkung an den Sitzungen des Provinzialsehulkollegiums, das, wenn 
auch bei der Fülle der Geschäfte unendlich vieles einfach auf dem 
Bureauwege erledigt werden mag, doch schließlich eine kollegiale 
Behörde bleibt und wichtigere Angelegenheiten in gemeinsamer 
Beschlußfassung entscheidet ; sie bezieht sich drittens auf die Für- 
sorge für die Anstalten seines Dezernats, wie sie durch Spezial- 
Verfügungen, Revisionsreisen, Abhaltung von Prüfungen in die Er- 
scheinung tritt. Nur von dieser dritten Tätigkeit als der einzigen, 
die nach außen bekannt wird, kann hier die Rede sein; alles übrige 
bleibt unter dem Siegel der Amtsverschwiegenheit verborgen. 

Das Provmzialschulkollegium hatte, als er in dasselbe eintrat, 
für die höheren Knabenschulen drei, seit 1910 vier Ratsstellen, 
von denen nicht etwa auf Grund irgendwelcher Bestimmung, aber 
nach festem Herkommen eine, später zwei, mit Katholiken, zwei 
mit Protestanten besetzt wurden ; Anstalten mit ausgesprochen kon- 
fessionellem Charakter pflegten einem Schulrat ihrer Konfession über- 
wiesen zu werden. So befanden sich unter den 22 Anstalten, lauter 
Gymnasien, die ihm anfänglich zur Aufsicht und Verwaltung über- 
wiesen wurden, 16 mit ganz evangelischem Lehrerkollegium, 6 simul- 
tanen , aber doch überwiegend evangelischen Charakters. Eine 
nicht unerhebliche Änderung seines Dezernats wurde durch die 
wichtige Ministerialverfügung vom 23. Oktober 1911 herbeigeführt, 
die bestimmte, daß, soweit es möglich sei, die höheren Lehran- 
stalten desselben Ortes einem Provinzialschulrat unterstellt werden 
sollten; sie war die Veranlassung, daß ihm auch Realanstalten über- 
wiesen wurden. Die Übernahme der Generalien führte eine Vermin- 
derung der ihm anvertrauten Schulen auf 14 herbei und verringerte so 
seine Tätigkeit nach außen, während die Arbeit innerhalb des Pro- 
vinzialsehulkollegiums an Umfang und Bedeutung wuchs. 



154 




Theodor Thalheim. 



Wenn man sich seine Tätigkeit als Schulrat vergegenwärtigt, 
so wird man die Behauptung wagen dürfen, daß es nur wenige 
Direktoren und Lehrer gegeben haben wird, die seine geistige 
Überlegenheit nicht empfunden und willig anerkannt hatten. Diese 
Anerkennung beruhte nicht in erster Linie auf seinen wissenschaft- 
lichen Leistungen , obgleich wissenschaftliche Tüchtigkeit in den 
Kreisen der Gymnasiallehrer trotz allen entgegenwirkenden Um* 
ständen Gott sei Dank auch heute noch Respekt einflößt, sondern 
einerseits auf seiner souveränen Beherrschung aller Unterrichts- 
fächer — nur die Theologie stand ihm vielleicht etwas ferner — 
und andererseits auf seinem scharfen Blick für Menschen und Dinge. 
Um von seinen eigenen Hauptfächern abzusehen, so beherrschte er 
die beiden modernen Sprachen so, daß er, wie schon erwähnt, in 
ihnen Unterricht zu erteilen wagen konnte. In der Geschichte 
hatte er jederzeit in der Reifeprüfung den fachmännischen Exami- 
nator vertreten können, und die Erdkunde war ihm nicht etwa 
bloß in der Weise geläufig, in der etwa früher ein Historiker Geo- 
graphie trieb, sondern auch in dem modernen Sinne, in dem sie 
vor allem als Naturwissenschaft aufgefaßt wird. So konnte er seinem 
alten Freunde, dem hervorragenden Geographen Joseph Partsch in 
Leipzig, im Riesengebirge ein verständnisvoller Begleiter bei seiner 
Untersuchung der Schneegruben sein und die Korrektur der Landes- 
kunde Schlesiens auch mit sachlichem Urteile lesen. Eine be- 
sondere Vorliebe hatte er für die Mathematik. Als die Forderungen 
in diesem Fach stiegen und zur sogenannten Elementarmathematik 
Kegelschnitte und analytische Geometrie hinzukamen, machte er 
sich noch als Scbulrat auch mit diesen Zweigen der mathematischen 
Wissenschaft vertraut. Auch in den technischen Fächern konnte 
«r mitsprechen. Er hatte im Turnen auf Grund seiner beim Militär 
und im eigenen Unterricht erworbenen Erfahrungen — er ist selber 
in jüngeren Jahren Turnlehrer gewesen — einen solchen Einblick 
in den Turnbetrieb gewonnen, daß er sogar einem geprüften Turn- 
lehrer sehr wohl Weisungen zu erteilen in der Lage war. Sogar 
im Zeichnen war er keineswegs Laie. Er besaß das von seiner 
Großmutter her in der Familie erbliche Zeichentalent (die Schwester 
seines Vaters war die seiner Zeit sehr geschätzte Illustrations- 
künstlerin Luise Thalheim, besonders glücklich in der Illustration 
von Kindermärchen und Kinderliedern, f 1902), hatte in der Jugend 
unter der Anleitung seines Vaters und später viel und gern ge- 
zeichnet und konnte daher Zeichnungen wirklich sachgemäß beur- 
teilen. Neben dieser Beherrschung des Stoffes erwirkte ihm sein 

1 . ' UM 



Theodor Thalheim. 155 




praktischer Blick Air die inneren und äußeren Bedurfnisse des 
Schullebens hohe Anerkennung. Er hatte, wenn er eine der ihm 
anvertrauten Schulen besuchte, die Augen überall und zog Kleines 
; und Großes in den Bereich seiner Wirksamkeit. Es erschien ihm 
keineswegs unter seiner Würde, Weisungen darüber zu geben, wie 
am ehesten bei den Klassenarbeiten der Schüler eine leidliche 
Handschrift zu erzielen sei. Hier riet er, um den Jungen mehr 
Schatten auf dem Spiel- und Turnplatz zu verschaffen, den Rand 
desselben mit Bäumen zu bepflanzen; dort ordnete er an, die jeden- 
falls für Schul zimmer ganz unpraktischen Jalousien durch Vorhänge 
zu ersetzen. Die Ratschläge, die er für den Unterricht gab, zielten 
hauptsächlich darauf ab , die Aufmerksamkeit der Schüler nach 
Möglichkeit zu steigern; der beste Lehrer war ihm der, welcher 
in seiner Klasse die größte Aufmerksamkeit zu erzielen weiß. 
Daher wandte er sich lebhaft gegen die früher weitverbreitete 
Unterrichtsmethode , nach der der Lehrer bei der Übersetzung der 
Schriftsteller immer nur mit demjenigen , der eine Stelle übersetzt 
hat, verhandelt, um Fehler zu verbessern und den Ausdruck zu 
rvollkommnen , anstatt sofort nach dem Ende der durch keine 
age oder Bemerkung unterbrochenen Übersetzung die ganze Klasse 
r Mitarbeit aufzurufen und durch die Möglichkeit, sich zu be- 
tätigen, die Mitschüler zu regem Zuhören während der Übersetzung 
anzuspornen. Man darf es wohl seinem Einfluß zuschreiben, daß 
die Frage: Nach welchen Grundsätzen ist bei dem Übersetzen aus 
den fremden Sprachen zu verfahren? als erster Gegenstand auf die 
Tagesordnung der 13. Sehlesischen Direktorenkonferenz zu Jauer 
(1905) gesetzt wurde. — In zweiter Linie möchte ich als charak- 
teristisch für ihn bezeichnen die Geradheit und unbedingte Zu- 
verlässigkeit, die von allen, die mit ihm amtlich zu tun gehabt 
haben, als über jeden Zweifel erhaben empfunden worden ist, eine 
Eigenschaft, die an einem Vorgesetzton nicht minder hoch, vielleicht 
noch höher gesehätzt zu werden pflegt als hervorragende Tüchtigkeit 
im Amt. Man wußte, sozusagen, immer, wie man mit ihm daran 
war. Was er an Ausstellungen zu machen hatte, brachte er ohne 
überflüssige Schärfe vor mit der Offenheit, die ihm als amtliche 
Pflicht und darum als selbstverständlich erschien. Drittens dünkt 
mir an seiner Tätigkeit als Schulrat besonderer Hervorhebung wert 
die Selbstbeschränkuug, die er stets geübt hat. Er ließ den Direk- 
toren, die zu seinem Dezernat gehörten, wie er schon als Direktor 
die Mitglieder seines Kollegiums nicht im geringsten eingeengt hatte, 
in weitestem Umfange freie Hand, auch dann, wenn er persönlich 



■ 




Theodor Thalheim. 



1 




vielleicht etwas anderer Ansicht war: die gerade in seinem Amte nicht 
geringe Gefahr, aües von oheu dirigieren zu wollen, bestand für ihn 
nicht. So pflegte er die Stundenverteilungspläne ohne weiteres zu 
genehmigen , und Anträgen auf Einführung anderer Lehrbücher 
bewies er das weiteste Entgegenkommen. 

Einen besonderen Eifer widmete er der Erziehung des Nach 
wuchses. Erstens geschah dies in seiner Stellung als Mitdirektor 
des pädagogischen Seminars in Breslau. Sodann hatte er die an 
den Anstalten seines Dezernats bestehenden Seminare zu beauf- 
sichtigen. Dieser Pflicht kam er vor allem dadurch nach, daß er 
bis zum Weltkriege, der ja fast alle Kandidaten verschwinden ließ, 
die Seminare pünklich zweimal im Jahre einer gründlichen Revision 
unterzog. In seinen Anforderungen war er nicht rigoros; er wußte, 
daß Unterrichten keine so einfache Sache sei, zumal da doch nicht 
jeder Kandidat angeborene Lehrgabe mitbringt, und die Beherrschung 
des Stoffes zwar zur Voraussetzung habe, sich aber nicht ohne wei- 
teres aus ihr allein ergebe. Seine Weisungen und Ratschläge 
waren bestimmt und praktisch, so daß man etwas mit ihnen an- 
fangen konnte, hielten sich fern von allem Phrasenhaften und allen 
hohen Worten, die in der Pädagogik und Didaktik so beliebt sind, 
und hatten somit den großen Vorteil , wirklich ausführbar und er- 
füllbar zu sein. Gegengründe, die die Kandidaten etwa anführten, 
hörte er gern au und ließ sie, wenn möglich, gelten, war auch ganz 
frei von der Sucht, unter allen Umständen Ausstellungen zu machen, 
brachte es vielmehr sehr wohl fertig, zu erklären, daß er gar nichts 
einzuwenden habe. Auch in ihrem zweiten Vorbereitungsjahr, das 
damals im Gegensatz zum Seminarjahr Probejahr hieß, waren die 
jungen Kollegen der Gegenstand seiner besonderen Fürsorge und 
Aufmerksamkeit ; die Ausstellung des Anstellungsfähigkeitszeugnisses, 
das ja damals ohne die zweite Prüfung erteilt wurde, nahm er 
keineswegs leicht. Schließlich lohnt es sich , noch ein Wort über 
die Art, wie er die Reifeprüfung abhielt, hinzuzufügen. Bald nach- 
dem er sein neues Amt angetreten hatte, wurde die Prüfungsordnung 
vom Jahre 1891, die sicher zur Hebung der Leistungen auf unseren 
Schulen nicht beigetragen hat, durch die Ordnung von 1901 ersetzt, 
die neben sonstigen Abänderungen die Befreiung von einzelnen 
Teilen der mündlichen Prüfung vollkommen in die Hände des 
„Königlichen Kommissars", wie es damals amtlich hieß, legte. Von 
dieser Befugnis hat er einen äußerst sparsamen Gebrauch gemacht. 
Von einer Prüfung in der Religion sah er, wenn die Fachlehrer 
nicht etwa besondere Wünsche hatten, gern ab, um, wie er wieder- 



- 



■ 



Theodor Thalheim. 157 

Wfc ' ' ' ' ' ' • \ 

holt geäußert hat, alles zu vermeiden, was dazu beitragen könnte, 

dem Religionsunterricht die Richtung auf die Einprägung abfrag- 
baren Wissens zu geben. Auch von der Vorlegung einer Stelle aus 
Horaz oder Homer wurde öfter Abstand genommen. Bei solchen, 
die ganz sicher in der Mathematik standen, verzichtete er bisweilen, 
wenn auch selten, auf die mündliche Prüfung in diesem Fache, die 
ja hier der schriftlichen Leistung gegenüber wenig in Betracht 
kommt. In allen anderen Fächern wurden alle Prüflinge ohne Aus- 
nahme durchgeprüft, soweit sie nicht von der ganzen mündlichen 
Prüfung befreit wurden. Gerade in dieser Tätigkeit als Prüfungs- 
kommissar hatten die Kollegien Gelegenheit, seine unverwüstliche 
Leistungsfähigkeit kennen zu lernen. Nicht selten nach einer faBt 
schlaflosen Nacht, wie er denn viel an Schlaflosigkeit gelitten hat, 
dauerte er, jedem Lehrfach und jedem Prüfling die gleiche uner- 
müdliche Aufmerksamkeit schenkend , bis in die späten Abend- 
stunden aus, und zwar nicht einmal, wie die Mitglieder einer ein- 
zelnen Prüfungskommission, sondern Tag für Tag sechs Wochen 
hindurch, soweit nicht die Durchsicht der schriftlichen Prüfungs- 
arbeiten Pansen erforderlich machte. Etwaigen Täuschungsversuchen 
bei diesen , die leider immer wieder vorkommen , auf die Spur zu 
kommen, hielt er für eine sehr ernste Pflicht, wie er denn über- 
haupt sich nicht gern etwas vormachen ließ und auch von Direk- 
toren und Oberlehrern sich nichts hätte vormachen lassen, wenn es 
versucht worden wäre. Es ist mehr als einmal vorgekommen, daß 
er Unterschleife, die den Fachlehrern trotz aller Aufmerksamkeit 
entgangen waren, bloßgelegt hat In seinen Anforderungen als 
Kgl. Kommissar war er schwächlicher Abminderung der Unterrichts- 
ziele nicht geneigt, aber doch von sicherem Blick ftlr das Erreich- 
bare und im allgemeinen milde in seinem Urteil , und vor allem 
erachtete er es für selbstverständlich, Uber Unbedachtheiten und 
Versehen, die aus Aufregung und Examensfurcht hervorgingen, ohne 
weiteres hinwegzusehen. In die Prüfung griff er nicht selten ein 
und konnte dies um so eher , als er ja alle Fächer beherrschte. 
Die schon einmal angeführte Verfügung vom 23. Oktober 1911 be- 
schränkte die Teilnahme der Provinzialschulräte an den Reife- 
prüfungen in umfangreichem Maße und legte der Regel nach die 
Leitung der Prüfungen in die Hände der Direktoren. Sie brachte 
ihm eine Entlastung von aufreibender Arbeit; ob er aber diese 
„Depossedierung der Schulräte e , wie er sich einmal ausdrückte, für 
sehr glücklich gehalten hat, darf bezweifelt werden. 

Es geht den Oberlehrern, die in höhere Stellen befördert 




158 Theodor Thalheim. 

werden, seltsam. Zweifellos werden in erster Linie diejenigen zu 
Direktoren ernannt, die für tüchtige Lehrer gelten; sie werden 
durch die Beförderung in ihrer unterrichtlichen Tätigkeit eingeschränkt. 
Auch bei der Beförderung zum Provinzialschulrat (heute: Ober- 
schulrat) kommt, wenn auch gewiß nicht allein, hervorragende 
didaktische Tüchtigkeit sehr wesentlich mit in Frage , und der 
Provinzialschulrat hat gar nicht mehr zu unterrichten. Bei Th. 
hatte man eigentlich keinen Grund, darüber zu klagen, daß er seit 
1900 dem Lehramt ganz entzogen war. Er war gewiß ein geborener 
Lohrer, aber nicht minder ein geborener Verwaltungsbeamter, wie 
auch in der Zeit, in der er das Provinzialschulkollegium leitete 
sich deutlich gezeigt hat. 

Was die Seinen mit ihm verloren haben, davon ist hier nicht 
zu reden ; in der Erinnerung der schlesiscken Schulmänner, die mit 
und unter ihm gearbeitet haben, wird er fortleben als ein aufrechter 
Mann, der frei war von Menscbenfurcht nach oben wie nach unten, 
durch seine altpreußische Pflichterfüllung in guten wie in kranken 
Tagen weithin ein Vorbild war und trotz der ihm eigenen Wort- 
kargheit und Zurückhaltung ein warmes Herz besaß für alles, was 
seiner Pflege anvertraut war. Multis ille bonis flebilis occidit. 

Schriftenverzeichnis, chronologisch geordnet. 

Zu Lysias. Jahrb. 111, 1875, 522 f. (betr. Lys. 19, 34— 41.) 
Des Lysias Rede für Polystratus. Progr. des Elisabethans zu 
Breslau. 1876, 40 S. 

Das attische Militarstrafgesetz und Lysias 14, 7. Jahrb. 115, 

1877, 269—272. 

Die Antidosis. Jahrb. 115, 1877, 613—618. 

Zu Lykurgos. Jahrb. 115, 1877, 678—683. (Handschriftliches 
u. Textkritisches.) 

Zu Lysias. Jahrb. 117, 1878, 545—561. (Textkritisches.) 

Zur Dokimasie der Beamten in Athen. Hermes 13, 1878, 866 
bis 872. 

Die Dokimasie der Beamten in Athen. Jahrb. 119, 1879, 601 
bis 608. 

Zu Lykurgos. Hermes 15, 1880, 412—416. (Zur Textkritik.) 

Lycurgi oratio in Leocratem, ed. Th. Th. Weidmann, 1880. 

Die Antidosis. Hermes 19, 1884, 80—91. 

Lycurgea et Antiphontea. Rudolfo Prinz Monasterium disces- 
»uro valedicunt palicolae Vratislavienses, S. 7 — 8. Breslau 1882. 

Lehrbuch der griechischen Rechtsaltertümer, von K. Fr. Her- 
mann. 3. (1884) u. 4. (1895) Auflage, von Th. Th. Leipzig u. 
Freiburg i. B. 



- . 



■ : vir.. 



Theodor Thalheim. 



- 



159 



De Diuarchi codicibus commentatio. Progr. des Wilhelmsgym- 
nasiums zu Breslau 1886. 13 S. 

Zu Deinarchos. Hermes 22, 1887, 378—387. (Textkritisches.) 
Dinarcbi orationes tres, edidit Th. Th. Weidmann 1887. 
Der Prozeß Demons gegen Zenothemis. (Demosthenes) 32. — 
Hermes 23, 1888, 202—210. 

Der Prozeß des Androkles gegen Lakritos und seine Urkunden. 
(Demosthenes) 35. — Hermes 23, 1888, 333—345. 

Der Prozeß des Chrysippos gegen Phonnion. (Demosthenes) 34. 
Philologische Abhandlungen zum 70. Geburtstage von Martin Hertz, 
S. 58—64. 

Quaestiones Demosthenicae. Progr. Schneidemuhl 1889, 13 S. 
(Betrifft die Reden 48. 39. 40. 58.) 

Lysias, Ausgewählte Heden, erklart von H. Frohberger. 
Kleinere Ausgabe, besorgt von Th. Th. Heft II, 2. Aufl. Teubner 
1892. Heft I, 3. Aufl. 1895. 

Zu den griechischen Rechtsaltert Umern. Progr. Schneidemühl 
1892. 14 S. 

Die drakontische Verfassung bei Aristoteles. Hermes 29, 1894, 
458—463. 

Zu den griechischen Rechtsaltertümern. IL Progr. Hirschbere; 
1894. 18 S. 

Demosthenes' neun philippische Reden. Schultext. Teubner 
1896. 2. Aufl. 1913. 

Lysias' ausgewählte Reden. Schultext. Teubner 1898. 2. Aufl. 
1913. 

Zu Lykurgos und Lysias. Progr. Hirschberg 1900. 18 S, (In- 
halt: Rhythmus im Lykurg; Textkritisches zu Lysias.) 

Lysiae orationes, rec. Th. Th. editio maior u. editio minor. 
Teubner 1901; maior editio altera correctior. 1913; editio minor 
altera 1913. 

Zur Eisangelie in Athen. Hermes 37, 1902, 339 — 352. 
Übungen im unvorbereiteten Übersetzen. Monatsschrift für 
höhere Schulen I, 1902, S. 171—173. 

Zu Isäus. Hermes 38, 1903, 456 — 467. (Textkritisches.) 
Isaei orationes. Post Carolum Scheibium iterum ed. Th. TE. 
Teubner 1903. 

Gesetz von Samos über Getreideankauf und -Verteilung. Hermes 
39, 1904, 604—610. 

Zum Unterricht in der deutschen Geschichte. Monatsschrift für 
höhere Schulen IV 1905, 63 (Empfehlung des historischen Lese- 
buches v. Richard Müller). 

Der Eid der Schiedsrichter in Athen. Hermes 41, 1906, 152 
bis 156. 

Eisangeliegesetz in Athen. Hermes 41, 1906, 304 — 809. 

Zu XenophonB Oikonomikos. Hermes 42, 1907, 630—642. 
(Textkritisches.) 

Zu Aristoteles' ^iihjvalcav noXiveia. BerL philol. Woch. 1908, 
977 f. tu 1640. 



■v 



IQO Theodor Thalheim. 

Zu Xenophons kleineren Schriften (Hieron Agesilaos Apologie). 
Hermes 43, 1908, 427—440. 

Aristotelis noXixeia ' 4_&rp>aiwv. Post Frider. Blaß ed. Th. Th. 
Teubner 1909; iterum ed. 1914. 

Die Cäsuren des Hexameters und des Trimeters. Monatsschrift 
für höhere Schulen IX 1910, 428 f. 

Testament, Adoption und Schenkung auf den Todesfall, Zeit- 
schrift der Savignystiftung 31, 1910, 398—401. 

Xenophontis scripta minora, fascicuius prior, Oec. conv. Hier. 
Ages. Apol. Socratis continens. Post Ludovicum Dindorf ed. Th. Th. 
Teubner 1910; iterum edidit 1915. 

Zu Xenophons tcoqoi. Berl. philol. Woch. 1911, 123. (Kon 
jekturen.) 

Antiphontis orationes et fragmenta. Post Frid. Blaß ed. Th, Th. 
Teubner 1914. 

Zu Antiphon. Hermes 49, 1914, 143—148. (Textkritisches.) 
Zu [Herodes] neQi notitdaq, Berl. phil. Woch. 1919, 765 f. 
Zu Demosthenes. Hermes 54, 1919, 108 u. 443—445. (Text- 
kritisches.) 

Die Aristotelischen Urkunden zur Geschichte der Vierhundert 
in Athen. Hermes 54, 1919, 333—336. 

Zu Xenophons kleineren Schriften. Berl. phil. Woch. 39, 1098 
bis 1101. 

Dazu etwa 260 Artikel im Pauly- Wissowa und zahlreiche 
Rezensionen. 




mem- 



■ 

■■■ 



Alfred ßercke. 

Geb. 20. Marz 1860, gest. 26. Januar 1922. 

■ 

Von 

Bruno Prehn in Breslau. 

• 

Für Überlassung von Material habe ich in erster Linie Frau 
Geheimrat Gercke zu danken, deren Liebenswürdigkeit mir ver- 
trauensvollen Einblick in allerlei Aufzeichnungen, Briefe u. a. ge- 
stattete. In Einzelheiten gaben mir dankenswerte Auskunft die 
Herren Professoren Hoenigswald , Koepp , Kroll, Winter und 
Norden, auch der Direktor der Breslauer Universitätsbibliothek 
0. Günther. Für die Anfange der „Einleitung" verdanke ich Herrn 
Dr. Giesecke Einsichtnahme in den zwischen Gercke-Norden und 
B. G. Teubner geführten Briefwechsel. 

Alfred Gercke wurde am 20. März 1860 zu Hannover geboren. 
Sein Vater Otto G. , damals kgl. Baurat in Hannover, entstammte 
einer alten Göttinger Familie, deren Stammbaum sich bis ins 
14. Jahrhundert zurlickverfolgen läßt 1 ), und die ihre Söhne schon 
um 1500 zur Universität schickte, um die Rechte zu studieren. 
Er wird als „etwas phlegmatisch und skeptisch veranlagt 11 geschil- 
dert fl ) und soll durch sein mit hervorragender Tüchtigkeit gepaartes 
auffallend ruhiges und selbstbewußtes Wesen schon früh Eindruck 
gemacht haben, so daß ihm eine glänzende Zukunft sicher war; 
sein lauterer, selbstloser und zuverlässiger Charakter wird rühmend 
hervorgehoben. Die Mutter, Charlotte geb. WilmannH, war die 

') Der Vater war damals schon im Alter von 85 Jahren. Das Material 
zur Geschichte der Familie Gercke hat mit restlosem Eifer der älteste 
Sohn von A. G. Otto G. als Sekundaner und Primaner durch eigene ar- 
chivalische Studien zusammengestellt. Die Familie besaß ein kleines Land- 
gütchen bei Göttingen, und Jahrhunderte hindurch ist sie im Besitz dieses 
Lehens durch Lehnsbriefe, die zum großen Teil gesammelt vorliegen, be- 
stätigt worden. Es ist nur zu bedauern, daß das Material, das druckfertig 
vorliegt, nicht veröffentlicht werden kann. Otto G. ist im Frühjahr 1918 
auf dem westlichen Kriegsschauplatze als junger Offizier den Heldentod 
gestorben. 

a ) Vgl. L. Franzius, „Aus meinem Leben.« Bremen 1896, S. 44 f., 124. 
Nekrologe 1924. {Jahresbericht f. AltertumewiMeiwohaft. Bd. »02 B.l 11 



I 



202 Alfred Gercke. 

Tochter des praktischen Arztes Dr. A. Wilmanns in Vegesack bei 
Bremen und die Schwester des bekannten Gelehrten und späteren 
Generaldirektors der kgl. Bibliotheken, Geheimrat August Wilmaaus 1 ). 
An der Mutter, die den Schmerz erlebt hat, auch ihr letztes Kind 
noch überleben zu müssen, hat A. G. zeit seines Lebens mit in- 
nigstet Liebe gehangen. Der Onkel Wilmanns hat in der Familie 
und in dem Leben des Studenten und jungen Gelehrten eine ge- 
wisse Rolle gespielt; er wird immer wieder mit größter Achtung 
genannt, scheint aber flir den Neffen immer nur die Autorität ge- 
blieben zu sein. 

Die ersten Jugendjahre bis Herbst 1868 verlebte A. G. in 
seiner Vaterstadt Hannover. 1861 wurde die Ehe seiner Eltern 
mit einem 2. Kinde gesegnet, einer Tochter ; diese Schwester Marie 
ist dann in dem Grade die Gespielin seiner Jugend geworden, daß 
A. G. sie selbst in Aufzeichnungen aus dem Jahre 1875 als „mein 
erster und bester Freund" bezeichnet hat 8 ). Ein 3. Kind, ein 
Knabe, ist zu früh gestorben, als daß er dem Bruder etwas hätte 
sein können. 

In Hannover hat A. G. auch schon kurze Zeit die Schule be- 
sucht, aber nur zu bald wurde er der Heimat, der die Familie 
Jahrhunderte hindurch die Treue gehalten hatte, entrissen. 1868 
erfolgte die Berufung seines Vaters, der sich, wie gesagt, schon 
früh als Wasserbaufachmann einen Namen gemacht hatte, in das 
preußische Ministerium für Handel, Gewerbe und öffentliche Arbeiten 
und damit die Übersiedlung nach Berlin, das damals eben aus dea 
neuannektierten Gebieten alle Begabungen an sich zog. 

In dem Berlin der 70er Jahre hat A. G. so die eutscheidenden 
Jugendjahre zugebracht. Es sind durchaus glückliche Zeiten für 
ihn gewesen. Aus eigenen Aufzeichnungen, die vorliegen — sie setzen 
mit der Konfirmation durch BUchsel (Frühjahr 1876) ein — , kann 
man sich ein ungefähres Bild von der Umgebung machen, in der 
A. G. aufgewachsen ist. Es waren die ersten Beamtenkreise der 
damaligen Berliner Gesellschaft, in denen man lebte, in denen der 
Name Bücbsel auch um 1876 herum noch besonderen Klang hatte. 
BUchsel selbst als Persönlichkeit scheint dauernden Einfluß auf A. 
G. nieht gewonnen zu haben; „positiv" — alles andere als das 

**) Interessant ist, daß auch in dem Stammbaum der Wilmanns eine 
Reihe von Juristen und Verwaltungsbeamten sich findet, so daß man 
geradezu sagen könnte, A. G. stamme väterlicher- und mütterlicherseits 
aus einer altniedersäcbsischen Beamte nfamilie. 

*) Sie ist unvermählt im Jahre 1910 gestorben. 



f. 



Alfred Gercke. 



163 



ist A. G. spater gewesen — und „reaktionäre" Anwandlungen lagen 
ihm ganz fern, er als „Neupreuße" hielt sich zu den National- 
liberalen, auch das ist typisch , für die er in Greifawald später 
eifrig agitiert hat, und spater zur deutschen Volkgpartei. Der Sinn 
für religiöse Werte, den er sich stets erhalten hat, ist aber schon 
damals recht wach in ihm gewesen, so daß Useners religionage- 
schichtliche Problemstellungen später bei ihm auf dankbaren Boden 
fallen mußten. Im Elternhause begeisterte man sich vorurteilsfrei ') 
für alles Gute und Schöne; Literatur und Kunst wurden in fein- 
sinnigster Weise gepflegt; Schauspiel und Oper, Vorträge und 
Konzerte, gediegene Zeitschriften, literarische Leseabende, an denen 
man mit verteilten Rollen las, sind Selbstverständlichkeiten. Alle 
Neuerscheinungen auf dem Büchermarkte werden mit größtem In- 
teresse aufgenommen; immer wieder finden sich in den Briefen 
des Studenten Anspielungen auf eben Erschienenes und eingehende 
Wertungen. A. G. selbst hat im besonderen für das Theater ge- 
schwärmt. Er selbst hat sich wiederholt in seinen Primanertagen 
als Schauspieler und Regisseur betätigt nnd auch später noch, wenn 
sich Gelegenheit dazu bot. Im Schauspielhause hat er als Primaner 
als Statist gewirkt, und besonders stolz ist er damals darauf, be- 
richten zu können, eine Aufführung des „Neffe als Onkel" vor 70 
Zuschauern in Szene gesetzt zu haben. 

Von der Schule — seit Herbst 1868 hat A. G. das Wilhelms- 
GymnaBium besucht, er trat in die Octava ein und ist auf der An- 
stalt bis zur Reifeprüfung geblieben — hört man nicht allzuviel 
in seinen Aufzeichnungen. Unter seinen Lehrern fallen die Namen 
0. Kübler als Direktor, Gleditsch, Rethwisch vor allem auf. Seine 
besondere Stärke war die Mathematik; Deutsch und Geschichte 
haben ihn sichtlich interessiert; in Latein und Griechisch scheint er 
durch besondere Leistungen nicht hervorgeragt zu haben; mit Be- 
geisterung hat er schon damals, wenn die Schule das auch nicht 
so hat feststellen können, aber die Aufzeichnungen lehren es, seinen 
Homer gelesen, den er immer wieder zitiert, und schon damals 
schwärmt er für Piaton. Einer seiner Lateinlehrer war später aufe 
höchste Überrascht, als sich A. G. ihm als Privatdozent tür klassische 

___________ 

') Bezeichnend für die Einstellung des Elternhauses und wohl auch 
des größten Teils der damaligen Berliner Gesellschaft — erst in den 
80 er Jahren türmten sich ja die antisemitischen Wellen — ist folgende 
Äußerung von A. G. au B den Jahren 1878/1879 über einen Freund; „Er 
rechnet sich zu den Freigeistern und ist so kleinlich, bei anderen am 
mosaischen Bekenntnis Anstoß zu nehmen.« 

11* 



■ _ 



»•Ii 

5 



154 Alfred Gercke. 

Philologie vorstellte. A. G. hat nur zu gern von dieser Begegnung 
erzählt ; ao sei sie hier geschildert ; sie ist ja so typisch für die 
Schulmänner alten Schlages. Nach laugen Jahren traf A. G. 
zufällig einen alten Lehrer, klassischen Philologen, unter den Linden, 
der ihn natürlich fragte , was er jetzt eigentlich treibe ; die Ant- 
wort: „Ich bin Privatdozent in Göttingen, " löste Erstaunen aus; 
als der alte Herr denn weiter fragte und hören mußte, sein ehe- 
maliger Schüler sei Privatdozent für klassische Philologie, fiel er 
aus allen Wolken, rang mühsam nach Fassung und fragte dann 
tiefaufatmend : „Nun sagen Sie mir bloß, was halten Sie denn da 
für Vorlesungen?" Als A. G. ihm daraufhin erklärte, er lese vor 
allem über hellenistische Philosophie, da atmete der andere erleich- 
tert auf und beteuerte : „Ich habe es mir doch gleich gedacht, daß 
Sie kein richtiger klassischer Philologe sind!" Kann uns diese 
Wertung des Hellenismus für die damalige Zeit kaum in Erstaunen 
setzen, so sei, um dies Entsetzen des alten Lehrers vor diesem 
Privatdozenten der klassischen Philologie einigermaßen begreiflich 
zu machen, hier noch ein Erguß des Primaners A. G. gegeben, den 
ich mir ans einer Aufzeichnung aus dem Frühjahr 1875 ausge- 
schrieben habe; das Ganze trögt die Aufschrift: Laelius oder über 
meine Freundschaften; den Inhalt bilden Charakteristiken seiner 
Freunde ; es scheint eben schon damals in der Berliner Luft gelegen 
zu haben, „Köpfe" zu zeichnen. In diesem Schriftchen heißt es zu 
Beginn: „Ich muß gleich erklären, daß ich Ciceros Laelius zwar 
teilweise gelesen, aber so langweilig befunden habe, daß ich wenig 
von seinem Inhalte in mich aufgenommen. Nur soviel schwebt mir 
vor: Cicero galt die Freundschaft als eine auf Gegenseitigkeit ge- 
gründete Versicherungsgesellschaft gegen Immoralität und staatliche 
Opposition. Mit einem Worte: seine philosophische Schrift enthält 
von Philosophie wenig, von Verständnis nichts-, seine idealen Ge- 
danken sind rhetorische Seifenblasen, sein Zweck Wichtigtuerei und 
Eitelkeit. Mit diesem Laelius habe ich nichts zu tun." Diese 
Ketzereien des Primaners mögen zugleich als Stilprobe dafür gelten, 
wie A. G. sich damals zu geben beliebte; ähnlich scharf hat er ja 
auch später noch gelegentlich formuliert; aber wie mußten derartige 
Äußerungen in den 70er Jahren wirken! Interessant ist Übrigens, 
daß A. G. damals in Berlin in kameradschaftlichen Beziehungen zu 
Ludwig Traube gestanden hat. 

Herbst 1879 legte er die Reifeprüfung ab, um, wie er 
selbst angegeben hatte, Mathematik zu studieren. Doch zunächst 
diente er jetzt sein Jahr ab, und zwar beim Kaiser Franz Garde- 



Alfred Gercke. l65 

Grenadierregiment. Er muß mit Leib und Seele Soldat gewesen 
sein, denn am Schluß des Jahres wurde er, obwohl er doch eigent- 
lich „noch nichts war", zum überzähligen Unteroffizier befördert. 
Er hat dann später gern und mit Leidenschaft seine Übungen ge- 
macht und es schließlich in den 90er Jahren bis zum Oberleutnant 
der Gardelandwehr II gebracht; daß er sich dann beim Beginn des 
Weltkrieges trotz seiner damals 54 Jahre wieder zur Verfugung 
stellte, war Ehrensache. Während des Einjährigendienstjahres ließ 
er sich bereits an der Berliner Universität immatrikulieren, aller- 
dings nicht um Mathematik zu studieren, sondern um bei Mttllenhof 
„Deutsche Poesie" und bei Droysen „Reformation und Gegenrefor- 
mation" zu hören. Die Angabe „Studium der Mathematik" muß 
ihm von vornherein selbst wohl nicht ganz ernst gewesen sein, 
wenn er selbst auch gelegentlich seinen Freunden von Astronomie 
u. a. vorgeschwärmt hat. Seine Neigungen sprachen durchaus für 
ein Studium der Literaturwissenschaften, wie es ihm damals wohl 
vorschwebte, d. h. der Philologie. 

Herbst 1880 ging er nach Bonn; hier hat er, abgesehen von 
2 Semestern, die ihn nach Berlin zurückgeführt haben (S. S. 1888, 
W.S. 1 883/4), seine Studentenjahre zugebracht, hier hat er im Früh- 
jahr 1885 promoviert und hier auch sein „Staatsexamen" bestanden. 
Hier in Bonn ist er zum begeisterten Altertumswissenschaftler ge- 
worden, und zwar unter dem Eindruck der gewaltigen Persönlich- 
keit eines Usener. 

Den Akten nacli erscheinen zunächst in dem Verzeichnis der 
Vorlesungen, die A. G. in Bonn gehört hat, neben Usener, Bücheler, 
Kekule die Namen Maurenbrecher (Geschichte), Aufrecht (Sanskrit), 
Franck (Germanistik). Man sieht die Weite seiner Interessen. Aber 
dann liest man nun immer wieder die Namen des Bonner Drei- 
gestirns: Usener, Bücheler, Kekule. Bei Lübbert hat er nur ein 
einziges Kolleg belegt, allerdings im Proseminar und Seminar 
unter ihm gearbeitet. Einmal hat er bei Bender „Religionsphilo- 
sophie" gehört, übrigens schon S.S, 1882, also ehe der Fall Bender 
akut geworden war; Benders Ausführungen ist er, wie die Briefe 
zeigen, mit größter Anteilnahme gefolgt ; W.S. 1882/83 interessieren 
ihn loers „Römisches Staatsrecht" und „Geschichte der römischen 
Gesetzgebung" u. a. Drei Semester ist er ordentliches Mitglied des 
philologischen Seminars gewesen, regelmäßig hat er an den archäo- 
logischen Übungen Kekules teilgenommen. 

Dies Bild, das die Akten bieten, ergänzt in lebendigster 
Weise eine Reihe von Briefen an Eltern und Schwester, die sich 



>.:---''• . - 

Alfred Gercke. 

erhalten haben. Bis in die kleinsten Einzelheiten hat A. G. in 
frischesten Farben und mit kräftiger Pinselführang das Leben und 
Treiben in Bonn seinerzeit geschildert. Es ist wirklich ein Genuß, 
diese anschaulichen Bilder an sich vorüberziehen zu lassen. Viel 
Scherzhaftes aus rheinischem Studentenleben wird berichtet ; A. G. ist 
anscheinend nie Spielverderber gewesen. Wenn er sich aber in den 
Briefen gelegentlich als „Bierstudent" geben will, so ist das allerdings 
nur Motiv; denn wer nach Köln fahrt, um Devrieat als Faust zu sehen, 
ist alles andere als das. Er muß mit eiserner Energie gearbeitet 
haben, wenn man übersieht, wie viel an antiker Literatur er schon 
damals durch umfassende Lektüre in sich aufgenommen hat. In den 
Kreisen der Philologiestudenten ist er zunächst merkwürdig kühl 
aufgenommen worden; er selbst ist sich auch darüber klar, daß er 
das bestimmten Eigenschaften zu danken habe, die den ausgeprägten 
Berliner kennzeichnen; erst allmählich hat er Anschluß gefunden; 
am nächsten haben ihm anscheinend Winter und Koepp gestanden ; 
neben ihnen fallen dann immer wieder die Namen Marx, Wolters, 
Dümmler, Münzet, später Ziehen, Fowler u. a. Im „Bonner Kreise", 
der damals auf der Höhe seiner Entwicklung gestanden haben soll, 
hat er sich recht rege am wissenschaftlichen Leben beteiligt. Bei 
den Herren Professoren , den Olympiern , wie er sie gern nennt, 
war ihm, dem Neffen von A. Wilmanns, von vornherein ein herz- 
licher Empfang sicher, vor allem bei Usener. Usener erklärte ihm 
gleich beim ersten Besuche : „Für einen so nahen Verwandten eines 
meiner besten und ältesten Freunde bin ich jederzeit zu sprechen." 
Nicht lange, so ist er in der Familie ein gern gesehener Gast; ja 
er scheint sich schließlich fast als „Sohn des Hauses" gefühlt zu 
haben ; jedenfalls fällt von seiner Seite einmal der Ausdruck, und 
anscheinend übertreibt er nicht. Der Höhepunkt dessen, was ihm 
das Haus Usener menschlieh gegeben hat, sind die Weihnachtstage 
1882 gewesen. Er half den Christbaum mit ausschmücken; am 
Heiligen Abend ging man mit der ganzen Familie gemeinsam zur 
Kirche, dann hat er schnell noch „den Jungens " einige Soldaten 
aufgebaut; er steckt die Lichter am Weihnachtsbaum an: „von der 
ganzen Familie durfte niemand ins Zimmer." Bei der Bescherung 
erhielt er u. a. von Usener einen Persius ed. Casaubonus (1605) 
„als Anfang einer Sammlung älterer Bücher", wie Usener liebens- 
würdig hinzufügte. Und weiter berichtet er: „Als die Kinder zu 
Bett waren, haben wir unter dem Tannenbaum Nathan gelesen bis 
gegen 11 Uhr". Einige Zeit später schreibt er: „Sonntag haben 
wir bei Usener Iphigenie gelesen, Frau Usener, Fräulein Koepp, 





Marx, Münzel und ich; sehr feierlich, ohne großes Pathos. 6 — Das 
sind Weihnachtstage gewesen, um die man A. G. glühend beneiden 
möchte. Usener ist dann, wie gesagt, für den Gang seiner Stadien 
durchaus bestimmend gewesen. In seinem ersten Bonner Semester 
allerdings hat A. G. noch geschwankt, ob er nicht doch Germanistik 
und Geschichte studieren sollte; Maurenbrecher scheint zunächst 
einen gewissen Einfluß auf ihn gewonnen zu haben; A. G. war 
eine Natur, die durchaus produktiv eingestellt war; er sehnte sich 
danach, seine jungen Kräfte durch eigene Arbeit an den Problemen 
zu stählen. So fühlte er sich zunächst zurUkgestoßen, wenn Usener 
ihm nur immer wieder die berechtigte Mahnung „Lesen, Lesen, 
Lesen" vorhielt und sich geradezu weigerte, ihm ein Thema für 
eine größere Arbeit zu stellen. Um so mehr zog es ihn damals zu 
Maurenbrecher, der ihm, dem 1. Semester, denn das war er doch 
eigentlich noch, sofort ein Korreferat über Ekkehard von Auras 
Ubertrug und ihn auch über Probleme der mittelalterlichen Ge- 
schichte arbeiten ließ. Aber nur zu bald schlug ihn Useners Per- 
sönlichkeit trotz allem unwiderstehlich in ihren Bann, wodurch er 
eigentlich erst der klassischen Altertumswissenschaft gesichert wurde. 
Und nur zu bald wird es seine Sehnsucht, wie Usener ist, zu werden. 
Wenn er, der junge Student, sich dann aber an dem Meister maß, 
dann konnten seelische Zusammenbrüche nicht ausbleiben. Aus 
einer solchen Krisenzeit stammen folgende Äußerungen, wie starke 
Selbstkritik A, G. an sich zu üben schon damals gewohnt war: 
„Es gibt zwei Arten von tüchtigen Leuten: die einen liefern 
mit emsigem Bienenneiße Muster von Detailuntersuchungc'n . etwa 
über den Gebrauch der Partikel av bei Plato oder über das Vor- 
kommen des Basaltes im Rheinland *), das sind die Lumpensammler. 
Die anderen sind sozusagen unordentlich, sie ziehen Schlüsse, wenn 
die Untersätze noch nicht völlig ausgesprochen oder gesichert sind, 
eie wagen viel und irren oft, sie werden von jener anderen Klasse 
leicht als Dilettanten behandelt. Ich fühle, daß ich mehr dazu 
gehöre." Und immer wieder quält ihn die Frage, wie er Useners 
wahrer Schüler werden kann. Große Probleme will er lösen im 
Sinne eines Lessing, Herder, W. v. Humboldt, J, Grimm. Als 
Philologe, das empfindet er, wird er nicht an den Titanen Usener 
heranreichen. Aber so fährt er fort: „Es gibt einen bisher noch 

') Dies geologische Paradigma erklärt sich aus seinem Umgang mit 
Fritz Frech, dem bekannten Geologen, der später in Breslau Professor war, 
den er schon aus Berlio her kannte, und mit dem er auch in Bonn einige 
Zeit zusammen gelebt hat. 



- 



wenig kultivierten Zweig der Wissenschaft : Philosophie der Ge- 
schichte. Wenn man sich selbst ein Prognostikon stellen kann, das 
etwa wird die Nuß sein , an der ich mir dereinst meine Zähne 
— vielleicht abbrechen werde. Damit wurde ich den oben ge- 
nannten Mannern mich direkt an den Schoß hängen" — er spielt 

v 

auf die 4 Namen an, die schon erwähnt wurden — , „damit würde 
ich Useners wahrer Schüler werden." Das „Prognostiken" ist fälsch 
gewesen; aber immer wieder haben A. G. später die Bahnen der 
sog. höheren Kritik gereizt, die zu einem ganz großen Wurfe führen 
sollten; da hat ihm denn herbe Kritik manchmal den Weg recht 
verbittert. 

Usener ist es auch gewesen, der ihn für die antike Philosophie 
zu interessieren verstanden hat. Er hat ihn insbesondere Uber die 
späteren Philosophen der hellenistisch-römischen Zeit arbeiten lassen. 
Auf seine Anregung geht auch die Arbeit zurück, die A. G. noch 
als sodalis seminarii geschrieben hat, und die im Tirocinium philo- 
logum sodalium regii seminarii Bonnensis (Berlin 188S) zu Useners 
25 jährigem Doktorjubiläum veröffentlicht worden ist, Herbst 1882 
ist sie geschrieben : de consolationibus, ein erster Versuch, an den 
Stoff heranzukommen. Bucheler war jedenfalls mit der Arbeit recht 
zufrieden, was A. G.s Selbstbewußtsein recht gehoben hat; stolz 
berichtet er auch von seinen ersten Konjekturen, die damals ge- 
druckt wurden J ). Auch das Thema seiner Doktorarbeit hat ihm 
Üsener gestellt; er sollte die Fragmente von Chryssipps Schriften mql 
elfiaQu&vrg und ?t£(>i nQOvolag sammeln ; Sommer und Herbst 1884, 
als er von Berlin nach Bonn zurückgekehrt war, hat er die Disser- 
tation geschrieben; das Rigorosum bestand er egregia cum laude. 
Usener hat denn anch die Unterbringung der ganzen Arbeit in 
Fleckeisens Jahrbüchern, Supplementband XIV (1885) vermittelt *). 
Die Promotion erfolgte am 7. März 1885 ; Opponenten waren Ziehen, 
Winter, Wolters. 

Die Frage war nun, was werden sollte. Schon den ganzen 
Winter Über war A. G. mit Usener darüber zu Rate gegangen. 
Usener empfahl ihm die Übernahme einer Hauslehrerstelle oder 
eines kleinen Postens in einer Bibliothek, um so, wirtschaftlich 
einigermaßen sichergestellt, in Ruhe wissenschaftlichen Studien 
nachgehen zu können. Er hat ihm damals schon die akademische 

') Vgl. Brandts Abhandlung, Aenigmata Latina hexasticha, Tiroci- 
nium 8. 112 Z. 24 ; S. 128 Z. 303. 

*) Nur ein Teil war als Dissertation eingereicht worden, d, h. S. 691 
bis 714. 

' ■ 1 Hl 

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«tiiiri -llM^iinhlftiiiflffr ; ■ "• • . 



Alfred Gercke. 



169 



Laufbahn alg möglich hingestellt. Useners Rat hat A. 6. dann in- 
sofern befolgt, als er Ostern 1885 ein glänzendes Angebot annahm, 
das ihm die Familie Borsig machen ließ, eben mit einer Hauslehrer- 
stelle. Für alle Fälle entschloß er sich aber, noch das Staatsexamen 
abzulegen ; die dazu nötige philosophische Arbeit hat ihn nicht viel 
Mtthe gekostet; als Thema wurde ihm gegeben: „Unterschied de» 
Begriffes der Kategorien bei Aristoteles und bei Kant" ; die münd- 
liche Prüfung erfolgte Ende November 1885. 

Das waren seine Bonner Studentenjahre. Ehe wir jedoch von 
ihnen scheiden, seien noch zwei charakteristische Urteile seiner 
Bonner Lehrer Über ihn gegeben. Als A. Gr. sich 1887 um ein 
archäologisches Reisestipendium bewarb, haben ihm Usener und 
Bücheler Zeugnisse ausgestellt. Usener schreibt u. a.: „Er gehörte 
, . . dem angeregten Kreise an, dessen Art durch Namen wie Fr. 
Marx, Wolters, Dttmmler genügend bezeichnet wird. Eine frische, 
angeregte Natur von scharfem und raschem Urteil, nahm er auch 
an den Arbeiten der Freunde lebhaften Anteil . . , ö Und Bücheler 
urteilte: „Unter den Genossen von damals nahm er leicht den 
ersten Platz ein durch große Gelehrigkeit, geistige Gewandtheit 
und Schneidigkeit im Ausnutzen verschiedener Materien . . * 

Wie oben schon erwähnt, hat A. G. während des S.S. 1883 
und des W.S. 1883/4 noch einmal in Berlin studiert. An diesen 
Berliner Semestern dürfen wir nun aus dem Grunde nicht vorüber- 
gehen , weil er damals dem Manne zuerst näher getreten ist, der 
allmählich Usener bei ihm geradezu in den Schatten stellen sollte, 
und der ihm zeit seines Lebens ein geradezu väterlicher Freund 
und Berater gewesen ist, ich meine H. Diels. Es lag mir der ge- 
samte Briefwechsel zwischen Diels und A. G. vor, beginnend mit 
der Mitte der 80 er Jahre, und der zeigt, was A. G. an Diels ge- 
funden hat, der ihm 1887 beim Tode des Vaters geschrieben hatte: 
„Sie werden nun, wo Ihnen der treueste Berater fehlt, öfter als 
sonst den Rat und die Hilfe Ihrer älteren Freunde in Anspruch 
nehmen. Mögen Sie stets in die Zahl derselben rechnen Ihren mit- 
trauernden H. Diels." Tatsächlich ist Diels Jahrzehnte hindurch 
der gewesen, der an allem Leid und aller Freude, die dem Menschen 
A. G. zuteil wurde, den innerlichsten Anteil genommen, der aber 
auch in litteris A. G. mit Rat und Tat unterstützt und mit seiner 
Kritik nötigenfalls nie zurückgehalten hat. A. G. ist sich immer 
dessen bewußt geblieben, was er an Diels gehabt hat, und er, eine 
durchaus vornehme Natur, wie er war, hat kritische Äußerungen 
von Diels stets so hingenommen, wie sie gemeint waren, als Ausfluß 



j70 Alfred Grercke. 

einer herzlichsten Anteilnahme am Lebenswerke des ersten Schülers, 
denn das soll A. G. in gewissem Sinne Mir Diels gewesen sein. 
Seine Dissertation hat A. G. dem Bonner Dreigestirn gewidmet, 
das grundlegende Werk, das ihm die ordentliche Professur ge- 
bracht hat, ich meine die Senecastndien , trägt den Namen Diels 
auf der ersten Seite. In dem Briefe zu Diels 60. Geburtstage 
spricht A. G. zunächst von den Berliner Semestern 1883/1884 und 
schließt dann: „Aber es ist unmöglich, weiter alles zu schildern, 
was ich von Ihnen gelernt und Gutes erfahren habe, und es wäre 
unbescheiden von mir, von Ihren sonstigen Verdiensten reden zu 
wollen. Sie und ich wissen es, daß Sie wie ein Vater gegen seinen 
Sohn an mir gehandelt haben. Und die Herzenswärme, die neben 
aller Objektivität Ihr ganzes Handeln durchzieht und bestimmt, 
hat Ihnen, wie Sie wissen, auch das Herz meiner Frau gewonnen, 
und unsere Kinder fangen an, das zu ahnen." Darum also, weil 
A. G. in diesen Berliner Semestern Diels zuerst näher getreten ist, 
müssen auch diese Semester hervorgehoben werden, wen« ihm auch 
sonst die Universität ferner geblieben ist; er hat meistens für sich 
gearbeitet und abgesehen von Diels eben nur bei Kirchhoff gehört 
und je ein Semester bei Kirchhoff und Vahlen Übungen mitgemacht. 

Ostern 1885 hatte A. G. eine Hauslehrerstelle in der Familie 
Borsig übernommen und war dann im November 1885 noch einmal 
auf kurze Zeit nach Bonn zurückgekehrt, um sein Staatsexamen 
abzulegen. Ostern 1886 meldete er sich für den höheren Schul- 
dienst; er wurde als candidatus probandus dem Kgl. Luisengym- 
nasium in Berlin überwiesen, an dem er dann auch nach Abschluß 
des Probejahres bis Herbst 1888 als wissenschaftlicher Hilfslehrer 
geblieben ist. Der damalige Direktor Schwartz, der bekannte Volks- 
kundler, scheint den jungen Wissenschaftler ordentlich zur Schul- 
arbeit herangezogen zu haben; nach A. G.s späteren Erzählungen 
muß er ganz eigenartige pädagogische Ideen gehabt haben, nach 
denen er die Kandidaten zu unterrichten zwang. In dem Triebrade 
der Amtsgeschäfte scheint A. G. sich zunächst nicht gerade behag- 
lich gefühlt zu haben; bald aber hat er bei seiner ausgesprochen 
pädagogischen Einstellung au seiner Betätigung im Schuldienst 
soviel Freude gefunden, daß er später noch gern von seinen Hilfs- 
lehrerjahren erzählte. Während dieser Jahre hat A. G. wissen- 
schaftlich trotz seiner z. T. doppelten Pflichten eifrig weiter- 
gearbeitet. An Abhandlungen aus diesen Jahren liegen vor : 1. Eine 
Platonische Quelle des Neuplatonismus, Rhein. Mus. 41 (1886), 266 
bis 291, wo die in den Chrysippea p. 695 f. gegebenen Andeu- 




Alfred Gercke. 



171 



§ tungen ausgeführt sind; 2. de Galeno et Plutarcho ebenda 470—472 ; 
I 3. Alexandrinische Studien I, Rhein. Mus. 42 (1887), 262—275, 
I 530—626 ; 4. Apollon der Galliersieger. Archäolog. Jahrbuch II 
| (1887), 260—264; 5. ein angebliches Fragment des Theophrast, 
K Archiv f. Gesch. der Philos. I (1888), 357-358; 6. Alexandrinische 
I Studien II, Rhein. Mus. 44 (1889), 127—150, 240—257; 7. die 
Hjpothesis in Piatons Menon, Archiv f. Gesch. der Philos. II (1885), 
171—174. Der Hellenismus steht also weiter im Mittelpunkt seines 
Interesses; in die hellenistische Dichtung hat er sich vertieft, Kalli- 
machos, Apollonios Rhodios, Theokrit u. a. eifrigst gelesen, histo- 
rische Probleme aus der Geschichte des Hellenismus beginnen ihn 
m reizen. Niederschlag dieser Studien sind seine scharfsinnigen 
„Alexandrinischen Studien*, die ihm allerdings auch manchen An- 
griff eingetragen haben, was an und für sich nicht Wunder nimmt, 
da er, der Anfanger, sich hier auf ein Gebiet gewagt hat, das selbst 
Ülr einen Meister noch heute gefahrliche Klippen aufweist. Zu deu 
Abhandlungen kommen eine Reihe von Rezensionen, mit denen er 
an die Öffentlichkeit getreten ist 1 ), die uns zeigen, wie eifrig er 
sich trotz angespannter Betätigung in der Schule bestrebt, auf dem 
laufenden zu bleiben. 

In diese Zeit seiner Hilfslehrerjahre fallt der Tod seines Vaters 
(17. Februar 1887), der ihn in jeder Weise schwer traf. 

Schon ftir das Jahr 1887/88 hatte sich A. G. um ein archäo- 
logisches Reisestipendium des archäologischen Institutes beworben f 
fllr das Jahr 1888/89 wurde ihm wirklich der Wunsch erfüllt. 
Anfang Oktober 1888 konnte er seine Reise nach dem Süden an- 
treten, und zwar entschloß er sich mit Rücksicht auf den damaligen 
Kaiserbesuch in Rom, gleich nach Neapel durchzufahren. Am 10. Ok- 
tober traf er in Neapel ein, wo ihn sein Freund Winter erwartete; 
eine Reihe begeisterter Briefe folgen. 14 Tage lang bis zum 10. No- 
vember dur chstreift er Pompeii; dann geht es nach Neapel zurück, 

») 1. Bez. von F. Mache, Der Dialog Phaedrus und die Platonische 
Frage. Posen 1885. Deutsche Literaturz. 1885, Nr. 52? 2. Porpbyrii philo- 
BOphi Platonici opuscula selecta iterum cognovit A. Nauck, Leipzig 1886, 
ebenda 1887, S. 198 f.; 3. Karl Bureseh, consolationum a Graecis Roma- 
nisque scriptorum historia c» itica, Leipzig 1886, ebenda S. 751 f. ; 4. Prodi 
commentariorum in Rempublicam Piatonis partes ineditae ed. R, Schoell 
Berlin 1886, ebenda 8. 1402; 5. ebenda 1888, ß. 163-161, M. Tulli Cicero- 
nis Orator ad. M. Brutum rec. Th. Stangl, Leipzig 1885, desgi. Brutus, 
Leipzig 1886 ; 6. ebenda S. 1006 f. Rez. von Otto Roßbach, de Senecae philo- 
aopbi librorum recensione et emendatione, Breslau 1888; 7. ebenda S. 1847 f. 
Plutarchi Chaeronensis Moralia recognovit G. N. Bernardakis Vol. I. 
r ^ipaigl888. 



Ii 





172 



Alfred Gereke. , 



■ 




von wo ein mehrtägiger Ausflug nach Amalfi, Salerno, PaeBtum 
erfolgt, alles in Begleitung von Winter; Ende November bricht 
ei- dann nach Koni auf. In Capua bleibt er einen halben Tag ? 
um für Bttcheler, mit dem er in Neapel einige Tage zusammen 
gewesen war, oskische Inschriften abzuschreiben, n natürlich", so 
berichtet er dann, „waren es die falschen, aber auch diese 
scheinen ganz neu und unbekannt zu sein". In Rom fühlt er sich 
überglücklich ; es ist eine zweite schönere Studentenzeit, die ihm 
hier an der „Oberuniversität" zu verbringen vergönnt ist. Natür- 
lich kosten ihn seine Stipendiatenverpflichtungen viel Zeit; aber 
dankbar nimmt er alles in sich auf, was ihm geboten wird. Ein- 
gehend berichtet er von Petersen, Hülsen, Mau, von seinen Be- 
suchen bei Helbigs, von dem Kreise, in dem er lebt, Winter, 
Winnefeld, Schuchhardt, der damals an seinem Schliemannbuehft 
schrieb, Bethe, Heisch u. a., von Fahrten in die Umgebung, Be- 
suchen aus der Heimat u.s.f. Eine wahre Lust ist es für ihn, hier 
zu leben : „Ich schwelge in dem Vollgefühl wiedererlangter Freiheit, 
Muße' zur Arbeit zu haben und noch Muße zum Bummeln, womit 
es in Berlin seit gut 2 Jahren mäßig aussah. Hier hat man Bücher 
und Sammlungen, Freunde und Leute zum Moquieren, dazu Sitzungen 
und Giri mehr als genug." Eifrig hat er in der Vaticana kolla- 
tioniert, vor allem Theophrast und Senecas naturales quaestiones, 
aber auch Theodorus Gazes beschäftigt ihn ; in den Museen treibt 
er Sonographische Studien. Mitte März 1889 geht er nach dem 
weiteren Süden — den Geburtstag feiert er mit Gundermann in 
Monte Cassino — und dann über Brindisi, Patras nach Athen. Hier 
nahm sich Doerpfeld seiner sofort in liebenswürdiger Weise an; in 
Wolters traf er einen alten Bonner Freund wieder. Er begeistert 
sich für Kawerau, rühmt sein Glück, Lolling genau kennen gelernt 
zu haben, was nicht gerade jedem zuteil wurde, plaudert von Maaß, 
Graef, Bruckner u. a. Mitte April setzt dann Doerpfelds Giro durch 
den Peloponnes ein mit einer interessanten Reisegesellschaft: Over- 
beck, Lipsius, Maaß, Straygowski, Kromayer, Brückner, Sauer, Hude, 
stud. Wigand u. a. Nach einem achttägigem Aufenthalt in Olympia 
löst sich die Reisegesellschaft auf; zu dreien geht es jetzt durch 
Elis, Messenien, über den Taygetos, von dessen Wildheit A. G. 
auch später immer noch gern erzählte, nach Sparta, dann zu sechsen 
nach Gythion und von dort nach Athen zurück. Mitte Mai war er 
wieder in Athen. Von Athen aus erfolgen Abstecher nach Delphi 
und auf die Inseln: Mykonos, Delos, Naxos, Syra. Mitte Juli ist 
er in Smyrna, wo er bei Hamann angeregte Stunden verplaudert; 



- ■ :i 





Alfred Gereke. 




173 




dann folgen Streifzüge ins Innere: Ephesos, Tralles, Hierapolis, 
Magnesia; die Niobe auf dem Sipylos wird bewundert, mit Bethe 
Mer „Sessel des Pelops" erstiegen. Ganz hingerissen ist er dann 
pon Pergamon: „Pergamon", schreibt er, „ist geradezu die Krone 
der ganzen Reise.* Über Lesbos entschließt er sich dann mit Bethe 
und Brückner zu einer Fahrt nach Konstantinopel. In der 2. August- 
woche ist er wieder in Athen; 8 Tage später geht es in rasender 
Eile nach Italien zurück und die Ostküste entlang nach Florenz, 
wo er Winter noch gerade sprechen kann, der vor der Rückkehr 
in die Heimat stand. In Florenz hat er wieder eifrig kolla- 
tioniert; aber auch für die Kunst des Quattrocento geht ihm jetzt 
der Sinn auf. So ist er denn hei seiner Rückkehr nach Rom erst 
so recht in der Lage, die Hochrenaissance wirklich verstehen zu 
können, und bald ist er mehr Auge für die Malereien der Re- 
naissance als für die Marmorbilder der Antike. Bei seinem 2. Aufent- 
halt in Rom hat er sich vor allem Graef und Günther angeschlossen. 
Mit aller Energie geht er auch hier wieder an seine Arbeit auf 
den Bibliotheken. Ende November 1888 tritt er die Heim- 
reise an, und zwar Uber Bonn, um durch persönliche Rücksprache 
mit Usener seine Habilitationspläne, die inzwischen zu festem Ent- 
schluß geworden waren, zu irgendeinem Abschluß zu bringen. 

Er hat zunächst zwischen Berlin und Bonn geschwankt. In 
Berlin ergaben sich Schwierigkeiten persönlicher Art für das Glied 
der Bonner Schule, Usener in Bonn seinerseits, der A. G.s Ab- 
sichten durchaus freundlich gegenüberstand, verlangte, er solle 
„durch eine solide kritisch -exegetische Arbeit seiner Wertschätzung 
eine neue Grundlage geben", die doch durch die etwas zu luftigen 
Hypothesengebäude der Alexandrinischen Studien gelitten habe. 
A. G. selbst aber war sich, um seine eigenen Worte zu geben, 
durchaus darüber klar, daß er bei seinem Alter „zum stillen Aus- 
reifen und Geniebilden keine lange Zeit habe", und daß umgehend 
Entscheidungen fallen müßten. So hat er kurzer Hand Berlin und 
Bonn fallen lassen und sich an Wilamowitz nach Göttingen gewandt, 
wo damals neben Wilamowitz Sauppe und Leo die klassische Philo- 
logie vertraten, und konnte sich Ende November 1890 in Göttingen 
habilitieren. Er hatte seine bisher gedruckten Abhandlungen ein- 
gereicht, dazu im Manuskript Prolegomena Theophrastea , die als 
Einleitung einer Ausgabe der kleinen Schriften Theophrasts ge- 
dacht waren und mit dieser in Aussicht gestellten Ausgabe gedruckt 
werden sollten. Die Antrittsvorlesung hielt er über den Ursprung 
der Aristotelischen Kategorien, vgl, die Abhandlung gleichen Titels 



174 Alfred Gercke. 

im Archiv für Gesch. der Philos. IV (1891), 424—441. Bis Herbst 




1893, wo ihm die kommissarische Verwaltung einer Professur in 
Königsberg übertragen wurde, ist er in Göttingen geblieben; seine 
Stellung an der Universität charakterisiert er einmal Diels gegen- 
über folgendermaßen: „Wenn ich auch meinen Weg allein gehe, 
erfreue ich mich doch unleugbaren Wohlwollens der näheren Fach- 
Vertreter." Er muß sich also bald ganz gut in die neuen Verhält- 
nisse eingelebt haben. Gelesen hat er z. B. über „Aristoteles 
Poetik", „Theophrasts Charaktere", „Geschichte der antiken Philo- 
sophie von Aristoteles ab mit Berücksichtigung der Kultur- und 
Religionsgeschichte", „Herodas u , „Geschichte der Satire im Alter- 
tum". Der Kreis seiner Interessen ist also ungefähr derselbe ge- 
blieben, wie bisher : der Hellenismus im weitesten Sinne des Wortes. 
Das sieht man auch aus den Veröffentlichungen dieser Jahre 1 ) 
Neben dem schon genannten Aufsatz über Aristoteles 1 Kategorien 
im Archiv für Geschichte der Philosophie IV ist eine Abhandlung 
über Ariston, ebenda V, 198—216 zu nennen. Als Parerga gehören 
hierher: „Aristoteleum", Wiener Studien 14 (1892), 146— 148 1 
„Varros Satire Andabatae", Hermes 28 (1893), 135—138; Literar- 
historisches: „Der Lehrer des Herondas" [zusammen mit 0. Günther], 
W. f. kl. Philol. 1891, S. 1320—1323; „Ein alexandrinisches Satyr- 
drama", Rhein. Mus. 47 (1892), 819—321; Archäologisches: „Ein 
Krebsfang", Röm. Mitt. 7 (1892), 222; „Pheidias redivivus", Ham- 
burger Nachrichten 1892, 14. Februar, Nr. 7 der Belletristisch- 
Literarisehen Beilage; „Vulneratus defieiens", Archftol. Jahrb. 8 
(1893), 113—197. Besonders verdient hervorgehoben zu werden 
der ausgezeichnete Aufsatz : „Die Komposition der 1. Satire des 
Horaz", Rhein. Mos, 48 (1892), 41—52, der ihm einen dauernden 
Ehrenplatz unter den Horazinterpreten sichern wird. Eifrig hat er 
weiter für Theophrast und vor allem für Seneca gearbeitet, wenn 
auch Veröffentlichungen erst später erfolgt sind. Damals beginnt er 
sich wieder in das Neue Testament zu vertiefen; im Sommer 1893 
hat er z. B. in Übungen den Galaterbrief behandelt. Niederschlag 
dieser Studien ist der im Jahr 1894 im Hermes erschienene scharf- 



*) Aus dem Jahre 1890 sind noch zwei Kleinigkeiten nachzutragen : 
1. Pseudo-Ari-totele Spada, Rom. Mitt. 5 (1830), S. 15-16. 2. Eine Mar- 
morbüste der herkulanischen Villa, Bonner Studie zu Khren von Kekute, 
Berlin 1890, S. 139—142; Vorträge, gehalten in der Archäologischen Ge- 
sellschaft in Berlin, angezeigt: W. f. kl. Philol. 7 (1890), 472—476: Über 
Deutung von Portrats (vgl. Deutsche Literatur^. 1890, 565), und ebenda, 
S. 908: Über Com. Nepotis vita Attici 3, 3. 



■ 



Alfred Gercke. 



17& 



sinnige Aufsatz „der dtnrteQOg Uyog des Lukas und die Apostel» 
geschiente: Hermes 29 (1894), 375—392; von dem Norden mit 
Recht bedauert , daß „diese eindringende Analyse bei den Theo- 
logen nicht die verdiente Beachtung gefunden" hat (vgl. Agnostos 
[ Theos 812 Anm. 1). Niederschlag dieser Studien ist weiter die 
umfangreiche Rezension des Buches von Giemen, „Die Chrono- 
logie der Paulinischen Briefe", Halle 1893, Gott. Gel. Anz. 1894, 
572—595, Andere Rezensionen finden sich wieder in der Deutschen 
•Literaturzeitung 1 ). 

Die Göttinger Zeit hat ihn wieder mit Günther zusammen 
geführt, der ihm schon in Rom näher getreten war; auch sonst 
scheint er sehr angeregten Verkehr gefunden zu haben, vor allem 
in dem Kreise der „Unsolidaria" , einer freien Vereinigung von 
jüngeren Universitätsdozenten, Assistenten, Bibliothekaren u. a. 
Hier hat er als Wortführer der Geisteswissenschaftler manche 
„grimme Fehde bestanden im Wortkampfe gegen die „Manuellen", 
ren Haupt damals Nernst war, und fröhliche Stunden in geist- 
reichster Unterhaltung Verplaudert. 

Trotz alledem hat A. G. aufgeatmet, als im Herbst 1893 seine 
wirtschaftliche Lage durch die Übertragung eines Kommissoriums 
in Königsberg — Job. Schmidt war erkrankt — gesichert wurde. 
Bezeichnend für den Menschen A. G. ist dabei die Freude, mit der 
er Diels daun aus Königsberg berichtet , er könne in seiner ge- 
besserten wirtschaftlichen Lage jetzt auch einmal einen größeren 
Kreis von Studenten bei sich als Gast sehen und mache davon 
reichlichst Gebrauch. Auch später hat er ja immer Wert darauf 
gelegt, mit seinen Studenten in engster Fühlung zu bleiben, und 
ist manchem in seinen Nöten ein väterlicher Berater geworden. 
Seine Lage in Königsberg war an sich wenig beneidenswert; nur 
immer auf ein Semester wurde das Kommissorium erneuert, und 
er hatte die Empfindung, und zwar von vornherein, daß seines 
Bleibens nicht lange sein werde, weil das Ministerium anscheinend 
etwas Uber die Rechte der Fakultät hinweggesehen hatte, als man 
ihm die Vertretung des erkrankten Professors übertragen hatte. In 
Königsberg hat A. G. seine „Senecastudien" abgeschlossen 2 ), die 




*) Vgl. Jahrgang 1891, S. 846. F. Marcbant, De Ciceronis partitio- 
nibus oratorüs commentatio. Diss. Berlin 1890, S. 1858. A. Brinkmann, 
Quaestionum de dialogis Piatoni falso addictis speeimen. Diss. Bonn 1891. 

8 ) Fleekeisens Jahrb. Supp]. 22, auch gesondert als Bach erschienen, 
Leipzig 1895; das Vorwort ist Oktober 1894 geschrieben; Herbst 1895 war 
der Druck zu Ende geführt. 




von der Kritik sehr beifällig aufgenommen wurden; ihre grund- 
legende Bedeutung — ich denke vor allem an den 2. Teil, die 
historisch-biographischen Untersuchungen Über Seneca und seine 
Zeit — kann nicht hoch genug bewertet werden. Aus den Königs- 
berger Tagen stammt auch sein bekannter Artikel Aristoteles im 
Pauly-Wissowa II , 1 ; vorangegangen waren ihm schon andere 
kleinere: Achaikos 1), Adrastos 7), 8), Aetios 23) im Bd. I, 1, 
Alexandros 91 — 94), Ammonios 18), Andronikos 25) im Bd, I, 2, 
Aristobulos 15), Aristokles 15), Ariston 52—55) im Bd. II, 1. 

Als E. Maaß Ostern 1895 nach Marburg ging, wurde A. G. 
als sein Nachfolger nach Greifswald berufen, zunächst als außer- 
ordentlicher Professor; er ist aber im nächsten Jahre nach dem 
Erscheinen seiner Senecastudien in eine ordentliche Professur 
eingerückt. Hier in Greifswald fand er als engeren Fachgenossen 
Norden und Susemihl vor. Und mit Norden hat er bald engste 
Freundschaft geschlossen, eine Freundschaft, die nie auch nur ein 
Schatten getrübt, und die dem Manne A. G. so unendlich viel be- 
deutet hat. Über den Lehrjahren stehen die Namen des Bonner 
Dreigestirns, vor allem der Useners, über den Mannesjahren der 
Name des vaterlichen Beraters Diels und der Nordens, des Freundes. 
In der „Einleitung" hat sich ja später diese Freundschaft ein 
monumentum aere perennius gesetzt. - 

Die Berufung nach Greifswald und die Aussicht auf die ordent- 
liche Professur hat dann A. G. in die Lage gesetzt, einem lang- 
gehegten Herzenswunsche nähertreteu zu können. Spätsommer 1895 
konnte er endlich um die Hand der ältesten Tochter des Ober- 
verwaltungsgertchtsrat a. D. W. Albrecht, Anna Albrecht, bitten. 
Die beiderseitigen Familien waren schon seit Jahreu befreundet. 
Dazu waren sich die beiden seit 1890 noch näher in dem Kreise 
getreten, der in dem sehr gastfreien Hause des Archäologen Conze 
des öfteren zusammentraf. Conze seihst, der damals regelmäßig 
mehrere Winter hindurch für den engsten Freundinnenkreis seiner 
Tochter Hedwig, der späteren Frau Professor Winter, Führungen 
durch das Alte und Neue Museum angesetzt und diese Freundinnen- 
schar für das Altertum auch durch Homerlektüre und Erklärungen 
'zu begeistern verstanden hatte, verdankte Anna Albrecht eine Btille 
Liebe für die Antike, die ihr es später leicht machte, die Arbeit 
deß Gatten mit herzlicher Anteilnahme begleiten zu können. A. G. 
war eine sehr mitteilsame Natur, und sein Bedürfnis nach Aus- 
sprache fand stets bei der Gattin verständnisvolles Entgegenkommen. 
Die 1. Auflage seiner kleinen Literaturgeschichte der Sammlung 



löschen hat er der Gattin gewidmet; und in das Exemplar, das der 
Gattm bestimmt war, hat er folgendes kleine Epigramm eingetragen: 

Wer in de» Buche verspürt ein Stückchen vom Leben des Autors, 

Dem verkündet es auch, was er der Gattin verdankt. 
Muse warst Du mir erst, und dann der Ersatz des Korrektors, 
Doch das warst Du: Du bleibst, inniggeliebt, meine Frau. 

Frühjahr 1896 konnte A. G. dann die Braut heimfuhren. Ein 
eigenes Häuschen in der Karlstraße wurde bald erworben, das 
sonnigstes Glück in seinen Räumen erblühen sah. 4 Söhne und 
1 Tochter wurden ihm im Laufe der Jahre geboren; bei dem 
jüngsten Sohne hat Diels Pate gestanden, der dann später jedesmal 
zum Geburtstage , zuweilen in reizenden Versehen, seinen Glück- 
wunsch darbrachte. Rege Geselligkeit wurde gepflegt. Die Namen 
Norden, Siebs, Zimmer, Pernice, Heller, Körte, Kroll, Hosius, 
Peiper, v. Auras charakterisieren den Kreis , in dem man lebte. 
Reisen nach dem Süden, im Frühjahr 1901 wieder über die Alpen 
zu wissenschaftlichen Zwecken, und nach dem Norden brachten er- 
wünschte Abwechslung. Jedenfalls hat A. G. später in Breslau 
immer gern an Greifswald zurückgedacht, an das ihn so viele Er- 
innerungen banden. 

I Ia den Weisen der Universität erfreute er sich ungeteilter 
Hochschätzung; er war lange Zeit mit der Mittelpunkt der Dozenten- 
veremiguug „Die Apostel« ; 1904/5 wurde er zum Dekan der philo- 
sophischen Fakultät gewählt; 1908/9 bekleidete er die Würde des 
Rektors. Um das Philologie- Studium an der Universität hat er 
sich die größten Verdienste erworben. Seiner Initiative ist es zu 
verdanken, wenn dem Seminar würdige Räume gesichert wurden; 
er hat mit dafür gesorgt, daß bei dem Wiederaufleben des Studiums' 
der Altertumswissenschaften nach der Jahrhundertwende von neuem 
in Greifswald eine gute Tradition geschaffen wurde; er hat dann 
auch mit rücksichtsloser Energie als Mitglied der wissenschaftlichen 
Prüfungskommission dazu beigetragen, daß strenge Auslese unter 
den Kandidaten des höheren Lehramts gehalten wurde; ihm war 
eben der Beste nur gerade gut genug, um als Jugenderzieher im 
Sinne des Neuhumanismus im Schuldienste zu wirken. Mit pein- 
lichster Gewissenhaftigkeit hat er seine Vorlesungsverpflichtungen 
zu erfüllen gesucht, wie er ja immer gerade auf seine Lehrtätigkeit 
den größten Nachdruck gelegt hat So hat er in Greifswald und 
entsprechend später in dem größeren Wirkungskreise Breslau un- 
endlich viel geleistet, was nur die so recht werten können, die 
durch seine Schule gegangen sind. Er hat in seinen Vorlesungen 

Nekrologe 1924. (Jahresbericht f. Altertumswissenschaft. Bd. 302 B.) 12 



178 Alfred Gercke. 

fast das ganze Gebiet der griechischen Literatur behandelt : Homer, 
Heldensage, Lyrik, Tragiker, Komödie, Griechische Beredsamkeit, 
Piaton, Aristoteles, die hellenistische Literatur. Er hat über Grie- 
chische Epigraphik, Griechische Laut- und Formenlehre, Griechische 
Dialekte gelesen, selbst hier und da sich auf das Gebiet der Ar- 
chäologie gewagt, ganz abgesehen von Vorlesungen, die ihm die 
Pflicht des Amtes nahe legte : Geschichte der Philologie u. a. Eine 
ähnlich umfangreiche Tätigkeit hat er auch als Direktor des philo- 
logischen Seminars entfaltet; da hat er denn auch die lateinische 
Literatur in weitem Umfange herangezogen. An 20 Dissertationen 
sind damals auf seine Anregung hin geworden. Neben diese Lehr- 
tätigkeit stellt sich vielseitigste Forscherarbeit; doch soll die unten 
zusammen mit den Arbeiten der Breslauer Zeit eingehender ge- 
würdigt werden. Auch für das Leben , das ihn umflutete , hat er 
sich stets ein offenes Auge bewahrt. In den Jahren 1902 ff. hat er 
eine eifrige Agitation für den nationalliberalen Gedanken, der ihm 
von Jugend auf vertraut war, entfaltet ; in Greifswald sollen damals 
von bürgerlichen Parteien nur die Konservativen und der Freisinn 
Anhänger gehabt haben ; da hat er durch Gründung eines national- 
liberalen Wahlvereins und durch eine Reihe von Artikeln in der 
Greifswalder Zeitung für die ihm so selbstverständliche Gedanken- 
welt zu werben gesucht. Erinnert sei auch daran, daß man immer 
wieder in der Nationalzeitung von ihm Aufsätze über Universitäts- 
fragen u. a., flir die er die breite Öffentlichkeit zu interessieren ver- 
suchte, finden konnte. Während des Weltkrieges hat er dann später 
sowohl in der Schlesischen Zeitung als auch in der Weserzeitung und 
sonst zu brennenden politischen Tagesfragen Stellung genommen. Es 
hat ihn eben immer wieder gedrängt, in weiteste Kreise zu wirken. 

14 Jahre lang ist er in Greifswald tätig gewesen, und 
manchmal hat er sich doch wohl, wie man aus seinem Brief- 
wechsel mit Diels entnehmen kann, nach einem größeren Wir- 
kungskreis gesehnt. So hat es ihn trotz aller Liebe, mit der er 
an der alten Ostseestadt hing, froh gestimmt, als er für den Herbst 
1909 einen Ruf nach Breslau erhielt, um Wendland zu ersetzen, 
der, 1906 als Nachfolger Nordens nach Breslau gekommen, nun 
nach Göttingen berufen worden war. Mit dem W-S. 1909/10 hat 
er seine Tätigkeit in Breslau aufgenommen. Neben ihm haben 
an der Universität zunächst Skutsch, Förster, Ziegler, Cichorius die 
verschiedenen Fächer der klassischen Altertumswissenschaften ver- 
treten; an Skutsch' Stelle — hingewiesen sei hier gleich auf den 
warmempfundenen Nachruf, den ihm A. G. in der Schlesischen 



,..'■*. 



Alfred Gercke. 170 



Zeitung gewidmet hat, Jahrgang 171, Nr. vom 2. Oktober 1912 — 
trat Kroll, an Försters nach seiner Emeritierung als Archäologe 
Weege; auch Förster hat A. G. gewürdigt, wieder in der Schlesischen 
Zeitung, 172. Jahrgang, Nr. vom 2. März 1913: „Zum siebzigsten 
Geburtstage Eichard Försters". Alte Geschichte haben dann nach 
Cichorius neben ihm Otto und Kornemann gelehrt. Von alten 
Greifswalder Bekannten traf er in Breslau Siebs und Milkau wieder, 
gemeinsame Interessen verbanden ihn mit Schräder und dem Indo- 
logen Hillebrandt; von anderen UniversitÄtsprofessoreu sind ihm 
am nächsten Kneser und Hönigswald getreten. Die Freitagabende 
sahen ihn im Pfahlbau im Kreise von Akademikern aller Berufe 
angeregte Stunden zubringen. Auch in Breslau hat er als Dozent 
und Seminardirektor segensreich gewirkt. Im allgemeinen hat er 
sich in den Vorlesungen in dem Rahmen gehalten, den er sich in 
Greifswald gesetzt hatte: Homer, Aisehylos, Sophokles, Piaton, 
hellenistische Dichtung u. a, , aber auch Neues angebaut, wie es 
ihm gerade den Bedürfnissen zu entsprechen schien: Metrik, Re- 
ligion und Philosophie der Börner u. a. Die Vorlesungen fanden 
in dankenswerter Weise eine Abrundung in den Sitzungen der 
Griechischen Gesellschaft, in der in größerem Kreise unter seiner 
Leitung kursorische Lektüre gepflegt wurde. Im Seminar unter 
ihm und seiner Anleitung arbeiten zu dürfen war wirklich ein 
Vorzug. Aus seiner lebhaften, oft Übersprudelnden Darstellung 
nahmen alle die reichste Anregungen mit, die mitzuarbeiten gewillt 
waren; faszinierend war sein Vortrag; mit einzigartiger Klarheit 
stellte er die Probleme heraus, in deren schärfster Formulierung 
er sich kaum genug tun konnte. Wie er selbst mit der ganzen 
großen Leidenschaft seiner Seele der Wissenschaft lebte, so ver- 
langte er auch von seinen Studenten den ganzen Menschen. Fand 
er Halbheiten, griff er oft mit achneidender Ironie ein. Um so 
mehr bedeutete Anerkennung aus seinem Munde, mit der er nie 
kargte, wenn er den Eindruck ernsten Strebens gewonnen hatte. 
Schwer, sehr schwer war es oft, ihm zu folgen; eine Fülle von 
Problemen beschäftigten ihn oft zu gleicher Zeit, und nur die 
fähigsten Köpfe waren imstande, mit ihm Schritt zu halten. Er- 
staunlich war es dabei, wie begeistert er Dinge aufgriff, sie schlag- 
lichtartig beleuchtete, so daß sie plastisch vor dem geistigen Auge 
des Hörers standen, um sie dann nur zu bald wieder im Dunkel 
versinken zu lassen. So verdanken ihm alle die eine treffliche 
Durchbildung, die eich ihm hingaben. Als Mitglied 
kommission stellte er sehr hohe Forderungen an seine i 

12* 




auch in Breslau, was bei seiner Art eben selbstverständlich war. 
Am geistigen Leben Breslaus hat er regsten Anteil genommen; 
an den Sitzungen der Schlesischen Gesellschaft für vaterlandische 
Kultur, deren Mitglied er war, hat er sich regelmäßig beteiligt ; im 
„Wissenschaftlichen Verein" bot sich ihm des öfteren Gelegenheit, 
vor Akademikern aller Fakultäten zu sprechen, wobei man immer 
bewundern mußte, wie seine geistreichen Formulierungen zündeten. 
Der Verein der Freunde des humanistischen Gymnasiums hatte an 
ihm ein arbeitsfreudiges Mitglied. Eifrig hat er bei alledem sein 
wissenschaftliches Werk zu fördern gesucht. Da brach der Welt- 
krieg aus. Er hat zwar zunächst noch W.S. 1914/15 Vorlesungen 
gehalten, u. a. ein Kolleg Über Caesar; man sieht, wie ihm Gegen- 
wart und Vergangenheit zusammenflössen. Aber es hielt ihn nicht 
daheim. Seine Arbeit im Vorstande des Nationalen Frauendienstes 
konnte ihn auf die Dauer nicht befriedigen; so meldete er sich 
zum Heeresdienst. Er wurde im Mai 1915 einberufen und zum 
Kommandanten eines Kriegsgefangenenlagers in der Ltineburger 
Heide, Hademstorf, ernannt; Aufgabe dieser Gefangenen war Kultur- 
arbeit in den Heidemooren, die er also zu leiten hatte. Er hat 
eich glänzend bewährt; nach einem halben Jahre schon wurde ihm 
ein noch größeres Kommando in Edewecht (Oldenburg) übertragen, 
nachdem er zum Hauptmann befördert worden war. Daß er auch 
bei dieser Betätigung so bald Anerkennung gefunden, kann der 
nur zu gut verstehen, der weiß, eine wie ausgeprägte organisato- 
rische Begabung ihn auszeichnete. Mit zäher Unverdrossenheit 
pflegte er allen Mißerfolgen zum Trotz auf das erstrebte Ziel 
hinzuarbeiten ; er verstand nur zu gut, Menschen richtig zu nehmen 
und durch seine vorbildliche Energie zu Höchstleistungen an- 
zuspornen; seine Liebenswürdigkeit ließ nur zu bald Widerspenstig- 
keit dahinschmelzen ; aber so konziliant er oft war, so bestimmt 
bestand er doch wieder auf der Durchführung seiner Ideen, und 
bei der Unmittelbarkeit, mit der er den Dingen gegenüberstand, 
strömten ihm befruchtende Einfälle nur so zu. Er selbst hat in 
seinen Briefen an Diels eingehend über seine Arbeit berichtet; 
einmal meint er scherzend, jetzt sei er erst so recht der Sohn 
seines Vaters geworden „wo er in Moorkulturen mache", und es 
hat ihn mit höchster Befriedigung erfüllt, daß selbst Fachmänner 
in engstem Sinne über das in Erstaunen gerieten, was er geschaffen 
hat. So kann man sich kaum darüber wundern, wenn er im Herbst 
1916 als Kontrolloffizier Über eine größere Anzahl von Gefangenen- 
lagern und deren Arbeit eingesetzt wird. Fast ein Jahr hat er 



dieses Amtes gewaltet; Herbst 1917 geht er auf kurze Zeit nach 
Schlesien zurück, um dann bald ins Feld an die Westfront zu rücken. 
Er wurde dem Stabsquartier der 12. Keservedivision als Unterrichts - 
offizier zugewiesen V). In dieser Stellung hat er die große Früh- 
jahrsoffensive 1918, bei der sein ältester Sohn als junger Offizier 
den Heldentod gestorben ist, miterlebt, dann die Erlebnisse des 
Sommers und den Zusammenbruch im November, Nach dem Um- 
sturz ist er nach Breslau heimgekehrt. 

Aufs tiefste durch all diese Ereignisse erschüttert, hat er aber doch 
nie Resignation in sich aufkommen lassen ; er selbs^hat nur zu bald 
wieder nach vorwärts geblickt. Interessant sind die Äußerungen in 
einem Briefe an Diels aus dem Dezember 1919, wo er schreibt: „Es 
ist doch ganz merkwürdig, wie die Jugend, auch die denkende, traurige 
Umstände und selbst verzweifelte Aussichten nimmt, nicht leicht fertig, 
wohl aber leicht hoffend und wagend; und es ist ein Segen, daß es so 
ist, und hilft auch uns über manches Schwere und Bedrückende 
hinweg. Denn wie wollten wir alle jetzt noch weiterleben ohne 
einen gewissen Leichtsinn, einen objektiv unberechtigten Optimis- 
mus" . . r Er hat Ablenkung in seiner Tätigkeit als Dozent und 
in der Wiederaufnahme seiner wissenschaftlichen Arbeit gefunden. 
Seinen Studenten ist er jetzt so recht nahe gekommen; er hatte 
für ihre Nöte ein so besonderes Verständnis ; wußte er doch selbst, 
was es hieß, 4 lange Jahre geistiger Arbeit ferngeblieben zu sein. 
Dornig genug ist der Weg gewesen, den diese Kriegsstudenten 
gehen mußten; er hat alles getan, um ihn ihnen zu erleichtern. 
Geistig beweglich, wie er war, hat er sich ganz auf die Bedürfnisse 
dieser Übergangsjahre eingestellt. Bezeichnend sind da wieder brief- 
liche Äußerungen Diels gegenüber: „Das Unterrichten hat mir 
jetzt wieder, nachdem ich es solange entbehrt habe, eine reine 
Freude bereitet. Ich habe namentlich in den Zwisehensemestern 
ziemlich schulmäßig doziert und abgefragt bzw. übersetzen lassen; 
ich kam natürlich längst nicht so weit wie in früheren Jahren ; aber 
ich habe die Überzeugung, daß wir auf diese Weise einen viel 
solideren Lehrerstand herausarbeiten, als wenn wir unseren Schülern 
Fitigel verleihen und ihren Gebrauch lehren mit der Gewißheit, 
daß nur ein geringer Prozentsatz wirklich zu fliegen versucht, und 
auch dieser nur auf einem engumgrenzten Gebiete , das wir ihm 

') Vgl. „Wissenschaftlicher Unterricht an der Front«. Internationale 
Monataehrift 18 (1918/19), 81—96. In dieser Zeitschrift sind während des 
Krieges auch noch andere Aufsätze erschienen, die unten genannt werden, 
und in Bd. 11 (1916/17) „Unser täglich Brot«, vgl. S. 893-896. 




182 Alfred Gercke. 

auch jetzt noch für Flugversuche öffnen können und öffnen wollen." 
Als dann bald auch unter der Lehrerschaft der höheren Schulen 
der Gedanke von Arbeitsgemeinschaften auftauchte — z. T. erklärte 
sich das auch aus dem Bedürfais, die Kriegsjahre überwinden zu 
helfen — und als in Breslau eine klassisch -philologische Arbeits- 
gemeinschaft gegründet wurde, die sich unter der Leitung des da- 
maligen Studienrates Linder glänzend entwickelte, da hat er seine 
größte Anteilnahme bezeugt und regelmäßig an den Sitzungen teil- 
genommen; lag doch gerade auch ihm ein möglichst enges Zu- 
sammengehen von Universität und Schule am Herzen, Jedenfalls 
hat er in jeder Beziehung alles getan, was in seinen Kräften stand, 
um diese furchtbaren Übergangsjahre einigermaßen erträglich zu 
machen. Dazu bot ihm hervorragende Gelegenheit das Amt des 
Rektors , das er, durch das besondere Vertrauen der Universität 
berufen, in dem Jahre 1920/21 zu verwalten gehabt hat. Man war 
vielfach der Überzeugung, daß gerade er sich in diesen so schweren 
Übergangszeiten als besonders geeignet erweisen werde. Und er 
ist seiner Aufgabe in jeder Weise gewachsen gewesen. Er hat eine 
von ihm selbst besonders hoch gewertete Leistung, den Universitäts- 
bund Breslau, ins Leben gerufen, in dem sich zur Förderung und 
Ermöglichung wissenschaftlicher Forschung Vertreter vorwiegend der 
Industrie und des Handels und der Landwirtschaft Schlesiens zu- 
sammenschlössen. Er hat eine Wirtschaftsgemeinschaft für die ge- 
samte Universität, Dozenten und Studenten, gegründet. Er hat das 
Verdienst, wesentlichen Anteil an der Linderung der furchtbaren 
Not in der Studentenschaft genommen zu haben. Die Fäden aller 
Organisationen, die damals ins Leben gerufen wurden, um dem 
akademischen Nachwuchs das Durchhalten zu ermöglichen, liefen 
in seiner Hand zusammen. Oft genug hat er von morgens bis 
abends in seinem Amtszimmer durchgearbeitet, sich kaum mittags 
einen Augenblick Rast gegönnt, und oft genug konnte man den 
Herrn Rektor im Studentenheim mitten unter seinen Studenten 
sein Mittagbrot einnehmen sehen, weil seine Zeit es ihm nicht er- 
laubte, daheim zu essen im Kreise der Seinen. Was er damals in 
seinem Rektoratsjahre geleistet hat, wird ihm die Universität Breslau 
nie vergessen können. Wenn er so früh dahingegangen ist, wer 
weiß, ob nicht diese unerhörten Überanstrengungen seinem schon 
durch die Strapazen und Entbehrungen der Kriegsjahre geschwächten 
Körper die beste Kraft genommen haben. 

Der Winter 1921/22 brachte ihm eine Bchwere Erkrankung. 
Und nachdem er kaum wieder genesen war, machte am 26. Januar 




Alfred Gercke. lg» 

* 

1922 ein Herzschlag seinem Leben ein Ende. Auf dem Johannis- 
fnedhofe, nicht allzuweit von der Stätte, wo Skutsch beigesetzt 
worden war, hat er seine letzte Ruhestätte gefunden. Ein ganz im 
Geiste der von ihm so bewunderten attischen Grabreliefs gehaltener 
Grabstein, den sein Freund Winter entworfen hat, kennzeichnet die 
Gruft, die ihn, der im wahrstem Sinne ein vir vere phüologus war, 
geborgen hat 

Uns bleibt das literarische Werk seiner Mannesjahre zu wür- 
digen, nachdem wir die Arbeiten der Jahre von 1885/95, der Hilfs- 
lehrer- und Privatdozentenzeit, in den Kähmen des Lebens ein- 
gefügt hatten. 

Der Hellenismus im weitesten Sinne, hatte im Mittelpunkt 
seines Interesses gestanden; im besonderen hatten ihn Philosophie 
und Wissenschaft interessiert: Seneka, Theophrast, Aristoteles. 
Seine Arbeit an Senekas Naturales Quaestiones kommt 1907, nach- 
dem 1900 in den Studia Annaeana (Beilage zum Vorlesungsver- 
zeichnis Greifswald) noch Vorarbeiten veröffentlicht worden waren, 
in seiner Textausgabe in der Bibliotheca Teubneriana zum Abschluß, 
und man kann wohl ohne Übertreibung sagen, daß A. G. der erste 
gewesen ist, der überhaupt die Naturales Quaestiones in einem wissen- 
schaftlich fest fundierten lesbaren Text vorgelegt hat. Theophrast 
hat ihn weiter bis ans Lebensende beschäftigt. 1896 erscheint, 
wieder als Beilage zum Vorlesungsverzeichnis, seine Ausgabe von 
m *Q* MVßßSi gewissermaßen eine Abschlagszahlung auf das, was er 
schon 1890 in Aussicht gestellt hatte. Theophrast hat er regelr 
mäßig in Semiuarübungen behandelt; umfangreiche Studien hat er 
im Laufe der Jahre zu Papier gebracht. In seinem Nachlasse fand 
sich ein umfangreiches Manuskript, das aber nieht in dem Grade 
abgeschlossen ist, daß eine Veröffentlichung möglich ist. Auch 
seinem geliebten Aristoteles hat er die Treue gehalten; jveql noit]- 
vtxijs hat er oft genug Semiuarübungen zugrunde gelegt; veröffent- 
licht hat er 1915 in der deutschen Literaturzeitung (vgl. S. 797 ff.) 
einen Überblick Über die neuere Forschung zur Poetik : „Aristoteles 
Poetik seit Vahlens Bearbeitung." 1899 versucht er, auch wieder 
in einem Universitätsprogramm, in die Debatte über die Quellen 
des Diogenes Laertios einzugreifen : de quibusdam Laertii Diogenis 
auctoribus; 1900 rezensiert er Martinis Habilitationsschrift: Ana- 
lecta Laertiana, Leipzig 1899: Deutsche Literaturzeitung 1900, 
S. 170—173; 1902 behandelt er ?„die Überlieferung des Diogenes 
Laertios" im Hermes 37 (1902), 401—434. Das waren aber eigent- 
lich nur Parerga, Seine ganze Liebe gehört immer mehr Plato und 



jg4 Alfted Gereke. 

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dem Sokratesproblem und allem, was mit der Platonischen Frage 
irgendwie zusammenhangt. Der Phaidros und der Gorgias fesseln 
ihn in erster Linie. 1897 gibt er aus dem Nachlasse Sauppes den 
Gorgias heraus; der Text und der größte Teil der Anmerkungen 
lagen bereits fertig vor, aber die Einleitung ist ganz sein Werk 1 ). 
In demselben Jahre erscheint sein Aufsatz : Die alte f exvrj Qr/noQixrj 
und ihre Gegner, Hermes 32 (1897), 341—381. 1899 veröffent- 
licht er: „Isokrates 13 und Alkidamas " Rhein. Mus. 54 (1895), 
404 — 413, 1907: „Die Replik des Isokrates gegen Alkidamas" 
Rhein. Mus. 62 (1907), 170—202). 1898 gibt er eine Abhandlung: 
„Sokrates bei Piatön" in den Neuen Jahrbüchern I, 585 — 594 zu 
Druck. Die 52. Versammlung deutscher Philologen und Schul- 
männer in Marburg 1913 Überrascht er mit seinen scharfsinnigen 
Ausführungen Uber Piatons Protagoras: „Eine Niederlage des So- 
krateB B , vgl. den Bericht S. 35—37; überarbeitet liegt der Vortrag 
vor in den Neuen Jahrbüchern XLI (1919), 145—191. Die Lehr- 
systeme der andern Sokratiker haben ihn die ganzen Jahrzehnte 
beschäftigt; auch da fand sich allerlei im Nachlaß. Alles das, was 
er sich im Laufe der Jahre über die antike Philosophie erarbeitet 
hatte 2 ), hat er zum ersten Male 1908/9 zusammenfaßt in seiner 
„Geschichte der Philosophie", Gercke-Norden, Einleitung Bd. H, die 
1912 in 2. Auflage, 1922 in 3. Auflage erschienen ist. Vergleicht 
man die verschiedenen Auflagen miteinander, so sieht man, wie 
angestrengt er bemüht gewesen ist, die vom Standpunkt des Philologen 
ausgezeichnete Darstellung auf der Höhe der Forschung zu halten. 
1920/21, als die 3. Auflage in Vorbereitung kam, er aber durch 
seine Amtsgeschäfte als Rektor voll in Anspruch genommen war, 
hat er es immer wieder bedauert, dem Ganzen nicht die Gestalt 
geben zu können, die ihm als Ideal vorschwebte; er hätte gern 
die Darstellung des späten Altertums gründlichst umgestaltet und 
mußte sich nun zu seinem Leide damit begnügen, die Abschnitte 
Über Sokrates und die Sokratiker neu zu formen. 



*) Piatons ausgewählte Dialoge, erklärt von H. Sauppe. 3. Bändchen': 
GorgiaB, herausgegeben von A. Gereke. Berlin-Weidmann, Vorwort Fe- 
bruar 1807. 

») Auf eine Kleinigkeit, eine sehr diffizile Untersuchung, sei wenig- 
stens in der Anmerkting hingewiesen: Rhein. Mus. 62 (1907), 116—122: 
War der Schwiegersohn des Poseidonios ein Schüler Aristarchs? Hier 
seien auch 2 Rezensionen genannt Friedländers Juvenalausgabe 1895 hat 
er in den Gott. gel. Anz. 1896, S. 969—986 rezensiert-, ihn interessierte 
immer wieder der „Juvenalis ethicus", und Sudhaus* Aetna 1898 in der 
Deutschen Literaturzeitung 1899, S. 1552—55. 



Alfred Gercke. lg& 

Die neutestamentliehe Forschung, die ihn in Göttingen so leb- 
haft beschäftigt hatte, hat er weiter mit dem größten Interesse ver- 
folgt; gelegentlich hat er durch Vorlesungen Uber Lukasevangelium 
oder Apostelgeschichte auf seine Hörer zu wirken gesucht; wieder- 
holt sind auch noch Rezensionen über Neuerscheinungen von ihm 
gegeben worden 1 ); 1911 veröffentlicht er einen an acta 11, 26 an- 
knüpfenden Aufsatz; „Der Christenname ein Scheltname", Fest- 
schrift zur Jahrhundertfeier der Universität Breslau, her. von Th. 
Siebs, Breslau 1911, S. 360-373. 1920/21 durfte ich an einem 
Lesekränzchen unter A. G.s Leitung in kleinstem Kreise teilnehmen, 
in dem er u. a. mit uns Abschnitte der acta interpretiert hat. Da 
war es geradezu erstaunlich, bis zu welchem Umfange er auch hier 
die neueste Literatur übersah. So kann es nicht verwundern, daß- 
sich in seinem Nachlasse auch ein Manuskript, das Lukasprobleme 
behandelte, gefunden hat; leider aber ist es auch nicht abgeschlossen. 
Übrigens hat er auch eingehend Material gesammelt für Marcion* 
Rezension des Lukasevangeliums und des Apostolos, Material, da* 
durch Harnacks Marcion entwertet wurde. 

Neben Piaton und dem N.T. wäre ein Drittes zu nennen, was 
mit seiner Fülle von Problemen immer wieder seinen Scharfsinn 
gereizt hat: Homer. Seitdem er zum ersten Male WS, 1895/96 
„Homer" gelesen hatte, hat ihn die Homerische Frage nicht mehr 
los gelassen. Tiefbohrende Untersuchungen hat er für sich au- 
gestellt, unendlich viel hat er sich erarbeitet. Alles das wurde in- 
einem Manuskripte zusammengefaßt, das vor Kriegsausbruch fast 
abgeschlossen war. Nur der Krieg hat ihn verhindert, das Ganze 
drucken zu lassen. Später kamen dann die Bücher von Bethe und 
Wilamowitz, und er ist nicht mehr dazu gekommen, diese 
Neuerscheinungen zu verarbeiten, so daß die riesige Arbeit ein 
Torso geblieben ist. Eine Reihe von Abhandlungen sind aber doch 
schon im Laufe der Jahre erschienen. Am bekanntesten sind seine 
beiden in demselben Jahre 1905 herausgekommenen Aufsätze Tele- 
gonie und Odyssee", Neue Jahrb. XV (1905), 319—333, und" „Die 
Einnahme von Oichalia", ebenda 400—409, die damals großes Auf- 
sehen erregten, und gegen deren Aufstellungen die Kritik nur zu 
bald Sturm lief. A. G. hat später im allgemeinen durchaus auf 
seiner Position bestanden. In demselben Jahre hat er „Über Dialekt 
und Heimat Homers« auf dem 48. Philologentage in Hamburg ge- 

■ ... _ 

■ . 

') Z - B - Rezension von F. Blaß, Evangelium secundum Lucam etc.,. 
Leipzig 1897. W. f. klass. PhÜol. 1898, S. 507-515 oder von Soltau, Eine 
Lücke der synoptischen Forschung, ebenda 1900, S. 57—59. 



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sprochen, vgl. den Bericht, S. 46—47. 1909 gibt er einen Über- 
blick: Homer und seine Zeit, Deutsche Rundachau 85 (1909), 344 
—353. Im folgenden Jahre interpretiert er i 21 ff,, vgl. „Die 
Lage von Ithaka«, Berl. philol. Woch. 30 (1910), 189—191. Im 
Jahre 1919 faßt er wieder zusammen: 1. Die Homerforschung, 
Internationale Monatsschrift 1918/19, Bd. 19, 466—486, 595—622. 
2. Der Dichter Homer, ebenda 698 — 711. Sein zum Verständnis 
der Sprache des Epos unternommenes Studium der griechischen 
Dialekte führt ihn zu dem nur in der Aufschrift gewagten Aufsatze 
„Die Myrmidonen in Kyrene", Hermes 41 (1906), 447—459; an 
der Tatsache, daß der dorischen Siedlung bereits eine achäisch- 
Äolische Welle wohl vom Peloponnes aus vorausgegangen war, ist 
nicht zu zweifeln. Auch der Vortrag: „Die Griechen und das 
Eisen", wiedergegeben im Korrespondenzblatt der Deutschen Gesell- 
schaft für Anthropologie usw, 35 (1904), 138, wurzelt letzten Endes 
in seinem Studium des Epos, desgleichen die Abhandlung : „Volks- 
lieder und Volksglaube der Finnen", Deutsche Rundschau 25 (1899), 
373—386. Schließlich sei noch an eine Reihe von Rezensionen 
über Homerbticher erinnert: C. Robert, Studien zur Ilias, Berlin 
1901, Deutsche Literaturzeitung 1902, S. 1119—1122; Bethe, Homer 
und die Heldensage, Leipzig 1902, ebenda, S. 1312—1315 u. a. *) 

Für den Homerforscher lag es recht nahe, seine Methode auch 
einmal an Vergils Aeneis zu erproben, Uber die er mit Norden in 
-den ersten Greifswalder Jahren des öfteren gesprochen hatte. 1904 
schreibt er in einem Briefe an Diels schon von der Absicht, in 
4as Dunkel, das über der Entstehung der Aeneis lastet, hinein- 
leuchten zu wollen. Jahre sind dann vergangen, bis er im Jahre 
1913, seinen Freunden fast unerwartet, sein Buch „Die Entstehung 
4er Aeneis" herausgab. Es hat ihm wenig Freude eingebracht; er 
selbst hatte in dem Erfolge dieses Buches ein Omen für die Aufnahme 
seines schon damals fast abgeschlossenen Homerbuches sehen wollen. 

Wenn er so bei Homer, Piaton, im N.T. und bei Vergil die 
letzten Fragen zu lösen versuchte, so kann man es weiter verstehen, 
wenn er sich Gedanken über die Methode seiner Forschungsarbeit 
m machen begann und ganz scharf formulierte. So hat er schon 
1901 ganz eingehend „Die Analyse als Grundlage der höheren 
Kritik" behandelt; Neue Jahrbücher VII (1901), 1—22, 81—112, 

*) Ich denke an die Rezension von K. Altendorf, Ästhetischer Kom- 
mentar zur Odysaee, Gießen 1904, Deutsche Literaturzeitung 1904, S. 1364 
bis 1367, von E. Aßmann, Das Floß der Odyssee, Berlin 1904, ebenda 1905, 
S. 1901-06. 



iü 



Alfred Gercke. 



187 



185—213. So war er auch der berufene Mann dazu, für die „Ein- 
leitung die methodologischen Abschnitte zu schreiben, was er in 
glänzender Weise geleistet hat. Heizen mußte es ihn dann wieder 
an einem Werke eines unserer klassischen Dichter seinen Scharf- 
sinn und seine Methode gewissermaßen zu erproben. So ist „die 
Entstehung des Don Carlos I, II" geworden; vgl. Deutsche Kund- 
schau 31 (1905), 60—84, 180—193. 

Literarhistorisches hatte ihn schon in seinen Primanertagen 
gefesselt. Als während der Greifswalder Zeit der Verlag Göschen ihn um 
eine kurze Geschichte der griechischen Literatur für seine bekannte 
Sammlung bat, da ist er gern der Aufforderung gefolgt und hat 
seine später in mehreren neuen Auflagen und Neudrucken erschie- 
nene „ Griechische Literaturgeschichte mit Berücksichtigung der 
beschichte der Wissenschaft« zu Papier gebracht, deren Tausende 
von Exemplaren mit ihren geistvollen Skizzen in weiteste Kreise 
gewirkt haben. Für das von Kroll 1905 herausgegebene Sammel- 
werk „Die Altertumswissenschaft im letzten Jahrhundert" (Bd. 124 
des Bursian) hat er den Abschnitt über „Griechische Literatur" 
geliefert. An Einzelabhandlungen zur griechischen Literatur wären 
etwa noch zu nennen: 1. Der Froschmäusekrieg bei Plutarch, 
Fleckeisens Jahrb. 1896, S. 814-16. 2. Altgriechische Kriegs- 
lyrik, Internat. Monatsschrift 9 (1914/15), 1347—1399. 3. Neue 
Lieder der Sappho und des Alkaios, ebenda 11 (1916/17), 593—610; 
zu den beiden letzten Nummern ist auch zu vergleichen die Re- 
zension von ßeitzenstein, Zwei neue Fragmente der Epoden des 
Archilochos, Sitzber. der Akad., Berlin 1899, in W. f. klass. Philol 
1899, S. 28—30. Auf dem 1. schlesischen wissenschaftlichen Ferien- 
kursus hat er über „die Prometheus-Trilogie K gesprochen, vgl. den 
Bericht Zeitschrift für Gymnasialwesen 65 (1911), S. 164 ff. Das 
Problem des Aiscb Fleischen Prometheus — A. G. hielt die uns 
vorliegende Fassung bekanntlich für unecht — hat er auch noch 
in einer Dissertation vom Jahre 1913 behandeln lassen: Niedz- 
balla, de copia verborum et elocutione Promethei Vincti Aeschyleae. 
Diss. Breslau 1913. Eine Frucht seiner Beschäftigung mit Aischylos' 
Persern ist wohl auch der Vortrag „Themistokles List", gehalten 
1911 auf der 51. Philologen Versammlung in Posen, vgl. den Bericht 
S. 18 f., abgedruckt in den Neuen Jahrbüchern XXXI(1913), 617—626. 

Wie er im Kolleg hier und da einmal auch eine kleine 
archäologische Vorlesung gehalten hatte, so findet man auch hier 
und da etwas Kunstgeschichtliches unter den B Hebern, die er be- 
sprochen hat, so die Rezensionen von Lichtwark „Übungen in der 




Alfred Gercke. 



Betrachtung von Kunstwerken", 2. Aufl. 1898 in W. f. klass. 
Philo!. 1899, S. 295/96, oder die von Bernoullis, Griechischer Iko- 
nographie, München 1901, in den Neuen Jahrb. XV (1905), 454 

45 9 ? w0 er gewissermaßen an römische Erinnerungen anknüpft. 

Ein Zurückgreifen auf das, was er sich in Rom während seiner 
Studentenzeit erarbeitet hatte, war z. T. auch die Festschrift *) der 
Universität Greifswald zum 15. Mai 1903, die er verfaßt hatte: 
Theodoros Gazes. So bleibt uns nur noch weniges zu erwähnen. 
Er hatte bei Kirchhoff in Berlin gehört, selbst wiederholt über 
Epigraphik gelesen, weil er seinen Studenten dio Bedeutung der 
Inschriften für unsere Kenntnis der Antike gewissermaßen ad oculos 
demonstrieren wollte ; so hat er sich auch, von Kirchhoff ausgehend, 
mit der Geschichte des Alphabets beschäftigt: „Zur Geschichte des 
ältesten griechischen Alphabets", Hermes 41 (1906), 540 — 561. 
Interessant war es auch zu sehen, wie leidenschaftlich er nach 
seiner Rückkehr aus dem Felde die Setheschen Forschungen über 
die Entwicklung der semitischen Schriftzeichen aus den ägyptischen 
Hieroglyphen aufgenommen hat. Ich sehe ihn noch vor mir, wie 
er mir begeistert von dieser Entdeckung des „Sinaialphabetes" be- 
richtete. Aus Kollegbedürfnissen heraus ist sein „Abriß der grie- 
chischen Lautlehre", Berlin 1902, entstanden. Es fehlte damals 
eine knappe Zusammenfassung in einer auch dem NichtSprachwissen- 
schaftler verständlichen Form, die man Vorlesungen hätte zugrunde 
legen können. So hat er sie zunächst für sich selbst geschrieben 
und auch in seinen Vorlesungen verwertet. Wieweit dieser Abriß 
auch anderweitig verwendet worden ist, entzieht sich meiner Kennt- 
nis. A. G. schwebte damals schon das vor, was Sommer später mit 
seiner kleinen griechischen Laut- und Formenlehre erreicht hat. 
Eine merkwürdige Fügung des Schicksals hat es mit sich gebracht, 
daß sein "Werk ausklingt in dem kleinen Aufsatz „Auch ich war in 
Arkadien geboren", zu dem ihn das berühmte Poussinsche Gemälde: 
Hirten einen Sarkophag mit der Aufschrift „et in Arcadia ego" 
betrachtend gereizt hatte; Neue Jahrbücher XLV1I (1921) 313—317. 

Wir wollen nun noch einen Blick auf die Entstehung des WerkeB 
werfen, mit dem A. G.s Name auf das engste verbunden ist, die 
„Einleitung", den „Gercke-Norden." Der Verlag B. G. Teubner 

1 ) Eine von ihm am 18. Januar 1901 in der Aula der Universität 
Greifswald gehaltene Festrede liegt auch vor in einem Sonderabdruck, 
betitelt: „Das Reich der Phantasie und das Volk der Dichter." 24 Seiten 
stark, vgl Münchencr Allgemeine Zeitung Nr. 38 und 39 vom 15. und 17. 
Februar 1901. 



Alfred Gercke. 189 

hatte 1903 schon seit längerer Zeit die Absicht gehabt, ein etwa 
freihändiges Werk Einleitung in das Studium der Philologie« 
herauszugeben, und zwar dachte der Verlag die Sache so angelegt, 
„daß jeweils zunächst ein kurzer Überblick über den sachlichen 
Inhalt des Gebietes gegeben würde, etwa so wie die meisten und besten 
Uberblicke in der Boeckhsehen Enzyklopädie gehalten sind, und daß 
dann m einem 2. Abschnitt an Beispielen, Material bzw, Quellen Auf- 
gabe und Methode der einzelnen Gebiete erörtert würde, wozu endlich 
Lrferaturangaben in weiser Beschränkung, aber mit Charakteristik der 
erwähnten Werke treten würden«. Eine Zeitlang schien es so, als ob 
Usener nicht abgeneigt sei, diesem Plan unter Mitwirkung anderer 
torscher näher zu treten; schon damals war Norden zu den Verhand- 
lungen hinzugezogen worden und hatte seinerseits selbst auf Gercke 
für bestimmte Gebiete hingewiesen. Usener hatte dann aber die ganze 
Sache fallen lassen. Im Winter 1903/4 wandte sich nun der Ver- 
lag sowohl an Gercke (Brief vom 25. November 1903) und auch" 
wieder, nachdem Gercke geantwortet hatte, an Norden (Brief vom 
8. Dezember 1903) mit der Frage , wie sie sich grundsätzlich zu 
diesem Plane stellen würden. Beide erklärten ihre Zustimmung: 
Anfang Januar 1904 lag der Gesamtplan im Umriß bereits vor: 
außer einleitenden Abschnitten sollte „einmal über die einzelnen 
gebiete eine kurze sachliche, die wesentlichen Züge der Entwick- 
lung heraushebende Übersicht gegeben und dann die wichtigsten 
Probleme und die Wege zu ihrer Förderung oder Lösung behan- 
delt werden". Als Einleitung dachte man eine Geschichte der 
Philologie und methodologische Ausführungen, Das Werk sollte im 
ganzen rund 74 Bogen, in 2 Bände geteilt, umfassen und folgender- 
maßen aufgebaut sein. (Die Zahlen in Klammern geben die Bogen- 
zahl der 1. Auflage an, um einen Vergleich zu haben zwischen 
rlan und Ausführung.) 

I, Geschichte der Philologie, 5 Bogen (vacat). 
II. Methodologische Einleitung, 8 Bogen (8). 
III. Die einzelnen Gebiete. 

1. Geschichte : 

a) Quellenkunde und politische Geschichte, 8 Bogen (rund 18), 

b) Hilfswissenschaften mit Epigraphik, 4 Bogen (vacat). 

2. Staatsaltertümer, 5 Bogen (rund 8). 

3. Privataltertümer, 5 Bogen (5). 

4. Religion (und Mythologie), 6 Bogen (6). 

5. Bildende Künste, 8 Bogen (7). 

6. Sprache, 6 Bogen (6). 



j 90 , Alfred Gercke. 

7. Literatur: 

a) Griechische, 4—5 Bogen (12), 

b) Römische, 4—5 Bogen (9). 

8. Philosophie, 5 Bogen (6). 

9. Wissenschaften, 5 Bogen (2 l /s). 

Aus praktischen Gründen wollte man aber dann so teilen, daß 
in den 2. Band Religion, bildende Kunst, Altertümer und Geschichte 
kommen sollten. Gercke übernahm Methodik und Philosophie, 
Norden Geschichte der Philologie und römische Literatur; beide 
erklärten sich bereit, gemeinschaftlich die Redaktion zu führen. 
Anfang März 1904 fand eine persönliche Aussprache zwischen A. G,, 
Norden und Herrn Dr. Giesecke als Vertreter des Verlags statt. 
Das Ergebnis dieser Besprechung war dann ein Vertrag über die 
„Einleitung in die klassische Philologie tf , der am 7. März 1904 
beiden übersandt wurde. A. G. und Norden verpflichteten sich, die 
Leitung des Ganzen in die Hand zu nehmen und sofort je einen 
Probeabsclinitt auszuarbeiten. Das Programm sollte Norden for- 
mulieren. A. G. übernahm im besonderen die Fürsorge für Ge- 
schichte der Philologie, auf deren Darstellung Norden schon bald 
verzichtet hatte (für sie hoffte man Usener zu gewinnen), weiter 
für Sprache, Kunst, Religion, Privataltertümer, Norden die Fürsorge 
für die andern Gebiete. An die Fertigstellung des geplanten Pro- 
spektes ging man sofort. Große Schwierigkeiten machte dann die 
Gewinnung der in Aussicht genommenen Mitarbeiter. Herbst 1904 
sah man aber auch da schon klarer. Im August bekam man Useners 
„freudige, frische Zusage" für die Geschichte der Philologie, auf 
die man kaum noch zu hoffen gewagt hatte. Dieterich hatte die 
Religion übernommen, Heiberg die Wissenschaften, Pernice die 
Privataltertümer, Winter die Kunst. In die Darstellung der grie» 
chischen Literaturgeschichte teilten sich Bethe und Wendland, 
Für die Sprache ist dann noch Kretschmer gewonnen worden. Die 
Metrik zu übernehmen, die man ursprünglich nicht gesondert angesetzt 
hatte, fand sich Herbst 1907 Bickel auf A. G.s dringende Bitten hin 
bereit; doch zog er es später vor, den besonders schwierigen Stoff 
Spezialforschern zu Uberlassen : Die griechische Metrik übernalim für 
die 3. Auflage P. Maas, die römische der nun auch schon dahingegangene 
Vollmer. Geschichte, Hilfswissenschaften mit Epigraphik und Staats- 
altertümern wollten ursprünglich die beiden Straßburger, Keil und 
K. J. Neumann, allein schreiben, und zwar erwartete man von Keil 
die griechischen Staatsaltertümer, dazu Epigraphik, Papyrologie, 
Palaiographie, von K. J. Neumann griechisch-römische Geschichte, 



Alfred Gereke. m 

■ • * 

römische Staatsaltertümer, Numismatik und Metrologie. Tatsächlich 
Mt dann Keil nur die griechischen Staatsaltertümer und Neumann 
die römischen geliefert-, für Geschichte wurden 1908/9 Lehmann- 
Haupt, Beloch, Kornemann gesichert. So Bind die Hilfswissen- 
schaften erst in der 3. Auflage zu ihrem Keehte gekommen. 1904 
Aoffte man, noch in Jahresfrist an die Drucklegung gehen zu 
können; aber erst Winter 1908/9 wurde es wirklich ernst. In- 
zwischen war Usener gestorben und dann auch Dieterich. Für 
Dietench forderte A. G. Wide zur Mitarbeit auf. Für die Ge- 
schichte der Philologie, die in der 1. und 2. Auflage hatte aus- 
tauen müssen, gelang es Nordens unermüdlichen Bitten, für die 
8 Auflage Wilamowitz zu gewinnen, was A. G. mit unsagbarer 
Befriedigung erfüllte; er erklärte geradezu, als er mir liebens- 
würdig, wie er war, einen Abdruck verehrte, in dieser Darstellung 
sehe er die Krönung des ganzen Werkes. Wilamowitz hat übrigens 
diesen Beitrag nach einer Mitteilung Nordens in etwa zwei Wochen 
niedergeschrieben. Für die 1. Auflage hatte Norden ursprünglich 
die Abs,cht gehabt, Lehrs 10 Gebote für Philologen an die Spitze 
des Ganzen zu stellen; er hat dann aber später vorgezogen, die 
„Merksprüche" voranzuschicken. Als Titel des Werkes wurde 
nachdem man einige Zeit lang über das Ursprüngliche hinaus „Ein- 
leitung in das Studium der klassischen Philologie und Altertums- 
Wissenschaften« geplant hatte, der jetzige gewählt. Der 1. Auflage 
(1, W. 1910, III 1912) hat Norden noch seine ganze Kraft gewidmet, 
später aber scheint er A. G. das meiste überlassen zu haben, dem 
von vornherein das Geschäftliche zn regeln zugefallen war. Nur 
so kann lc h eine briefliche Äußerung Nordens verstehen, der mir 
geradezu geschrieben hat: „Der Erfolg der 'Einleitung' ist fast 
ganz sein Werk ... und Sie werden aus unserem in Sachen der 
Einleitung geführten Briefwechsel, den Dr. Giesecke Ihnen zugäng- 
lich machte, die Überzeugung gewonnen haben, daß er der diri- 
gierende Geist war. Dies sage ich nicht aus falscher Bescheiden- 
heit oder im Gefühle übertriebener pietas, sondern im Bewußtsein 
des Tatsächlichen." Für die 2. und 3. Auflage (soweit er die 3. 
erlebte), hat A. G. jedenfalls d ie Hauptlast der redaktionellen 
Arbeit getragen ; das kommt auch darin zürn Ausdruck, daß während 
des Druckes der 1. Auflage Norden sich in Berlin einen Ama- 
nuensis gehalten hat, der für Gleichförmigkeit in Äußerlichkeiten 
wie Zitaten u. a. zu sorgen hatte. Später war Breslau auch in 
dieser Hineicht das Hauptquartier. Aber für die 1. Auflage hat Norden 
als Freund dem toten Freunde doch wohl zuviel zugebilligt und 



seine eigenen Verdienste zu gering eingeschätzt. Die 3. Auflage, 
die A. a. nur noch zum Teil erlebt hat, gibt jetzt dem ganzen 
Werke erst die ideale Vollendung. Die „Hilfswissenschaften" haben 
hervorragende Bearbeiter gefunden : Hiller von Gaertringen, Dessau, 
Schubart, P. Lehmann, P. Maas, Eegliug. Und an die Stelle der 
Mitarbeiter, die der Tod dem Werke entrissen hat, Wendland und 
Wide, sind andere getreten, deren Namen für die alte Höhe vollauf 
bürgen: Pohlenz, Lietzmann, Nilsson. 

Es ist besonders schmerzlich, daß A. GL die Legung des Schluß- 
steines an diesem Werke, das das letzte Jahrzehnt seines Lebens 
geradezu ausgefüllt hat, nicht mehr hat erleben dürfen, dieselbe 
Tragik, die es ihm nicht vergönnt hat, in einem gesegneten Alter 
die Früchte seiner Arbeit reif vom Baum des Lebens pflücken zu 
dürfen. 

Gestattet sei mir, diesen Nekrolog mit einer kurzen Charakte- 
ristik A. G.s zu schließen, die Freundeshand gegeben hat: „Das 
Charakterbild G.s zu zeichnen ist nicht ganz leicht. Nur wenige 
haben ihn in der ganzen Tiefe seines Gemütes gekannt; er ironi- 
sierte sich und die Welt gern, und die Vielen nahmen das für 
Ernst und verkannten ihn, der doch ein warmes und reiches Herz 
besaß. Er war auch ein sehr treuer Mensch. Der naidayoiyi%bg 
€Q(og wurzelte tief in ihm *, daher hatte er für Piatons Phaidros stets 
besondere Vorliebe. Das Erzieherische seiner Natur kehrte er oft 
so sehr hervor, daß ihm als Hochmut oder Doktrinarismus ausgelegt 
wurde, was doch nur Betätigung seiner Menschenliebe war. Er 
lebte das Protreptische seiner geliebten alten Philosophen : Wissen- 
schaft und Leben waren ihm eine Einheit, und wenn er über den 
Begriff der agwjj dozierte, sprach neben dem vovg, der in ihm 
exzellierte, das Herz. Das Organisatorische lag ihm im Blute ; daher 
liebte er unter den Philosophen gerade auch Aristoteles, wie den 
Chrysippos wegen des auch ihn auszeichnenden Scharfsinns." Weiter 
heißt es in dem Briefe, dem ich diese Charakteristik verdanke: 
„Sie wissen ja, daß Wilamowitz in Wissenschaftlichem oft von ihm 
differierte ; aber als ich Wilamowitz einmal sagte, daß G. ihm diese 
Differenzen nie verarge, erwiderte er: „Er ist eben eine vornehme 
Natur" •, das war noch zu G.s Lebzeiten, und ich glaube, daß ich 
ihm das auch schrieb. Diese ethische evyhsia in allen ihren Er- 
scheinungsformen möchte ich als Distinktiv seines Wesens bezeichnen." 



Franz Gramer. 

Geb. 10. Oktober 1860, gest. 25. November 1928. 

Von 

Simon Widmann in Münster (Wcstf.). 

i 

Quis desiderio sit pudor aut modus tarn cari capitis? Das war 
mein erster Gedanke, als ich die schmerzliche Nachricht erhielt, 
daß Dr. Franz Gramer, dessen körperliche und geistige Frische ich 
noch vor wenigen Tagen bewundert hatte, verschieden sei. Im 
Auftrage des Ministers hatte er sich nach Elberfeld begeben. Da 
er sich erkältet hatte, suchte ihn seine Gattin von der Reise zurück- 
zuhalten. Sein Pflichteifer besiegte die Sorge um das eigne Befinden. 
So unternahm er trotz seines Unwohlseins die Dienstreise. Sie 
ward ihm zur Reise in die Ewigkeit. Die Angst um ihn versetzte 
seine Gattin in solche Unruhe, daß sie ihm nachreiste. Sie fand 
ihn zwar, wie es schien, ziemlich wohl und munter. Am folgenden 
Tag aber stellte sich Fieber ein. Eine heftige Lungenentzündung 
kam zum Ausbruch. In den Fieberfantasien war sein Geist noch 
beschäftigt mit Unterrichtsfragen und der Fürsorge für Kandidaten, 
ein ergreifendes Zeugnis treuester Hingabe an seinen Beruf und 
seiner tiefen Herzensgüte. In lichten Augenblicken sprach er seine 
Freude aus, daß er sich von seinen Lieben umgeben sah. Gestärkt 
durch „die Heilsmittel der katholischen Kirche, deren treuer Diener 
er war", entschlief er sanft am 25. November 1923. So starb er 
mitten im Dienste der Schule und des Vaterlandes, bevor die Alters- 
grenze seinem Wirken als Schulmann im Amte ein Ziel setzte und 
ihm die Möglichkeit gab, seine Kräfte ganz seiner vielseitigen 
wissenschaftlichen Tätigkeit zu widmen. Mit hoher Begabung ver- 
band sich ein rastloser Fleiß, der regste Drang nach eigener gründ- 
lichster Bildung und nach Belehrung anderer. Dazu befähigte ihn 
ein außerordentliches Lehrgeschick. Er war der geborene Lehrer. 
Glücklich die Jugend der Schulstube wie des Hörsaales der Uni- 
versität, glücklich die Jünger des Lehramtes, die seinen Unterricht 
und seine Erziehung genossen! Ein leuchtendes Vorbild der Pflicht- 
treue, ernstesten Strebens und Arbeitens im Dienste der Wahrheit, 
.der Wissenschaft und der Liebe zum deutschen Volke und Vater- 
Nekrologe 1924. (Jahresbericht f. Altertumswiesenschaft. Bd. 208 B.) 13 



lande, wirkte er als Erzieher ungemein segensreich, auch ohne daß 
er unterwies und von der Kraft seiner Redegabe Gebrauch machte. 
Ein scharfer Denker, sprach er stets Wohldurchdachtes kurz, be- 
stimmt, in anregender Lebhaftigkeit, frei von Phrasen, zuweilen mit 
feinem, treffendem Humor. Niemals trug er seine umfassende Gelehr- 
samkeit zur Schau. Der Pädagog, der Philosoph, der Philolog, der 
Historiker und Altertumsforscher beherrschte nicht bloß die einzelnen 
wissenschaftlichen Gebiete, sondern, was dem Gelehrten, dem Lehrer 
und Erzieher fast mehr schien, sich selbst in einem Maße, daß seine 
kühle Zurückhaltung und Bescheidenheit leicht den Eindruck von 
Verlegenheit erwecken konnte, der aber bald der Erkenntnis wich, 
daß dieser schlichte Mann eine ebenso gehaltvolle als gehaltene 
Natur, eine hervorragende Persönlichkeit vornehmer Denkungsart, 
ein durch und durch gediegener Charakter sei. Je näher man ihn 
kennen lernte, desto höher achtete man ihn ; man mußte ihn ver- 
ehren und aufrichtig lieben, sobald man in sein tiefes Gemüt Ein- 
blick erhielt. 

Die vorzüglichen Charaktereigenschaften verdankte er der sorg- 
fältigen Erziehung im Elternhause. Nach den gütigen Mitteilungen 
seines Schulfreundes, des Professors Hürten in Münstereifel, stammte 
Dr. Franz Cramer, der Vater, aus Winterberg, wo er am 11. Mai 
1811 geboren war. Mit Stolz rühmte sich der zum Rheinländer 
gewordene Sohn auf der Versammlung der westfälischen Philologen 
in Rheine im Jahre 1912 seiner Herkunft aus dem Sauerlande. 
Sein Vater kam im Herbste 1851 „als Kandidat, nachdem er längere 
Zeit als Lehrer und zum Teil als Vorsteher bei Anstalten zweiten 
Ranges gestanden hatte", an das Gymnasium zu Münstereifel, an 
dem er als Vertreter der neueren Sprachen tätig war. Professor 
Simon in Köln, gleichfalls mit Gramer seit der Jugend in enger 
Freundschaft verbunden, gibt mir folgende Schilderung: „Als Cr. 
beim Militär war und keinen Urlaub hatte, lud Cr. sen. mich 
ein, zu ihnen, seinen Eltern, in die Ferien zu kommen; da sie 
den geliebten Sohn nicht zu Hause haben könnten, wollten sie 
gerne dessen Freund bei sich haben. Die guten alten Leutchen 
bewohnten mit der Hausmagd Marie, die mit der Treue eines 
Hundes an der Herrschaft hing, ein eigenes Haus, Wand an Wand 
mit Hotel Hillebrand, dem ersten Gasthof des Städtchens, Cr. jun. 
war ganz das Ebenbild seines verehrungswürdigen Vaters in Natur, 
Kopfbildung, Gesichtsausdruck und Sprechweise. Der Vater war 
äußerst gesprächig, sprach wie ein Buch und erzählte sehr inter- 
essant aus seinem Leben. Er hatte ein reiches philologisches 



Wissen und besaß ein selten treues Gedächtnis. Schon länger im 
Ruhestand lebend, war er noch regen Geistes und las noch viel. 
Etwas wunderlich nahm es sich aus, als er Kopfschmerzen hatte 
und nun, ein weißes Tuch um Schläfe und Stirn geschlungen, mit 
mir durch das Städtchen ging und mich bergan führte, um mir oben auf 
den Höhen zu zeigen, wie die Römerstraßen rings vorbeizogen. 
Die Mutter, Luise, eine Tochter des Medizinalrates Dr. König zu 
Prüm, war eine stattliche Dame von vornehmem Gehaben und an- 
genehmem Wesen, ernst und gütig. Zuweilen lagerte sich auf ihr 
Antlitz ein Anflug von Schwermut. Aber beiden strahlten die Augen, 
wenn man vom Sohne sprach, dem Sohne, der so wohl geraten, 
der den Eltern nur Freude gemacht, der ihr Stolz war, ein be- 
rechtigter Stolz ! Denn er war fleißig und strebsam je und je ge- 
wesen und bei allen Menschen beliebt, bei Lehrern und Mitschülern. 
Eine Anima Candida habe ich ihn oft nennen hören. Das ist wohl 
der treffendste Ausdruck für seinen Charakter. Ganz Bravheit, ganz 
Treue und Zuverlässigkeit. Nichts Unreines ließ er an sich heran. 
Daher die strahlende Heiterkeit seines Antlitzes, das Elastische in 
seinem Wesen bis ins höhere Alter hinein. Wer in sein offenes 
Gesicht sah, der mußte Zutrauen zu ihm fassen. Und wer mit ihm 
zu tun hatte, der merkte bald, daß er es mit einem Biedermann 
zu tun hatte, an dessen lauteren Motiven nicht zu zweifeln sei. 
Im Freundeskreise pflegte er stets aufgeräumt und lustig zu sein 
und liebte es, wenn ein Witz den andern jagte. Zuweilen neckte 
er Freunde durch Ironisieren; aber es war stets ein gutmütiges 
Spotten, das nie verletzte; dafür sorgte schon sein gutes Herz, das 
jeder kannte. Zank und Streit mochte er nicht leiden, und wo 
ein solcher auszubrechen drohte, da baute er gern eine Brücke, um 
die Streitenden zu versöhnen. Das mag an der schönen Harmonie 
liegen, die in dem Elternhause herrschte: zwischen Vater und 
Mutter, zwischen Eltern und Sohn bestand ein wahrhaft inniges 
Verhältnis. Unser lieber Cr. ist in einem Hause aufgewachsen, wo 
jeder für den andern lebte." 

Er, als das einzige Kind dieser Eltern, am 10. Oktober 1860 
geboren, genoß eine ausgezeichnete Erziehung und bewahrte seinen 
geliebten Eltern dafür eine rührende Dankbarkeit. Noch kurz vor 
seinem eignen Hinscheiden bat er seinen Freund Hürten in einem 
Briefe herzlich, sich wieder des Grabes seines „lieben seligen Vaters 
anzunehmen". Dieser war am 8. August 1884 gestorben. Die 
Mutter Uberlebte den Gatten und starb, 83 Jahre alt, bei dem 
Sohne am 8. Januar 1905. 



196 Franz Cramer. 

Mit gleicher Liebe hing Cr. an seiner Heimat, dem Eifellande, 
und an seinem Geburtsorte Münstereifel. Das altertümliche Städt- 
ehen mit den noch erhaltenen Mauern und Torbauten , die nahen 
Römerstraßen und die Beste der römischen Wasserleitung nach 
Köln weckten früh den Sinn des Knaben für Geschichte, namentlich 
für die der Heimat. Die Inschrift des im Jahre 1724 erbauten 
Gymnasiums, auf dem er seine Vorbildung genoß, „Deo Urbi 
Patriae" war für ihn ein Leitstern. „Die frommgläubige Bevöl- 
kerung," — schreibt Professor Simon — „in der er aufwuchs, das 
Konvikt, das an das Gymnasium angegliedert war, wirkten auf 
seine ernste Lebensauffassung, auf die Wahl seiner Genossen an 
der Universität und auf seine politische Einstellung mächtig ein. 
Von seinem Festhalten an dem Glauben seiner Väter, von seiner 
tiefreligiösen Gesinnung machte er kein Hehl, auch als er in hohe 
Stellung aufgerückt war und mit Andersgläubigen vielfach zusammen- 
arbeiten mußte. Gerade bei solchem Zusammenarbeiten bewährte 
sich sein feiner Takt, seine Weltklugheit, die keinem seine Über- 
zeugung aufdrängte und die ihn zum höheren Beamten so geeignet 
machte. Cramer verstand es, in seinem Wirken stets Parität und 
Objektivität zu wahren. Das verdankte er zu allermeist seiner 
gründlichen wissenschaftlichen Ausbildung, namentlich auch seinen 
historischen Studien, die ihn nicht zum Fanatiker werden ließen 
und seinen Gesichtskreis erweiterten. An dem Studium geschicht- 
licher Entwicklung hatte er seine helle Freude. Auch beim Studium 
der Sprachen fesselte ihn vor allem das Werden derselben. Ety- 
mologie auf streng wissenschaftlicher Basis — und er hat schon in 
seinen ersten Semestern, ja aüf der Schule bereits z. T. sich die 
nötigen Kenntnisse dazu gesammelt — das war sein Ergötzen das 
hat ihn zu dem bedeutenden Ortsnamenforscher gemacht, als der 
er bekannt ist. Den rechten Forschergeist, den Gräblersinn scheint 
er von seinem Vater mitbekommen zu haben." Sein Direktor 
Dr. Joseph Pohl beeinflußte seine Studien wesentlich und lenkte 
seine Aufmerksamkeit auch auf die Kirchenschriftsteller. Ob er 
anderen Lehrern des Gymnasiums viel zu verdanken hatte, erscheint 
fraglich, da er z. B. erzählt: „Aus meiner Obersekundazeit erinnere 
ich mich , wie gedankenlos aus dem Geschichtsbuche (dem damals 
schon alten, jetzt verschwundenen Pütz) die germanische Stammes- 
einteiltmg, die germanischen Götter- und Heldensagen gelernt 
wurden, während diese Dinge heute zu einem Erleben im Banne 
der Taciteischen Darstellungskunst werden" (Der lateinische Unter- 
richt S. 181). Und an einer anderen Stelle (S. 156) gedenkt er 



des Einpaukens besonderer Regeln und Wendungen für die Prüfungs- 
arbeiten: „Ich erinnere mich so gut, als sei es gestern gewesen, 
wie unser Lateinlehrer, ein in seiner Art erfolgreicher Drillmeister, 
uns einige Zeit vor der Reifeprüfung allerlei Phrasen und Regelchen 
vorbrachte und uns, wenn wir nicht gleich Lunte rochen, mit einem : 
Ma, bo was merkt man sich!* aufmunterte. Flugs wurde dann die 
Rarität in ein eigens angelegtes Heftchen eingetragen." Cramers 
erste Absicht war, wie Professor Hürten aus seinem Munde erfuhr, 
Verlagsbuchhändler zu werden, vermutlich weil die verschiedensten 
wissenschaftlichen Gebiete ihn anzogen. Der Vielseitigkeit seiner 
wissenschaftlichen Neigung und Beschäftigung entsprach eine außer- 
gewöhnlich große Kraft und Leichtigkeit des Arbeitens. Er war 
imstande — wie er selbst bekannte — , eine Unterhaltung zu führen 
und dabei weiter an einer Abhandlung zu schreiben. Das konnte 
auch, wer ihn auf seinem Amtszimmer besuchte, bemerken: er be- 
grüßte kurz, hörte an, gab Antwort und schrieb, seine Aufmerk- 
samkeit teilend, weiter, dann sprang er auf und ging entweder ein 
paarmal hin und her, überlegend oder Bescheid erteilend, oder er 
setzte sich zu dem Störenfried hin. Das befremdete vielleicht 
manchen, keinen aber, der ihn kannte. Und wer ihn nicht kannte, 
fühlte doeh bald, daß er es mit einem Manne zu tun habe, der 
Teilnahme, Wohlwollen und Herzensgute besaß. 

Im Jahre 1879 bezog Cr. die Universität Bonn und studierte 
erst Rechtswissenschaft; dann siedelte er nach Freiburg i, B, über, 
um sein militärisches Dienstjahr abzuleisten. Da ihm beim Exer- 
zieren beständig der Fuß umschlug, kam er ins Lazarett und wurde 
dann als dienstuntauglich vom Heere entlassen. Nun begab er sich 
nach Marburg und studierte, in enger Freundschaft mit Simon und Joh. 
Bapt. Keune, dem späteren Direktor des Museums in Metz, ver- 
bunden, Philologie bis Herbst 1883. Im Frühjahr 1884 bestand er 
glänzend die Staatsprüfung pro facultate docendi und promovierte 
1886 mit der Dissertation: De perfecti coniunctivi usu potentiali 
apud priscos scriptores Latinos. Das pädagogische Probejahr legte 
er am staatlichen Gymnasium zu Düsseldorf unter Direktor Uppen- 
kamp ab. Nachdem er vorübergehend als wissenschaftlicher Hilfs- 
lehrer in Münstereifel, Birkenfeld und Duisburg beschäftigt worden 
war, kam er in derselben Eigenschaft an das städtische Gymnasium 
und Realgymnasium in Düsseldorf und wurde dort auch fest an- 
gestellt. Hatte schon der Provinzialschulrat Dr. Münch die hervor- 
ragende Begabung des jungen Lehrers erkannt, so erwarb er sich 
ebenso rasch die Wertseh atzung seines Direktors Adolf Matthias, der 



jog Franz Gruner. 

1898 ins Provinzialschulkollegium zu Koblenz trat und zwei Jahre 
später als vortragender Rat nach Berlin ins Kultusministerium be- 
rufen wurde. Am 1. April 1902 Übernahm Cr. die Leitung des 
Gymnasiums i. E. und Realprogymnasiums in Eschweiler. Der im 
Früjahr 1905 als Vollgymnasium anerkannten Anstalt gliederte er 
noch Realschulklassen an. Nur ungern schied er von der ihm lieb 
gewordenen Anstalt und Stadt, als er den ehrenvollen Ruf als 
Direktor des König!, Hohenzollerngymnasiums in Düsseldorf erhielt, 
am 1. Juni 1908. Auch hier war ihm kein langes Wirken ver- 
gönnt, weil das Vertrauen der Behörde ihn als Nachfolger des Ge- 
heimen Regierungsrats Dr. Adolf Hechelmann in das Provinzial- 
BcnulkoJlegium zu Münster berief (1. Oktober 1911). Mit schwerem 
Herzen nahm er Abschied von der Lehrtätigkeit. Gern ergriff er 
beim Besuche von Unterrichtsstunden die Gelegenheit, selbst wieder 
mit der Jugend als Lehrer in Verkehr zu treten und „Kräfte zu 
wecken". Darum war es ihm eine große Freude, als er an der 
Universität zu Münster einen Lehrauftrag für Westdeutsche Alter- 
tumskunde, sein besonderes Forschungsgebiet, für Unterrichtslehre 
und die Geschichte des höheren Schulwesens erhielt (9. Dezember 
1919 und 20. März 1922). Jetzt konnte er doch wieder lehren 
und den Sehatz seiner Kenntnisse und reichen Erfahrung der 
studierenden Jugend zugute kommen lassen, namentlich den künf- 
tigen Jugendbildnern an den höheren Schulen. Eine große Anzahl von 
Kandidaten des höheren Lehramts bereitete er als Leiter des päda- 
gogischen Seminars, erst in Düsseldorf, dann in Münster, für ihren 
Beruf vor und lernte die meisten Studienreferendare der Provinz 
Westfalen kennen als Vorsitzender des Wissenschaftlichen Prüfungs- 
ausschusses und viele als Examinator in Philosophie. Bei aller 
Gründlichkeit in der Unterweisung und Prüfung war er weit entfernt 
von jeder Kleinigkeitskrämerei, bei aller Gerechtigkeit stets zur 
milden Beurteilung geneigt, immer sachlich, ruhig, wohlwollend. 
Freilich mit leeren Redensarten und bloßen Schlagwörtern kam ein 
Prüfling bei ihm nicht zurecht ; denn nun wurde ihm auf den Zahn 
gefühlt und doch zugleich die Möglichkeit geboten, zu zeigen, daß 
er wirklich mit der Sache vertraut sei und denke. Unter Umständen 
fertigte er Formelkram mit einer leichten spöttischen Bemerkung 
ab, wie z. B. im Handbuch über den lateinischen Unterricht S. 212 : 
„Wer theoretische Fachausdrücke liebt, mag hier vom Gesetz der 

IS 1 

'Apperzeption' und der ersten Formalstufe reden". Immer legte 
er den Hauptwert nicht auf das Wissen einzelner Tatsachen und 
auf dogmatische Belehrung , sondern auf die Entwicklung des 



Franz Gramer. 



V \ 



Denkens (vgl. a. a. 0, 199 und 220), nicht auf das bloße gedächt- 
nismftßige Erlernen, sondern auf stete Verbindung des Erinnern» 
mit „denkendem Erfassen (S. 527 f.)- So erklarte er es für weniger 
wichtig, „dem Schüler einen vollgepfropften Sack noch so schätzens- 
werter Kenntnisse, fix und fertig verpackt und etikettiert, mitzu- 
geben, als ihm durch gemeinsame Betrachtung muttersprachlicher 
Eigenart den Sinn zu öffnen für den Reichtum, die Schönheit und 
die Besonderheiten der deutschen Sprache" (Erziehung zum deutschen 
Volksbewußtsein. 1919, S. 21). Als erste Aufgabe der deutschen 
Schule sah er „die Erziehung zum deutschen Menschen" an; diesem 
Zwecke sollten sämtliche Unterrichtsfächer, „wenngleich in unter- 
schiedlicher Art und in verschiedenem Grade", dienen; sie können 
und müssen auf die Bildung des Willens, aber auch auf Herz und 
Gemüt wirken. Zur sittlichen Pflicht gehört „die Heilighaltung des 
vaterländischen Namens, die opferfreudige Einordnung in die völ- 
kische Gemeinschaft", darum Niederringen der Selbstsucht und des 
Sondergeistes. Daher genügt ihm zur staatsbürgerlichen Erziehung 
nicht die Vermittlung staatsbürgerlichen Verständnisses, auch nicht 
die an sich gute und notwendige Deutschkunde ; denn „Wissen ist 
und bleibt nur das Sprungbrett zum Tatwillen" (a. a. 0., S. 14 f. 
21. 23). „Warmherziges Fühlen ist, anders als der kalt überlegende 
Verstand, die allernächste Vorstufe des Wollens. Unmittelbar und 
unwillkürlich wird der Wille des Jüngers beeinflußt durch das Vor- 
bild des Lehrmeisters selbst. Nimmt der Schüler wahr, daß sein 
Lehrer selbst für die heilige Sache des Vaterlandes erglüht, so 
folgt er selbstverständlich um so williger den Anregungen, die vom 
Unterricht ausgehen" und auch außerhalb der Schulstunden im 
Leben der Schulgemeinde mehr als früher möglich sind (a. a. O., 
S. 36 f.). Die Liebe zur heimatlichen Erde ist in lebendigem Zu- 
sammenhang mit dem großen Vaterlandsinne zu pflegen, wie die 
heimatliche Mundart und Eigenart neben der Muttersprache des 
Gesamtvolkes. „Schon weil wir Deutsehe erziehen wollen, liegt uns 
daran, recht kräftig die Eigenart der Muttersprache zu betonen 
und an dieser Eigenart die Mittel der antiken Fremdsprache messen 
zu lassen" (Lat. Unterricht, S. 493). Die deutsche Übersetzung 
aus der Fremdsprache „darf schon um deswillen nicht in den 
Hintergrund treten, weil die Pflege der Muttersprache bis zur 
höchsten Klassenstufe hinauf eine der vornehmsten Pflichten des 
gesamten Unterrichts bleiben muß" (a. a. 0., S. 1147). Der Schüler 
soll lernen, einwandfreies Deutsch zu reden und zu schreiben, 
„flüssiges Deutsch" (S. 433), weder radebrechen noch „auf Stelzen 8 



einh erschreiten (ebenda), „den geeigneten Ausdruck möglichst aus 
eigenem Empfinden, aus dem eigenen Sprachschatz heraus (unter 
Vermeidung des toten Übungsbuch-Deutsch) finden" (S. 387). Mit 
gleichem Rechte, wie gegen das „ zurechtgemachte * Latein-Deutsch 
der Übungsbücher (S. 304), kämpfte Cramer gegen die Verwendung 
von Fremdwörtern, für die gute deutsche Ausdrücke zu Gebote 
stehen , zumal bei stilistischen Übungen (S. 529), und gab selbst 
hierin ein gutes Beispiel, indem er in Wort und Schrift jedes über- 
flüssige Fremdwort vermied und z. B, beim Besuch von Unter- 
richtsstunden und bei Prüfungen ein solches verdeutschte oder ver- 
deutschen ließ. 

Gerade weil er mit aller Entschiedenheit Erziehung der Jugend 
zum deutschen Fühlen und Wollen, „zur tatfrohen Mitarbeit an der 
Erfüllung der vaterlandischen Aufgaben" (Geschichtliche Bildung. 
Neue Jahrb., 38. Bd. 1916) erstrebte, forderte er, daß sie „auch 
gründlich in der Fremde mit Eigenem vergleiche und vorurteilsfrei 
gegeneinander abwäge", „daß sie die fremden Kulturvölker schaue, 
- wie sie wirklich sind , in ihren Vorzügen , aber auch in ihren 
Schwächen, damit sie daran den Willen entzünde, zum Nutzen 
unseres Volkstums dem Guten zu folgen und das Verwerfliche zu 
meiden". Daher befreundete er sich nicht mit dem „Evangelium 
des Ungesehiehtliehen", wie es unter dem Eindrucke des Weltkrieges 
in Reformvorschlägen für eine Zukunftsschule verkündet wurde. 
So sehr er gegen den Umsturz des Bestehenden war, ebenso leb- 
haft begünstigte er „die zweckmäßige Weiterbildung des bewährten 
Alten". Und — so fragt er einmal — „haben nicht alle unsere 
Schulgattungen sieh im Sinne vaterländischer Erziehung bewährt, 
als im August 1914 mit einem Male die Primen mit einem Schlage 
sich leerten?" „Es gilt," — schreibt er (Der lateinische Unterricht 
S. 94) — „auf den ererbten Grendlagen weiter zu bauen, nieht 
aber Luftschlösser über unerprobtem Neuland zu wölben." „Die 
Antike stirbt nicht; aber wenn sie dieser neuen Zeit auf unserra 
eigenen Kulturboden etwas bedeuten soll, so muß ihre Aufgabe 
aus den Zielen dieser Zeit selbst herauswachsen, und diese Aufgabe 
kann keine andere sein als die Erziehung zum deutschen 
Mann im tiefsten Sinn des Wortes, die Vorbereitung zu ernstester 
Mitarbeit an der nationalen Gegenwart durch das Verständnis ihres 
Werdens in der Vergangenheit, durch die Vertrautheit mit dem 
dreifachen Wurzelboden, auf dem sie erwachsen: Hellas, Rom und 
Christentum" (S. 120). Wenn er das Lateinische als „den Schlüssel 
zu den Propyläen unsers ganzen Kulturbaues" (S. 96) bewertet, so 



unterschätzt er keineswegs für den gymnasialen Gedanken eine 
Erziehung durch das klassische Altertum, die Notwendigkeit der 
Unterstützung durch die übrigen Unterrichtsfächer, besonders auch 
durch die Geschichte, die Literatur, die Erdkunde und die Religion. 
„Sie muß* — so fordert er — „mit ihrem Einfluß alles durch- 
dringen, und die religiöse Lehre muß heute mehr als sonst auf dem 
ethischen Gebiete wirken. Die Religion der Nächstenliebe predigt 
auch die Pflichten gegen die Mitbürger und gegen das Vaterland. 
Deutschtum und Christentum sind immer miteinander verbunden 
gewesen, und die Veriuuerlichung , nach der heute die deutsche 
Seele ringt, kann sie nur finden in der Welt der Ewigkeitswerte. 
Das furchtbare Weh , das nns heimgesucht , hat die bittere Lehre 
gebracht, daß eine Kultur ohne religiöse Weihe, eine Kultur des 
nur irdischen Vorwärtshastens in den Abgrund fuhrt. Der Glaube 
an die deutsche Zukunft, den wir unserer Jugend einpflanzen wollen, 
kann sich nur dann in wegschaffenden Willen umsetzen, wenn er 
sich paaren kann mit dem Glauben an die übernatürliche Kraft 
und Weisheit der göttlichen Weltlenkung. Dabei aber sei immer 
dessen gedacht — sorgsamer als es bisher meist geschah — , was 
deutscher Geist und deutsche Arbeit im Reiche Gottes auf Erden 
gewirkt. Hier sei nur an die kräftige Blüte unseres Kirchenliedes 
und an die großen Vorkämpfer, die beide Bekenntnisse zu den 
ihrigen zählen, erinnert." 

Immer kam es dem Schulmanne darauf an, „Kräfte zu wecken K f 
nicht bloß Belehrungen zu Ubermitteln. Der Schüler soll lernen 
selbst zu schauen, zu beobachten, zu vergleichen und zu erkennen, 
selbst tätig zu sein, auch sich selbst zu zügeln und seiner Verant- 
wortlichkeit den Kameraden gegenüber und der Gemeinschaft be- 
wußt zu werden. In diesem Sinne der Selbsterziehung zum Ge- 
horsam, zur freiwilligen Unterordnung unter die alle bindenden 
großen sittlichen Ewigkeitsgesetze und somit auch zum Bewußtsein 
der Pflichterfüllung gegen das Vaterland und den Staat erblickte 
er in den Forderungen der neuen Pädagogik nach Selbstverwaltung 
der Schüler, nach Pflege des Vereinslebens an den Schulen gute 
Keime der Erziehung. Er, der selbst so gerne wanderte und be- 
sonders die Heimat durchstreifte, begünstigte daher auch die Wander- 
bünde und Spiel und Sport, wenn sie nur im rechten Geiste und 
mit Maß betrieben wurden (s. seinen Beitrag über Selbstverwaltung 
in Roloffs Lexikon der Pädagogik IV, 1002 ff.). Feind allem Zwange, 
aller Reglementierung abgeneigt, ließ er auch dem Lehrer gern 
seine Eigenart, vorausgesetzt, daß sie das Ziel nicht verfehlte. 



Franz Cramer. 

Unablässig selbst an seiner wissenschaftlichen Bildung weiter- 
arbeitend, wandte er neuen Bestrebungen und Vorschlägen stets 
seine Aufmerksamkeit zu und förderte, was er daran als gut erfand. 
So gehörte er zu den ersten, die einer vernünftigen „Wahlfreiheit 
der Unterrichtsfächer" das "Wort redeten, in dem Aufsatz „Die 
freiere Behandlung des Lehrplans auf der Oberstufe höherer Lehr- 
anstalten* (1907). (S. auch seinen Beitrag im Lexikon der Päda- 
gogik V, 681 ff.). Freiheit in der Wahl des klassischen Lesestoffs 
der Schule, natürlich in den durch die Klassenstufen und den In- 
halt gebotenen Schranken, Je nach der Lehrerpersönlichkeit und 
den Sonderverhältnissen der einzelnen Schule", verbürgte eher die 
erforderliche „liebevolle Behandlung", „als ein stümperhaftes oder 
halb widerwilliges Breittreten in ausgefahrenen Geleisen", Mit 
leisem Schauder dachte er „an eigene Schülerstunden zurück, in 
denen Vers um Vers schlecht und recht heruntergehaspelt wurde". 
Dabei hat er besonders die Vergillektüre im Auge, deren Wert er 
voll anerkennt. Die reichen Ergebnisse langjähriger Erfahrung und 
sorgfältigsten Nachdenkens hat der Schulmann niedergelegt in seinem 
Hauptwerke : „Der lateinische Unterricht. Ein Handbuch für Lehrer" 
(Berlin, Weidmann 1919), einer kostbaren Frucht seiner erstaun- 
lichen Arbeitskraft und Beiner hohen Auffassung des Berufs. Den 
alten wie den jungen Zunftgenossen bietet es nicht nur eine vor- 
treffliche Geschichte des Lateinunterrichts in Deutschland, sondern 
einen ausgezeichneten, durchweg zuverlässigen Wegweiser für die 
Behandlung des Lehrstoffs und die Erreichung des Lehrzieles. Dem 
Geber ist der Schmerz erspart geblieben, zu sehen, wie durch „die 
Neuordnung des preußischen höheren Schulwesens" (Denkschrift 
1924) am Umsturz der „Propyläen unseres ganzen Kulturbaues*' 
Hand angelegt ist. Ihrer Erhaltung dient sein Werk, und mehr als 
je haben die Hüter und Freunde des humanistischen Gymnasiums 
die Pflicht, das Vermächtnis eines der treuesten Wächter unersetz- 
lichen Kulturgutes hochzuhalten durch unentwegte Arbeit in seinem 
Geiste. Auch der Nichtphilologe , der Gebildete überhaupt, wird 
den zweiten, Grundfragen des lateinischen Unterrichts behandelnden 
Teil des Buches mit Nutzen und Freude lesen, da hier die engen 
Zusammenhänge unseres Kulturlebens mit dem Kultur- und Geistes- 
leben des Altertums und der Wert des lateinischen Sprachunterrichts 
fttr die geistige Zucht und Bildung überzeugend dargelegt werden. 
Hier zeigt der Kenner, wie der ererbte Besitz für die Gegen- 
wart fruchtbar zu machen ist, wie in ihm eine Fülle wirkender 
Kräfte fltr die eigenen Lebensfragen liegt (s. S. 94 und 129). Es 




handelt sich ihm nicht darum, den Schüler mit allerhand „Alter- 
tümern", mit einem „Wust von Kleinigkeiten", sogenannten Realien 
aller Art zu füttern, sondern „geistige Kräfte zur Entfaltung zu 
bringen, in ihm den Trieb zu beleben, bei allem Geschehen zu 
fragen : Wie hängt das Werdende mit dem Gewordenen zusammen ? 
Der Einblick aber in die verwickelten Welt- und Lebensformen des 
Heute wird ihm erleichtert durch das Anschauen der einfachem 
Formen des Einst, die die trennende Kluft zwischen dem fragenden 
Ich und den Aufgaben des Lebens zu Uberbrucken lehren." 

So faßte er auch die Aufgabe des Geschichtsunterrichts und 
des geschichtlichen Lehrbuchs auf. Wenngleich er eine planmäßige 
und zielbewußte Sichtung des Stoffes für notwendig erachtete, warnt» 
er doch eindringlich vor Verflüchtigung der ursächlichen Zusammen- 
hänge und der Zusammenpressung der „lernbaren" Tatsachen und 
begnUgte sich nicht mit dem verstandesmäßigen Erfassen der Zu- 
sammenhänge, sondern verlangte von dem Geschichtsunterricht Er- 
ziehung „zur tatfrohen Mitarbeit an der Erfüllung der vaterlän- 
dischen Aufgaben". Seinen richtigen Ansichten verlieh er nament- 
lich Ausdruck in einem Aufsatz Uber „Geschichtliche Bildung" 
(Neue Jahrbücher 88. Bd., 1916) und brachte sie zur Anwendung 
in der für Westdeutschland bestimmten Ausgabe B des Pfeiferschen 
Lehrbuchs der Geschichte (Breslau, F. Hirt, 1911). Für A. Meisters 
„Handbuch der deutschen Geschichte" (Union, Deutsche Verlags- 
gesellschaft, Stuttgart-Berlin, 1919) übernahm er an Stelle des 
Dr. Richard Loewe die Bearbeitung von Band I. Abschnitt IL 
Germanen und Römer, §§ 7 — 9. Die römisch -germanische Alter- 
tumskunde war ja sein Lieblingsgebiet, und damit stand in enger 
Verbindung die Ortsnamenforschung. Außer zahlreichen Abhand- 
lungen in rheinischen Fachzeitschriften, in den Blättern des Eifel« 
vereins , in der Kölnischen Volkszeitung, in der Monatsschrift für 
höhere Schulen veröffentlichte er folgende Schriften : Niederrheinische 
Ortsnamen. Zwei niederrheinische Ortsnamen: Xanten und Birten. 
Rheinische Ortsnamen aus vorrömiscber und römischer Zeit (Düssel- 
dorf, E, Lintz, 1901). Aus der Urzeit Eschweilers und seiner Um- 
gebung (Aachen, J. Creutzer, 1905). Zur Geschichte des Gymnasiums 
von Eschweiler (Festschrift des Gymnasiums 1905). Afrika in seinen 
Beziehungen zur antiken Kulturwelt (Gütersloh, C. Bertelsmann, 
1907). Das römische Trier (ebenda 1911). Deutschland in römischer 
Zeit (Berlin und Leipzig, G. J. Göschen, 1912 und 1920). Einige 
früher erschienene Aufsätze, vermehrt durch neue Beiträge, faßte 
Cr. zusammen in den außerordentlich inhaltreichen und gründlichen 



Kölnisch-germanischen Studien (Breslau, F. Hirt, 1914). Das Er- 
scheinen eines Büchleins: „Auf den Spuren der römischen Legionen" 
(Saarbrücken , Hofer) erlebte der Verfasser nicht mehr ; es ist bis 
jetzt noch nicht auf den Büchermarkt gekommen. Auch andere 
literarische Unternehmungen, zu deren Leitung oder Mitarbeit er 
gewonnen war, sind durch seinen Tod seiner belebenden Kraft 
beraubt : so das von Prof. Dr. Sprengel und Geheimem Ministerialrat 
Dr. Schellberg geplante „Handbuch der Deutschkunde" (Prankfurt 
a. M., M. Diesterweg), so die „Sammlung der bedeutendsten päda- 
gogischen Schriften" und die „Sammlung von Quellenstoffen für den 
Geschichtsunterricht" (Paderborn, F. Schöningh). Dagegen hatte er 
die Freude, die Keformgedanken für den lateinischen Sprachunter- 
richt, wie sie sein Buch „Der lateinische Unterricht" enthalt, in der 
Neubearbeitung der Lateinischen Sprachlehre von F. Schultz, 
SO. Auflage, von Anton Führer und Franz Gramer herausgegeben 
(Paderborn, F. Schöningh), zur Ausführung zu bringen. Diente früher 
das Buch zur Erlernung der Sprachgesetze, so dient es jetzt mehr 
als ehedem der Belehrung Uber die Sprachgesetze und leitet zu 
sprachwissenschaftlicher Betrachtung an, die einerseits bei der An- 
eignung der Sprache eine gewisse Erleichterung gewähren kann, 
anderseits geeignet ist, den grammatischen Unterricht zu beleben 
und zu vertiefen. 

Eine der letzten schriftstellerischen Arbeiten Gramers bot der 
80. Band der Zeitschrift des Vereins für Geschichte und Altertums- 
kunde Westfalens (1922): „Aufgaben der Kömerforscbung an der 
Lippe". Wohl die letzte Schrift war sein Beitrag zur Festschrift 
für den Geh. Archivrat, tlen Direktor des Staatsarchivs Professor 
Dr. Friedrich Philippi, Aus Vergangenheit und Gegenwart: „Sind 
die keltisch-germanischen Matronen Ortsgottheiten?" (Münster, 
Regensbeigische Buchhandlung 1923). So sind beide Gaben Zeugen 
für die warme Liebe ihres Spenders zu Westfalen wie zum Ithein- 
land. Hier wie dort war er in den verschiedenen Vereinen zur 
heimatlichen Geschichte und Altertumskunde ein rühriges, unab- 
lässig schaffendes Mitglied. Im letzten Brief an Professor Hurten 
vom 19. Oktober 1923 stellte er noch für das Eifelvereinsblatt einen 
Beitrag in Aussicht mit den Worten: „Gelegentlich möchte ich im 
Eifelblatt auch von einem 'Spaziergang 1 zu den zwei Wallburgen 
an der Erft plaudern." Die Erfüllung seines Versprechens war ihm 
nicht mehr vergönnt. Auch die Pläne, die er als Vorsitzender der 
Altertumskommission für Westfalen hegte, konnte er nicht mehr 
der Ausführung näher bringen. Bei seinem ganzen Wirken, in 

1 

■ 



allen seinen Forschungen, sei es mit dem Spaten, sei es mit dem 
die literarischen Quellen kritisch prüfenden Auge, in der Philologie 
wie in der Geschichte und Heimatkunde leitete ihn der hohe Ge- 
danke, der deutschen Wissenschaft, der deutschen Schule, dem 
deutschen Vaterlande zu dienen. Nach seinem Wunsche sollte „in 
der Seele eines jeden unserer Volksgenossen die Losung zum inneren 
Erleben werden: Deutsch' Ehr' — ist mein EhrM" Und so klagen 
um diesen echt deutschen Mann die deutsche Wissenschaft, die 
deutsche Schule, das deutsche Vaterland. Sein Andenken ehrt, wer 
in seinem Geiste arbeitet. 



Verzeichnis 

der in den Jabroinaen 1908-1924 (Band 138—202) entüiltenen 

Nekrologe 

(anschließend an das in Band 138, Seite 151—156 
gegebene Verzeichnig). 

a) Nach den Verstorbenen geordnet. 

Altmann, Walter, von J. B. Carter. 155, 25 — 27. 
Aly, Friedrich, von W. Aly. 169, 1—18. 
Arnoldt, Richard, von A. Puls. 164, 162—181. 

Beer, Rudolf, von W. Weinberger. 169, 122—125. 
Bellermann, Ludwig, von W. Schonack. 173, 1 — 25. 
Björnbo, Axel Anton, von R. Meyer. 164, 105 — 107. 
Blaß, Friedrich, *on W. Crönert. 145, 1 — 32. 
Biaydes, Frederick Henry Marvell, von S. G. Owen. 145, 37—39. 
Blümner, Hugo, von 0. Waser. 190, 1 — 44. 
Boissier, Gaston, von P. Monceaux. 141, 177—192. 
Bolle, Ludwig, von P. Stoppel. 155, 168 — 170. 
Bonhöffer, Adolf Friedrich, von C. Ritter. 194, 74—83. 
Brieger, Adolf, von J. Niejahr. 169, 37—51. 
Brinkmann, August, von H. Oppermann. 202, 37 — 61. 
Buecheler, Franz, von P. E. Sonnenburg. 155, 139 — 162. 
Büttner-Wobst, Johann Rudolf Theodor, von F. Poland. 145, 
132—140. 

Butcher, Samuel Henry, von A. W. Mair. 155, 137 — 138. 

Cauer, Paul, von Fr. Cauer. 198, 1—33. 
Christ, Wilhelm von, von H. Ostern. 177, 26 — 98. 
Gramer, Franz, von 8. Widmann. 202, 198—205. 
Crusius, Otto, von K. Preisendanz. 186, 1 — 57. 

Deiters, Hermann, von J. Asbach. 141, 127 — 149. 
Detlefsen, Detlef, von R. Hansen. 164, 212—216. 
Deuticke, Paul, von S. Herrlich. 145, 115—118. 
Dieter ich, Albrecht, von R. Wünsch. 145, '70— 102. 
Dittenberger, Wilhelm, von G. Wissowa, 141, 1 — 52. 

Finsler, Georg, von O. Waser. 194, 24—44. 
Förster, Richard, von E. Richtsteig. 198, 34—57. 
Friedländer, Ludwig, von A. Ludwich. 155, 1—24. 
Fritz, Wilhelm, von Th. Preger. 145, 65—67. 
Fritze, Hans von, von Joh. Kirchner. 185, 58 — 75. 
Furtwängler, Adolf, von J. Sieveking. 145, 119—131. 



V 



- 



Verzeichnis d. in d. Jahrgängen 1908—1 




tenen Nekrologe. 207 



Gercke, Alfred, von B. Prehn. 202, 161—192. 
Gerhard, Gustav Adolf, von F. Gerhard. 190, 45—53. 
Gundermann, Gotthold, von G. Goetz, 194, 1—10. 
Gurlitt, Wilhelm, von L. Gurlitt. 1«», 68—89. 

Härtel, Wilhelm von, von A. Engelbrecht. 141, 75—107. 
Heinze, Max, von P. Barth. 155, 186—189. 
Hermes, Emil, von K. Hirschberg. 164, 97 — 98. 
Hirschfeld, Otto, von E. Kornemann. 202, 104 — 116. 
Hirzel, Rudolf, von B. von Hagen. 181, 56—80. 
Hitzig, Hermann, von O. Waser. 194, 11—23. 
Holzapfel, Ludwig, von W. Soltau. 181, 17—36. 
Hultsch, Friedrich Otto, von F. Poland. 145, 141—156. 

Imhoof- Blumer, Friedrich, von O. Waser. 186, 108—122. 

Jeep, Ludwig, von Job. Tolkiebn. 164, 121 — 183. 
Jung, Julius, von H. Swohoda. 155, 171—185. 

Kammer, Eduard, von E. Wagner. 164, 86 — 96. 
Kawerau, Georg, von A. Köster. 145, 68 — 69. 
Kekule von Stradonitz, Reinhard, von H. Schräder. 164, 
1-^40. 

Kirchhoff, Adolf, von O. Schroeder. 141, 150—175. 
Körte, Gustav, von A. Körte. 177, 99—130. 

Lang, Andrew, von A. Shewan. 164, 159 — 161. 
Lautensach, Otto, von H. Meitzer. 181, 81—86. 
Lipstus, Justus Hermann, von F. Poland. 202, 1 — 86. 
Lud wich, Arthur, von Joh. Tolkiehn. 194, 45—78. 

Maro es, Walther von, von P. Goessler. 145, 43 — 50. 

Mayor, John Eyton Bickersteth, von J. E. Sandys. 164, 182—191. 

Meister, Richard, von K. Meister. 169, 52 — 62, 

Meyer, Leo, von W. Schlüter. 164, 65—85. 

Miodonski, Adam Stephan, von Th. Sinko. 169, 116—121. 

Müller, Karl Kourad, von Th. Preger. 160, 1—5. 

Muff, Christian, von M. Hoffmann. 164, 144—158. 

Nieländer, Franz, von V. Hoffmann. 150, 9 — 10. 
Niese, Benediktas, von K. Boysen. 164, 41 — 64. 
Nitsche, Wilhelm, von E. Hoffmann. 150, 11—20. 
NovAk, Robert, von H. Vysok^. 178, 31—89. 

Peppmüller, Rudolf, von F. Tbümen. 155, 190—192. 

Peter, Hermann, von A. Weinhold. 173, 40 — 61. 

Piasberg, Otto, von R. Helm. 202, 117—188. 

Ponor, Emil Thewrewk von, von Joh. Csengeri. 177, 181—152. 

Pradel, Fritz, von H. Freund. 150, 6—8. 

Preger, Theodor, von O. Hey. 164, 134—143. 

Puchs tein, Otto, von O. Jolles. 164. 192—211. 

— , Erklärung zum Nekrolog von O. Hense. 169, 150. 

— , Erklärung zum Nekrolog von B. Schmidt. 169, 149—150. 




208 Verzeichnis d. in d. Jahrgängen 1908-1924 enthaltenen Nekrologe. 

Rappaport, Bruno, von K. Regling. 185, 76—83. 

EeulJ, Friedrich, von U. Hoefer. 164, 108—117. 

Römer, Adolf, von N. Wecklein. 169, 90—98. 

Rothe, Karl, von E. Drerup. 173, 26—30. 

Kühl, Franz, von A. Mentz. 181, 37—55. 

Sehe er, Eduard, von R. Foerster, 177, 12—25. 

Schmid, Georg, von A. Malein. 169, 126—129. 

Schneider, Rudolf, von H. Meusel. 164, 99—104. 

Schoell, Fritz, von G. Goetz. 185, 84—102. 

Schöne, Alfred Kurt Immanuel, von R. Ehwald. 181, 87—112. 

Schwabe, Ludwig, von A. Klett. 145, 51—64, 

Schwering, Walther, von P. E. Sonnenburg. 173, 62 — 64. 

Seyffert, Oskar, von G. Goetz. 145, 103—109. 

Seymour, Thomas Day, von E. B. Clapp. 150, 21—26. 

— , von F. Perrin. 141, 176. 

Solms en, Felix, von E. Frankel, 169, 19—27. 

Sommer brodt, Julius, von R. Foerster. 141, 108—126. 

Stangl, Thomas, von J. K. Schönberger. 202, 62—67. 

Stender, Julius, von A. Werth. 141, 193—195. 

Strack, Max Leberecht, von A. Körte. 181, 1—26. 

Sudhaus, Siegfried, von F. Vollmer. 173, 65 — 81. 

Suse mihi, Franz, von B. A. Müller. 155, 49—102. 

Thalheim, Theodor, von H. Scbwarz. 202, 139—160. 

Usener, Hermann, von L. Deubner. 141, 53 — 74. 

Verall, A. W., von G. Murray. 164, 118—120. 

Viertel, Anton, von H. Willrich. 169, 28 — 36. 

Vogel, Theodor, von A. Weinhold. 169, 130 — 148. 

Vollmer, Friedrich, von H. Rubenbauer. 202, 68—103. 

Warren, Minton, von J. H. Wright. 145, 40—42. 

Weil, Henri, von M. Bouche-Leclercq 155, 28 — 30. 

— , von M. G. Monod. 155, 31 — 32. 

— , von TU. Reinach. 155, 32—18. 

Wernicke, Konrad, von B. Graef. 145, 110—114. 

Wilisch, Erich Gustav, von Jul. A. Bernhard. 169, 99—115. 

Wölfflin, Eduard, von O. Hey. 155, 103 — 136. 

Wrobel, Johann, von L Hilberg. 150, 27—32. 

Wünsch, Richard, von W. Kroll. 177, 1 — 11. 

Zacher, Konrad, von F. Skutsch. 145, 33 — 36. 

a) Nach den Verfassern geordnet. 

Aly, W„ Friedrich Aly. 169, 1—18. 
Asbach, J., Hermann Deiters. 141, 127 — 149. 

Barth, P., Max Heinze. 155, 186 — 189. 
Bernhard, Jul. A., Erich Gustav Wilisch. 169, 99—115. 
Bouche-Leclercq, M., Henri Weil. 155, 28—30. 
Boysen, K., Benediktus Niese. 164, 41 — 64. 



Verzeichnis d. in d. Jahrgängen 1908—1924 enthaltenen Nekrologe. 209 

Carter, J. B., Walter Altmann. 155, 25—27. 

Cau er, Fr., Paul Cauer. 198, 1 — 33. 

Clapp, E. B., Thomas Day Seymour. 150, 21—26. 

Crönert, W., Friedrich Blaß. 145, 1—32. 

C s enger i, Joh., Emil Thewrewk von Ponor. 177, 131 — 152. 

Deubner, L., Hermann Usener. 141, 53 — 74. 
Drerup, E., Karl Kothe. 173, 26—30. 

Ehwald, R„ Alfred Kurt Immanuel Schöne. 181, 87—112. 
Engelbrecht, A., Wilhelm von Härtel. 141, 75 — 107. 

Förster, K., Eduard Scheer. 177, 12—25. 
— , Julius Sommerbrodt. 141, 108 — 126. 
Fränkel, E., Felix Solmsen. 169, 19—27. 
Freund, H., Fritz Pradel. 150, G — 8. 

Gerhard, F., Gustav Adolf Gerhard. 190, 45—53. 

Go essler, P., Waltber von Marees. 145, 43 — 50. 

Goetz, G., Gotthold Gundermann. 194, 1 — 10- 

— , Fritz Schoell. 185, 84—102. 

— Oskar Seyffert. 145, 103—109. 

Graef, B., Konrad Wernicke. 145, 110 — 114. 

Gurlitt, L., Wilhelm Gurlitt. 169, 63—89. 

Hagen, B. von, Rudolf Hirzel. 181, 56—80. 

Hansen, R., Detlef Detlefsen. 164, 212—216. 

Helm, R., Otto Piasberg. 202, 117 — 138. . 

Hense, O., Erklärung zum Nekrolog Puchstein. 169, 150. 

Herrlich, S., Paul Deuticke. 145, 115—118. 

Hilberg, I., Johann Wrobel. 150, 27—32. 

Hirschberg, K., Emil Hermes. 164, 97 — 98. 

Hoefer, U., Friedrich Reuß. 164, 108—117. 

Hoff mann, E., Wilbelm Nitsche. 150, 11—20. 

— , M., Christian Muff. 164, 144—158. 

— , V., Franz Nieländer. 150, 9—10. 

Hey, 0., Theodor Preger. 164, 134—143. 

— , Eduard Wölfflin. 155, 103—136. 

Jolles, O., Otto Puchstein. 164, 192—211. 

Kirchner, Joh., Hans von Fritze. 185, 58 — 75. 
Klett, A., Ludwig Schwabe. 145, 51 — 64. 
Körte, A., Gustav Körte. 177, 99—130. 
— , Max Leberecht Strack. 181, 1—16. 
Köster, A., Georg Kawerau. 145, 68 — 69. 
Kornemanu, E., Otto Hirschteld. 202, 104—116. 
Kroll, W., Richard Wünsch. 177, 1—11. 

Lud wich, A., Ludwig Friedländer. 155, 1—24. 

Mair, A. W., Samuel Henry Butcher. 155, 137—138. 
Malein, A., Georg Schmid. 169, 126—129. 
Meister, K., Richard Meister. 169, 52—62. 

Nekrologe 19ü. (Jahresbericht f. Altertumswissenschaft, Bd. 202 B.) 14 



210 Verzeichnis d. in d. Jahrgängen 1908—1024 enthaltenen Nekrologe. 



Meitzer, H., Otto Lautensach. 181, 81— 86. 
Mentz, A., Franz Rühl. 181, 37 — 55. 
Meusel, H„ Rudolf Schneider. 164, 99—104. 
Meyer, R., Axel Auton Björnbo. 164, 105—107. 
Monceaux, P., Gaston Boissier. 141, 177 — 192. 
Monod, M. G., Henri Weil. 155, 31—32. 
Müller, B. A., Franz Susemihl. 155, 49—102. 
Murray, G. ; A. W. Verrall. 164, 118—120. 

Niejahr, J., Adolf Brieger. 169, 37—51. 

Opp ermann, H., August Brinkmann. 202, 37 — 61. 

Ostern, H„ Wilhelm von Christ. 177, 26—98. 

Owen, S. G., Frederick Henry Marvell Blaydes 145, 37—39. 

Perrin, B., Thomas Day Seymour. 141, 176. 

Poländ, F., Johann Rudolf Theodor Büttner- Wobst. 145, 132—140. 

— , Friedrich Otto Hultsch. 145, 141—156. 

— , Justus Hermann Lipsius. 202, 1 — 36. 

P reger, Th., Wilhelm Fritz. 145, 65—67. 

— , Karl Konrad Müller. 150, 1—5. 

Prehn, B., Alfred Gercke. 202, 161—205. 

Preisendanz, K., Otto Crusius. 185, 1 — 57. 

Puls, A., Richard Arnoldt. 164, 162—181. 

Regling, K., Bruno Rappaport. 185, 76 — 83. 
Rein ach, Th., Henri Weil. 155, 32—48. 
Richtsteig, E., Richard Foerster. 198, 34—57. 
Ritter, C, Adolf Friedrich Bonhöffer. 194 -74—83. 
Rubenbauer, H., Friedrich Vollmer. 202, 68—103. 

Sandys, J. E., John Eyton Bickersteth Mayor. 164, 182 — 191. 
Schlüter, W., Leo Meyer. 164, 65—85. 

Schmidt, B., Erklärung zum Nekrolog Puchstein. 169, 149 — 150. 
Schönberger, J, K., Thomas Staugl. 202, 62—67. 
Schonack, W., Ludwig Bellermann. 173, 1 — 25, 
Sch*rader, H., Reinhard Kekule von Stradonitz. 164, 1—40. 
Schroeder, O., Adolf Kirchhoff. 141, 150—175. 
Schwarz, H., Theodor Thalheim. 202, 139—160. 
Shewan, A., Andrew Lang. 164, 159 — 161. 
Sieveking, J., Adolf Furtwängler. 145, 119 — 131. 
Sinko, Th., Adam Stephan Miodonski. 169, 116 — 121. 
S kutsch, F., Konrad Zacher. 145, 33—36. 
Soltau, W., Ludwig Holzapfel. 181, 17 — 36. 
Sonnenburg, P.E., Franz Buecheler, 155, 139 — 162. 
— , Walther Schwering. 173, 62—64. 
Stoppel, P. Ludwig Bolle. 155, 163—170. 
Swoboda, H., Julius Jung. 155, 171—185. 

Thümen, F., Rudolf Peppmüller. 155, 190—192. 
Tolkiehn, Joh., Ludwig Jeep. 164, 121—133. 
— , Arthur Ludwieh. 194, 45 — 73. 



Verzeichnis d. in d. Jahrgängen 1908—1924 enthaltenen Nekrologe. 211 



Vollmer, F., Siegfried Sudhaus. 173, 65—81. 
Vysoky, H., Robert Novak. 173, 31—39. 

Wagner, E„ Eduard Kammer. 164, 86—96. 

Was er, 0., Hugo Blümner. 190, 1—44. 

— , Georg Piusler. 194, 24—44. 

— , Hermann Hitzig. 194, 11 — 23. 

— , Friedrich Imhoof- Blumer. 185, 103—122. 

Weckleiu, N., Adolf Römer 169, 90—98. 

Weinberger, W., Rudolf Beer, 169, 122—125. 

Weinhold A., Hermann Peter. 173, 40 — 61. 

— Theodor Vogel. 169, 130—148.' 

Werth, A., Julius Stender. 141, 193—195. 

Widmann, S., Franz Gramer. 202, 193—205. 

Willrich, H., Anton Viertel 169, 28—86. 

W issowa, Gr., Wilhelm Dittenberger. 141, 1 — 52. 

Wright, J. H,, Miutou Warren. 145, 40—42. 

Wünsch, R., Albrecht Dieterich. 145, 70—102. 



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